Rheinland-Pfalz Wandern in der Pfalz

Am Brunnen vor dem Rathaus in Leinsweiler haben wir uns verabredet. Endlich einmal wieder. Zu den Sandsteintrögen mit Moosbesatz und der eingemeißelten Zahl 1581 kamen die Leinsweiler früher mit Kanne und Eimer oder mit einer durstigen Kuh. Wir kommen hierher, wenn uns die Pfalz-Sehnsucht packt. Fünf alte Freunde, die von hier losmarschieren, die Köpfe voller Erinnerungen und - mehr noch Verklärungen.

Wir haben den Weg durch den Wald streckenweise schon auf dem Arm des Vaters zurückgelegt, gelangweilt beim Schulausflug oder landschaftsblind verliebt mit der Freundin. Serpentinen nehmen uns heute den Atem. Auf halber Höhe bleiben wir zum ersten Mal stehen - und schwelgen. In sanftem Dunst liegt pusteblumenzart das Land: weit schwingende Erdwellen, auf denen die Reben an Spanndrähte zu Widderhörnern gebunden sind und ihre Sprösslinge noch nicht aus der frostsicheren Hülle geschoben haben. Dörfer, die wie Storchenfamilien im Nest hocken, Vaters hochgereckter roter Schnabel der Kirchturm. Apfelbäume, aus denen der milde Wind weißrosa Blütenkonfetti schüttelt.

Einer von uns kramt einen Zettel hervor und liest, was der Dichter Friedrich Müller 1777 im Vollbesitz damals in Mode gekommener Empfindsamkeit aufgeschrieben hat: "Ja, diese Gegenden sind allein vom Schöpfer beseligt, in denen Freundschaft und Schönheit wohnet", brach es aus ihm hervor. Für eine solche Eloge müsste die Pfalzwerbung Müllers Nachfahren noch heute Tantieme bezahlen.

Gemütlich ziehen wir weiter und stehen bald im Schatten von Kastanien vor Gut Neukastel. Max Slevogt, der große Pfälzer Impressionist, hat es kurz vor dem Ersten Weltkrieg erworben, es geliebt und immer wieder gemalt, den Blick in den Garten, den Blick ins Land. Und er hat Bibliothek und Musiksaal al secco mit Wand- und Deckenbildern ausgeschmückt. Dorthin lassen wir uns von einer stolzen Urgroßschwiegerenkelin führen.

Im Bücherzimmer hängt ein angesengtes Kruzifix. Slevogt hat den Gekreuzigten, der aus einer abgebrannten Kapelle im Allgäu stammt, gegen ein Gemälde von sich getauscht. Schräg schaut der Leidensmann zu des Malers Literatur-Lieblingen am Stubenhimmel: Macbeth, von dessen Händen das Blut tropft, Hektor und Achill, die mythischen Machos von Troja, Lederstrumpf. Und hinter der Wasserpfeife, die vor einer gemalten Brüstung steht, wird Tausendundeine Nacht lang fabuliert.

Die Malereien über den Büchern entstanden 1929, die Werke im anschließenden Musikzimmer fünf Jahre zuvor. Sie sind eine Huldigung an Mozart und Wagner. Da hockt, die Füße auf den Zehen hochgestellt, der nackte, muskulöse Papageno mit den Zügen von Slevogts Sohn Wolfgang. Auf der Panflöte spielt er für die Gefiederten, ein blauer Papagei bauscht sich auf und schnarrt dagegen. Auf der anderen Seite der Tür kauert Sagenheld Siegfried im Wald, hoch über ihm ein winzig "vogelîn".

Monostatos, Mozarts Zauberflöten-Widerling, ist in eine Ecke geklemmt, in eine andere der rheingoldgeile Alberich Wagners. Don Giovannis Diener Leporello mit neckischer blauer Schürzenschlaufe auf dem Rücken verkriecht sich, weil es ihm in der Nähe seines hoch testosteronbelasteten Herrn wohl wieder mal zu brenzlig geworden ist. Daneben zerwühlt derweil Don Giovanni das Liebeslager mit Zerlina, wobei ihm technischer Fortschritt auf Gut Neukastel eine Steckdose aufs rechte Knie montiert hat. Neben dem Duett im Bett zückt Don Giovanni den Degen gegen die Grabstatue des Komturs, den er ermordet und später eingeladen hat, sein steinerner Gast zu sein.

