Augsburg Wandern in Burgwalden

Knödelsalat haben wir früher da gegessen. In Scheiben geschnittene Klöße waren das, angebraten, sauer angemacht wie ein Wurstsalat und mit einem riesengroßen Berg in Ringe geschnittener Zwiebeln serviert. Die Erwachsenen tranken Bier, und wir Kinder hatten jeder eine Fanta vor uns stehen, unsere Haare waren feucht vom Baden im Weiher, unsere Haut roch noch ganz moorig. Und durch die Kastanienkronen, durch die grün gezackten Blätter gefiltert, ergoss sich die Abendsonne auf den Biergarten der Waldgaststätte, auf den knirschenden Kiesweg, den die Bedienungen im Dirndl, beladen mit Räucherfisch, Rettich, Obatzda, Käsebrettern und Maßkrügen, hin- und herliefen.

Wenn wir auch nicht jedes Mal im Biergarten einkehrten, waren wir doch im Sommer fast täglich dort zum Spazierengehen und Baden, unser Hund konnte es im Auto immer kaum erwarten, in das warme, weiche Wasser des Waldweihers zu springen. Auch im Winter kamen wir zum Schlittenfahren nach Burgwalden, in diesen Bilderbuch- Weiler, der sich mit seiner Handvoll Häuser und einem Kirchlein zwischen die Fischteiche, den Badeweiher und Waldsaum schmiegt.

Burgwalden ist für mich das Tor zu den "Stauden", jener eigentümlich verzauberten, in sich gekehrten Landschaft im Südwesten von Augsburg zwischen dem Alpenrand und der Donau. Eine Hochebene zwischen Wertach und Mindel, die eine stille, grüne Wellenbewegung aus sanften Hügeln und sachten Senken ist. Büsche und Gestrüpp, Stauden genannt, die hier viel wuchsen, gaben der Gegend ihren Namen: Denn in den vergangenen Jahrhunderten kam es oft zu Raubbau am Wald, und die leer geschlagenen Forste füllten sich bald mit Büschen. Wenn man damals von der Landschaft der "Stauden" sprach, meinte man damit die ärmliche Gegend der Flachsbauern und Kleinhäusler. Jetzt ist der Wald längst wieder gewachsen, sind die "Stauden" von stiller Schönheit.

Heute fahre ich wieder nach Burgwalden, viele Jahre später, über Augsburg und Bobingen, zusammen mit meiner Tante und ihrem Hund. Wir haben kurz in Straßberg gehalten, um am kleinen Friedhof, der um die Pfarrkirche angelegt ist, das Grab von Roy Black anzusehen. Im Grabstein ist ein Bild des Schlagerstars eingelassen, frische Blumen liegen dort, Kerzen, Kränze, handgeschriebene Karten zeugen von der immer noch großen Liebe der Fans zu ihrem Idol, dem "Schnulzensänger", wie er sich selbst verächtlich genannt haben soll, dem zu empfindsamen Straßberger, der sich in die Showbizmaschine einspeisen ließ, zu einem der erfolgreichsten deutschen Schlagersänger und dabei depressiv wurde. Er starb unter nie vollständig geklärten Umständen, war es Herzversagen oder Selbstmord? "Schön ist es, auf der Welt zu sein" war ein millionenfach verkaufter Hit.

Von Straßberg fahren wir die drei, vier Kilometer nach Burgwalden, der Hund springt am Parkplatz der Waldgaststätte aus dem Auto. Links neben uns die Teiche, Eigentum der Fugger, wo man Forellen frisch geräuchert und in Zeitungspapier gewickelt kaufen kann. Vor uns steht ein Kirchlein, ebenfalls im Fugger'schen Besitz. Wir wollen wandern - auf einem der schönsten Wege durch die "Stauden", sechs Kilometer von Burgwalden über den Engelshof zum Kloster Oberschönenfeld. Ein Weg, den wir früher an Sonntagen oft mit der ganzen Familie gegangen sind, später auf Schulausflügen.

Und jetzt wieder, an einem Tag, der wie geschaffen für einen solchen Ausflug ist: ein blauer Himmel, an dem einige Schafswölkchen lagern, eine Sonne, die wärmt und nicht sticht, weder zu heiß ist es noch zu frisch - das Wetter passt zu den "Stauden", die wie eine Landschaft gewordene Allegorie der Maßhaltung sind. In den "Stauden" gibt es keine Gipfel, nicht die Dramatik der Alpen, auch wenn man die bei Föhn am Horizont erkennen kann. Hier ruhen Wald und Flur bescheiden in sich, romantisch wie in einem Eichendorff'schen Gedicht.

