Kronberg Willkommen im Zauberwald

Eigentlich müsste man alle, die abends ins Gebirge fahren, warnen. Eigentlich müsste an der Ortseinfahrt von Kronberg ein Schild stehen und darauf der Hinweis: Achtung! Dies ist ein Zauberwald!

Besonders in einer lauen Sommernacht oder an einem tief verschneiten Winterabend ist Kronberg keine normale deutsche Kleinstadt - hier gehorcht nichts den Regeln, die unten im Tal, in Frankfurt gelten. Vielleicht muss man, um Frankfurt wirklich zu verstehen, einmal hier oben gewesen sein, in Kronberg, dem Fluchtort aller Frankfurtmüden, dem Gegengift zur Sachlichkeit der Bankenmetropole.

Es gibt drei Arten von Städten in Deutschland: Städte wie München, in denen viel Geld verdient, aber auch viel Geld ausgegeben wird; ein Blick auf die Cafés, die Läden und die Sportwagen auf der Maximilianstraße lässt keine Zweifel zu. Dann gibt es Städte, in denen fast überhaupt kein Geld verdient wird, aber dieses Nichts um so entschlossener auf den Kopf gehauen wird: Berlin zum Beispiel.

Und es gibt Frankfurt, eine Stadt, in der enorm viel Geld verdient, und fast keines ausgegeben wird. Es gibt viel weniger Cafés, keine ernstzunehmenden Luxusbummelviertel wie in Düsseldorf, Hamburg oder München, es gibt viel weniger Sportwagen pro Einwohner. Wo verschwindet all das Geld, das in den großen Banktürmen erwirtschaftet wird?

Die Frankfurter Politiker wissen ein vielstrophiges Klagelied davon zu singen: Es verschwindet in den Vororten der Stadt, im Taunus. Die Leute, die in Frankfurt das Geld verdienen, schätzen das Kulturprogramm der Stadt, aber - so die Kulturbehörde - sie zahlen nicht dafür. Sie verschwinden mit ihrem Geld auf den Hügeln. Und das schönste aller Hügelparadiese heißt Kronberg.

Hier oben, in der mittelalterlichen Stadt am Südhang des Altkönigs, wohnen die Reichen der Stadt, die Konzernchefs und Bankvorstände, hier lernen die Töchter reiten und die Söhne Golf spielen, hier oben, wo die Luft besser, der Wald eine Parklandschaft und die Zufahrtsstraße gesäumt ist von einer Kette edler Firmensitze.

Der Elektrogerätehersteller Braun hat sich dort eine architektonisch erlesene Zentrale bauen lassen. Gleich neben Braun bietet der Autohersteller Aston Martin Sportcoupés für die standesgemäße Fahrt ins Tal oder auf den Großen Feldberg feil. Kronberg sieht aus, als sei man mitten in einer südenglischen Grafschaft.

Das ist hauptsächlich der deutschen Kaiserin Victoria zu verdanken, die sich hier am Ende des 19. Jahrhunderts ein Phantasieschloss bauen ließ, in dessen Architektur deutsche Renaissance, englische Tudorgotik und hessischer Fachwerkstil auf das Eigenartigste vermischt wurden. Trotzdem ist ein schöner Bau dabei herausgekommen - so schräg und eigenwillig, wie die Kaiserin selbst war.

Mit den politischen Plänen ihres Sohnes Wilhelm II. verband sie, die als Vorreiterin der Frauenbewegung und der Völkerfreundschaft gilt, nicht viel. Wegen ihrer unbequemen politischen Ansichten sah der Kaiser seine Mutter ungern in Berlin und baute ihr, was einer gesellschaftlichen Verbannung gleichkam, in der Nähe der preußischen Sommerresidenz Homburg ihren Alterssitz; am 27. März 1894 bezog die Witwe des so genannten 99-Tage-Kaisers Friedrich III. das Friedrichshof genannte Schloss. 1954 wurde Friedrichshof zum Schlosshotel umgebaut und gilt seitdem als internationaler Elitetreff.

Sogar ein G-7-Gipfel fand hier statt. Das Kronberger Schloss ist vielleicht der britischste Ort von ganz Deutschland, bestimmt aber der einzige, an dessen Bar man in den Nebel von Venedig schaut. In der Bar des Schlosshotels hängt nämlich ein Gemälde von William Turner aus der Sammlung der Kaiserin, eine Venedig-Szene des großen Experimentators in weißen und gelben Tönen. So viel Nonchalance, so viel vollendeten Stil findet man nirgendwo unten in Frankfurt - und nirgendwo auf der Welt kann man einen Drink unter einem echten Turner- Gemälde nehmen.

