Hamburg Wellness an der Elbe

Gesa Tobinski wickelt sich das rot-weiß karierte Tuch, das Pestemal, um die Brust, dann verschwindet sie im Nebel. Im Hararet, dem Dampfzimmer und Hauptraum des Hamams, ist es 39 Grad heiß, die Luftfeuchtigkeit liegt heute bei gut 80 Prozent. "Das Pestemal verhindert, dass der Körper weder überhitzt, noch unterkühlt", erklärt Selma Costur, Inhaberin des türkischen Bades an der Feldstraße in Hamburg St. Pauli. 

Derweil wird im Hararet ordentlich geschwitzt. Heute ist Frauentag. Mit Kupferschalen schöpft Gesa Tobinski lauwarmes Wasser aus einem Marmorbecken und übergießt sich damit: So weicht sie ihre Haut auf, um sie für das anschließende Peeling vorzubereiten. In der Mitte des Raumes räkeln sich zwei Hamam-Besucherinnen auf dem Göbektasi, dem achteckigen beheizten Marmorpodest. Über ihnen leuchtet der Sternenhimmel, eine Nachbildung der Himmelsscheibe von Nebra. Selma Costur hat die Platte von einem Künstler originalgetreu fertigen lassen.

Eine der Hamam-Gäste hat die Verwöhnvariante 4 aus dem Programm gewählt. Masseurin Kathrin holt die Besucherin ab und begleitet sie auf eine Marmorliege. Für Kathrin ist die Behandlung Schwerstarbeit. Mit sanfter Dehnung sowie rhythmischen Druck von Handballen, Daumen, Ellenbogen und Knien bearbeitet sie den Körper. "In der Türkei geht es schon etwas rauer zu", sagt sie und schrubbt mit der Kese, dem Peeling-Handschuh aus Wildseide und Baumwolle, über die Haut der Kundin.

Es duftet nach Zitronenmelisse, die Seifenschaummassage steht an. Mit einem Beutel aus Baumwolle, den Kathrin mit Seifenlauge gefüllt hat, türmt sie einen Schaumberg auf dem Körper der Besucherin und verteilt die luftige Masse mit langsamen Streichbewegungen über Arme und Beine. Der Schaum legt sich wie ein warmer Mantel über die Haut, die Schaumbläschen knistern am Ohr. Nachdem der Schaum abgewaschen ist, folgt der krönende Abschluss: die Ölmassage.

Inhaberin Selma Costur kann sich noch genau an den ersten Hamam-Besuch in ihrer Heimat erinnern, an den Seifengeruch und an das warme Wasser auf der Haut. Die heute 44-jährige Türkin war damals acht Jahre alt. Als sie 1971 nach Deutschland kam, suchte sie vergebens nach ähnlichen Einrichtungen. Das Reinheitsgebot des Islam schreibt tägliche Waschungen vor. 1584 wurde das erste öffentliche Badehaus in Istanbul gebaut. "Hamans dienten von Anbeginn an auch zum kulturellen Austausch", betont Costur. "Es war eine soziale Begegnungsstätte, in der Reisende, Kaufleute, Aristokraten, Bauern zusammenkamen. Mit dem Tuch sind alle gleich."

Vor sechs Jahren eröffnete Costur mit ihrem Mann das Hamam an der Feldstraße - und die Idee kam an: 2004 erhielt das Ehepaar den Hamburger Gründerpreis. Heute verzeichnet das Bad an der Feldstraße jährlich mehr als 10.000 Besucher, längst haben die Costurs in St. Pauli eine zweite Filiale in der Seewartenstraße eröffnet, zwischen Elbe und Reeperbahn.

Selma Costur hat viele Stammgäste. Türken kommen nur wenige, "80 Prozent sind Deutsche". Viele ihrer Besucher scheuen auch eine längere Anreise nicht, denn "traditionelle Hamams in Deutschland lassen sich an einer Hand abzählen", sagt die Geschäftsfrau. Zwar besitzen zahlreiche Hotels und Thermen türkische Dampfbäder, doch dort wird sich oft nicht an die klassischen Behandlungsmethoden gehalten, kritisiert Costur. In ihren Hamams hat sie alles stilecht gehalten, beginnend bei der Inneneinrichtung. Sie importierte Stoffe und Möbel aus der Türkei. Auch die Kosmetikprodukte stammen aus ihrer Heimat. Aber in einem Punkt hat Selma Costur die The George HotelTradition gelockert: Sie führte gemischte Badetage ein. Nur montags und freitags sowie jeden zweiten Sonntag ist das Hamam den Damen vorbehalten.

Gesa Tobinski, die Heilpraktikerin aus Buxtehude, war "etwas ängstlich", als sie vor circa drei Jahren zum ersten Mal das Haman an der Feldstraße besuchte. Es war beruhigend, "dass man so an die Hand genommen wurde". Mittlerweile zählt sie zu den Stammgästen. Sie kennt und schätzt die Vorzüge des jahrhundertealten Waschrituals: "Hier kann man den Stress im Wasser lassen."