Don Giovanni trägt die Züge von Francisco d'Andrade. Mit dem portugiesischen Bariton, Liebling in allen großen Opernhäusern, war Slevogt befreundet. Auch er selbst hatte eine klangvolle Stimme, haderte lange damit, sich ganz der Kunst oder der Musik zu widmen. Er entschied sich für die Malerei, blieb aber der Oper sein Leben lang verbunden. An der Wand gegenüber den Fenstern wagnert es wieder: Hagens Speer steckt, dem Bild eine alleinherrschende Diagonale gebend, in Siegfrieds sensiblem Rücken zwischen den Schulterblättern, dort, wo das Drachenblut nicht schützt. Am Ende der Führung setzen wir uns zur Schorle auf die Terrasse. Reden über den bulligen Max Slevogt mit Vollbart und gestutztem, störrischem Haupthaar, der am liebsten eine Joppe trug wie die Leute vom Land, zuweilen seinen trainierten Bariton aufbrausen ließ, verschmitzt das Schoppenglas vor sich stehen hatte und den in der Schüssel dampfenden Hasenpfeffer.

Nur ein paar Schritte musste er mit Pinsel und Palette aus der Tür gehen und konnte loslegen. Er malte schnell. Es waren nicht so sehr Gegenstände, die er festhalten wollte, er fing Stimmungen ein, Momente des Lichtes, das sich immerfort veränderte, oft in ganz kurzen Sequenzen, wenn die Sonne es wie funkelnde Edelsteine in den Schatten des Waldes warf. Max Slevogt gelang es, den Augenblick zum Verweilen zu bringen: verschleierten Frühling, rotbraunen Herbst und weißgrauen Winter, Gewitter und Sturm, Nacht und Nebel.

So mancher Brocken könnte ein Elwetritsche-Fossil sein

Wir wollen weiter, unser Weg führt nach Westen, am Südhang des Föhrlenberges entlang, zunächst in bequemer Spur aus rotem Sand. Die Kastanien, essbare wohlgemerkt, tragen schon Blätter in leuchtend durchsichtigem Grün. Zwischen dem vom Wind am Wegrand gehäufelten trockenen Laub keimen winzige Schösslinge. Mit unbändiger Kraft haben sie die braun glänzenden harten Früchte aufgesprengt, die im vergangenen Herbst von den Bäumen gefallen waren, von einem Stachelmantel wie kleine Morgensterne umhüllt. Geröstet oder gekocht wird ihr Inneres weich und nimmt dem neuen Wein die revolutionäre Wildheit im Magen.

Am Hang zieht sich eine Klimagrenze hin. Etwa 50 Höhenmeter über uns ist es den Kastanien schon zu kalt. Dort beginnt das Reich der Kiefern. An einer Weggabelung entscheiden wir uns versehentlich für die unbequeme Richtung: Der Pfad am steilen Hang zwingt uns zum Gänsemarsch. "Ob uns heute Elwetritsche begegnen werden?" Wir könnten es uns vorstellen. Elwetritsche sind Wesen, deren Aussehen und Verhalten von menschlicher Phantasie bestimmt wird. Man kann sie sich mit Federkleid denken, aber auch ohne, lieber laufend als fliegend, mit hängendem Bürzel und stehendem Kamm, sehr scheu und doch sehr neugierig. Nur in der Pfalz fühlen sich die Biester wohl, offenbar, weil ihnen dort am meisten angedichtet wird. So mancher umherliegende Brocken könnte ein Elwetritsche-Fossil sein.

Wir erreichen Ahlmühle und haben nun die Wahl: rechts herum um die Ruinen Scharfenberg und Anebos oder links über Windhof. Das eine Gipfelwrack, auch Münz genannt, zertrümmerten Anfang des 16. Jahrhunderts meuternde Bauern bis auf den Bergfried. Das andere ist schon viel länger keine wehrhafte Wohnung mehr. Zusammen mit dem Trifels bilden die beiden das berühmteste Landschaftstrio der Pfalz. Eine hinreißende Kulisse, bei deren Anblick jedoch so manchem in vaterländischem Überschwang die Sicherungen durchbrannten. Reimend verstieg sich der Poet Joseph Victor von Scheffel in diesen Bergen. Er jubelte über die "Burgdreifaltigkeit" und verlieh den Ruinen göttlichen Status.

