Pfalz Zeit der Wanderkaiser

Wir stapfen durch das Unterholz. Mit den Füßen scharren wir die dünne Schneedecke und das plattgedrückte Gras zur Seite und legen die Reste eines Steinfundaments frei. Ein rechteckiger Grundriss. "Das war der Palast mit den Wohngemächern des Kaisers. Drei Räume. Zwei Stockwerke." Knut Kamann, Denkmalpfleger aus Elbingerode, deutet auf einen Erdhaufen, kaum größer als ein Maulwurfhügel. "Und dort waren die Wallanlagen. Mit einer massiven Steinmauer bewehrt." Schwer vorstellbar, dass an diesem abgelegenen Ort im Harz vor tausend Jahren massive Gebäude und Türme standen: die Pfalz Bodfeld. Kaiser Otto I. war dreimal hier, der zweite Otto viermal, der dritte dreimal. Heinrich III. starb hier in Gegenwart von Papst Viktor II. Mächtige Besucher. Kaiser und Könige, die Kaiser wurden, Herrscher des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Was führte sie so häufig in den Harz? Was führte sie nach Bodfeld, ins Gebirge?

Reich ohne Hauptstadt

Vom 10. Jahrhundert an kannte das Heilige Römische Reich keinen festen Regierungssitz. Keine Kapitale, keinen Zentralstaat. Stattdessen zogen die Kaiser von Pfalz zu Pfalz, und in ihrem Gepäck wanderte die Hauptstadt durch die Lande und wurde in Tagesetappen etwa alle 30 Kilometer aufgeschlagen. Heute hier, morgen dort. Auf Pferderücken, über nicht eben komfortable Buckelpisten und Schlaglöcher, Geröllstraßen und schlammige Hohlwege. Straßenbefestigung - was ist das? Links und rechts der urdeutsche Urwald, undurchdringlich, tief, finster, mit umgestürzten Stämmen, herabgefallenen Ästen, ruchlosen Banden, gefährlichen Raubtieren. Was war das für eine Macht, die im Vorbeigehen herrschen konnte? Ohne Telekommunikation und Tagespresse. Wie konnte ein Einzelner ein Reich, das sich von der Nordsee bis Italien, von der Oder bis zur Maas erstreckte, regieren? Unermessliche Ausmaße, wenn man bedenkt, dass eine Pferdestärke als Dienstlimousine reichen musste.

Kaisertreue und Gehorsam der weltlichen und geistlichen Fürsten basierten auf einem einfachen Tauschhandel. Der Kaiser verschenkte regionalen Einfluss: Ländereien, Grundbesitz, Ämter, Privilegien und Rechte. Im Gegenzug leisteten die Lehnsherren Unterstützung bei politischen Entscheidungen, der Heeresbildung und bei der Versorgung des Königshofes. Ein über Jahrhunderte praktiziertes System.

Doch auf die symbolischen Gesten, mit denen die Regierungsmacht ihre Fäden zog - ein Händedruck für den neuen Lehnsherren, ein Zepter für die Äbtissin, eine bunte Fahne für den Fürsten - durften sich die Kaiser nicht zu lange verlassen. Nur wenige Beteiligte konnten die Abmachungen in den Urkunden nachlesen. Vertrauen hin oder her - der Kaiser musste persönlich in den Sattel steigen, um im Zweifel seine rechtsgültige Herrschaft mit einer feierlichen Weihung zu erneuern oder durch seine Anwesenheit in Erinnerung zu rufen. Nicht beim Volk, Bauern und Handwerkern, sondern bei deren Herren, den Landesfürsten, Herzögen, Grafen, Bischöfen und Erzbischöfen. Daneben zwangen ihn ökonomische Interessen, Bruderzwist und Konflikte mit dem Papst und den Fürsten ununterbrochen auf die Reise und oft in den Krieg. Die Straße war sein Zuhause, und so reihten sich die Pfalzen bald wie eine Perlenkette entlang der viae regiae, der Königsstraßen zwischen Sachsen (Harz), Franken, Schwaben und Bayern.

