Saarland Wandern auf dem Mariannenweg im Bliesgau

In der Grafschaft des kleinen Glücks kann sich der Wanderer auf eine Bank setzen, über die Hügel träumen und muss keine Angst haben, etwas zu verpassen. Verschnaufpause irgendwo bei Niederwürzbach, versunken in der Natur. Der Blick schweift über die sanften Hügel des Bliesgaus. Streuobstwiesen wechseln sich mit Wäldchen und dichten Hecken ab. Die Landschaft wirkt beruhigend, ohne steile Gipfel, ohne tiefe Schluchten. Das Rauschen der Felder ist zu hören, das Schweigen der Auen. Von einem Kirchturm läuten die Glocken. Friedvolles Gebimmel. Bäume ragen wie verbogene Skulpturen ins Himmelsblau, Mischwälder neigen sich weinrot über spiegelglatte Seen; der Wanderer will an Märchen denken. Und marschiert weiter auf dem Mariannenweg, der durch die schönsten Teile des Bliesgaus führt und die Schätze dieser Gegend streift. Der Wanderweg ist 22 Kilometer lang und beginnt in Blieskastel, wo er auch endet.

Natürlich kann der Wanderer auch irgendwo starten, nach Lust und Laune über die Runde spazieren. Das Besondere an diesem Wanderweg ist seine Unaufdringlichkeit, seine leise Poesie. Ja, ein wenig wie ein Gedicht ist dieser Weg. Und wie tief der Wanderer in ihm versinken kann, merkt er erst, wenn er sich wieder einer Ortschaft nähert, schon beim Anblick der ersten Häuser erschrickt und plötzlich auf dem Paradeplatz von Blieskastel steht – mitten vor dem Rathaus.

Sonst eher der Natur zugetan, tut der ernsthafte Wanderer gut daran, das Haus einmal zu betreten, die breite Treppe hinaufzuschreiten und sich die beiden riesigen Ölgemälde oben im Flur anzuschauen. Das linke Werk zeigt den Reichsgrafen Franz Karl von der Leyen (1736 -75), der Harnisch trägt und königsblauen Samt. Das rechte Porträt ziert seine Gattin, Marianne von der Leyen (1745-1804). Ihr dunkelrotes Kleid bauscht sich unterhalb der Taille, die Frisur sitzt turmhoch, in der Rechten hält Madame einen Fächer. Das hübsche Paar in Öl ist von Bedeutung – immerhin hat es die Gegend hier geprägt, der Mariannenweg trägt sogar den Namen der Gräfin. 1773 verlegte Graf von der Leyen seine Residenz von Koblenz nach Blieskastel. Zwei Jahre später starb er, doch Gräfin Marianne setzte sein Werk fort. Sie ließ bauen, bis sich das Örtchen am Flüsschen Blies in eine schmucke Barockstadt verwandelte. Jüngst wurde Blieskastel gar als einer von nur zehn Orten in Deutschland zu einer »Slow City« erkoren. Wenig Werbung, kaum Schilder, keine Belästigung durch Licht und Lärm. Der Paradeplatz der kleinen Stadt ist gepflastert und von Platanen umstanden. Am Giebel des Rathauses ist das Leyen’sche Wappen in Sandstein gehauen, darunter gießen zwei Füllh.rner ihren Segen aus. Aus dem einen rinnen Münzen, aus dem anderen Blumen. Ursprünglich hatte der Graf das stattliche Gebäude als Waisenhaus errichten lassen.

Früher marschierten hier die Garde-Grenadier-Kompanie auf

Auf dem dem Platz marschierte früher die 60 Mann starke Garde-Grenadier-Kompanie des Grafen auf. Gegenüber steigen Gassen sacht zum Schlossberg hinauf, gesäumt von niedrigen Bürgerhäusern mit roten Ziegeln. Es wäre einfach, aus diesem Blieskastel eine Puppenstube für Touristen zu machen. Doch die Altstadt hat sich nie zu einem Ganzjahres-Weihnachtsmarkt für Amerikaner entwickelt. Um den Napoleonsbrunnen sitzen Einheimische, schwatzen mit einem Polizisten. Das Eiscafé ist gut besucht, unter dem Schatten von Weinlaub werden die ersten Schoppen des Tages getrunken.

