Lübeck Weißes Gold und Marzipan

Gespenstisch wandelt das Monster mit einem Sarg durch die nächtliche Stadt, eine Schar Pest bringender Ratten im Gefolge. Still fließt die Trave an den alten Salzspeichern vorbei. Nosferatu hat eine Bürgertochter im Visier, um an ihr seine Begierde zu stillen. Der Vampir war 1838 gekommen, um eines der sechs Backsteingiebelhäuser in Besitz zu nehmen, in denen einst das für Lübecks Reichtum hergeschaffte Lüneburger Salz gelagert wurde.

In Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker "Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens" heißt die Stadt "Wisborg". Doch es sind auch Lübecker Kulissen, vor denen 1921 Teile des Films gedreht wurden. Diese Aufnahmen sind heute einmalig, seit dem Palmsonntag 1942 gibt es viele Häuser nicht mehr. Sie wurden beim ersten massiven Luftangriff auf eine deutsche Stadt zerstört.

Nachbar der alten Salzspeicher ist das mit dem Brandenburger Tor und dem Kölner Dom bekannteste Bauwerk Deutschlands: das mehr als 500 Jahre alte Holstentor. Hinter seinen bis zu dreieinhalb Meter dicken Mauern wird das Mittelalter quicklebendig, wenn sich Sechs- bis Elfjährige spielerisch in das raue Leben von Piraten und die Gefahren für Handelsschiffe und Kaufleute hineinversetzen lassen. Wie Letztere ihr Kapital gewannen und mehrten, erfahren unterdessen die Eltern. Vor dem großen Holzmodell, das Lübeck im 16. Jahrhundert zeigt, bestaunen sie die kompakte Bauweise einer veritablen Festungsstadt. Die wenigsten wissen, dass das Holstentor nur der Rest einer einst viertorigen Wehranlage ist. Und auch das sollte fallen. Doch 1863 beschloss die Bürgerschaft mit nur einer einzigen Stimme Mehrheit, das künftige Wahr- und Warenzeichen besser zu erhalten. Das Holstentor seinerseits hinderte die Stadt nicht, sich auszubreiten.

Lübecks Kern ist eine Insel und hat die Form einer breiten Kogge, deren Planken von der Trave und der Wakenitz umschlungen werden. Im Norden der Burgbezirk, in der Mitte das Quartier der Kaufleute und Handwerker, im Süden das Domviertel. Von allen Seiten klettern Straßen und Gassen zum Innenstadthügel hinauf, manche nach Handwerkszünften benannt und wegen ihrer Neigung als "Grube" bezeichnet. Noch heute flaniert man vor geschlossenen Ensembles von Gotik, Renaissance und Klassizismus, hier und da unterbrochen von Torbögen und Gängen, die in Innenhöfe mit Hinterhäuschen locken. Weil Wasser und Wälle den Stadtraum beschränkten, wurde eng gebaut.

Gärtlein, Bänke, Bäumchen, Schuppen, Laternen könnten hier das Bild einer verwunschenen Welt erstehen lassen, wäre nicht auch mit heutiger Perfektion restauriert worden. Die mild tätigen Stiftseinrichtungen Füchtingshof und Glandorps Hof, einst Quartiere der Armen, sind heute sorgsam gepflegte Kleinode im Bild der Stadt. Leider sind auch grobe Eingriffe ins Stadtbild zu beklagen. Einigen Innenstadtstraßen wurden beim Wiederaufbau Häuser angetan, denen man als Bestes ihre absolute Abwesenheit von Eigenart nachsagen kann.

Ganz oben auf dem Stadthügel greifen die Zwillingstürme von St. Marien nach den Sternen. Die Kirche stellt die Stadt in den Schatten. Sie ist gewaltig, erhaben und etwas distanziert. Gebete werden entgegengenommen. St. Mariens Vorbilder stehen in Nordfrankreich: die kühn in die Höhe strebenden hochgotischen Kathedralen von Soissons, Amiens, Quimper und andere, die den Lübecker Fernhandelsleuten imponierten. Nach dieser neuen Mode des 13. Jahrhunderts wollten auch sie bauen, denn welche Architektur wäre geeigneter gewesen, das Bewusstsein des stolzen, verselbstständigten Bürgertums der gerade reichsfrei gewordenen Stadt auszudrücken? Wenn auch nicht im Sand- oder Kalkstein-Habit - diese Baustoffe gab es hier im Norden nicht -, sondern im Gewand gebrannter Tonziegel.

Macht, Fall und Wiederauferstehung

Ab jetzt unterstand Lübeck der strengen Zucht des Backsteins. Hundert Jahre dauerte es, bis die Marienkirche 1350 vollendet war. 38,5 Meter Gewölbehöhe, Türme 125 Meter hoch. Der Dom des Bischofs lag im Süden im Abseits, die Kathedrale des Bürgertums im Zentrum, womit die Machtverhältnisse umschrieben waren. Und schließlich exportierte sich die Marienkirche sogar selbst. Als Basilikal-Typ ist sie Mutterkirche von rund siebzig gotischen Gotteshäusern vor allem in den Ostseestädten bis hinauf nach Schweden und ins Baltikum. Alles Backstein.

