Altötting Wallfahrt ins bayerische Herz

Wer Bayern verstehen will, muss ins Innerste des Freistaats blicken. Muss die Mitte finden. Das heißt, er muss - ob er will oder nicht - nach Altötting fahren. Oder besser noch: wallfahren, sprich zu Fuß gehen! Nicht nur, weil in der heiligen Kapelle die Herzen von 27 wittelsbachischen Fürsten und Fürstinnen in silbernen Urnen bestattet sind. Nicht nur, weil hier seit Jahrhunderten Päpste und Könige der Schwarzen Madonna die Ehre erweisen. Nein, er muss hin, weil der Kreislauf altbayerischen Daseins in Altötting sein historischkulturelles Pumpwerk hat.

Ein Blick auf die Votivtafeln der Gnadenkapelle auf dem weiten, von Barockgebäuden gesäumten Kapellplatz genügt, um zu verstehen, was die Menschen in Bayern jahrhundertelang bewegte und immer noch bewegt. Nach einem Besuch Altöttings wird man, betört von Weihrauchschwaden und benebelt von endlosen "Oh Maria, hilf!"-Litaneien, an tief empfundener Volksfrömmigkeit nicht mehr zweifeln. Aber Vorsicht! Das ist nur die eine der beiden Herzkammern Bayerns. Die andere ist nicht ganz so heilig.

Wer sich an einem sommerlichen Sonntagvormittag auf den Kapellplatz von Altötting stellt, die Ohren spitzt und den Gesprächen lauscht, dem wird schnell bewusst werden, mit was für einem Menschenschlag er es zu tun hat. Selbstbewusst und bauernschlau, gepaart mit einem feinsinnigen Humor. Dazu jene krachledern-derbe Bodenständigkeit, die dem Stamm mitunter - und nicht ganz zu Unrecht - nachgesagt wird. All das tritt mehr oder weniger offen zutage, wenn der Bayer - je nach regionaler Herkunft - "zum Woifahrtn auf Oidäding aini, aine, nai, nei, naus, umme oder num fahrt".

Und danach wieder zurück. Zum Beispiel in Richtung Norden, ins Holzland, jenes wunderschöne Hügelland jenseits des Inns, wo das geistig-charakterlich so eng verwandte Niederbayern dem östlichen Oberbayern schon bedrohlich nah kommt. Oder entlang der uralten Wasser- und Lebensader namens Inn: flussaufwärts über Mühldorf, Kraiburg und Wasserburg bis in die Rosenheimer Gegend hinein, wo das andere, das westliche Oberbayern, das Oberland, beginnt. Vielleicht aber auch Richtung Süden, über die sanft geschwungenen Moränenhügel und Hochterrassenfelder der Alzplatte. Dann ist der Chiemsee nicht mehr weit, und bei Föhn reicht der Blick bis zu den Gipfeln des Hochfelln und der Kampenwand, die über dem Chiemgau thronen.

Freilich, man hätte auch die Salzach entlang fahren können, um nach Burghausen zu kommen: Es gibt Menschen, die die Siedlung mit ihren engen Gassen, den prächtigen Bürger- häusern und dem quirligen Marktplatz als nördlichste Stadt Italiens bezeichnen. Besonders wird Burghausen jedoch vor allem durch seine Burg, das Wahrzeichen der Stadt. Wie Perlen auf einer Kette reihen sich sechs Höfe aneinander und bilden die längste Burganlage Europas. Wem das noch nicht genügt: Am Waginger See vorbei kommt man von Altötting hinein ins Berchtesgadener Tal und weiter in die Ramsau. Auch schön, auch richtig! Denn - ganz ohne Bescheidenheit gesagt - falsch machen kann man im östlichen Oberbayern ohnehin kaum etwas. Solange man weiß, wo die Mitte ist!

Der Alphornbauer aus Bischofswiesen

Und wer hat's erfunden? Nein, ausnahmsweise nicht die Schweizer. Obwohl das Gerät heute als helvetisches Nationalsymbol gilt. Tatsächlich hat sich die Tradition des Alphornblasens auf den Höhen der Eidgenossenschaft am besten erhalten, aber Holztrompeten und Rindenhörner gab und gibt es überall auf der Welt. Nur in den Berchtesgadener Alpen nicht. Zumindest keine Alphörner. Aber wo es Berge gibt, dachte sich Alois Biermaier senior aus Bischofswiesen, da passt auch ein Alphorn hin.

Und Berge finden sich rund um den Berchtesgadener Talkessel reichlich: der Watzmann, der Hohe Göll, das Lattengebirge. Gar nicht zu reden von den bizarren Formationen, die so seltsame Namen tragen wie "Steinerne Agnes" oder "Schlafende Hexe". Die hat sich der heute 68-jährige Schreinermeister allerdings lieber von unten angesehen: "Ein großer Bergsteiger war ich nie. Ich habe immer Musik gemacht. Sie ist mein Leben, seit ich zwölf Jahre alt war." Irgendwann kaufte sich Biermaier schließlich sein erstes Alphorn in der Schweiz.

