Sylt Wellness in Westerland

Alles ist nass hier. Beim Öffnen quillt Nebel aus der Tür. Der Fußboden glitscht unter den bloßen Sohlen, im Dämmerlicht zeichnet sich ein gekachelter Podest ab, über dessen Seiten das Wasser plätschert. Im Dampf daneben Mirko, der drahtige kleine Masseur.

Nackt streckt man sich hin auf dem nassen Tisch. Mirko, breitbeinig und mit einer nassen Schürze behängt, beginnt mit rauem Sisalknäuel die Haut zu reiben, Falte für Falte, Finger für Finger, mit der Toleranz eines greisen Hamam-Wärters und der Präzision einer gut gewarteten Waschstraße. Zwischendurch seiht er aus einem durch die Luft gewirbelten Kattunbeutel butterig plusternde Schaumberge, verteilt sie stoisch auf Körperteilen und spült dann mit einem grünen Gummischlauch nach.

Tropfend rinnt Kondenswasser von den Wänden, die im Türkischen-Bad-Dessin Jahrmarkt-Atmosphäre verbreiten, genauso wie die Polyesterfelsen der Erlebnislandschaft: Wer bei Mirko liegt, hat schon mit sportlich getrimmten Pärchen stumm im Dampf gedöst, hat danach halb erstickt in der Eisgrotte am Seil gezogen, bis der kalte Guss aus dem Eimer (Holzimitat) die Poren erschreckt wieder verschloss.

Es ist Sonntag auf Sylt, den Tee gibt es kostenlos, ein bisschen Jugend hängt hier herum und einige alte Damen, die Stimmung wirkt diszipliniert und ein ganz wenig sinnlich. Geliehene Bademäntel, geparkte Badeschuhe, es riecht nach Kampfer und Desinfektionsmittel. Beruhigend brummt die Klimaanlage des Syltness Centers. Die volksnahe Wohlfühl-Einrichtung gibt sich alle Mühe, mit den makellosen Hotels mitzuhalten, die seit einiger Zeit den Urlaub im Urlaub propagieren: im Rundum-Sorglos-Körperpaket wird den Sinnen alles geboten, damit der Geist endlich zu sich kommt oder unbemerkt abschaltet.

"Syltness" nennen die Leute vom Westerländer Marketing die geschlossene Blase des Wohlgefühls, und das Rubbeln und Schrubben auf dem Waschtisch des Mini-Hamams am Dünenkamm ist nur ein milder Abglanz: Mindestens ein Dutzend exklusiver Hotels bieten ein systematisches Wonneprogramm, bei dem verspannter Nacken und gespannter Gaumen gleichermaßen mit abgefeimtestem Kitzel stimuliert werden.

Die Wellness-Gala im monotonen Friesensetting zeigt ein breites Programm: Traditionshäuser mit Familienambiente auf Gutshof-Niveau wie der , nostalgische Juwelen mit posthistorischer Chuzpe wie das frischrenovierte , halbseidene Hochpreisschuppen, und die großen Grandhotels, die das Kurgastphänomen an Deutschlands karger Küste mitgeboren haben.

Eines von ihnen ist das der Senior unter den Oasen mentaler Stille. Seit 1861 nonstop geöffnet und in der Zeit, als die Möwen hier goldene Flügel bekamen, zusammen mit dem Miramar (über das noch zu sprechen sein wird) erstes Haus am Platz, hat sich das Patrizierhaus die gediegen-plüschige Atmosphäre angelsächsischer Ruhe bewahrt, auf die der Hanseat im allgemeinen stolz ist. Hier im Hause darf er es sein: Der Boy, echter Insulaner, ein bisschen unbefangen und dennoch dem schweren Koffer gewachsen, führt über qualitätsteppichgedämpfte Gänge, durch die der Gast später nie allein den Weg zum nagelneuen minimalistischen "Qiara-Spa" finden würde, wenn nicht ab und zu ein eisgraubärtiger Seniorpartner mit dezent geschnürtem Bademantel die Richtung ahnen lassen würde.

Japanmassage heißt das besondere Angebot im Hotel Stadt Hamburg, das irgendwie eine Dependance der Kosmetikfirma Shiseido ist. Man geht in einem weißen Frotteemantel hinein, lässt ihn hinabgleiten, legt sich auf den Operationstisch, und schaut, während die Masseuse mit weichen Früchte-Händen die Sutren des Körpers verfolgt, auf seine Füße. Die stehen da so unbeteiligt in die Luft wie bei einem Unfallopfer in der Pathologie.

Eine Entäußerung. Zunächst liegt der Massierte da wie ein Stück eingeöltes Fleisch, nackt und doch nicht nackt, denn der Eros ist auf planvolle Weise exorziert - obwohl die Masseuse sich sogar, das will die japanische Härte, für den letzten Krafteinsatz auf die ächzende Liege wuchtet. Das Gegenteil von Erotik.

Glücksgefühle für alle Sinne

Herr Fröstel, Masseur im , unterscheidet die oberflächliche Körperpflege etwa beim Ayurveda von seiner therapeutischen Sondierungstechnik. Mit der Disziplin eines guten Soldaten schöpft Fröstel aus einem muskulären Gebrauchsapparat eine zweite Tiefe, die unwiderruflich in den Kopf zurückflutet, während der Traktierte in seinem Fleisch förmlich versinkt.