Bis heute ist dieser poetische Unsinn in aller Munde. Bodo Ebhardt, deutscher Burgwächter von Kaiser Wilhelms Gnaden, schwärmte von einem "heiligen Bezirk" für die Vereinigung "großer Volksmassen zu weihevollen Stunden". Davon träumten die Nazis. Auf Hitlers Wunsch sollte der Trifels "Reichsehrenmal" werden. Erst einmal wurde eine Straße durch den Wald gebaut.

Wir kommen zu den Schlossäckern und steigen von dort auf den Sonnenberg, über dessen Gipfelfelsen der Trifels aufragt. Er war im Mittelalter Hochsicherheitsgefängnis für hohe Häupter wie den englischen König Richard Löwenherz, der jedoch nur wenige Wochen in der Burg einsaß - die einzige friedvolle Zeit im kampfbetonten Leben des Haudegens, sagen Chronisten. Frei kam er für ein gigantisches Lösegeld von 30 Tonnen Silber. Der Trifels sollte unvergängliche Macht verkörpern. Doch das Bauwerk der Salier und Staufer wurde verpfändet, verfiel als Immobilie in einmaliger Lage. Der Blitz schlug den Palas klein. Und wer drunten im Tal für sein Haus wohlbehauene Steine brauchte, holte sie sich vom Berg.

Für die Nazis baute Rudolf Esterer einen völlig neuen Palas als "nationale Weihestätte". Bei Kriegsende war er im Rohbau fertig und bekam sofort nach dem Krieg ein Dach - mit Pfannen, in die immer noch das Hakenkreuz eingebrannt wurde. Da der Koloss in staufischer Buckelquadertechnik zu hoch geraten war, mauerte man auf den alten Turm daneben ein viertes Stockwerk.

Mit dem trapezförmigen Kaisersaal Rudolf Esterers betreten wir einen "Wallfahrtsort", wie 1941 ein ergriffener Besucher schrieb, der jedem "einen heiligen Schauer vor dem Reich der Deutschen einflößen wird". Uns fröstelt nur an diesem sonnigen Maitag in dem bombastischen Raum mit seinen feuchtkalten glatten Sandsteinwänden, der erdrückenden Balkendecke und der klotzigen Freitreppe samt Rednerkanzel. Das sollte ein Ort sein für Trommeln, Fanfaren und ausgestreckte rechte Arme. Mit dem höfischen Leben zur Zeit Friedrich Barbarossas oder seines Enkels Friedrich II. hat er nichts zu tun. Umso erstaunlicher, dass der Saal erst in bundesrepublikanischer Zeit seinen großtuerischen Schliff bekam.

Was für ein Schmuckstück ist dagegen die quadratische Kapelle im Turm aus dem frühen 13. Jahrhundert. Sie war mehrfach Tresor für die Reichskleinodien, Krone, Zepter, Reichsapfel und Schwert des Kaisers. Zisterziensermönche aus dem nahen Eußerthal haben die Preziosen einst auf Hochglanz poliert. Heute sind die Schätze in der Wiener Hofburg zu sehen. Lange haben sich heimatstolze Pfälzer dafür eingesetzt, dass zumindest Kopien auf dem Trifels bleiben. Drei Jahrzehnte lang arbeitete der Goldschmied Erwin Huppert daran. Statt in der Kapelle glitzern sie jetzt in einem seelenlosen Turmzimmer in ihren Vitrinen.

Wir gehen zum südlichen Ende des fast 150 Meter langen Felsens. Schwindelfreie schauen 50 Meter senkrecht hinunter, die anderen geradeaus in den schier endlosen Wasgau. Bis zum Horizont bewaldete Kuppen, schwungvolle Sättel, krumme Rücken. Darüber wölbt sich zart verschleiert der Himmel. Ein anderes Mal wird die Sonne aus einem zerfetzten Wolkengemenge ihren Strahlenfächer aufklappen. Im Herbst können sich frühmorgens die Berggipfel, sanfte Fünfhunderter, schon an ihr wärmen, wenn in den Tälern noch der Nebel hängt.

