Schwarzwald Wandern auf dem Westweg

Das Gebirge, das vor mir liegt, scheint über der Welt zu schweben. Gestaffelt stehen die Höhenzüge hintereinander. Dunkel hebt sich der vorderste Bergrücken vom Himmel ab, die nächste Kette steht in tiefem Blau, und am Horizont leuchten die runden Gipfel beinahe durchsichtig vor dem weißen Nebel, der aus den Tälern steigt.

In elf Etappen will ich zu Fuß über den Schwarzwald. Gestern Morgen ging's los in Pforzheim. Das Ziel liegt in Basel. Bis dahin folge ich 285 Kilometer der roten Raute auf weißem Grund. Der Westweg ist einer der ältesten Fernwanderwege in Deutschland, bereits 1900 hat der Schwarzwaldverein ihn angelegt. Bis heute ist er der Königsweg für alle, die den romantischen Zauber dieser Landschaft erleben möchten. Er führt hinter die Klischees von Kuckucksuhr und Kirschtorte, mitten hinein in ein verblüffend vielfältiges Gebirge.

Neben einer Sitzbank steht ein Paar Stiefel. Die Einlegesohlen liegen auf einem Stein und trocknen in der Sonne. Sie gehören Thomas, einem Maschinenbauer aus Karlsruhe, Anfang 40. Er liegt der Länge nach auf der Bank, seine Frau Petra sitzt neben ihm und schaut ins Tal. Die beiden haben einen Film über das Pilgern auf dem Jakobsweg gesehen, dann hat Thomas das Buch eines Managers gelesen, der ausgestiegen und durch die Alpen gewandert ist. "Ich habe in meinem Beruf auch eine Sinnkrise", sagt er. Jetzt wandern die beiden auf dem Westweg. Und Thomas staunt über das Mittelgebirge vor seiner Haustür: "Ich hätte nicht gedacht, dass diese Landschaft so abwechslungsreich ist. Ich habe dunklen Nadelwald erwartet."

Aus dem Murgtal, das sich als tiefer Einschnitt in den Nordschwarzwald kerbt, sind die beiden zur 1163 Meter hohen Hornisgrinde aufgestiegen. Das waren 22 Kilometer mit mehr als 1000 Höhenmetern. Der Weg führte sie von Heuhütten in ein Hochmoor, das sich nach dem Ende der Eiszeit auf dem kahlen Gipfel gebildet hat. Die Torfschicht ist bis zu fünf Meter dick, darauf wachsen Rasenbinse und Wollgras. Das Klima ist so rau wie im nördlichen Schottland, fünf Grad Celsius beträgt die Temperatur im Jahresdurchschnitt.

Und noch etwas erstaunt Thomas. Vor ein paar Wochen hat er mit dem Mountainbike die Alpen überquert, an seinem gut trainierten Körper ist kein Fett. Die Wanderung durch den Schwarzwald hat er sich nicht wirklich anstrengend vorgestellt. Die Etappen sind zwischen 15 und 32 Kilometer lang. Aber nach drei Tagen brennen seine Füße, die Fersen tun weh. "Ich hätte nicht gedacht", sagt er und schüttelt verwundert den Kopf, "dass dieses bisschen Lauferei den Körper so durcheinanderbringt."

Eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt wächst Farn am Wegesrand, bildet üppige Kissen, die sich herbstlich gefärbt haben. Die Sonne fällt schräg durch den hohen Fichtenwald. Das geheimnisvolle Licht gibt dem gelben Farn einen verschwenderischen Glanz.