Der wahre Wanderer lässt sich von solchen Szenen nicht ablenken. Er geht zurück auf den Mariannenweg, biegt hinter dem Städtchen in den Wald ein. Große Buchen breiten bald ihre Kronen aus, alte Eichen und rötliche Kiefern wachsen. Der Mariannenweg entführt nun in so etwas wie Wildnis. Sicher, der Pfad ist gut beschildert, aber von der Kurverwaltung gefegt wird er gewiss nicht. Nach einigen Kilometern Marsch bietet sich bei Seelbach ein Schlenker an, Natur und wogendes Gras finden sich auch abseits der Strecke. Eine Schafherde weidet dort, Hunderte Tiere fressen gemächlich vor sich hin, ein stetiges Rupfgeräusch durchbricht die Stille. Ab und zu blökt ein Lamm, das seine Mutter sucht. Einige Schafe stellen sich ungelenk auf die Hinterbeine, um an niedrig hängende Äpfel zu kommen. "Die haben viele Vitamine", sagt der Hirte, "das mögen die Schafe." Familie Ernst betreibt im Bliesgau noch die traditionelle Wanderschäferei. Sohn Martin hütet mit seinem schwarzen Hund die Schafe, die Mutter hält den Familienbetrieb zusammen. "Wir pflegen die Kulturlandschaft", sagt Edith Ernst resolut. "Ohne die grasenden Schafe und Ziegen, die an den Hecken knabbern, würde der Bliesgau verbuschen." 

Grüner Cocktail: Auf den Wiesen wachsen etliche Sorten an Gräsern

Auf den Wiesen wachsen 60 verschiedene Sorten von Gräsern und Kräutern, Huflattich, Spitzwegerich und wilder Schnittlauch. Wenn die Sonne brennt, legen sich die Tiere in den Schatten der knorrigen Bäume. Um Wasser muss sich der Hirte keine Sorgen machen, in den Tälern fließen genügend Bäche. Der einzige Zusatz, mit dem er seine Schafe versorgt, ist Salz. Wenn die Lämmer sieben Monate alt sind, werden sie geschlachtet. Das Fleisch gilt als exquisit und ist bei saarländischen Spitzenköchen begehrt. Probieren kann man es auch direkt vor Ort in der rustikalen Gaststätte, die die Familie Ernst betreibt und die den etwas irreführenden Namen "Zum Hühnerhof" trägt – vor 35 Jahren wirtschaftete auf dem Hof ein Geflügelzüchter.

Essen. Der hungrige Wanderer ist diesem keinesfalls abgeneigt, doch schon bald zieht es ihn weiter. Leichtfüßig durchmisst er weitere Wälder, trifft Störche in Butterblumenmeeren, treibt durch saftiges Grün, weite Felder, atmet nichts als Ruhe. Am Würzbacher Weiher ist der Wendepunkt des Mariannenwegs erreicht. Im Jahr 1773 schenkte Graf von der Leyen seiner Gräfin hier zu Weihnachten ein kleines Anwesen, "zum Genuss und zum Vergnügen". Sie baute das Haus am See zu ihrer Sommerresidenz aus. Heute ist darin das Hotel "Annahof" beherbergt. Auf der hübschen Kiesterrasse sitzt der Gast unter Nussbäumen, er trinkt ein gutes Glas Wein, und sein Blick fällt auf einen grünen Weiher mit Seerosen. Jeder, der den Weg abschreitet, wird diesen Anblick genießen wollen. Und irgendwann die müden Glieder betten. Es dürfte dafür keinen besseren Ort geben als den Annahof. Am nächsten Morgen die letzte Etappe. Es geht durch Alschbach, ein Dorf, in dem die Zeit den ewigen Stillstand zu proben scheint. Im Schritttempo fährt gerade der Alteisenmann durch den kleinen Ort. Er schellt mit der Glocke, wenn jemand winkt, hält er, wuchtet ein rostiges Fahrrad oder eine alte Waschmaschine auf die Pritsche seines kleinen Lastwagens.

