Pfalz Wandermusiker für die Welt

Es ist ein sonniger, stiller Sonntagmorgen in Kusel, als sich gegen zehn Uhr der Orkan ankündigt. Zuerst mit einem leichten Klicken von Blech. Dann ein Fingerschnippen. "Eins-zwei-drei-vier ", zählt Klaus Petermann und setzt die Posaune an die Lippen. Er lässt sie tröten, röcheln, flätteln, lässt Töne anschwellen, so dass sie weit hinausdringen aus dem offenen Fenster der Musikschule. Das Schlagzeug mischt sich dazu, Saxophone, Trompeten, ein Klavier. "Petermann's Swing Partie" lässt es krachen.

Damit steht Klaus Petermann nicht allein. Fünf Big Bands gibt es in und um Kusel, das Städtchen hat gerade mal 5200 Einwohner. In der Musikschule üben etwa 1400 Männer, Frauen und Kinder aus dem Kuseler Kreis. Fast jedes Dorf hat seinen Musikverein. Petermanns Band spielt seit 25 Jahren mit im Konzert. Auf Hochzeiten, Meisterfeiern und Stadtfesten. "Aber nicht nur Dicke-Backen-Musik", sagt der Bandleader. Wäre ja auch noch schöner. "Wir wollen ein Stück Kultur erhalten."

Und die ist hier etwas Besonderes, im Nordpfälzer Bergland rund um Kusel, an den Flüssen Glan und Lauter. Im Westrich, dem Musikantenland. Eigentlich ist das Musikantenland ein recht stilles Land. Es gibt nicht so viel, was Lärm erzeugen könnte. Keine Industrie. Keine dicken Straßen. Dafür Hummeln, die sanft durch blühende Kirschbäume brummen. Den Wind, der sattes Gras zum Rascheln bringt. Kirchenglocken und Brunnenplätschern. Und trotzdem: Diese Gegend swingt.

Ein Hügelland, streng und schön. Mal wie Samt, mal wie schuppige Schlangenhaut. Auf und ab geht's auf kurvenreichen Straßen, durch wiesenbewachsene Täler, die den Besucher wie durch einen grünen Kanal schleusen und im nächsten Moment fast in einen gelben Löwenzahnhang donnern lassen. Kleine Waldstücke puscheln sich in den Himmel und vogelschwangere Hecken kästeln das Land. Baumreihen entlang der vielen Bäche glitzern im klaren Licht, das am Abend ins Violette changiert. Mitunter riecht das Land wie nasser Hund, dann wieder süß nach Raps. Der Westrich wirkt nicht üppig, nicht heroisch. Er hat menschliche Dimensionen.

Was heute so sanft und friedlich wirkt, war im 19. Jahrhundert ein raues, armes Land. In den Tälern sammelte sich das Wasser, das machte Ackerbau unmöglich. Durch die Realteilung in den Bauernfamilien wurden die Äcker zu schmalen Hosenträgern und konnten keine Familie mehr ernähren. Der Boden war sowieso schlecht. Es gab kaum Straßen, und die Städte, in denen es Arbeit gab, waren zu weit weg. Keiner weiß genau wann, aber ab etwa 1830 zogen die Männer mit ihren Pauken und Trompeten los, die es damals in jedem Dorf gab.

Zuerst nach Frankreich, dann in die Schweiz, wo sie auf den Straßen spielten. Söhne lernten von ihren Vätern. Um die Jahrhundertmitte bildeten sie ganze Kapellen, musizierten europaweit in Kurorten, auf Rennbahnen, in Theatern. Mit Zirkussen zogen sie bis nach Asien, in den USA stießen sie als Orchestermusiker in Horn und Posaune, in Kolumbien bliesen sie Reklame für eine Arzneimittelfirma. Blieben sie zunächst nur über den Sommer fort, mussten viele Familien später jahrelang auf die Rückkehr der Väter warten.

Bis heute wird Musik aus der Westpfalz im Weißen Haus gespielt

Etwa 9000 Wandermusikanten aus der Westpfalz sind heute namentlich bekannt. Georg Drumm aus Erdesbach wurde am Broadway eine große Nummer und schrieb "Hail America", bis heute Zeremonienmarsch des Weißen Hauses. Hubertus Kilian aus Eßweiler hat als "Kaiserlich Chinesischer Militärkapellmeister" den Taktstock geschwungen.

Mit Taschen voller Geld kamen die Wandermusikanten einst nach Hause, bauten sich Häuser aus rotem Sandstein, mit geschnitztem Giebelschmuck und Veranden, die sie in Australien entdeckt hatten. Einige haben die Zeit überdauert. Die Zeit der Wandermusikanten wirkt wie ein Aufbäumen, danach fiel der Westrich wieder zurück in eine Art süßer Lethargie. Die Dörfer liegen auf dem grünen Land verteilt wie Croûtons in der Erbsensuppe, im Schattenspiel der Wolken. Handfest sind die Leute im Westrich, auch musikalisch.

Horst Molter kann ein Lied davon singen. Der 76-jährige Instrumentenbauer aus Mackenbach versorgt die musizierenden Pfälzer mit Trompeten, sorgt dafür, dass Posaunen wieder sauber klingen. Horst Molter wirkt fast ein bisschen verloren da unten im Keller, zwischen Bunsenbrenner, Ziehbank und Schraubstock. Er spielt Klavier in einem Trio, zu Weihnachten in der Kirche, auch auf Vereinsfesten. Boogie-Woogie, Walzer und Operetten von Lehár und Strauß. "So was hab' ich einfach gern im Ohr", sagt Molter, "Sinfonien sind mir zu traurig." So passt auch Molter gut in dieses Land.

Musik ist hier keine Sache der süßen Melancholie, sondern der Lebensfreude. "Die Musik ist Heimatgefühl, sie belebt die ganze Region", meint Roland Vanecek. So wie an diesem sonnigen Frühlingsabend, an dem rausgeputzte Musikantenländler in die Fritz-Wunderlich-Halle strömen, hoch über Kusel. Stimmengewirr bei Brause und Brezeln in einem architektonischen Aufschrei aus verblichenem Grün und Gelb. Gleich werden Musikschüler mit Roland Vanecek dessen Tubakonzert Nr.1, "Das Musikantenländische", spielen.

Erwartungsfrohe Mienen in rund 300 Gesichtern, als Vanecek im roten Gehrock die Bühne betritt. Er setzt an. Weich tönt es aus dem Riesentrichter, dann lässt er seine Tuba plöttern und flabbeln, schlägt schließlich mit der Hand drauf und singt auch noch beim Reinblasen. Dicke Backen produzieren etwas, was nun wirklich nicht "Humbahumba" ist. Die Leute hören es mit Freude. Als Vaneceks "Musikantenländische" schließlich ganz in der Welt ist, applaudieren sie heftig und zaubern ein breites Grinsen auf das rote Gesicht des Komponisten. Wandermusikanten gehen eben immer noch ein Stückchen weiter.

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