Keine Ruhe am Ruhestein

Auf der vierten Etappe, kurz vor dem Berg mit dem irreführenden Namen Ruhestein, durchquere ich Kanada. So weit das Auge reicht, ist nur Wald zu sehen. Keine Straße, kein Haus, keine Überlandleitung. Aller Lärm der Zivilisation ist weg, kein Auto zu hören, nur der Wind rauscht durch die Bäume. Er kommt meist von Westen, die Legföhren haben sich angepasst und wachsen krumm nach Osten. Schon 1911 hat die Königlich-Württembergische Forstdirektion diesen Wald zum Bannwald erklärt und menschliche Eingriffe verboten. Seither wächst er, wie er will. Kein Baum wird gefällt, alte Fichten ragen als kahle Gerippe aus dem grünen Dickicht. Sie haben Nadeln und Rinde verloren, das nackte Holz hat eine silberne Patina angesetzt. Langsam sterben sie ab, irgendwann wird ein Sturm sie fällen. Ein geknickter Stamm liegt schräg am Hang zwischen Heidelbeersträuchern. Daumendickes Moos hat das Holz mit einem weichem Pelz überzogen.

Der Westweg zeigt romantische Bilder. Aber das Idyll wird nie zum Kitsch, weil die wilde Kraft der Natur sichtbar bleibt. Die elementare Gewalt von Wind und Wetter gibt den lieblichen Szenen einen herben Zug, der sich am eindrücklichsten auf dem Schliffkopf zeigt. Als der Orkan "Lothar" an Weihnachten 1999 über dem Schwarzwald tobte, hat er den ganzen Höhenzug kahl gefegt. Haushohe Fichten knickten wie Streichhölzer. Herausgerissene Wurzelräder stehen noch immer wie Mahnmale. Als silbergrau verwitterte Gerippe ragen sie senkrecht in die blaue Luft. In einem dieser bizarren Geflechte hängt ein roter Sandstein, um den sich die Wurzeln einst geschlungen haben, als sie sich in die Erde gruben. Jetzt schwebt der Brocken, groß wie ein Grabstein, am Himmel.

Plötzlich wird der Weg weich. Am Rand wächst Gras, die Stiefel gehen über feinen Sand. Als ob der Pfad zum Meer führte. Doch statt des flachen Ufers kommt ein Abgrund. Die dunkle Flanke fällt so steil ab wie eine Schlucht in den Alpen. Zweihundert Meter tiefer liegt der Glaswaldsee. Sein Wasser schimmert moorbraun, tief und unergründlich.

Die Eiszeit hat eine Reihe von Karseen im Schwarzwald hinterlassen. Die Gletscher haben kesselförmige Mulden im Gebirge gebildet, nach der Schmelze blieben runde Seen zurück, die wie dunkle Augen aus dem Wald blicken. Der Mummelsee ist der berühmteste, um ihn ranken sich allerlei Sagen. Im 17. Jahrhundert schrieb Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, wie sein Held Simplicius in diesem rätselhaften Wasser, das sich nicht im Tal sammelt, sondern hoch oben am Berg, einen Zugang zum Mittelpunkt der Erde findet. Mit Hilfe eines magischen Steins lassen phantastische Wesen ihn in die unergründliche Tiefe tauchen. Im 19. Jahrhundert dichtete Eduard Mörike eine Ballade über die Geister, die um diesen mystischen Ort schweben.

Im 20. Jahrhundert fiel sein Zauber der Schwarzwaldhochstraße zum Opfer. Busse verstopfen den Parkplatz, Touristen schieben sich um den See und kaufen im Souvenirladen Original Black Forest Cuckoo Clocks.

Der Glaswaldsee dagegen ist nur zu Fuß zu erreichen. Der Weg ist so steil, dass man selbst bei bestem Wetter hier seine Ruhe hat. Es gibt keine Imbissbude und keine Lautsprecher. Im Hochsommer ist dies der schönste See der Welt. Dann hat die Hitze das Moorwasser erwärmt, das sich auf der Haut so wunderbar weich anfühlt. Knorrige Wurzeln krallen sich in den Sandstrand. Eine kleine Hütte steht seit Jahrzehnten da. Ringsum nichts als Bäume und Himmel.

