Deutschland Wasserburg, Insel im grünen Oberbayern

Unten am Inn, sie mit knallroten Haaren, er barfuß mit Zopf: Sie knutschen. Ein Ghettoblaster steht neben den beiden Romantikern im seichten Kiesbett, schickt einen harten Rocksong in die Luft. Wie alt mögen die beiden sein? Sechzehn, siebzehn? Da! Er schiebt seine Hand unter ihr T-Shirt, und auf blankem Rücken ist’s zu sehen: Ein flammenspeiender Drache wölbt sich dort, in schwarzer Tinte auf die Haut gestochen; früher wäre jedem Holzknecht bei diesem Anblick die Axt aus der Hand gefallen.

Nur Meter weiter brennt ein Lagerfeuer am Inn-Ufer, auch da sitzen sie in unerwarteter Pose. Einer zupft sich auf der Gitarre durch einen Hippie-Song, derweil zwei Punks grüne Irokesen tragen und Handstand auf ihren Skateboards üben. Und dann, beim heiligen St. Jakob!, noch dies: Nur eine Inn-Biegung weiter liegen drei Bilder von Frauen vor dem fließenden Grün, räkeln sich in der Sonne, so knapp bekleidet, dass man schon genau hinschauen muss.

Man muss sich wundern über die gewagten Motive, hier im adretten Oberbayern, obendrein vor der Kulisse dieses prächtigen Städtleins namens Wasserburg - und manchmal macht das Wundern richtig Spaß.

Eben noch von historischen Scherzbildern und Fassadenmalereien aus dem 16. Jahrhundert beeindruckt, von gülden gezierten Rokoko-Erkern und gotischen Arkaden bezirzt, darf sich das Auge schon wieder Lebendigem zuwenden. Ein lauer Abend, draußen sitzen die Herrschaften in den Cafés, schon leicht vom Apérol beflügelt, als oben auf den Häusern Menschen erscheinen. In Jeans und T-Shirts klettern sie aus den Luken und Stiegen, sitzen bald unterm Himmel auf den Dächern und tun nichts. Blicken einfach auf ihr hübsches Wasserburg und üben sich in der feinen Kunst des stillen Genießens.

Unten, gegenüber vom Roten Turm, schon wieder junge Damen. Zu zweit sitzen sie im Fensterrahmen, lassen die Beine herausbaumeln, plaudern giggelnd, Rotweingläser in Händen, mit den in der Gasse flanierenden Herren. Nebenan steht eine junge Frau barfuß vor einem Gemüsestand. Einen Turban trägt sie auf dem Kopf, ihr Baby schlummert im Tragesack.

Am Brucktor schlägt die Uhr halb sieben, da sinkt die kleine Stadt in den Sommerabend. Der Pfarrturm von St. Jakob, vollendet 1478, leuchtet in der schrägen Sonne, der Treppengiebel des Schlosses strahlt hell. Auch die Burgkirche St. Ägidien tut farbenfroh, derweil in der Herrengasse der Metzger seine Auslagen in den Laden schiebt und mitten auf der Straße ein aufgemaltes, vier Meter breites, blaues Peace-Zeichen prangt - es bezeichnet das kuriose und gemischte Lebensgefühl dieser Stadt.

Ein historisches Kleinod ist dieses Wasserburg, ein Märchen aus steinalten Mauern und schmalen Gassen, die Ledererzeile und Weberzipfel heißen. Ein Ort, der als "Wazzerburch" schon 1085 erwähnt wurde. Durchaus zu einem begehbaren Museum, etwas steif und etwas tot, hätte man diese Stadt am Fluss erniedrigen können. Immerhin ist sie komplett denkmalgeschützt, und sommers reisen die großen Busse an, damit Menschen aus aller Welt ihren Traum vom historisch verschnörkelten Detuschland zu Gesicht bekommen.