Da die heimischen Musikalienhändler Schwierigkeiten hatten, weitere zu besorgen, fasste sich Biermaier ein Herz: "Ich hatte keine Ahnung, aber 1976 habe ich einfach angefangen, Alphörner zu bauen. Fünf Jahre später hatte ich eines mit einer Länge von 20,67 Metern geschafft. Damals noch alles mit der Hand. Ich hab das Holz mit dem Rundeisen rausgehauen." Mit seinem Meisterstück machte sich Biermaier einen Namen als Alphornbauer weit über den Landkreis hinaus.

Bis heute hat er 600 bis 700 Instrumente gebaut, ungefähr 30 im Jahr, die meisten zwischen 3,30 und 4,50 Meter lang. Rund 1500 Euro kostet so ein Alphorn, das aus feinjährigem Fichtenholz hergestellt wird. Für Mundstückansatz und Füßchen braucht es dagegen Hartholz, da wird Ahorn eingesetzt. Neben der Werkstatt hat Alois Biermaier senior eine kleine Ausstellung mit 80 Instrumenten. Hier sind Besucher willkommen, welche die musikalischen Dinosaurier des Alpenraums ausprobieren wollen.

Biermaier hat seine Schreinerei längst an Sohn Alois übergeben. Der Junior produziert weiterhin Alphörner; die Fichtenrohre schneiden heute jedoch computergestützte Maschinen. Das Zusammenstecken der Rohlinge und die Feinarbeit erledigt weiterhin der Vater: "Das Mundstück erzeugt den Ton, der Trichter formt ihn, und das Rohr ist die Tonsäule." So prägt das Holz Charakter und Ton des Instruments. Dass das Alphorn im Berchtesgadener Land keine Tradition hat, stört den Schreiner nicht. "Für mich ist Musik die Heimat. Der Klang eines Alphorns geht einfach ins Gmiat", sagt Bläser Biermaier. Und das "Gmiat", das Gemüt, hat für ihn ganz viel mit Heimat zu tun.

 

Mit Feingefühl und Zahnarztbohrer

Wenn Barbara Neuhaus in Bischofswiesen auf ihrer Terrasse sitzt, hat sie einen wunderbaren Blick auf den Watzmann. Oder besser gesagt, sie hätte. Denn die 51-Jährige betrachtet nur selten den legendären Berg. Mit Mundschutz, Jacke und Kopfbedeckung ausgerüstet, konzentriert sie sich zumeist auf ihren sehr fragilen Werkstoff: Eier. Mit höchstem Feingefühl setzt die gebürtige Bambergerin einen Zahnarztbohrer an und fräst sich durch die dünnwandigen Schalen ihrer Objekte.

Wenn alles gut läuft und Barbara Neuhaus keinen Fehler macht, dann liegt nach 15 bis 20 Stunden Arbeitszeit ein kleines Kunstwerk vor ihr. Jedes Ei ein Unikat - verziert und bemalt mit Blumen, Vögeln oder Mustern. Angefangen hat die Sport- und Biologielehrerin am Gymnasium Berchtesgaden mit ihrem Hobby vor 23 Jahren.

"Zufällig. Ich war in Erlangen auf einem Ostereiermarkt und sofort begeistert. Mein Vater hatte einen Punktbohrer zu Hause, und so habe ich einfach angefangen, Eier auszublasen und Löcher hineinzumachen." Was einfacher klingt, als es ist. Denn die Schale gibt dem Ei Spannung - und die nimmt man ihm, wenn man Löcher hineinfräst. Zwei von zehn gehen in der Regel zu Bruch. Der Rest ist Kunst.

Der persönliche Rekord von Barbara Neuhaus kann sich sehen lassen: "Ich hab ein doppeldotteriges Gänseei bearbeitet, das mehr als 1000 Löcher hat", erzählt sie. In ihrer Schatzschachtel liegen mittlerweile 50 solcher Eier - in allen Variationen. Günstig sind sie nicht gerade. Wer ein von Hand gefertigtes Osterei erwerben will,muss schon zwischen 30 und 180 Euro investieren.

 

Der Theaterbauer aus Halsbach

Geschichte ist wie der Rückspiegel, den man beim Autofahren dringend braucht", sagt Martin Winklbauer. Das klingt so lapidar, als hätte er den ganzen Tag über nichts anderes nachgedacht. Dabei kommt er gerade aus dem Stall und hat noch seine Gummistiefel an. Denn Winklbauer, Vater von fünf Kindern, geboren 1957 im oberbayerischen Halsbach, ist von Beruf eigentlich Bauer. Auch wenn er heute - weit über die Grenzen seines 900-Seelen-Dorfes hinaus - vor allem als Theatermann bekannt ist.