Die fünfte Etappe endet mit einem langen Abstieg ins Kinzigtal. Schon die Römer nutzten diesen tiefen Einschnitt, um das wilde Gebirge zu durchqueren. Die Kinzig markiert eine Trennlinie. Sie scheidet den Nord- vom Südschwarzwald. Der Norden ist württembergisch und protestantisch geprägt, der Süden ist badisch und katholisch. Seit 1952 sind Schwaben und Badener zu einem Bindestrich-Bundesland vereint, aber sie machen immer noch Witze übereinander.

Klaus Lehmann lebt genau an der Grenze, sein Heimatort Hausach im mittleren Schwarzwald liegt gerade noch in Baden. Lehmann ist so alt wie das Bundesland, trägt weißes Haar und einen Schnauzer. Im Schwarzwaldverein fungiert er als Vorsitzender der Ortsgruppe, im Historischen Verein als Stellvertreter. Er saß im Gemeinderat und kümmert sich um das Bergbau-Freilichtmuseum. Nur mit den Mountainbikern, die im Skiklub organisiert sind, verbindet ihn eine stabile Feindschaft. Die machen seiner Meinung nach die Waldwege kaputt.

"Am Stück wär's eine Schinderei"

Aus seinem blauen Blouson holt Lehmann einen 30 Zentimeter langen eisernen Schlüssel und öffnet den Turm der Burg Husen. Von oben erklärt er die Stadt Hausach. Die Eisenbahn fährt seit 1866 durchs Kinzigtal, mit ihr kamen die Touristen. Denen wollte man etwas bieten, also ließ der Verschönerungsverein Zinnen auf den Burgturm mauern, um der Ruine ein romantisches Aussehen zu geben.

Damals kam auch das Wandern in Mode. Natürlich ist Klaus Lehmann schon den Westweg gewandert. Aber er hat die Etappen wochenendweise portioniert, "am Stück wär's eine Schinderei". Die Fortbewegung zu Fuß ist für ihn ein Mittel, um die Natur mit allen Sinnen aufzunehmen. "Beim Wandern merkt man, wie wichtig die kleinen Dinge im Leben sind."

Gegen Abend setzt Regen ein. Er kommt ohne Wind und fällt in so sanften Tropfen, als ob er sich bei den Wanderern entschuldigen wollte: Tut mir leid, aber es muss sein. Pastellgelbes Licht zerfließt im weichen Grau des Himmels.

Die Zweige von jungen Buchen bilden ein dichtes Dach über dem Weg. Diese Allee der Geborgenheit habe ich ganz für mich allein. Auf dem Boden raschelt buntes Laub und macht die Schritte weich. Die Welt ist auf Abstand. Ich bin für mich, niemand rückt mir auf den Pelz. Ich setze mich ins warme Gras, lehne den Rücken an einen kunstvoll aufgeschichteten Holzstoß, hole Wurstbrot und Wasserflasche aus dem Rucksack. Stiefel und Socken ziehe ich aus, die Sonne scheint auf die Fußsohlen. Eine Spinne klettert an einem Grashalm hoch. Das Licht fällt schräg auf den Hang. Die Wiese leuchtet in einem satten Grün, das vor Leben strotzt, aber nichts Giftiges hat. Natürlich kannte ich das Wort für diese Farbe, aber erst auf dieser Lichtung im Wald ist mir dieser Begriff anschaulich geworden: grasgrün.

Auf jeder Etappe leuchten die roten Beeren der Eberesche. Wenn es regnet, hängen große Tropfen an den dichten Büscheln. An der Martinskapelle liegen die Vogelbeeren auch in der kleinen Pfütze namens Breg. Diese unscheinbare Wasserlache ist die Quelle des Stroms, der nach Vereinigung von Breg und Brigach Donau heißen wird.

In der "Traube" in Waldau gibt es die Vogelbeere sogar hochprozentig als Schnaps. Eugen Winterhalder ist kein Wirt, der für seine Gäste den Unterhalter gibt. Er schaut freundlich hinter seinen Brillengläsern hervor, trägt einen dünnen Vollbart, und beim ständigen Hin und Her zwischen Küche und Gaststube hat sein blaues Poloshirt heute Abend zwei Fettflecken abbekommen.

