Rheinland-Pfalz Wein für Blutsbrüder

Die Narben sind verheilt, aber hier muss das Blut geflossen sein, als die beiden Männer ihre Arme mit einem Messer anritzten, um ewige Blutsbrüderschaft zu besiegeln. Hat sich die Szene so zugetragen? "Natürlich nicht", grinst der Winzer Fritz May, "nur in unserer Phantasie." Aber gemeinsam mit seinem Bruder Peter hat er einen aufregenden Rotwein erfunden, den Blutsbruder. Auf dem Etikett sieht man ein Motiv, auf dem die Unterarme gegeneinander gedrückt werden. Darunter steht: Für immer vereint. Ohne Umweg spielt dieser Wein auf den Namen des Weingutes an: Karl May und auch auf Winnetou und Old Shatterhand, das berühmte Blutsbrüderpaar.

In Osthofen, im Süden Rheinhessens gelegen, arbeiten Peter, 31, und Fritz, 29, mit ihrem Vater Karl May zusammen. Mit dem gleichnamigen Schriftsteller, dem Erfinder von Winnetou und seinem starken weißen Bruder, hat die Familie nicht mehr zu tun als viele andere: Die Mays haben in den Büchern geblättert und vor allem die Filme angeschaut, sonntagnachmittags in die Sofakissen gedrückt von geballter Wildwestromantik, Pulverrauch und großen Gefühlen.

"Aber wir wurden auch immer mit dem Namen aufgezogen", erzählt Karl May. Und die Brüder wurden immer wieder gefragt: "Wer von euch ist denn der Winnetou und wer ist Old Shatterhand?" Das konnte manchmal lästig sein. Ihre Rache ließ lange auf sich warten, aber als sie 2009 nach einer Weinmesse abends in einer Runde zusammen saßen, äußerte sie sich auf humorvolle Art: Morgens um vier wurde die Idee für diesen Wein ausgebrütet, den Blutsbruder. Der erste Jahrgang wurde 2010 abgefüllt, es ist eine perfekt abgestimmte Cuvée aus Cabernet Cubin, Cabernet Sauvignon und Regent, die in älteren Barriques ausgebaut wurde. Ein Wein, der nach dunklen Beeren und Cassis schmeckt und Sehnsucht nach Abenteuer weckt.

Diese Cuvée ist zum Brandzeichen des Betriebes geworden. Der Blutsbruder zeigt, dass sich die Gebrüder May auf Rotwein verstehen. "Bei diesem Namen muss der Wein etwas können", sagt Fritz May, "alles andere wäre peinlich." Die Brüder wissen, was sie wollen und wie sie es erreichen. "Wir verstehen uns gut und sind sicher im Entschluss", sagen die beiden. Auch wenn der Vater und der Onkel ihre Meinung nicht für sich behalten wollen, letztendlich entscheiden sie. Die Ergebnisse geben ihnen Recht, die Weine zeugen eindrucksvoll von viel Gespür und Gefühl.

Der Geyersberg Spätburgunder lässt an große Burgunder denken, der rare Frühburgunder schmeckt superb, es ist eine Rebsorte, die schwierig im Anbau ist. Die Wespen gehen gerne an die Trauben, die außerdem zu schneller Fäulnis neigen. Der Cabernet Sauvignon, der noch im Fass reift, ist ein äußerst charmanter Poser, und selbst der gemeinhin wenig geschätzte Dornfelder trumpft groß auf. "Wir wollen die Kritiker überzeugen, dass Dornfelder etwas Gutes sein kann, wenn man die Erträge reduziert und Arbeit rein steckt", sagt Fritz May. 2010 holten sie mit dem Dornfelder Barrique den deutschen Rotweinpreis, eine kleine Sensation. Schon 2008 wurde der Frühburgunder aufs Siegertreppchen gehoben.

Beinahe 50 Prozent der 14 Hektar Gesamtfläche hat das Weingut mit Rotweinreben bestockt, ein hoher Anteil für Rheinhessen, das sich mit Weißweinen ein Profil geschaffen hat. Über 100 Fässer stehen im Barriquekeller, überdurchschnittlich viel für diese Betriebsgröße. Aber im Wonnegau ist es wärmer als im Norden des Anbaugebiets, was den Rotweinreben gefällt, und "die Kalkböden sind perfekt für Burgunder", erklärt Fritz May gut gelaunt. Er hat eine kräftige Figur, mit der er neben Old Shatterhand jedem Schurken entgegentreten könnte. Wie sein Bruder studierte er Weinbau in Geisenheim, danach arbeiteten sie unter anderem in Neuseeland, Australien und Österreich, wo sie den gekonnten Umgang mit kleinen und großen Holzfässern vertieften.

Der Vater ist froh, dass seine patenten Buben wieder nach Osthofen zurückgekehrt sind, wo die Familie May seit 1815 Weinbau in der siebten Generation betreibt. Karl May trägt ein kariertes Hemd, Hosenträger und eine Lesebrille, an ihm ist der wilde Westen ohne Wirkung vorbei gezogen. Mit einer Weinschorle setzt er sich raus in den Schatten, das hat er sich allemal verdient mit diesem Namen und diesen Söhnen, die den Betrieb mit viel Elan und neuen Ideen nach vorne gebracht haben. Neben dem 300 Jahre alten Fachwerkhaus wurde eine moderne Vinothek erbaut, auch als Zeichen dafür, dass die Generationen gut zusammen arbeiten. Bei der Einweihung wurde Bullriding angeboten und mit Hufeisen geworfen, die Winzer können ausgelassen sein, aber auch zupacken, wenn es verlangt wird. Seit 2007 werden die Weinberge nach ökologischen Richtlinien bewirtschaftet, auf den Einsatz von Herbiziden und chemisch-synthetischen Mittel wird konsequent verzichtet.

Auch in den gelungenen Weißweinen ist die sorgfältige Arbeit im Weinberg schmeckbar. Die weißen und grauen Burgunder sind cremig, nicht zu schwer und zu attraktiven Preisen erhältlich. Der Riesling Goldgeyer kommt aus den besten Lagen Geyersberg und Goldberg, ein eleganter Wein, der durch feine Frucht und die vom Kalkstein geprägte Mineralik besticht. Es ist ein stimmiges Sortiment, das vom Weingut Karl May angeboten wird, von den Lagenweinen bis zum unkomplizierten Rosé RosaRot, der sich gut macht beim Grillen und an Lagerfeuern, wo nach einigen Gläsern die Geschichten von Blutsbrüdern in die Weiten des Wonnegaus getragen werden. Im kommenden Jahr muss Peter May eine Zeitlang ohne seinen Bruder Fritz auskommen, der sich den Weinbau in Südafrika aus der Nähe anschauen will. "Ich muss immer mal wieder raus", sagt der Winzer. "Man muss sich die Welt ja anschauen." Es ist ein Fernwehmotiv, wie man es bei Karl May findet, dem Schriftsteller.

Weingut Karl May, Liebenauer Hof, Ludwig-Schwamb-Straße 22, 67574 Osthofen, Telefon 06242-23 56, Blutsbruder (http://www.blutsbruder-wein.de/)

Autor:
Rainer Schäfer