Ökos mit Rastazöpfen spazieren durch Renaissance und Barock

Doch Wasserburg ist nie zur touristischen Postkarte erstarrt. Inmitten der alten Kulisse pocht ein junges Herz. Die Stadt lebt. Da spazieren Ökos mit Rastazöpfen durch Renaissance und Barock, fläzen sich Künstler mit Schlapphüten und qualmenden Selbstgedrehten vor einem Patrizierhaus, dessen Fassade von 1738 zu den prächtigsten der Republik zählt. Im Tabakladen stehen Wasserpfeifen, im Café "Die Schranne", unten im historischen Rathaus, läuft Jazz, da gibt es Lesungen und Ayurveda-Tee.

Hier und da muss man sich kneifen. Einige Ecken sehen so altertümlich aus, dass plötzlich Ritter vor dem geistigen Auge reiten. Minuten später steht der Besucher vor abstrakter Kunst und schneeweiß beleuchteten Boutiquen. Eine schöne Symbiose. In Wasserburg lebt die Gegenwart von der Vergangenheit und die Vergangenheit von der Gegenwart.

Einen guten Blick hat der Besucher vom Ufer der Schönen Aussicht. Wie ein pastellfarbener Klecks in saftig grüner Welt liegt die Stadt am Inn, vom Fluss ringförmig umfangen und von steilen Klippen behütet wie ein Schatz, den die Natur nicht hergeben will. Eine kunterbunte Insel inmitten der weiten Maisfelder Oberbayerns. Dazu die alten Türme, schiefe Häuser in zartem Gelb und hellem Blau, das Leichte, fast Schwebende des Südens. Wasserburg wirkt wie aus einem anderen Film.

Wasserburg, eine Stadt, die Erstaunliches zu erzählen weiß

Nicht einmal 13.000 Einwohner zählt die Stadt, letztlich ein glücklicher Befehl der geografischen Beschaffenheiten. Begrenzt durch den Inn, konnte die Stadt nie ausufern, ihr Format nie über das menschliche Maß hinaus steigern. Vornehmlich darum spaziert es sich wohl noch heute so gemütlich durch die Gassen. Das hätte auch anders ausgehen können. Bis ins 19. Jahrhundert blühte der Salzhandel, die Stadt lag an der Kreuzung einer wichtigen Landstraße mit dem Inn. Wasserburg wurde im Laufe der Jahrhunderte zu einem Umschlagplatz für Waren aus Österreich, Italien und dem Balkan. Und somit reich und mächtig. Doch die Stadt verwuchs sich nie zu einem urbanen Riesen. Wasserburg blieb klein und schön. Und doch eine Stadt, die Erstaunliches zu erzählen weiß.

Konzerte und Events in Wasserburg.
Petra Becker
Auch kulturell hat Wasserburg etwas zu bieten. Regelmäßig finden Konzerte und Events statt.
Unten aus dem Weinladen La Vigna federt Matthew, den hier alle "den Mat aus New York" nennen. Er trägt hautenge Radhosen und schiebt ein Rennrad neben sich her. Im Fahrstuhl eines New Yorker Wolkenkratzers lernte er seine Frau kennen, und diese Dame kam ausgerechnet aus Wasserburg. So landete Matthew, der Amerikaner und Weinhändler, vor neun Jahren mitten in der oberbayerischen Provinz. "Ich liebe Wasserburg, die mittelalterlichen Gassen, die alten Häuser." Das Besondere aber sei nicht die bekannte Kulisse. Das seien vielmehr die Menschen, das Leben - das sich eher im Verborgenen abspiele. "Die Wasserburger zeigen nicht, was sie haben und wer sie sind", sagt Matthew. "Sie mögen es bedeckt." Hinter den alten Steinmauern jedoch würden Kunstsammler leben, in hochmodernen Wohnungen, an deren Wänden Picassos und Matisses hingen. Und ja, gefeiert würde hier, dass sich die Balken bögen. "Ich habe in Wasserburg Partys erlebt, wilder als alles, was ich in New York gesehen habe."