"Es geht darum, über die Berührung mit dem Körper unbewusste psychische Prozesse zu bewegen", sagt der Süddeutsche etwas schleppend. Damit ist er hier richtig. Denn der Söl'ring Hof, das exklusive Juwel der Dorint-Kette, wurde jüngst gebaut, um neue Berührungen da aufzuspüren, wo schon alles erfahren ist. Zwar wird dieser Ehrgeiz nicht in den Zimmern verwirklicht, die minimalistisch nobel sind, ein bisschen Weltliteratur im Regal stehen haben und eine Bose-Anlage, die auf Handbewegung hin Gutverdiener-Musik spielt. Ebenso wenig von den beiden VW Phaetons, die den Gästen zum Herumgondeln zur Verfügung stehen. Er gilt nur für die Küche. Lassen Sie es mich so sagen: Zu Tisch im Söl'ring Hof hat der Gast so richtig Geburtstag. Was Johannes King da kocht, gehört in die große Kür, in die ätherische Kategorie derjenigen Kunstwerke, die etwas elementar Neues aufschließen, einen funkelnden Kosmos der im selben Moment erstmalig ist wie frischgefallener Schnee und zugleich mit längst vergessener Heimatsüße winkt.

Woran der Gast die Genialität erkennt (etwa in Gestalt von Vorspeisenvariationen en miniature wie Thunfischtatar, Wachtelkeulchen, Gänseleber mit Korianderäpfeln), das ist die unverzügliche Harmonie, in der alle Geschmacksrosetten von Anfang an d'accord sind. Dieser Eindruck wird weiter gesteigert durch die Details King'scher zynischer Genialität, wenn sich etwa die abgebrochenen Antennen des im dritten Gang verwursteten Schalentiers als grandiose Zitate über die Nachspeisenvariation schwingen: klinische Präzision mit der Kälte des Todes.

King ist eisig. Er ist so eisig, wie selbst die reservierteste Tischpartnerin nicht sein kann. Ein Eiskönig, der seinen Gast auf die Empfindungsknospen reduziert, die den Gaumen, nicht das Wort, als Konzentrat der Seele feiert. Andere Lokale auf der Insel schwingen sich in seine Höhen auf und müssen wieder fallen. Andere Fischterrinen erreichen nicht das Geeiste, Kalte, Gurkige, das dennoch Karamellige, die rasende Neuheit von King. Vielleicht können das "Stricker" mithalten, Jörg Müller, natürlich, das Munkmarscher Fährhaus, neuerdings.

Die meisten sonst sind exklusiv, aber langweilig. Es ist schwer, große Küche nachzuahmen, darum ahmt vielleicht die größte Küche in Wahrheit nur die Fülle der Natur nach. Das ist ein Gedanke, dem man im Söl'ring Hof zwischen dem sechsten und siebten Gang nachgehen kann. Im Kosmos King'scher Käsewelten versteht man, dass alle Weine hier auf höchster Ebene funktionieren, dass sie sprechen und Charakter haben, als wären sie hochbegabte Kinder.

Wer am Abend noch in den Genuss neuer kulinarischer Welten kam, liest morgens beim Frühstück die "Bild"-Zeitung. Ein gelangweiltes Kind sortiert Wildlachshappen nach Größe. Ein Glatzkopf sieht durch sein Blondchen hindurch aus der Fensterfront direkt auf den heißesten Platz des Hauses: die Limousinen-Beladestelle. Dabei ist die Anreise auf dem Land- und Seeweg nur noch bedingt typisch.

Die Schweizer, erzählt die Hotelleitung, landen mit ihrem Lear-Jet, drehen eine Runde im Taxi und entscheiden dann, wo sie für die Saison bleiben. Zum Beispiel im . Hotelier Nicolas Kreis holt jeden Sommer eine alternde Dame persönlich vom Flughafen ab, wenn sie in der gecharterten Maschine mit eigener Pflegerin anreist. Das Hotelgefährt, ein Mercedes 300 aus den Fünfzigern, Modell Adenauer, darf mit Sondergenehmigung auf die Runway rollen.

Kreis, alt gewordener Rocker mit spitzen Cowboyboots, pflegt in seinem Haus die Nostalgie des alten oder besser mittelalten Sylt: der großen Zeit der Spätsechziger. Das Restaurant, einmalig an der Westerländer Strandpromenade gelegen, serviert Filetspitzen Stroganoff, Quarkschaum mit Hagelzucker und Coup Danmark; das Tischtuch ist schwer, die Soßen sämig, das Gemüseallerlei hat Gebisszartheit. "Wenn Sie sich nicht zwischen Weiß oder Rot entscheiden können, nehmen Sie doch Rosé", hilft die dralle Serviererin aus Marzahn bei der Wahl.

Der Restaurantchef ist jung und schnoddrig, die Stimmung gut wie in keinem anderen edlen Speiseraum, das Eis ein Kindheitsphantasma, das ganze Haus eine stark geschminkte Diva, die ihre exzessive Lebensart pflegt wie ihren Eigensinn, der zwischen Selbstüberschätzung, charakterlicher Piefigkeit und aufrechter Generosität oszilliert. Hier im Miramar ist das Elementare der Insel verwoben mit dem Geschmack der Wirtschaftswunderzeit. Die Milchsonne des Nordens scheint zur Feier des Aufschnittbuffets, und der Wind verteilt die Zuckerwatte des Ozeans auf den Füßen der am Spülsaum wandernden Figuren, seinen weißen Brandungsschaum, der stark an die cremige Pflegelotion im Hamam erinnert. Yeah. Syltness eben.

 

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Autor:
Andreas Weber