Nach dreistündigem Orient-Zauber hat der Alltag sie wieder, sie trägt wieder Jeans und Pulli. Ihre Wangen sind gerötet, ihre braunen Locken kringeln sich um ihr Gesicht. "Drei Stunden hier sind wie drei Wochen Urlaub", sie wird bald wiederkommen.

The George: Wohlweh in St. Georg

Das im Stadtteil St. Georg gelegene und im Herbst 2008 eröffnete Hotel gilt als eine der Trendadressen in der Hansestadt. Im 180 Quadratmeter großen Spa des Vier-Sterne-Hotels taucht der Besucher in eine orientalische Welt ein: Knallbunte Spiegelornamente stehen im Kontrast zu beruhigenden Sandtönen. Man fühlt sich an die strahlenden Farben Marrakeschs erinnert.

Gestressten Gästen empfiehlt Spa-Managerin Delia Donat die gleichermaßen entspannende wie erfrischende Detox & Refresh-Massage. Bei der knapp einstündigen Ganzkörperbehandlung kommen reines Olivenöl und ein Meersalzpeeling zum Einsatz. Bei der Massage kombiniert Delia Donat Elemente der 5000 Jahre alten indischen Ayurveda- mit klassischer Triggerpunkt-Massage; Triggerpunkte sind verspannte Stellen im Muskelgewebe. Durch Druck reizt der Masseur diese Stellen, dabei überträgt jeder Muskel einen Schmerz. Zwar ist dies zunächst etwas unangenehm, führt aber kurz darauf schon zu einer Art "Wohlweh".

Delia Donat führt durch den Wellness-Bereich: zwei Behandlungsräume, ein Ruheraum, eine finnische Sauna. "Es ist klein", gibt die gelernte Physiotherapeutin zu, "aber funktional." Düfte von Wildrose, Fichtennadel und Vanille sind auszumachen. Im Anschluss an die Spa-Behandlung kann es sich der Gast auf der Terrasse im sechsten Stock des George gut gehen lassen.

Eingehüllt in den Hotelbademantel genießen die Gäste dort die frische Luft und das Panorama - entlang der Außenalster vom Michel bis zum Fernsehturm. Bei gutem Wetter können sich die Kunden auf der Terrasse sogar massieren lassen. Und wer sich zum Abschluss eines entspannten Wellness-Aufenthalts noch einen Cocktail gönnen will, fährt mit dem Fahrstuhl einfach eine Etage höher. Im siebten Stock des Gebäudes steht die 250 Quadratmeter große "Rooftop Bar" allen Besuchern offen.

Vier Jahreszeiten: Hightech-Badewanne gegen Jet-Lag

Der linke Arm will nicht entspannen. "Er ist eigensinnig", sagt Samir Heinsdorf, Spa-Manager im . Unermüdlich knetet, streicht und reibt er über das Gliedmaß. "Sind Sie Linkshänderin?" Nein. Der Arm ist steif, er will nicht locker werden. Heinsdorf kennt das. Seit fünf Jahren leitet der 39-Jährige das Spa im Fünf-Sterne-Hotel an der Binnenalster.

Im Vier Jahreszeiten werden die Behandlungstermine zeitlich so weit auseinander gelegt, dass jeder Besucher den 500 Quadratmeter großen Wellness-Bereich fast für sich allein hat. An langen Fluren verteilen sich fünf Behandlungsräume, jeweils ausgestattet mit Einzelduschkabine. Sogar einen Massageraum für Paare gibt es. Eine Treppe höher, im Dachgeschoss, liegt der Fitness-Bereich.

Zunächst geht es in die Umkleidekabine mit angrenzendem Nassbereich. Umziehen, ausgedehnt duschen, im Dampfbad Orangenduft einatmen, den Stress ausatmen - und keiner Menschenseele begegnen. Die Stille genießen. Nur eine Bach-Sonate rieselt leise aus versteckten Lautsprechern. Bereits hier ließe es sich stundenlang verweilen. Doch Samir Heinsdorf und die sogenannte Atlantis-Badewanne warten.

Das moderne Gerät unterstützt die Lymphfunktion, massiert die Muskeln und regt die Durchblutung an. "Sie ist hervorragend gegen Jet-Lag", sagt Heinsdorf. In jedem Fall ist es spektakulär, wie die Düsen zischen und es sprudelt. Eine Viertelstunde dauert die Behandlung in dem milchigen, 34 Grad warmen Bad, das mit Fichtennadelöl versetzt ist. Danach ist die Haut geschmeidig, die Muskeln sind gelockert, nur der linke Arm ist noch verkrampft.

Ihn sowie den Rest des Körpers versucht Samir Heinsdorf mit der Vier-Jahreszeiten-Massage zur vollen Entspannung zu bringen. Mit leichtem Druck gleitet er über den ganzen Körper. In den ersten Minuten will Heinsdorf verstehen, wie der Körper funktioniert. Der Masseur erfahre den Körper, sagt er und hebt erneut den linken Arm - und der Arm fällt. Er ist locker. Samir Heinsdorf ist am Ziel.

Autor:
Philine Gebhardt