Der Harz im Zentrum der Macht

Die christliche Mission schlug ihre blutigen Wege über die Reichsgrenzen hinaus: Sie führte Karl den Großen in den Norden. In zermürbenden Kleinkriegen eroberte er Sachsen, den Harz ließ er sich als Jagdgebiet sichern. 919 - mit der Wahl des Sachsenherzogs Heinrich I. zum deutschen König - kam der erste Aufschwung Ost. Unter den Ottonen (919-1024) entwickelte sich der Harz zum ökonomischen Zentrum des Reiches: Silber und Eisenerz wurden abgebaut und verhüttet. Unter den fränkischen Saliern (1024 bis 1125) schloss sich der Ring der Pfalzen um den Harz: im Norden Goslar, Halberstadt, Quedlinburg, im Süden Allstedt, Wallhausen, Tilleda, Nordhausen, Pöhlde. Das dichte Netz kaiserlicher Quartiere war eine Machtdemonstration im Grenzgebiet zu den nicht immer königstreuen Sachsen und den östlich von Elbe und Saale lebenden heidnischen Slawen.

Man darf darüber spekulieren, welche Heimatgefühle die bezwingbaren Höhen des Harzes, seine Wälder und Gebirgsflüsse in den Herzen der Ottonen und Salier auslösten. Heinrich I. zog es vor, seine Vogelfalle in Quedlinburg zu richten, während er in Fritzlar zum König gekrönt wurde. Otto I. erblickte am Fuße des Unterharzes das Licht der Welt und kehrte ungezählte Male in die Heimat zwischen Harz und Saale zurück. Heinrich III. hat sein Herz sprichwörtlich in Goslar verloren, wo es in der Ulrichkapelle bestattet liegt, während sein Leichnam in Speyer beerdigt wurde. Die Zeit der Wanderkaiser war vielleicht - historisch nicht belegbar - die Geburtsstunde des Tourismus im Harz.

Wo der Kaiser Halt macht, hungert das Dorf

Der Himmel des Mittelalters war - entgegen verbreiteter Vorstellung - nicht mit feuchtem Felsgestein vermauert, sondern leuchtete kobaltblau und golden wie die Kuppel des Ostchors der im 10. Jahrhundert errichteten Stiftskirche Gernrode. Die Menschen wohnten in mit Schilf oder Stroh gedeckten Holzhäusern. Die Jahreszeiten bestimmten das Leben in den Dörfern. Im Sommer bestellten die Bauern Äcker und trieben das Vieh auf die Weiden, im Winter handwerkelten sie in ihren Grubenhäusern. Schuster, Schmiede, Drechsler, Stellmacher, Seifensieder, Bäcker, Weber, Töpfer und Knochenschnitzer stellten wertvolle Waren, dünne Lederschuhe, fein gewebte Unterwäsche und verzierte Holzschalen her.

Zum Waschen ging man ins beheizte Schwitzhaus. Hafer, Roggen, Dinkel und Weizen waren die Hauptnahrungsmittel; der Ertrag der Felder betrug ein Achtel der heutigen Menge. Ein Schwein gab zehn Kilogramm Fleisch. Waffen und Ausrüstung eines Reiters kosteten umgerechnet 20 Kühe. Das Volksgetränk Wein lachte in den Bäuchen der Dorfleute. Um zu überleben, wurde genau kalkuliert. Die Vorräte mussten über den Winter reichen und ein ganzes Dorf ernähren. In schlechten Erntejahren mussten alle den Gürtel enger schnallen. Auch der wandernde Kaiser! Denn er und sein Hof lebten von den Erträgen der zu den Pfalzen gehörenden "Tafelgüter", die Proviant für den hohen Besuch erwirtschaften und bereithalten mussten. Von A wie Apfel über K wie Käse, Karotte, Kirsche, Knoblauch, Kresse zu P wie Pastinak, Pfau, Pflaume, Porree bis Z wie Ziege - ein üppiger Speiseplan. Doch die "Königsgastung" ging oft über die Kapazitäten dieser Wirtschaftshöfe hinaus. Immerhin befanden sich im kaiserlichen Gefolge 200 bis 300 Mann, die bewirtet werden mussten. Beamte, Schreiber, Notare.