Winterhalder erzählt mit zurückhaltendem Stolz, dass die "Traube" der älteste Gasthof in der ganzen Gegend sei. Die Tradition reicht zurück bis ins 16. Jahrhundert. Winterhalder wurde 1951 geboren, sein Vater war nicht nur Gastwirt, sondern auch Bauer. Er hielt Rinder, Pferde und Schweine, dazu betrieb er Ackerbau. So ging das bis 1978. Dann ging der Knecht in Rente. "Da haben wir die Landwirtschaft aufgegeben", sagt Eugen Winterhalder, "weil wir so einen nicht wieder gefunden hätten."

Winterhalder machte in den sechziger Jahren eine Lehre als Koch, in einem der großen Betriebe unten am Titisee, wo der Schwarzwald-Tourismus brummt. "Damals, in den Zeiten, als es von alleine lief, sind die größten Fehler gemacht worden", sagt Winterhalder. "Wenn sich ein Gast beschwerte, sagte der Küchenchef: 'Wem's nicht schmeckt, der soll woanders essen.'"

Ein Bach schlängelt sich durch das weite Hochtal, ein paar Bauernhöfe sind über die hellen Wiesen verstreut, Kühe grasen, ein Teich liegt mitten in den Weiden. Das große Dach der "Traube" vermittelt Geborgenheit. In der Gaststube steht der grüne Kachelofen mit dem Holzgestell, an dem einst die nassen Kleider trockneten.

Der Schwarzwald hat seine Geschichte als Rückzugsort. Romantiker suchen hier schon seit langem Abstand zur schnöden Welt. Seit drunten die Industrie das Tempo bestimmt, projizieren sie ihre Sehnsucht nach dem ursprünglichen Leben auf diese dunklen Berge. Doch der Schwarzwald ist nicht nur sanft. Die "Traube" auf der Waldau hat ihre eigene dramatische Geschichte, dreimal fiel sie dem Feuer zum Opfer. Das erste Mal 1638, da wütete der Dreißigjährige Krieg bis hier hinauf, und die Schweden fackelten den Hof ab. 1852 passte eine Magd mit ihrer Kerze nicht auf. Und 1944 schossen amerikanische Jagdflieger das Gasthaus in Brand. Eine Wanduhr und drei Ölbilder der Vorfahren konnten gerettet werden.

Auf der neunten Etappe geht es über den Feldberg. Das ist zwar der höchste Gipfel des Schwarzwalds, 1493 Meter hoch, außerhalb der Alpen steht man an keinem Punkt Deutschlands höher. Aber schön ist er nicht. Türme mit Antennen, Parabolspiegeln und Radarkugeln prägen das kahle Plateau. Der nächste Berg entschädigt dafür: Am nächsten Tag stehe ich auf der Spitze des 1414 Meter hohen Belchen. Von seinem flachen Gipfel sieht man bis ins Berner Oberland. Eiger, Mönch und Jungfrau leuchten weiß.

Ein einziger Aufstieg liegt noch vor mir. Er führt hinauf auf den 1165 Meter hohen Blauen, danach geht es nur noch bergab. Die Ebene gibt sich Mühe, mir die Rückkehr leicht zu machen. Die Weinberge im Markgräfler Land stehen voll im Saft, bald beginnt die Ernte. Von der Ruine Sausenburg fällt der Blick auf die lieblichen Hügel, in denen der Schwarzwald sachte ausläuft.

Der Schluss wird schlimm. In den Niederungen der Neubauten erstickt das erhabene Gefühl von den Gipfeln. Ich kann den Kopf drehen, wie ich will, die Moore, Schluchten, Wiesen sind nicht mehr zu sehen. Rechts wirbt ein Baumarkt, links protzt eine Villa mit Doppelgarage in XXL.

Aber wenn ich für einen Moment die Augen schließe, sehe ich ihn wieder: den weißen Nebel, der geheimnisvoll aus den Fichten steigt.

Autor:
Johannes Schweikle