Allgäu Zauberhafte Landschaft in Deutschland

Das Allgäu entzieht sich eigentlich der Beschreibung. Dazu es ist zu groß, zu vielfältig. Ein Versuch soll dennoch gemacht werden: Im Westen erstreckt sich das Allgäu bis Lindau am Bodensee. Dort ist das Klima lieblich, die Landschaft geprägt von Weinbergen und Apfelplantagen. Das nördliche Allgäu ist flach. Zwischen Wiesen und Feldern liegen historisch bedeutende Städtchen, die Kunstschätze, Kloster und Kirchen ihr eigen nennen. Den Osten dominieren Hohenschwangau und Neuschwanstein. Unmengen von Touristen besuchen diese beiden Königsschlosser und übersehen dabei oft, dass es in der Region viele reizvolle, stille Winkel zu entdecken gibt.

Im Zentrum des Allgäus liegt Kempten, dessen Geschichte bis ins Jahr 15 vor Christus zurückreicht. Damit zahlt die Stadt zu den ältesten Deutschlands, wurde früh zu einem geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Schaffensort. Im Süden dagegen lockt vor allem wilde Natur: Oberstdorf, Immenstadt und Sonthofen sind Ausgangsorte für Streifzuge durch die Allgäuer Hochalpen - eines der schönsten Wanderreviere des gesamten Alpenraums.

Auch in Oberstaufen am Fuß des Bregenzer Walds - inmitten des ersten deutsch-österreichischen Naturparks "Nagelfluhkette" - kommen Bergwanderer auf ihre Kosten. Schwindelerregende Gipfel, schmale Grate, bunte Bergwiesen und mehr als 160 gemütliche Alphütten bilden eine abwechslungsreiche Erholungslandschaft, in der man sich wochenlang aufhalten kann. Nicht umsonst zählt das Landesamt für Umwelt die Umgebung Oberstaufens zu "Bayerns schönsten Geotopen".

Dank der 550 aufmerksamen Gastgeber in dem heilklimatischen Kurort mit Deutschlands einzigem Schroth- Heilbad bricht man jeden Morgen wieder gut erholt zu neuen Touren auf. Zum Beispiel zu den Buchenegger Wasserfällen. Dorthin führt, von der Bergstation der Hundlebahn, über Panoramawege und Alphütten ein 2009 neu geschaffener "Premiumweg". Diese elf Kilometer lange Rundtour wurde als eine der schönsten und spannendsten Kurzstrecken mit dem Wandersiegel des Deutschen Wanderinstituts in Köln ausgezeichnet. An den Wasserfallen kühlen sich ganz Mutige mit einem Sprung aus 17 Meter Hohe in das nahezu kreisrunde, fünf Meter tiefe Becken ab. Wer es entspannter mag, der nimmt ein Bad im Auslauf der Gumpen.

So vielfältig sich das Allgäu präsentiert, so unterschiedlich sind auch seine Bewohner - zumal sich die aus den Bergen den Bayern, jene aus dem Unterland aber den weiß-blauen Schwaben zugehorig fühlen. Um die jeweiligen Eigentümlichkeiten auf einen Nenner zu bringen, braucht es schon einen Kabarettisten wie Maxi Schafroth. Der junge Unterallgäuer Bauernsohn beschreibt das Allgäu als eine Landschaft voller "fette Wiesa, wo Vieh und Mensch no a untrennbare Einheit bildat". Vor dieser Folie müsse man das Allgäu als "d'Hoimat von Zwiebla, Romadur und dem Sparvertrag" betrachten.

Charakteristisch für die Allgäuer sind laut Schafroth ihre Bauernschlaue und ihr Fleiß: "I schaff jedn Dag wiar a Ochs." Außerdem verfüge das Völkchen in Bayerns Südwesten über eine sehr subjektiv geprägte Rechtsauffassung: "Des isch mei guats Racht, sackerment." Die Sparsamkeit des Allgäuers zeige sich beispielsweise in der Resteverwertung, wobei die "schwitzige Lyoner no gangig gmacht wird", indem man sie "mit Zeitungspapier abbutzt ond em Reschtepfannle bei 250 Grad überbäckt".

Wäre Maxi Schafroth nicht so selbstironisch, dann bekäme er als Unterländler bestimmt öfter zu hören, dass er doch sein "Maul halta soll". Für die einzig wahren Nachkommen der Ur-Allgäuer halten sich nämlich die Bewohner des Oberallgauer Südens. Da Schafroth aber kein Blatt vor den Mund nimmt, sind alle stolz auf ihn: die richtigen Allgäuer, die aus dem Unterland und die Zugezogenen auch. So wie sie überhaupt alle mächtig stolz sind auf ihr Allgäu, das sie für das zweifellos schönste Stückchen Erde in Deutschland halten.