Golf statt Galgen

Wir laufen los, über den Galgenberg - Burgwalden hatte im 16. Jahrhundert das Recht des "Blutbanns" erhalten, also Anspruch auf Gerichtsbarkeit und einen eigenen Galgen. Heute liegt hinter dem Berg der Golfplatz, einer der schönsten des Landes, 54 Hektar groß und eingebettet in das grüne Federkissen der Landschaft. Bernhard Langer, Deutschlands berühmtester Golfer, hat hier 1965 als Caddy seine Karriere begonnen. Er war damals erst acht Jahre alt und wollte sich ein Taschengeld verdienen, bis er bald so begeistert von dem Sport war, dass er so oft wie möglich die acht Kilometer vom Heimatdorf Anhausen zum Golfplatz radelte und in den Ferien in der Nähe der Anlage zeltete, um dem Sport nahe zu sein. Auch der Golfplatz ist Fugger'scher Pachtgrund.

Wir gehen über Hügel, durch Waldstücke, der Hund trinkt Wasser aus gluckernden Bächen, jagt Enten, bringt einen Golfball aus dem Unterholz. Es geht sanft bergan, bis der Weg sich schwungvoll über blühende Wiesen zum Einödgut Engelshof windet. Wie auf einer Bühne thront der Hof inmitten der Wiesen und Wälder, die Sonnenterrasse des Lokals ist von Kastanien umstanden, zum Besitz gehört ein Damwild- und ein Ziegengehege. In das der Hund eindringt, sodass wir den herrlichen Platz fluchtartig verlassen, bevor ein Ziegenbock ihn aufspießt. Früher gab es für uns Kinder am Engelshof immer ein Eis: Dolomiti, Capri oder Mini Milk - denn in Oberschönenfeld wurde ja dann richtig eingekehrt.

Wieder laufen wir durch Wald und Wiesen, über Senken und Höhen, nirgendwo fahren Autos, wir sind im Landschaftsschutzgebiet. An einem Baumstamm weist eine Markierung den "Schwäbischen Mozartwinkel" aus. Die Mozarts, die Ahnen von Wolfgang Amadeus, kommen aus den "Stauden", waren dort Bauern, bis sie sich später als Handwerker, Baumeister und geachtete Künstler in Augsburg niederließen. Von 1331 stammt die erste Erwähnung eines "Staudener " Mozarts, man fand sie in den Urkunden der Zisterzienserinnenabtei Oberschönenfeld.

Und die sehen wir nun von weitem: den ehrwürdigen Bau der Klosteranlage, die 2011 ihr achthundertstes Bestehen feiert. Die Zwiebelhaube des Kirchturms ragt über die steinernen Klostermauern, die trotz ihrer Würde stille Heiterkeit ausstrahlen. Wir gehen an der Schwarzach entlang, dem kleinen Bächlein, das dem hiesigen Tal seinen Namen gegeben hat, dann am Kräutergarten vorbei, am strohgedeckten "Staudenhaus", das Heimatpfleger zu Lehrzwecken aus einem anderen Dorf hierhin umsetzen ließen. Am Volkskundemuseum, das im ehemaligen Ochsenstall des Klosters untergebracht ist. Betreten den weiten Klosterhof und werfen einen Blick in die Kirche, eine Rokoko-Explosion in Weiß und Gold.

Ich laufe zum Brotladen, wo es die eigentliche Sensation Oberschönenfelds gibt: Das Klosterbrot wird hier von Schwestern verkauft, ein Vierpfünder aus Roggenmehl und Natursauerteig, noch warm und mit einer röschen, doch federnden Kruste. Das beste Brot der Welt. Es verströmt einen Duft, der einen fast in die Knie zwingt vor Freude. Zwei davon haben wir früher immer mit nach Hause genommen, wir mussten sie auf dem Rückweg abwechselnd tragen, sie waren ja schwer. Eines wurde daheim eingefroren, das andere sofort gegessen, unser Vater schnitt die Scheiben im Akkord, die Mutter bestrich sie mit Butter, und wir vier Kinder kauten und schluckten in Windeseile und aßen bei einer einzigen Mahlzeit den ganzen Zwei-Kilo-Laib.

Ich trage das Brot zum Biergarten des "Klosterstüble", wir setzen uns, bestellen eine Brotzeit und dazu Bier. Frisches Klosterbrot kommt, Rettich, Obatzda, Pressack und Käse, vom Zwiebelturm läuten die Glocken, und im Abendlicht rieseln die Blüten aus den weißen Kerzen der Kastanie. Der Hund schlummert ein, ich streiche Butter aufs Brot und denke, dass das eigentlich alles ist, was man braucht.

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Verena Lugert