Frankfurt ist eine unsentimentale, moderne Stadt, im Zweiten Weltkrieg wurde ihr Zentrum fast komplett zerstört und das Stadtgefühl wird von den Bankhochhäusern und den zahllosen teils eleganten, teils trostlosen Bauten aus den fünfziger Jahren geprägt. Keine Stadt ist so rational wie Frankfurt: Es gibt eine Straße, auf der nur gegessen wird und die deshalb den unschönen Namen "Fressgass" trägt; eine Straße, in der nur eingekauft wird - die Zeil - und eine Museumsmeile, an der sich viele Museen reihen.

Nicht, dass man in Frankfurt nicht gut leben könnte - aber es ist eben ein modernes Leben, ein Leben wie in Indianapolis oder Atlanta oder irgendeiner anderen großen Geschäftsstadt.

Die Stadt sieht an einigen Ecken aus wie ein Apparat, durch den die Leute in die jeweilige Funktion geschleust werden - und da ist es gut, dass es einen Ort gibt, an dem die Zeit, die Rationalität, die Effizienzmaximierung ausgehebelt werden: Kronberg ist, besonders im Winter, ein Märchenland, wie es kein amerikanischer Regisseur besser erfinden könnte. Wenn man an einem Dezemberabend durch den hohen Schnee hinauf zur Burg läuft, vorbei an den schiefen Fachwerkhäusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert, am Eichentor und der alten Johanniskirche, dann sieht alles so verwinkelt und mittelalterlich aus, dass man sich nicht wunderte, wenn einem plötzlich ein Ritter des 1704 ausgestorbenen Reichsministerialiengeschlechts derer von Cronberg entgegengaloppieren würde.

Es ist eine andere Welt, die man betritt, wenn man nach Kronberg kommt - und es ist kein Wunder, dass all die, die unerkannt bleiben wollen, sich hier oben in den schattigen weit verzweigten Pfaden des Parks oder in der Hotelbar treffen: Schon manche Frankfurter Ehe fand in diesem Park eine Unterbrechung, mancher Wirtschaftsberater stammelte im Rosengarten Wirres und Verliebtes in ein erstauntes Gesicht, mancher Rechtsanwalt stürzte sich am offenen Kamin und in den heimeligen Zimmern des Schlosshotels in sein Unglück. Schon die Romantiker schätzten das verwinkelte trutzige Städtchen über alles, Hoffmann von Fallersleben war hier und Wilhelm Busch.

Schon immer waren die Kronberger ein streitlustiges Volk, wovon auch ein Schriftstück aus dem 18. Jahrhundert mit dem barocken Titel "Actenmaessiger wahrhafter Verlauf deren von einigen widerspenstigen Chur- Mayntzischen Unterthanen in dem Staedtlein Cronenberg gegen eigene Lands-Herrschafft erweckten Unruhen" zeugt.

Kronberg ist das Gegenmodell zum rationalen Frankfurt: Hier kann man ein luxuriöses Dasein als Privatier führen, im Park des Schlosses über Bäche zum Rosengarten und zu den Pferdestallungen wandern, vorbei an den Privatvillen der Bankchefs, die fast alle hier oben wohnen und von unauffällig patrouillierenden Sicherheitsdiensten in ihrem Idyll bewacht werden. Wandert man weiter bis zur Le-Lavandou- Straße, kommt man bald zu einem Acker, von dem aus man weit in die Ebene schauen kann, auf die Skyline der Frankfurter Innenstadt, die mit ihren Hochhäusern wie ein seltsames, unsinniges Stachelwesen am dunstigen Horizont auftaucht.

Vielleicht braucht ein so rationales und unsentimentales Geschäftszentrum wie Frankfurt ein romantisches Gegengewicht wie Kronberg; vielleicht würden die Banker und die anderen Angestellten sonst verrückt in dieser Stadt, deren Bankenviertel an Zahlenkolonnen aus Beton erinnert, und in der sogar die Vergnügungsmeile straff organisiert ist.

Und wem das alles zu romantisch ist, der kann in den Kronberger Opel-Zoo gehen, in dem es zum Glück keine Diesel saufenden Blechtiere, sondern echte Flusspferde und Hyänen und Warzenschweine zu sehen gibt. Oder zur minimalistisch modernen Braun-Zentrale. Man kann sich streiten, ob Frankfurt eine provinzielle Stadt ist oder nicht - aber so weltläufig wie in Kronberg, wo es Märchenschlösser, venezianische Nebel und afrikanische Tiere zu sehen gibt, geht es unten im Tal ganz bestimmt nicht zu.

Autor:
Niklas Maak