Baden Winzerische Grenzerfahrungen in Nack

Es sah zunächst nicht aus als sei es der Einzug ins Gelobte Land. Als Berthold Clauß 1994 mit seiner Frau Susanne und "Sack und Pack" aus dem Schwäbischen in das Dorf Nack an der Schweizer Grenze zog, kamen sie in einem alten Bauernhof unter, der mit einem Ölofen beheizt werden musste. Den Hausrat mussten sie bei sieben Nachbarn verstauen, die nur mit Mühe zu verstehen waren. Sie sprachen Alemannisch mit einem Schweizer Einschlag, die Neuankömmlinge nur breitestes Schwäbisch.

Nack gehört zu Baden, Badenern und Schwaben wird nachgesagt, dass sie eher die Unterschiede zwischen sich hervorheben als Gemeinsamkeiten. Jetzt lebten sie hier, als Fremde unter 180 Einwohnern, auf einer Landzunge, dem Jestetter Zipfel, der in Schweizer Territorium ragt und nur durch eine schmale Straße mit Deutschland verbunden ist. Die Landschaft geizt zwar nicht mit ihren Reizen, aber Nack liegt abgelegen im Niemandsland, nur 200 Meter von der grünen Grenze zur Schweiz entfernt. Eingeschlossen in einer Idylle, so dürften sich Berthold und Susanne Clauß manchmal gefühlt haben.

In Rüdern, einem Stadtteil von Esslingen, hatten sie alles, was sie benötigten. Dort betrieb die Winzerfamilie Clauß ihr Weingut. Die sichere Existenz aufgeben, die gewohnte Umgebung verlassen, das musste einen triftigen Grund haben: Friedrich Clauß, der Vater von Berthold, war Anfang der 80er Jahre am Hochrhein unterwegs und begeisterte sich für das Potenzial der Lagen. In Nack hatte Weinbau zwar Tradition, aber er wurde nur noch von wenigen Bewohnern im Nebenerwerb betrieben. Berthold Clauß wollte Nacker Weine wieder zu dem guten Ruf verhelfen, den sie einmal hatten. Ausgerechnet ein Schwabe im Badisch-Schweizer Grenzland, der noch nicht mal die Ausstattung besaß, um seine Trauben zu keltern und auszubauen. Mühsam wurden verwilderte Flächen wieder zu Weinbergen umkultiviert, seine Trauben lieferte Clauß an Winzer am Bodensee ab.

Es war ein Start mit vielen Hindernissen. Aber Berthold Clauß ist nicht der Typ, der an Problemen verzweifelt. Zupacken, das ist seine Devise. Und das, was man morgen erledigen müsste, verrichtet man am besten gleich und ohne Verzug. Die Einheimischen, so erzählt der unkomplizierte Winzer, hätten die Fremden schnell akzeptiert, weil man erkannt habe, "dass wir schaffen können". Diese schwäbische Grundmentalität erleichterte es, sich den großen Zielen anzunähern.

2003 endlich konnte die Familie den Grundstein legen für das eigene Weingut, inzwischen entstehen bemerkenswerte Weine im südlichsten Zipfel Deutschlands. Nack liegt zwischen Bodensee und Markgräflerland, zwischen Schaffhausen und Zürich, das nur 20 Minuten entfernt ist. Wenn man genau hinhört, meint man den Rheinfall zu hören, bei Schaffhausen springt der Fluss tollkühn und tosend über die Klippe. Das sei aber Einbildung, sagt Berthold Clauß. Der Rheinfall ist noch 15 Autominuten entfernt und in Nack nicht zu hören.

Inzwischen bewirtschaftet das Weingut 16 Hektar Reben, davon neun in Nack und sieben in Erzingen im Klettgau. Die Nacker Lagen bestehen aus sandigem Lehm und Kies, sie bieten ideale Bedingungen für fruchtige und zartgliedrige Weißweine. Die schweren, mit Kalkstein durchsetzten Lehmböden in Erzingen dagegen sind wie geschaffen für hochwertige Burgunder. Dort findet man auch Belemnite, versteinerte Urtintenfische, nach denen auch Weine aus dieser Lage benannt werden.

Am meisten beeindruckt der Pinot Noir Urbanus, der regelmäßig beim Deutschen Spätburgunderpreis und auch bei internationalen Wettbewerben eine glänzende Vorstellung abliefert. Aber Berthold Clauß versteht sich nicht nur auf die roten Burgunder, der Grauburgunder Belemnit ist ausdrucksstark und perfekt ausbalanciert. 2010 gelang Clauß ein erstaunlicher Sauvignon Blanc, der heraus sticht aus der Masse gesichtsloser Weine, die aus dieser Rebe entstehen. Müller-Thurgau baut Berthold Clauß in beiden Lagen an, der aus Nack ist fruchtig und filigran, der Erzinger Vertreter würziger und mineralisch. Aber beide sind ein großartiges Plädoyer für diese unterschätzte Rebsorte.

