Nachgeschenkt Wo Metallica den Most holt

In der Nacht vom 4. auf den 5. Mai bekam Arno Augustin die ganze Härte seines Berufes zu spüren. Ein verheerender Spätfrost richtete schwere Schäden in den Weinbergen an. Viele Winzer in den deutschen Anbaugebieten waren betroffen, das Weingut Augustin aus dem fränkischen Sulzfeld traf es besonders schwer. Die Temperatur war über Nacht auf minus fünf Grad abgesackt, als Arno Augustin am Morgen die Weinberge inspizierte, war er konsterniert. Augustin muss mit einem Ernteausfall von 80 Prozent rechnen, vor allem bei den früh reifenden Sorten Müller-Thurgau und Bacchus. Vom Jahrgang 2011 wird nur ein überschaubares Sortiment zur Verfügung stehen.

"Dass es uns so trifft, damit konnte man nicht rechnen", sagt der Winzer. "Aber wir arbeiten mit der Natur und die macht, was sie will." Trotzdem kommt der katastrophale Frostschaden zum denkbar schlechten Zeitpunkt. "Wir waren gerade dabei durchzustarten." Aber Augustin ist nicht der Typ, der sich lange mit Sachverhalten aufhält, die er nicht beeinflussen kann. Lieber dreht er an den Stellschrauben, mit denen er etwas bewirken kann. Der Rückschlag soll nur eine kleine Delle bleiben in der Kurve, die bislang steil himmelwärts zeigte in der Entwicklung des Weingutes. Arno Augustin, 37, ist einer der jungen Winzer, die nach oben streben. Der Weinführer "Gault Millau" beispielsweise hat ihn zur Entdeckung des Jahres 2011 gewählt. Auch wer nicht viel auf solche Titel gibt, an den Weinen Augustins kommt man so leicht nicht mehr vorbei.

Der Diplom-Önologe, der in Geisenheim seinen Abschluss gemacht hat, hat zu seinem ganz eigenen Stil gefunden. Augustin macht vieles anders als die Kollegen und hebt sich dadurch heraus aus dem Gros der Winzer. Dem Jahrgang 2010, den viele Kollegen aktionistisch entsäuert haben, begegnete er mit Gelassenheit. "Da haben viele zur Entsäuerungswaffe gegriffen", weiß er. Augustin hat ein Mittel gewählt, das nur starke Nerven erfordert: Er hat abgewartet und die Weine beobachtet, die sich nach und nach entwickelten. Besser als viele der behandelten Weine.

"Weine brauchen Zeit", sagt Augustin. "Von der ganzen Rennerei halte ich gar nichts, nur um schnell etwas abfüllen zu können. Wein ist ein Naturprodukt und fällt in jedem Jahrgang anders aus, das darf man nicht handhaben wie eine Cola." Analysedaten sind dem Winzer einerlei. "Wenn mir ein Wein mit acht Gramm Säure schmeckt, verlasse ich mich auf mein persönliches Geschmacksempfinden. Ich mache Weine ohne Tamtam, aber mit Gefühl", sagt Augustin.

Auf sein Gefühl, auf seinen Geschmack, das zeigen die letzten Jahrgänge, darauf kann er sich verlassen. Augustin kann auch eigensinnig sein. Er setzt auf die Rebsorte Bacchus, die hierzulande als altbacken gilt und nicht ernst genommen wird. Bacchus wird oft als lieblicher Schoppenwein und Stimulanz bei Weinfesten ausgeschenkt, wo er literweise die Kehlen hinunter fließt, ohne einen besonderen Genuss zu bereiten. Am nächsten Morgen tut der Kopf weh und man erinnert sich nur noch daran, dass die Farbe des Weines weiß war.

"Schlank und dünn haben wir nicht"

Arno Augustin aber erzeugt einen Bacchus, der sich einprägt. Er ist nicht nur trocken, sondern auch füllig und ausdrucksvoll. Sein Bouquet erinnert an Stachelbeere und Kiwis, am Gaumen zeigt er Schmelz mit feinem Säurespiel. Wenn Bacchus so gelingt wie bei Augustin, dann ist er eine ernsthafte regionale Alternative zum Sauvignon Blanc. Den kennen die meisten Weintrinker, den Bacchus nicht. "Das Verrückte ist, dass man Weine kennt, die in Übersee wachsen. Für einen Bacchus aber benötigt man eine Erklärung und eine Rechtfertigung ", weiß Augustin.

Seine Reben hat er auf Muschelkalk stehen, es sind "sehr schwere Böden, die den Weinen Gehalt und Mineralität verleihen." Farblose, austauschbare Weine passen nicht zu Augustin, einem Charakterdarsteller unter den fränkischen Winzern. "Schlank und dünn haben wir nicht", sagt er. Auch seine Silvaner zeigen Format. Schon der Kabinett aus dem Jahrgang 2010 macht Reklame für diese Rebsorte, er ist goldgelb, mit den typischen Kräuternoten und zeigt sich sehr präsent und anhaltend im Mund. "Meine Weine dürfen auch mal überraschen", sagt Augustin.

Dem grandiosen Silvaner "S" aus dem Jahrgang 2008 gelingt das mühelos. 20 Prozent des Weines baute der Winzer im Barrique aus, er lagerte anderthalb Jahre im Fass. Er besitzt Fülle und Konzentration, ist faszinierend vielschichtig und perfekt balanciert und triumphiert in einem langen Finale. "S" bedeutet bei Augustin "Spezial" und nicht, wie bei anderen Winzern, Spätlese. "Eine typische Spätlese haben alle", sagt er und da blitzt sie wieder auf die eigenwillige Art, die sich nicht um Konventionen kümmert.

In Sulzfeld ist auch das Mittelalter noch zuhause, das Weindorf wird durch einen mit Toren und Türmen besetzten Mauerring geschützt. Durchzogen von engen winkeligen Gassen, hat es sein mittelalterliches Bild bewahrt. Die beste Weinadresse im Ort ist der Zehnthof Luckert, zu dem Arno Augustin nach und nach aufschließt. Gemeinsam mit seiner Frau Verena bewirtschaftet er elf Hektar Reben, davon 80 Prozent Weißwein. Zum Weingut gehört ein stilvoll eingerichtetes Hotel, das "Vinotel", das beliebte Motiv des röhrenden Hirsches sucht man hier vergebens.

In Sulzfeld fällt Arno Augustin auf, er mag es, was die Musik angeht, ein bisschen härter. Der Winzer hört gerne Heavy Metal, je härter, desto besser. Bei seinem Hoffest, das er jedes Jahr veranstaltet, hört man keine Blasmusik, da schrammeln die Gitarren drei Tage lang. Augustin hat immer davon geträumt, in einer Rockband Gitarre zu spielen. Dafür, sagt er, sei er "leider viel zu grobmotorisch". Jetzt ist der verhinderte Rockstar dabei, sich als Starwinzer zu etablieren, nicht ohne den passenden Soundtrack. "Meine Trauben", erzählt Augustin, "fahre ich am liebsten mit Metallica heim."

Weingut Augustin, Raiffeisenstraße 5, 97320 Sulzfeld am Main, Telefon 0 93 21-56 63, ,

Schlagworte:
Autor:
Rainer Schäfer