Europop Wandern im Zeichen des "R"

Das ist er also, der neue Star unter den Fernwanderwegen: Der Rheinsteig. Oberhalb des Örtchens Kaub wirkt er ganz bescheiden. Ein Pfad mit Schiefer-Umrandung, der sich sanft durch die Weinberge schlängelt. Im September 2005 eingeweiht, hat die insgesamt 320 Kilometer lange Route zwischen Bonn und Wiesbaden das einstmals so betuliche Freizeitvergnügen in neue Dimensionen geführt. 23 empfohlene Etappen versprechen "Wandern auf hohem Niveau" und das geschwungene Logo auf blauem Grund wird nach allen Regeln der Eventkultur vermarktet. Im Zeichen des "R" gibt es Fan-Artikel, Wandersocken und multifunktionale "Buff-Tücher "; eine Art Schal, der auch als Stirnband oder Schlumpfmütze zu tragen ist.

Als kleiner Praxistest dieser Marketing-Strategie habe ich an einem kühlen Mittwoch im Mai die "Königsetappe" zwischen Kaub und St. Goarshausen ausgewählt, bei der es immerhin 1539 Höhenmeter zu meistern gilt. Ein 22 Kilometer langes Hoch und Runter entlang der Flusslandschaft. Der Aufstieg zum Rheinsteig führt vom Bahnhof durch die putzige Altstadt von Kaub. Eine kleine Welt voller Patina. Fremdenverkehr aus Zeiten des Wirtschaftswunders mit Weinschänken, Blücher-Museum und Militaria-Lädchen. Seit Jahren wird am Mittelrhein versucht, die verstaubte Romantik für die Bionade-Generation aufzufrischen. Doch auch die schunkelnden Busgruppen wollte man nicht verprellen. Letztlich blieb alles beim Alten. Mit den Tour-Wanderern soll die schwierige Modernisierung endlich gelingen. Dutzend Hotels gehören bereits zum Partnerverbund.

Gemäß der Rheinsteig-eigenen Philosophie geht es auf "naturbelassenen Erdwegen" durch die Dörscheider Heide, wo allerlei Schautafeln auf Biotope hinweisen. Ein entgegen kommender Wandersmann mit cooler Sonnenbrille und ockerfarbiger Profikluft grüßt zünftig, während sein Kumpel einen mannsgroßen Rübezahl-Stock schwenkt. Gestylte Angeber-Typen scheint es überall zu geben. Kurz nach der Ortschaft Dörscheid überhole ich das lang gezogene Feld einer 20-köpfigen Gruppe und fühle mich dabei wie ein kolumbianischer Bergspezialist bei der Tour De France. "Der hat wohl nix getrunke' oder was", meint ein Rentner mit Wanderstöcken, der eben noch fröhlich im Gasthof pausierte, beim Vorüberziehen. Doch solche Begegnungen bleiben die Ausnahme, auf der abwechslungsreich komponierten Strecke bleibe ich weitgehend allein.

Mal blickt man auf die Weiten des Taunus, dann stapft man Tal abwärts durch dunkle Mischwälder. Die alten Markierungen des (teilweise identisch verlaufenden) Rheinhöhenweges künden von Zeiten, als Wandertouren noch ein Privileg von knorrigen Individualisten waren. Weiter geht es über die steile Schiefertrassen-Passage mit Blick auf Oberwesel. Ob sich hier schon mal ein Stau gebildet hat? An schönen Wochenenden mit entsprechendem Andrang ist das durchaus vorstellbar. Die Rheinsteig-Strategen können zwar mit der Entwicklung zufrieden sein, doch all zu groß sollten ihre Erfolge auch nicht sein. Schließlich gehört die sportive Einsamkeit zum Mythos.

So spüre ich deutlich die Glieder, als nach einem wuchtigen Anstieg aus dem Urbachtal das Plateau der Loreley in Sicht kommt. Vorbei an einer Hanglage des Weingutes Bornich mit selbstgemalten Tafeln zur Rheinwein-Historie schwenkt man in weitem Bogen in die Zone der Bustouristen ein. Das neu erbaute Loreley-Besucherzentrum gibt sich aufgeklärt und modern. Eine gemeinsame Ausstellung mit dem Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal heißt "Alles im Grünen Bereich". Davor säumen zwei exotische Riesen-Steinfiguren die Parkplätze, gestiftet von der koreanischen Partnergemeinde. Auf dem Loreley-Felsen selbst: Holländer, Japaner und Schulklassen mit Digitalkameras. Die Wanderwelt mischt sich mit Kännchenkaffee und Fürst-Pückler-Eis.

Fast hätte ich vor lauter Attraktionen die Routenführung übersehen. Doch im Wäldchen hinter der Loreley-Festivalbühne stoße ich wieder auf die blau-weiße "R"-Markierung, die bereits nach wenigen Schritten aus dem Trubel führt. Durch einen hoch über dem Rhein gelegenen Ortsteil von St. Goarshausen geht es in Serpentinen hinunter zur Burg Katz und wieder hinauf zum Dreiburgenblick. Nach fünfeinhalb Stunden schenke ich mir den geplanten Weitermarsch nach Kestert. Während unten am Fluss gerade die Fähre nach St. Goar festmacht, wünsche ich dem Rheinsteig, dass die neue, schicke Wandermischung nicht irgendwann im Massentrubel endet.

Autor:
Ralf Niemczyk