Auch die Einheimischen selbst sehen sich gern mit den Augen von Weltbürgern. Viele kennen den Obdachlosen, der früher als Drummer in der Max-Greger-Band spielte, dann sogar für Rocklegende Joe Cocker trommelte; keine ganz trockene Story. Und da ist jener Wasserburger, den der Vater als Sechzehnjährigen zum Zigarettenholen schickte - und der nicht mehr wiederkam. Mit seinem Mofa fuhr der Sohn einfach fort, quer durch Europa, und knatterte bis Bagdad. Sogar zum Amazonas verschlug es den Globetrotter; ein Jahr paddelte er allein auf einem Einbaum durch die tropischen Stromwelten. Erst Jahre später kreuzte er wieder in Wasserburg auf. Und blieb, seine Abenteuer im Herzen und für immer ein Freigeist.

In der Altstadt steigen Nachtflohmärkte, Konzerte und Events

Anekdoten, die hinter den altehrwürdigen Kapellen, Laubengängen und Zunftschildern keiner vermuten würde. Doch hier, zu Füßen der Burg der einstigen Hallgrafen und Wittelsbacher, gibt es ein reges Kulturleben. Zwei Theater besitzt die Stadt, Galerien und "Das Imaginäre Museum", eine Versammlung der bedeutendsten Malereien der Welt - allesamt sogenannte Dietz-Repliken. Günter Dietz, auch ein seltener Querkopf aus dem nahen Soyen, hatte eine Methode erfunden, mit der die Reproduktionen täuschend echt wirken. In der Altstadt steigen zudem Nachtflohmärkte, Konzerte und Events, die die Puppenstube mit Laserstrahlen in eine sphärische Chill-out-Zone verwandeln.

Ringförmig umfängt der Inn Wasserburg.
Petra Becker
Ringförmig umfängt der Inn Wasserburg.
Versteckt in einem Hinterhof, hinter weiß getünchten Arkaden, liegt eine andere Institution. Eine dunkle Treppe führt hinunter in die beiden Säle des Kinos Utopia, das für sein erlesenes Programm schon viele Preise erhielt. Hier laufen Filme von Almodóvar, Kaurismäki, Luc Dardenne und Konsorten, Off-Broadway, das "die Wasserburger zwischen 20 und 70 gemeinsam schauen und danach auch gern mal gemeinsam diskutieren", wie Betreiber Rainer Gottwald erzählt. Überhaupt würden sich Jung und Alt hier gut verstehen. Im "Café Central", Bar, Nachtschenke und Kulttreff der Stadt, säßen öfter drei Generationen an einem Tisch und würden sich noch spätnachts über Gott und die Welt unterhalten. Alles ganz normal in Wasserburg. Und auch einer wie Gottwald selbst fällt hier nicht aus dem Rahmen. Er trägt Schlabber-Shirt, Stoppelbart und Knopf im Ohr. Ein Cineast, der das traute Wasserburg mit Filmen für Kenner versorgt.

Ein kleines Rätsel ist diese bildhübsche Kleinstadt schon. Wer über die Rote Brücke in sie hineinspaziert, blickt auf Häuser, die am Wasser stehen - man möchte fast an Venedig denken. Bald recken die Frauenkirche und der Hungerturm ihre Häupter in den Himmel. In der Salzsenderzeile sitzen glückliche Gäste vor ihren Cappuccinos, zwei Kinder arbeiten ein vierkugeliges Erdbeereis nieder. Und über allem schwebt eine charmante Stimmung, wie eine Erwartung. Was wohl als Nächstes passiert?

Frischen Wind bringen die Jugendlichen und Studenten

In Wasserburg leben Menschen aus 60 Nationen. Menschen, die sich in aller Regel gut verstehen und alljährlich ein Nationenfest feiern, das keine Folklore ist, sondern bei dem Brasilianer neben köchelnden Bulgaren trommeln, Bayern mit Amerikanern, Türken und Asiaten die Gläser heben. Multikulti, gelebt, nicht geprobt. Der Tabakhändler, der auch die Wasserpfeifen verkauft, bestätigt es: "Unser Wasserburg mag ja klein sein, aber es ist ziemlich weltoffen. Nein, glauben S' mir, wir verstehen uns alle prächtig mit'nander."

