Schleswig-Holstein Zu Besuch auf der Hallig Langeneß

Sag niemals "Insulaner" zu einem Hallig-Bewohner! Im Gegensatz zu einer Insel haben die Halligen keinen felsenfesten Untergrund. Sie bestehen aus Marschboden, den die Nordsee angeschwemmt hat. Das Meer gibt. Das Meer will es wieder zurückholen. Deshalb stehen hier die Häuser auf künstlich angelegten Schutzhügeln, den so genannten Warften oder Warfen. Die Mayenswarf auf ist solch eine Erhebung. Oben drauf thront , das erste 4-Sterne-Hallighotel. Das Ehepaar Karau garantiert: "So zehnmal im Jahr steht unser Hotel mitten im Meer."

Aber Virginia und Malte Karau können ihre Gäste beruhigen. Für Fluss-Anrainer ist jedes Hochwasser eine Katastrophe, Hallig-Bewohner haben gelernt damit umzugehen. Und deshalb erfüllt Anker's Hörn auch bei Land unter sämtliche 4-Sterne-Kriterien - vom Frühstücksbuffet bis hin zum À-la-carte-Restaurant sowie Sauna und den anderen inzwischen üblichen Wellness-Einrichtungen. Einen Strandzugang für Badegäste oder gar Swimmingpool benötigt ein Hallighotel nicht. Wer also hier einen Beachwear-Catwalk wie auf den Nachbarinseln Föhr oder Amrum erwartet, der wird von Langeneß enttäuscht.

"Unsere Besucher sind keine Wassersport-Fans. Sie wollen einfach nur mal ein paar Tage ausspannen", beschreibt Malte Karau seine Klientel. "Und wenn sie sich sportlich betätigen wollen, dann fahren sie mit dem Rad." Aber Vorsicht! Erfahrene Biker wissen, dass hier jeder Kilometer doppelt zählen kann. Das Radwegenetz auf Langeneß ist zwar bestens ausgebaut. Aber weil eine Hallig ohne Deiche auskommt, ist sie dem Meereswind schutzlos ausgeliefert. Radwandern auf Langeneß ist also durchaus eine sportliche Herausforderung - quasi Mountain-Biking auf dem platten Land.

Neben dem Schutzhelm gehören in den Koffer eines Hallig-Besuchers die Nordsee-üblichen Reiseutensilien: Regendichte Jacke, ein dicker und ein dünner Pullover. Und natürlich Dreiwetter-Haarspray - obwohl: Hallig-Touristen genießen es, wenn ihnen die ständig in alle Richtungen sich drehenden Windböen die Haare zersausen. Und statt Bars oder Disco bietet Langeneß eine selten gewordene Nightlife-Attraktion: Wegen der Dunkelheit auf der Hallig können Gäste hier Sterne sehen, die sonst nur auf dem Meer mit bloßem Auge nachts erkennbar sind.

Irdische Stars haben daneben kaum eine Chance. Horst Köhler bekam das zu spüren, als er sich in dieser größten Wildnis auf deutschem Boden vom Zustand des überzeugen wollte. Das örtliche Akkordeon-Ensemble spielte ein Begrüßungs-Ständchen, drei Kinder aus der einklassigen Schule von Langeneß überreichten Blümchen. Hätten nicht ein paar Touristen um Autogramme gebeten, hätte Herr Köhler glatt vergessen, dass er ein Bundespräsident ist. Vielleicht legte er dieses Amt kurz darauf nieder, weil er von den Langeneßern gelernt hatte, dass auf dieser Welt andere Dinge viel wichtiger sind.

Zum Beispiel: Eierlikörtorte von freilaufenden Hühnern. Während Malte Karau in der Restaurant-Küche vom Anker's Hörn täglich die Speisekarte aktualisiert, backt seine Frau Spezialitäten für "Zuckersnuuten" - und zwar ebenfalls mit überwiegend regionalen Zutaten. Virginia Karau: "Meine Nachbarin Britta Johannsen wohnt auf der Honkenswarf, bei Windstille eine halbe Stunde mit dem Fahrrad von uns entfernt. Britta verwendet Eier von ihren freilaufenden Hühnern für Likör. Diese Eier geben ihm seine sattgelbe Farbe, beinahe schon orange. Und er schmeckt herrlich vollmundig - also genau richtig für meine Eierlikörtorte."

Ihre zweite Spezialität ist die "Freesentort", eine Pflaumenmus-Walnuss-Torte nach einem friesischen Rezept mit einem Hauch von … - das mag Virginia Karau nur persönlich ihren Gästen verraten. Aber um einfach mal auf einen Kaffee und Kuchen im Anker's Hörn reinzuschauen, dafür lohnt sich die Reise nach Langeneß nicht. Die kleinere Nachbar-Hallig Hooge begrüßt jedes Jahr 70.000 Tages-Touristen; 75 Minuten von Schlüttsiel mit der Fähre hin, vier Stunden lang Halligluft schnuppern, wieder zurück. Die jährlich 6.000 Langeneß-Besucher genießen lieber die eine halbe Stunde länger dauernde Überfahrt und bringen außerdem viel, viel mehr Zeit mit für ein verlängertes Wochenende oder für den kleinen Urlaub zwischendurch.

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Autor:
Winfried Dulisch