Verklärte Vergangenheit? - "'s isch, wie mer 's nemmt"

Unser nächstes Ziel ist die Madenburg. Wir steigen vom Trifels ab, zurück zu den Schlossäckern, und nehmen den Cramer-Pfad. Eine abgesägte Fichte hat sich statt zu stürzen in einer Eiche verhakt und hängt nun nadellos am Baum. Ineinander verschlungene Buchenwurzeln säumen den Weg, niemand kommt uns entgegen. Der Anstieg zur Burg zwingt uns noch einmal zum Schweigen im Walde. Mit einem Augenschwenk überblicken wir - geschätzt - ein Fünftel der hundert Millionen pfälzischen Reben in den Lagen "Seligmacher", "Sonnenberg", "Hasen", "Herrlich", "Mütterle", "Venusbuckel" oder "Sauschwänzel". Nur zu ahnen sind die Türme des Speyerer Domes links von den Kühltürmen des Atomkraftwerks Philippsburg.

Während wir in der Burgschänke auf Hausmacher Leber- und Griebenwurst warten, schauen wir den Eidechsen zu, wie sie, eben noch in Totenstarre, blitzschnell über den warmen Stein der Brüstung flitzen. Turmfalken zeigen ihre Flugkünste in der Thermik am Hang. Dem Wirt sind die in Mauerlöchern der Burg brütenden vier Paare so gar keine Freunde, weil sie Singvögel schlagen oder über der Landstraße kreisen, bis ihnen "Essen unter Rädern" geliefert wird.

Häufiger Besitzerwechsel, Zerstörung mit Totalbesäufnis der Marodeure in den großen Felsenkellern, Wiederaufbau - die Madenburg erlitt dasselbe Schicksal wie die meisten Pfälzer Burgen. 1516 hatten die Speyerer Bischöfe den Hochsitz erworben und es sich hier bequem gemacht. Sehenswerte Relikte sind die beiden Treppentürme im Stil der Renaissance. Zur finalen Brandschatzung stürmten 1693 die Franzosen heran, getreu ihrer Devise "Brûlez le Palatinat!"

1843 feierten Pfälzer auf der Madenburg ein großes Fest. Tausend Jahre war es damals her, dass das Karolingerreich aufgeteilt worden war - das neue Gebilde Ostfranken wurde rückblickend als erstes "deutsches Reich" verstanden. Von Patriotismus beseligte Redner wetteiferten mit "Eschbacher Hasen" im Glas, die "Pälzer Krischer" schrien wechselweise Prosit und Hurra. Plötzlich entlud sich ein kolossales Gewitter. Fluchtartig stürzten die Jubler zu Tal. Der steile Weg hinunter nach Eschbach war im Platzregen heimtückisch glatt geworden, die Balance der Fliehenden vom Riesling nicht gerade gestärkt. So ging das nationalstolze Fest als "Eschbacher Rutschpartie" in die Geschichte ein.

Durch die Weinberge wandern wir weiter, hinüber nach Leinsweiler, und erreichen - der Tag geht zur Neige - unseren Brunnen. "Jetzt zum Henri", heißt es plötzlich. Vor vielen Jahren gab es in Leinsweiler gleich hinterm Rathaus eine Wirtschaft, "Zum Trifels" war ihr Name. Der Wirt hieß Henri, das "H" mitgesprochen und das "n" mutig aus den Nebenhöhlen geschoben. Ein Ölofen stand in der Gaststube, der dem Henri zu schaffen machte, denn er hatte Asthma. Trotz des Leidens holte er aber jedes Viertel solo aus dem Keller, polterte die steile Stiege hinunter und kam keuchend wieder herauf. Wir aßen Weißen Käse und in dicken Lappen Schinken. Bevor wir gingen, um mit dem klapprigen Postbus heimzufahren, bestellte einer noch einen Trollschoppen für alle. Der nächste bestellte den nächsten, das gelbe Auto war längst davon. Wir brachen manchmal zwei, drei Stunden lang auf.

Verklärte Vergangenheit? "'s isch, wie mer 's nemmt", sagen die Pfälzer.

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Peter Mayer