Baden ist Burgunderland

Längst ist die Winzerfamilie Clauß zur festen Größe in Nack und im Grenzland geworden, sie trägt zur ruhigen und heiteren Gelassenheit bei, die hier herrscht. Berthold Clauß unterhält regen Kontakt zu Schweizer Winzern, einer der beiden Söhne spielt Handball in Schaffhausen. Clauß ist auch einer der Schöpfer der "Nacker Werke". Gemeinsam mit dem Koch Gerd Saremba aus dem Gasthof "Zum Kranz" und dem Musiker Jan Žáek aus Prag, der in Nack ansässig geworden ist, bieten sie einen Dreiklang an aus Musikdarbietungen, Kulinarischem und natürlich Weinen. Und das alles mit einer hehren Bestimmung, "zur Wartung der Sinne".

15 Kilometer von Nack entfernt, hat sich eine weitere kleine Insel des Weinbaus etabliert. Der Engelhof in Hohentengen ist das südlichste Weingut Deutschlands, das stark von Schweizer Einflüssen geprägt ist. Georg Netzhammer, der das Weingut mit seiner Frau Andrea betreibt, studierte Önologie in Wädenswil in der Schweiz. Gegenüber dem Engelhof, nur durch den Rhein getrennt, liegt die Stadt Kaiserstuhl, die Schweizer Farben sind geflaggt. Der Fluss spielt zwar die Grenze, trennen kann er aber die Kulturen nicht.

Ähnlich wie in Nack hat der Weinbau auch in Hohentengen eine ruhmreiche Vergangenheit. Aber nach der politischen Trennung von Baden und der Schweiz zu Beginn des 19. Jahrhunderts geriet er immer mehr in Vergessenheit. Die letzten Rebstöcke, erzählt Georg Netzhammer, seien 1910 herausgerissen worden. Danach wurde lange Zeit Obstbau betreiben, das mediterrane Klima am Hochrhein lässt den Anbau von Kirschen und sogar von Pfirsichen zu. "Wir sind bei der Vegetation immer ein paar Tage früher dran als im übrigen Baden", sagt Netzhammer, direkt unter dem Weingut fließt der Rhein dunkelgrün und klar. Wie überall, wo Wasser fließt, fühlen sich Reben wohl. Der Rhein speichert tagsüber Wärme und gibt sie nachts ab.

Rebstöcke wurden am Hohentenger Oelberg erst wieder 1982 angepflanzt, 1986 füllte der Engelshof seinen ersten Jahrgang ab. Dort, wo früher Pfirsiche standen, stehen heute Burgunder. In Erzingen, auf dem Kapellenberg, hat Georg Netzhammer Spätburgunder stehen. "Baden ist Burgunderland", sagt er, "das sind unsere Sorten." Sein Grauburgunder zeigt Frische und Körper, der Spätburgunder, im kleinen Holzfass gereift, gefällt mit seiner Eleganz und Finesse.

Für die rote Cuvée Laura hat der Winzer Spätburgunder mit Cabernet Mitos vermählt, entstanden ist ein kräftiger und dunkler Rotwein mit Aromen von Schattenmorellen, Holunder und etwas Leder, der auch gegen französische Konkurrenten bestehen kann. Aus dem Chablis hat Netzhammer für seinen Chardonnay eigens Rebstöcke eingeführt, ein Wein, der vornehm nach Banane und Ananas duftet und mit seinem frechen und lustvollen Auftritt überzeugt.

Auch wenn Georg Netzhammer Burgunder zur Leitsorte ausgerufen hat, seine Neugierde hat er sich erhalten. Er hat Rebsorten im Anbau, die im Schatten der etablierten Reben verschwunden sind. Große Stücke hält er auf die weiße Rebsorte Johanniter, eine Züchtung auf Riesling-Basis. "Eine hochinteressante Rebe, die kaum jemand kennt", bedauert er. Was den Engelhof von vielen Weingütern unterscheidet, ist das "Säuremanagement".

Georg Netzhammer ist ein Verfechter des Biologischen Säureabbaus, bei dem sich die etwas spitze Apfelsäure in die weichere Milchsäure umwandelt. Ein Verfahren, das sich unter Schweizer Winzern großer Beliebtheit erfreut. "Unsere Weine sind durchgegoren, trocken und säureharmonisch", sagt Netzhammer, ein Erfolgsrezept, das sich seit 25 Jahren bewährt. Der Engelhof und das Weingut Clauß: Am Hochrhein, tief im Süden, hat sich eine genussreiche Facette deutscher Weinkultur ausgebildet, die darauf wartet, entdeckt zu werden.

Weingut Clauß, Obere Dorfstraße 39, 79807 Nack, Telefon 07745-54 92

Weingut EngelhofGeorg Netzhammer, 79801 Hohentengen/Hochrhein, Telefon 07742-74 97

Autor:
Rainer Schäfer