Färbergasse in Wasserburg.
Petra Becker
Ungetrübte Stimmung in Wasserburg - selbst wenn dunkle Wolken aufziehen.
Frischen Wind bringen auch die Jugendlichen und Studenten, 17 Schulen in der Region bilden aus und um. Vor der Stadt haben sich Unternehmen mit Weltruf angesiedelt, die Wasserburg reich gemacht haben - und schon immer Gastarbeiter anheuerten. Dem lokalen Arbeitsmarkt geht es bis heute gut, und er zieht Menschen aus vielen Ländern an.

All das aber erklärt nicht den Geist dieser Stadt. Vielleicht liegt die Lebhaftigkeit vor allem daran, dass dem Bewährten hier stets das Andere vorgehalten, Historie mit Neuem konfrontiert wurde. Wasserburg lässt ahnen, wie kostbar der Respekt vor der Vergangenheit ist, aber auch die Fähigkeit, sich vergnügt mit ihr einzulassen. Vielleicht wird auch dadurch erst die Offenheit begreifbar, in der das Gewohnte schon immer mit dem Ungewohnten kollidierte. Und sich dennoch prima verstand!

Das hat in Wasserburg besonders die Kunst geschafft. Seit 40 Jahren existiert der Arbeitskreis 68, Organ der Querdenker und Künstler. Der Verein sitzt im Ganserhaus, einem alten Bürgerhaus mitten in der Stadt. Seit Jahren kommen Maler und Bildhauer zu den Ausstellungen und zeigen ihre Werke, da hängen abstrakte Kreise an weißen Wänden und kloppten Künstler auf offener Straße schon Nägel in alte Holzbrocken. Große Namen zog es nach Wasserburg, Namen, mit denen sich sonst die Documenta und die Biennale schmücken. Und natürlich ist selbst ein Typ wie der Wiener Altprovokateur Hermann Nitsch in diesem Idyll gern gelitten.

Das Andere wird nicht nur geduldet, es wird als Beitrag betrachtet

Hier und da rätselten alteingesessene Wasserburger, zuckten mit den Schultern. Doch keiner, der sich echauffierte, dem herrlichen Unsinn der Kunst zürnte oder diesen gar aus seinem Städtlein verbannen wollte. Manuel Michaelis, im Vorstand des AK 68, selbst Maler, sitzt in der Bohnenrösterei in der Altstadt. Ein großer Milchkaffee steht vor ihm, daneben ein Törtchen. "Wasserburg hat eines geschafft", sagt er. "Hier wird das Andere nicht nur geduldet, es wird als Beitrag betrachtet."

Ein paar Schritte nur muss gehen, rüber ans Inn-Ufer, rüber ans Wasser, wer dies mit eigenen Augen sehen will. Dort stehen, am Grün des Flusses, unbeaufsichtigt im Wind, 32 schweigsame Skulpturen. Ein Mensch aus Stahl, der auf einem hohen Betonbett ruht, betitelt "An jenem Fluss der Zeitlichkeit". Rostige Zackenräder ruhen dort, Zeitkegel aus Messing, hölzerne Muster und aus Schrott verknotete Fantasiegebilde, die "Der Motor" heißen.

Am Fluss sitzen die jungen Punks mit den roten Haaren; am Lagerfeuer bei den schweigenden Skulpturen ist ihr Treff. Vor dem Inn laufen Jogger, spazieren Rentner, um die Ecke verjazzen zwei Straßenmusiker einen Tango. Das alles passt zu Wasserburg, der Stadt mit den alten Mauern, die schon viel erlebt haben. Man muss es nicht glauben, aber irgendwie scheint ihnen zu gefallen, was sie sehen.

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Autor:
Marc Bielefeld