Rheinland-Pfalz Wein von Günther Jauch

Vom Kanzemer Altenberg kann man herunterblicken auf Günther Jauch und das Weingut von Othegraven, das er im Frühjahr diesen Jahres übernommen hat. Es liegt am Dorfrand von Kanzem, an einem Seitenarm der Saar, an dem sich auch Biber und Kröten tummeln. Die Bahngleise führen in einer engen Kurve so nah am Weingut vorbei, dass man von oben meinen könnte, die Züge müssten direkt durch das Wohnzimmer des Fernseh-Routiniers und Jung-Winzers rauschen.

Die Saar und ihre Weine, vor allem Rieslinge, sind in aller Munde. Sie waren es schon, bevor Jauch beschlossen hat zu winzern. Aber seitdem er sich regelmäßig in Kanzem aufhält, fällt die Aufmerksamkeit noch viel größer und wuchtiger aus. Der Jauch-Faktor, gemessen an Blitzlichtern und Schlagzeilen, ist gestiegen an der Saar. Diesem kleinen und zu Rheinland-Pfalz zählenden Anbaugebiet, das sich am Fluss entlang gerade mal 30 Kilometer von Konz bis Serrig erstreckt.

Das Saartal sei eine der "Lachfalten im Gesicht Deutschlands", sagt Helmut Plunien. Der 46-Jährige ist an die Saar gekommen als Jauch noch nicht da war. Eigentlich ist er an die Saar zurückgekehrt, er stammt aus Wiltingen. Aber Plunien ist schon viel herumgekommen, hat in der Schweiz gearbeitet, war neun Jahre Weingutsdirektor des Bürgerspitals in Würzburg, bis Mitte 2010 leitete er die Bischöflichen Weingüter in Trier. Mit seiner geballten Erfahrung schiebt er jetzt das eigene Weingut Vols in Ayl nach vorne, einer der Betriebe, die sich hinter den etablierten Platzhirschen zeigen. Hinter Egon Müller dem Vierten, dem weltweit verehrten Godfather des Saar-Rieslings. Oder dem Weingut Van Volxem, das viel für das Renommee des Gebietes geleistet hat, das seit 2007 zum Anbaugebiet Mosel zählt. Vorher lief es unter dem Label Mosel-Saar-Ruwer.

Plunien, ein großer, kräftiger und cleverer Mann, versteht sich als Macher: Was er anfasst, soll auch gelingen. Sein Weingut hat er benannt nach der Einzellage Vols in Wiltingen, die einmal als so wertvoll galt wie der Scharzhofberg. Einer der berühmtesten Weinberge der Welt, in dem die Egon-Müller-Dynastie seit Generationen Weinmagie betreibt. Es ist bemerkenswert, mit welcher Konsequenz Plunien in kurzer Zeit seine Vorstellungen von idealtypischen Saar-Rieslingen umgesetzt hat. "Meine Weine sind leicht, lebhaft und beschwingt, trotzdem sehr komplex", sagt Plunien. "Die breite, fette Stilistik mag ich nicht." Grazil und doch beeindruckend, das ist die Kunst, die von Saarwinzern wie ihm beherrscht wird. Vols steht für schlanke und feste Weine, mit tiefgründiger Mineralität und Würze.

Helmut Plunien arbeitet gerne im Weinberg, man sieht es an seinen mächtigen gegerbten Händen. "Die Rebe liebt die Sonne, aber noch mehr den Schatten ihres Herrn", sagt er, auch als Seitenhieb zu verstehen gegen Winzer, die Wildwuchs im Weinberg zulassen und so Qualitätseinbußen billigen. Plunien ist neugierig, immer wieder stellt er sein Auto ab, um die Weinberge anderer Winzer zu begutachten, manches gefällt ihm, manches nicht. Handarbeit und möglichst wenig Chemie, das ist seine Prämisse. Deshalb lässt er seine Weine spontan mit eigenen Hefen vergären. "Wir plagen uns so ab in den Steilhängen, entweder wir machen guten Wein oder wir lassen es bleiben." Die Spontangärung unterstützt die würzigen, kräuterigen Noten in seinen auf Schiefer gewachsenen Rieslingen, die auch mit etwas Restsüße nie langweilig wirken und eine Bereicherung für das Gebiet sind.

Auch Max von Kunow ist vor kurzem an die Saar zurückgekehrt. Dass er mit Günther Jauch verwandt ist, lässt sich optisch nicht erschließen. Der Showmaster und der Winzer sind Cousins vierten Grades, den Stammbaum weiter zu entblättern, würde an dieser Stelle zu weit führen. Aber was die Cousins verbindet, ist die Vorliebe für stahlige und feingliedrige Saarrieslinge. Die Meinung von Kunows ist im In- und Ausland gefragt, obwohl er gerade mal 32 Jahre alt ist. Die letzten Jahre hat er als Berater in Luxemburg dafür gesorgt, dass die Privatwinzer dort zu neuer Stärke gefunden haben. Vor wenigen Wochen erst hat er das elterliche Weingut Von Hövel in Oberemmel übernommen.