Geigenbauer: Zwei Talente für einen Beruf

Dass Achim Hofers Werkstatt direkt gegenüber dem Geigenbaumuseum liegt, ist Zufall. Aber auch Beweis, dass der Geigenbauer in bester Tradition steht. 1562 wurde in Füssen die erste Lautenmacher-Zunft gegründet; bis ins 17. Jahrhundert war die Ostallgäuer Stadt das Zentrum des mitteleuropäischen Geigenbaus.

Und zu unserer Zeit? Heute steht der Name Hofer für hochwertige Streichinstrumente aus Füssen, die in die ganze Welt verkauft werden. Beim Mittenwalder Meister Matthias Klotz, einem Nachkommen der wohl berühmtesten Geigenbauerfamilie Deutschlands, hatte Achim 1983 als Zwanzigjähriger seine Ausbildung begonnen, dann zog es den Gesellen in andere Werkstätten Deutschlands und schließlich nach England und Amerika. Anschließend machte er seinen Meister - und ließ sich in Füssen nieder.

Melodie, Takt und Begabung auf der Geige und am Klavier lagen dem Spross einer Kemptener Musikerfamilie in den Genen. Schon als Kind talentiert und fleißig, wurde Achim Hofer später so gut, dass er es zum Konzertmeister brachte. "Dennoch stand ich immer im Schatten meines Bruders, der das absolute Gehör hat." Dafür besaß Achim Hofer ein auch großes handwerkliches Geschick: "Ich interessierte mich schon immer dafür, wie gute Instrumente gebaut werden. Und was das Geheimnis ihres Klanges ist."

1992 eröffnete Hofer seinen eigenen Laden in Füssen. Acht Jahre später kam eine Filiale in München hinzu. Heute ist er vor allem damit beschäftigt, Instrumente und Bogen zu reparieren und zu restaurieren. Pro Jahr baut er nur wenige Instrumente - die nach Ansicht von Kennern aber zu den besten gehören. Eine Violine aus Hofers Hand kostet daher um 14 000 Euro; ein Cello gut das Doppelte.

Für die Decken seiner Instrumente verarbeitet Hofer das Holz Allgäuer Fichten, die er selbst aussucht und schlägt. Für Boden, Hals und Zargen bevorzugt er Ahorn aus Bosnien oder Kroatien, weil dieses Holz hochwertiger ist als das heimische. An die 220 Stunden benötigt Hofer, um eine Geige zu bauen - bei dieser Präzisionsarbeit geht es manchmal um Zwanzigstelmillimeter.

Die vier Kinder Hofers, zwischen zwei und neun Jahre alt, spielen auch schon ein oder zwei Instrumente. Selbst der Jüngste besitzt eine eigene Geige: Mit der macht er bisher aber nur das nach, sagt Hofer, was ihm seine Geschwister vormachen. Doch wer weiß: Vielleicht vereinigen sich ja auch bei ihm irgendwann zwei Talente zu einem einzigartigen Beruf.

Hochseilgarten: Ein sicherer Balanceakt

Man weiß, dass man gut gesichert ist. Dass Seile, Brücken, Masten und Leitern das Körpergewicht halten. Und dass eigentlich gar nichts passieren kann. Dennoch überfällt einen die Angst, sobald man den ersten Schritt wagen soll.

Weg von der festen Plattform, hinaus in den Hochseilgarten , auf verspannten Drähten balancierend, auf wackligen Brettern schaukelnd, die Knie zitternd, mit den Händen krampfhaft Halt suchend: Es ist schon ein Abenteuer der besonderen Art, das man da auf einer grünen Bergwiese im Oberallgäuer Bolsterlang erleben kann.

Der Hochseilgarten - ein Hindernisparcours acht Meter über dem Boden - wird vom Immenstädter Unternehmen Faszinatour betrieben. Die Idee dazu hatte Werner Vetter, der sich während einer USA-Reise zum ersten Mal in einen Hochseilgarten gewagt hatte. Seit mehr als zehn Jahren bieten er und seine Partner nun Touristen, Schulklassen oder Firmen die Möglichkeit, sich in luftiger Höhe auszuprobieren.

Und dabei die eigenen Fähigkeiten und Ängste kennenzulernen. Vetter: "In einem Hochseilgarten kann sich jeder ausprobieren. Es gibt keine festen Regeln, wie man von hier nach dort kommt. Einziges Dogma ist eine funktionierende Sicherung." Und auf die wird in Bolsterlang besonderer Wert gelegt.