Zu Füßen der großen Kirche steht eines der außen und innen schönsten Rathäuser Deutschlands, backsteingotisch und mit Renaissance-Elementen. Unter seinen Arkaden wird in einer Konditorei Marci panis, das Brot des Schutzheiligen Markus, serviert. Hier bei Niederegger, dieser weltbekannten Lübecker Manufaktur, frönen Bürgerfrauen und Tagestouristen andächtig der Marzipantorte. Ihr Blick nach draußen kann dem Mittelpunkt des Weltkulturerbes Lübeck nicht ausweichen: dem 2005 durch einen gesichtslosen Zweckbau der Textilkette Peek & Cloppenburg notgezüchtigten Markt.

Mariens Geläut erfüllt die Stadt, sieben Glockenstimmen sind von einzigartigem Klang. Unten im Südturm liegen zwei zerschlagene Glocken noch so, wie sie in der Bombennacht zum Palmsonntag 1942 abgestürzt sind. Ein Mahnmal. Die Ausstattung der Kirche ist großteils verbrannt, auch die Kopie des berühmten Totentanzes von Bernt Notke. Der Lübecker Meister malte 1463 auf dreißig Meter Leinwand diesen in der mittelalterlichen Sakralkunst sehr populären Reigen, in dem sich Tod und Menschen aller Stände abwechseln. 1701 musste der stark beschädigte Fries ganz neu erschaffen werden - wieder für nur knapp zweieinhalb Jahrhunderte.

Doch der Totentanz lebt. Alfred Mahlau schuf 1953 auf zwei Fenstern der Totentanzkapelle Glasmalereien mit der Silhouette des brennenden Lübeck im Sockel. Über der untergehenden Stadt tanzen die aus dem Leben Abberufenen, wild, verzweifelt, ergeben. Im wieder - erstandenen Tympanonfenster der Kapelle nahm Markus Lüpertz 2002 das Totentanzthema gleichermaßen auf - in beeindruckender Korrespondenz zum Mahlau-Werk.

Als Notke seinen Totentanz malte, war die Hanse auf dem Höhepunkt ihrer Macht und Lübeck Hauptort der zeitweise bis zu 200 Städte starken nordeuropäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Hier, am Schnittpunkt der Kaufmannswege, wurden Wein, Salz und Tuche aus dem Westen, Fisch, Pelze, Flachs, Wachs und Teer aus dem Norden und Osten, Spezereien, Öl, Glas und Keramik aus dem Süden und dem Orient gehandelt. Von Lübeck ging die Entwicklung anderer Städte im Ostseeraum aus. Sie übernahmen auch rasch das Lübische Recht. Sehr selbstbewusst verkehrte der Rat der Stadt mit dem Kaiser. Doch nach dem Dreißigjährigen Krieg sank der Stern der Hanse. Der Wirtschaftsverkehr hatte sich nach Westen verlagert, und die große Handelsmacht Holland fuhr nun selbst um Jütland herum in die Ostsee. 1669 fand der letzte Hansetag in Lübeck statt. Es erschienen Vertreter von nur noch neun Städten.

Zur 1980 gegründeten "Hanse der Neuzeit" gehören heute 176 Städte. Einmal im Jahr treffen sie sich. 2014 ist Lübeck Gastgeber und erwartet einige Zigtausend Besucher aus weit mehr als hundert Hansestädten. Mittelalterspiele und Wirtschaftssymposien werden ihnen hoffentlich Zeit lassen, die große Kunst- und Kulturlandschaft zu erleben, das Erbe der Hanse und der Lübecker Gesellschaft, heute mit viel Geld und Herz gepflegt von zahlreichen Stiftungen. Die Besucher sollten Kunst und bürgerliche Wohnkultur im Behnhaus Drägerhaus und die sakralen Schätze im Dom und im St. Annen- Museum bewundern, die Halle des Heiligen-Geist-Hospitals. Frühgeschichte, Mittelalter und Moderne begegnen sich im Archäologischen Museum am Burgtor.

Zu besichtigen sind die fast benachbarten Häuser, die den drei Lübecker Nobelpreisträgern Thomas Mann (abgewandert), Willy Brandt (exiliert) und Günter Grass (zugezogen) gewidmet sind. Bach oder Händel hätten berühmte Lübecker werden können. Die beiden Interessenten um die Nachfolge des Marien-Organisten Dieterich Buxtehude wären aber unter anderem verpflichtet gewesen, dessen Tochter zu ehelichen. Letztlich erstrebten beide die renommierte Stelle doch nicht. An Lübeck und dem Job kann es nicht gelegen haben.

Autor:
Tibor Ridegh