Besser als jeder Joint

Für ihn ist es eine Aufgabe mit großem Reiz, hier mit seinem Vater Eberhard von Kunow zusammen zu arbeiten. "Wir haben an der Saar die große Chance unverwechselbare, nicht angereicherte Naturweine zu erzeugen. Es gibt kaum ein Gebiet auf der Welt, wo man so viel Geschmack mit so wenig Alkohol findet." Dabei hat die Saar auch von der Klimaerwärmung profitiert, schwache Jahrgänge sind zur Ausnahme geworden, bis in die 1980er Jahre mussten sie noch regelmäßig verkraftet werden. Da waren die Weine manchmal zu säuerlich, weil die Trauben nicht ausreifen konnten.

Der Fasskeller im Weingut Von Hövel ist 1100 Jahre alt, mit der Aura eines Kirchengewölbes. "Er befindet sich im alten Flusslauf der Mosel", sagt von Kunow. Nicht nur für ihn hat er eine ganz besondere Ausstrahlung, auch Besucher sind immer wieder davon gefesselt. Es ist ein Ort, an dem große Weine entstehen können. Den Jahrgang 2010, von der Natur ausgestattet mit außergewöhnlich hohen Säurewerten, hat von Kunow nicht entsäuert. Die Traubenmaische wurde in Bütten über Nacht auf den Gutshof gestellt, dabei wurde die überschüssige Weinsäure ausgefällt.

Es sind sehr stahlige und fruchtige Weine, Saar in Bestform. Auch die Rieslinge mit Restsüße faszinieren mit ihrem animierenden Säure-Süße-Spiel, vor allem die aus den Lagen Oberemmeler Hütte und Scharzhofberg. Sie sind enorm lagerfähig, gerade in den USA und in Asien werden sie geschätzt, in Deutschland sind sie kaum bekannt. "Sie animieren zum Trinken, die Zeit der Totschläger ist vorbei", sagt Max von Kunow, der glücklich ist mit dem Jahrgang 2010. "In guten Jahren kommen die besten Moselweine von der Saar, in schlechten hat die Mosel die Nase vorn." In den vergangenen Jahren wurden die Winzer an der Saar verwöhnt, 2006 war der letzte schwierige Jahrgang.

2006 war ausgerechnet das Premierejahr von Dr. Jochen Siemens als Winzer. Er arbeitete beinahe 30 Jahre als Journalist, zuletzt als Chefredakteur eines Weinmagazins und wurde dabei vom Weinvirus befallen. Siemens war beinahe 60 als er in Serrig ein Weingut übernehmen konnte. Kurz vor der ersten Ernte wurde innerhalb weniger Stunden beinahe die Arbeit eines ganzen Jahres vernichtet. Bis zum 25. September hatte alles prächtig ausgesehen, ganz nach einem Bilderbuch-Jahrgang. Aber an diesem Montag mussten Siemens und seine Frau Karen mit ansehen, wie 70 Prozent ihrer Trauben wegfaulten. "Das hat uns beinahe ruiniert", sagt Siemens. Was ihn zum Durchhalten bewogen hat, ist auch das Wissen um die Qualität seiner Weinberge. Der Würtzberg und der Herrenberg haben das Potenzial für große Weine. Burgunder, aber vor allem Riesling wachsen in den majestätischen Schiefersteillagen, bis zu 350 Meter ziehen sie sich hoch, unten tingelt bedächtigt die Saar.

Kurz hinter Serrig ist kein Schiefer mehr zu finden, da endet das Anbaugebiet. In den Weinbergen von Jochen Siemens stehen immer noch zwei Bunker, Relikte des Westwalls, hier wurde in den letzten Kriegstagen noch erbittert gekämpft. Am Wohnhaus sind heute noch die Einschusslöcher und Splitterspuren von Geschossen zu sehen. Die Kriegsschrecken haben sich längst verzogen, auch mit dem traumatischen Beginn seiner Winzerlaufbahn hat der Jahrgang 2010 Jochen Siemens endgültig versöhnt. Die trockene Spätlese aus dem Würtzberg begeistert mit entfesselter Kraft und elegantem Spiel. Im Keller roch dieser Riesling lange seltsam und streng, an manchen Tagen nach Marihuana-Plantage.

Heute lassen seine Wirkstoffe mühelos jeden Joint vergessen. Der Scivaro ist geprägt von feiner Mineralität und einem adretten Süße-Säure-Spiel, schlank und intensiv, zwischen diesen Polen bewegt er sich. Von seinem Scivaro hat Siemens auch noch ältere Jahrgänge zurück gehalten, die jetzt höchsten Trinkgenuss versprechen und auch perfekt Sushi und asiatische Küche begleiten. Ein überraschender Coup ist mit dem cremigen und doch lebhaften Pinot Blanc Reserve gelungen, der burgundische Dimensionen erreicht. Ein Ausnahme-Pinot von der Saar. Jochen Siemens hat sich vorgenommen, als Winzer vorne an der Saar mitzumischen. Mit diesen Weinen hat er es erreicht.

Information und Bezugsquellen

Weingut Vols, Helmut Plunien, Zuckerberg, 54441 Ayl, Telefon 0651-993 54 14, info@vols.de,

Weingut von Hövel, Agritiusstraße 5-6, 54329 Konz- Oberemmel, Telefon 06501-153 84,

Weingut von Othegraven, Weinstraße 1, 54441 Kanzem, Telefon 06501 - 150042,

Weingut Dr. Siemens, Römerstraße 63, 54455 Serrig, Telefon 06581-920 09 92,

Quelle:
Autor:
Rainer Schäfer