Am Ortsrand sitzt ein altes Ehepaar auf einer Bank. Sie trägt Kittelschürze, gemeinsam schweigen sie in die Sonne. Der Wanderweg führt ab hier aufwärts durch schattigen Wald. Auf dem freien Feld einer Anhöhe ragt plötzlich ein merkwürdiger Stein senkrecht in den blauen Himmel. Der Gollenstein ist fast sieben Meter hoch, wie ein Phallus erhebt er sich steil aus einer grünen Wiese. Einige Wissenschaftler sagen, die Kelten hätten hier den größten Menhir Mitteleuropas errichtet. Andere behaupten, der Kultstein stünde schon seit 4000 Jahren hier. Er gehört auf jeden Fall zu den Steinen, die Geschichten erzählen können. Im 19. Jahrhundert haben eifrige Katholiken den Gollenstein bekehrt, haben eine Altarnische und ein Kreuz in den steinernen Heiden gemeißelt. Die Nationalsozialisten, die direkt daneben Bunker bauten, hielten ihn für gefährlich. Sie fürchteten, das massive Ding könne der feindlichen Artillerie als Orientierung dienen, und legten den langen Sandstein um. Dabei zerbrach er in vier Teile. Nach dem Krieg flickte man ihn mit Beton zusammen und richtete ihn wieder auf.

Innehalten und die Gedanken fliegen lassen

Der Wanderer hält inne. Seine Gedanken gehen auf Reisen. Aber ist dies nicht der eigentliche Sinn einer Wanderung? Und wie viele Kilometer sind es noch bis zurück nach Blieskastel? Und überhaupt, wann soll dieser Gang enden, diese kleine Reise durch Zeit und Natur? Durch das bescheidene Glück der deutschen Provinz, das vielleicht nirgends besser zu erhaschen ist als hier auf dem Mariannenweg.

Der Marsch endet tragisch: in der schmalen Schlosskirche von Blieskastel, an den Gräbern von Graf und Gräfin von der Leyen. Immerhin, das Bliesgauer Glück der Gräfin Marianne währte 20 Jahre. Doch 1793 zogen französische Revolutionstruppen auf, plünderten das Schloss, zerstörten fast alles. Die stolze und tatkräftige Gräfin musste fliehen – als Magd verkleidet. Vom Schloss blieb nur der Lange Bau übrig, die sogenannte Orangerie, der Barockgarten wurde in den 1980er Jahren neu angelegt. In seiner Mitte plätschert heute ein Springbrunnen, Blumen säumen den Rasen.

Die Strenge und Überheblichkeit großer Fürstenhöfe jedoch fehlt, stattdessen weht eine heitere Nonchalance durch diesen Lustgarten. Ein Schüler turnt auf dem Springbrunnen herum. Die Rosen in den Rabatten dürfen in Würde welken, und die Buchsbaumpyramiden könnten auch mal wieder geschnitten werden. Aber all das kann warten. Bis morgen. Oder übermorgen. Die leise Poesie des Bliesgaus mag das überstürzte eben nicht. Der Bliesgau hat Zeit. 

INFO
Der Mariannenweg ist 22 Kilometer lang. Die klassische Route beginnt und endet in Blieskastel, ist gut ausgeschildert und lässt sich auch in zwei Halbetappen aufteilen. Eine Broschüre und eine Wanderkarte (1:25000) gibt es beim Verkehrsamt Blieskastel, Zweibrücker Str.1, Tel. 06842 9261314, www.blieskastel.de

Wohnen: Im 230 Jahre alten Landsitz der Gräfin bietet das Residenzhotel "Annahof" gutes Essen, gemütliche Zimmer und Raum für Tagungen. www.annahof.de

Essen: Schäferfamilie Ernst betreibt in Seelbach die Gaststätte "Zum Hühnerhof" und bietet Lammfleisch aus eigener Zucht an. Beliebt auch bei Wanderern – der Jakobsweg führt direkt am Haus vorbei. 

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Autor:
Benjamin Silberkehl