Oft begleiteten Fürsten und Bischöfe den Hof, ein jeder mit seinem Gefolge. Manchmal blieben sie über Wochen an einem Ort. Zu Hoftagen und Reichssynoden (in Goslar dreimal von 1005 bis 1015) kamen tausend Menschen zusammen, die essen und trinken wollten. Neun Bauern mussten auf dem Feld ackern, um einen aus dem Tross des Kaisers zu verpflegen. Eine Belastung, der kein Dorf auf Dauer gewachsen war. Die "Königsgastung" war und blieb ein unlösbares Problem. Um Unmut und Hunger zu minimieren, mussten Kaiser und Gefolge schnell wieder im Sattel sitzen und weiterziehen, um dadurch - auch das ein Grund für ihr Wandertum - die Belastung im Land zu verteilen.

Goslar und Tilleda

Wie sah eine Pfalz aus? Der Historiker schüttelt den Kopf. "Viele Hypothesen." Christoph Gutmann vom Städtischen Museum spaziert über die Grünfläche vor der Kaiserpfalz in Goslar. "Kernbestandteile waren ein repräsentativer Bau und eine Kapelle, Pfalz- oder Stiftskirche für die Familie des Kaisers." Die Spuren? "Überbaut oder abgerissen." Gutmann deutet auf einen Parkplatz: "Dort stand die Stiftskirche, Dom genannt." Die im 19. Jahrhundert rekonstruierte Kaiserpfalz gibt nur eine Impression von der Größe des Herrschaftsgebäudes. In der unbeheizten Königshalle, der aula regia, mit zugigen Fenstern saß der Kaiser über Streitigkeiten zu Gericht, hier wurden Schenkungs- und Ernennungsurkunden unterzeichnet und das Siegel mit dem Herrscherkonterfei in das weiche Wachs gedrückt. Sie war der festliche Rahmen für Weihnachten, Ostern, Hoftage und Empfänge.

Südlich des Harzes, in Tilleda, hat man die Fundamente einer Pfalz ausgegraben. Der Wind pfeift über das Plateau, etwa 20 Meter über den Wiesen der Goldenen Aue. Fast sechs Hektar Fläche. Werkstätten und Wohnhäuser befanden sich in der Vorburg. Mehr als zwei Meter stark und fünf Meter hoch waren die Mauern. Auf einem tiefer gelegenen Gebirgsausläufer standen Scheunen, Speicher und Ställe. Zwei Wälle trennten die Vorburg von der Hauptburg mit der Königshalle, ein zweistöckiger Holzbau, von dekorativ behauenen und bemalten Säulen getragen. Kunstvoll gewebte Teppiche schmückten die Wände. Gegenüber wurden später eine Pfalzkirche und Wohngemächer aus Stein dazugebaut. Einzelzimmer gab es nur für den Kaiser. Ein unterirdisches Heißluftsystem versorgte alle Räume mit Wärme. Das Gefolge schlug derweil seine Zelte in der Vorburg zwischen den Werkstätten und Wohnhäusern der Bauern und Handwerker auf.

Des Kaisers Luxus und Leidenschaft

Travel = travail, Reisen = Arbeit. Diese Gleichung galt für die Kaiser über Jahrhunderte. Nur einmal im Jahr gönnten sie sich eine Auszeit. Immer, wenn es ihre Regierungsgeschäfte erlaubten, reisten sie im September von weit her zur Jagd nach Bodfeld im Harz, jenem Ort mitten im Wald, an dem heute nur eine Schautafel steht. Bodfeld war Luxus, Leidenschaft und Zeitvertreib! Mit Jagdhunden, Speer und Wurfnetz, Pfeil und Bogen zogen sie aus und kehrten zurück mit erlegten stolzen Zwölfendern und Aug' in Aug' erstochenen Wildsauen. Wie oft sie ihre Taten an jenen Abenden erzählten, wie viel Wein sie zum Braten tranken und ob sie die Strapazen des Regierens vergaßen - davon sprechen die Urkunden nicht. Das Lachen des Kaisers war nicht Teil des Protokolls.

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Christian T. Schön