Schnapsbrennerei: Ein scharfer Schluck vom Kräuter-Michel

Viel braucht der "Kräuter-Michel" nicht, um sein einfaches Leben zu leben: die Wiesen der Hörmoosalpe, den kleinen Bergsee darin, den weiten Blick hinunter von den Allgäuer Bergen ins Tal. Auf der Alpe wurde er vor 55 Jahren geboren, seitdem wohnt und arbeitet er hier.

"Weggehen? Von hier? Niemals." Michael Schneider heißt der Mann, dessen sonnengegerbtes Gesicht von Lachfältchen zerfurcht ist. 20 Jahre bewirtschaftete er mit seiner Frau Gerda den "Alpengasthof Hörmoos", der 1300 Meter hoch über dem Allgäuer Dorf Steibis thront. Vor ein paar Jahren übergab er Restaurant und Hotel seinem jüngeren Bruder. Die Schneiders zogen in ein Holzhaus gleich nebenan.

Im Untergeschoss betreibt der Kräuter-Michel eine Schnapsbrennerei. Wenn er sich in den Sommermonaten nicht gerade um das Vieh kümmern muss, sammelt er auf der Hörmoosalpe Kräuter und Wurzeln. Aus denen destilliert er Schnäpse, Liköre und Elixiere. Die sind nicht nur hochprozentig und delikat, sondern enthalten auch natürliche Wirkstoffe, die zum Wohlbefinden des Menschen beitragen. So hat man beim Verkosten das schöne Gefühl, sich beim Kräuter-Michel etwas richtig Gutes zu gönnen.

Das Holzhaus ist von einem Alpenkräutergarten umgeben. Liebevoll wird er von Gerda Schneider gepflegt. Hohe Stauden, Doldenblütler und Kräuter wachsen dort. Viele sind auf der Hörmoosalpe heimisch. Schilder benennen die Arten - Blutwurz, Vogelbeere, Engelwurz, Gelber Enzian, Arnika, Wiesenkümmel, Weißdorn oder Zitronenmelisse und die ihnen zugeschriebenen Heileigenschaften.

"Unsere wichtigsten Gewächse sind die Vogelbeere und die Wurzel der Meisterwurz", sagt Michel. Letztere wurde schon von Paracelsus und Hildegard von Bingen wegen ihrer Heilkraft sehr geschätzt. In der Volksheilkunde gilt sie als stärkendes Mittel für Magen, Leber und Galle, sie wirkt auch schleimlösend und harntreibend. Die kleinen roten Vogelbeeren, vor denen jedes Kind gewarnt wird, enthalten viel Vitamin C. "Roh sind sie zwar nicht giftig, aber auch nicht gerade bekömmlich", sagt Michel. "Der frisch gepresste Beerensaft dagegen ist ein mildes Abführmittel."

Die Kräuter und Wurzeln aus dem Garten und von der Alpe geben den Edelbränden und Kräuterlikören, für die die höchstgelegene Schnapsbrennerei des Allgäus bekannt ist, ihre besondere Note. "Durch die intensive Sonneneinstrahlung, die kurze Vegetationszeit, die frische Luft und das reine Quellwasser wirken unsere Pflanzen dreimal so stark wie die im Tal", versichert der Kräuter-Michel.

An der alten Kupferdestille erklärt er während der Verkostung, wie seine Schnäpse nach überlieferten Rezepten hergestellt werden: Geerntet wird von Hand. Schonend und in kleinen Mengen werden die Pflanzen anschließend verarbeitet - in manchem Elixier finden sich bis zu 28 Extrakte.

Seinen Enzian brennt der Kräuter-Michel ebenfalls selbst. Dazu darf er, behördlich genehmigt, jährlich 500 Kilogramm Wurzeln des geschützten Gelben Enzians ausgraben. Schneider begnügt sich mit 350 Kilo. Und da er lediglich alle zehn bis 15 Jahre an derselben Stelle gräbt, werden die Wurzelstöcke auf der Hörmoosalpe immer kräftiger. Man wird sich in Kräuter-Michels Heimat also noch lange Jahre einen Schluck genehmigen können.

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Der Text von Gaby Funk stammt aus dem Buch "MERIAN Bayerns beste Seiten - 100 meisterliche Entdeckungsreisen". Das Buch ist eine Gebrauchsanweisung für Urlauber und Ausflügler. Es hilft, Bayern authentisch zu erleben, und hält Traditionen und Werte hoch, indem es sie in ihrer ganzen Lebendigkeit zeigt. In 100 unterschiedlich langen Porträts wird die einheimische Bevölkerung zu Reiseleitern. Einzelne Protagonisten stehen und sprechen für "ihre Region".
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Gaby Funk