"Wenn wir nicht ab und zu nach hinten schauen, kommt schnell etwas daher, das uns einholt. Wir brauchen den Blick zurück, um unseren Weg nach vorn zu finden." Das sind gewichtige Sätze, die sich Winklbauer nicht angelesen, sondern erarbeitet hat. In jahrelanger Auseinandersetzung mit der Geschichte des eigenen Dorfes. Und mit der Frage: Was bedeutet "Heimat" heute eigentlich? Darauf hat Winklbauer eine einfache Antwort: "Muttersprache ist Heimat, denn in ihr erzählen wir die Geschichten, die uns geprägt haben."

Zum Beispiel jene des kleinen Martin, der sich in der Kirche einst langweilte und deshalb immer das große Ölbild betrachtete. Bewaffnete Soldaten waren darauf zu sehen, die 1742 durch Halsbach zogen: Panduren, kroatische Söldner im Dienst der Habsburger, die plünderten und brandschatzten. Daneben ein Leichenzug. Das Votivbild in der Pfarrkirche von Halsbach prägte Winklbauer und seine Schulfreunde. Als die Idee aufkam, ein Stück über die Geschichte des Ortes auf die Bühne zu bringen, erinnerten sich die Männer aus dem katholischen Landvolk an dieses Gemälde.

Winklbauer schrieb "Das Schwarze Jahr". Das Historienspiel über den Einfall der Panduren in Halsbach 1742 und die Leiden der Bevölkerung während des Österreichischen Erbfolgekrieges wurde ein Erfolg. Und die kleine oberbayerische Landgemeinde zu einer Hochburg des Laienspieltheaters. Heute sind immer 200 Halsbacher aktiv dabei, wenn ein Stück aufgeführt wird. Vom Techniker bis zum Statisten - jeder kann etwas. Das stärkt die Dorfgemeinschaft. Und im Mittelpunkt steht meistens Martin Winklbauer. Er schreibt, führt Regie, organisiert und steigt am Ende selbst mit rotem Rock und schwerer Lederhose auf die Waldbühne, um einen wilden Pandurenführer zu mimen.

Reiner Selbstzweck sind diese Zeitreisen nicht. Historienspiele sind nach Auffassung des kritischen Katholiken Winklbauer keine weiß-blauen "Mia san mia"-Spektakel, sondern Vehikel: "Man kann so ein Kulturprojekt als Karren benutzen, um Werte zu transportieren. Um klarzumachen, was Freundschaft und Frieden eigentlich bedeuten, über Länder- und Sprachgrenzen hinweg." Heute pflegen die Halsbacher eine Freundschaft zu den Einwohnern der kroatischen Stadt Kutjevo, aus der einst die feindlichen Panduren kamen.

"Das Schwarze Jahr" ist der Klassiker, der immer wieder die 500 Sitzplätze der Halsbacher Waldbühne füllt. Aber Winklbauer hat auch andere Stücke geschrieben. Eines über das Leben des heiligen Nikolaus von Flüe zum Beispiel. Und in "Das Vermächtnis " geht es um den österreichischen Landwirt Franz Jägerstetter, der als Kriegsdienstverweigerer von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Für dieses Stück hat Winklbauer im Dorf "viel Prügel" bekommen, vor allem von Vertretern der Kriegsgeneration. "Wir Jüngeren haben diese Zeit nicht erlebt und wissen nicht, wie wir gehandelt hätten. Aber bedeutet das, dass wir nicht darüber reden dürfen? Ich denke nicht", sagt der Bühnenautor.

Das Thema Nazizeit erfuhr in Halsbach kürzlich ungeahnte Aktualität: Die rechtsextreme NPD wollte ein Wirtshaus im Ort kaufen oder pachten. Die Halsbacher gründeten eine Initiative gegen Rechts. Winklbauer war im Oktober 2008 natürlich dabei, als das "Aktionsbündnis engagierter Bürger" 2800 Demonstranten gegen die Braunen auf die Straße brachte.

Heute ist es wieder ruhig im Ort. Ein Triumph? "Keineswegs", meint Winklbauer. "Es ist ja so leicht, den Wirt zu verurteilen. Aber wie kam er dazu? Das muss sich auch die Dorfgemeinschaft fragen. Vielleicht sind wir alle nicht ganz unschuldig." Wieder so ein Satz des Theaterbauern, der wohl nicht jedem schmecken wird. Doch wer nicht in den Rückspiegel schaut, den holen die Gespenster der Vergangenheit ein.

 

An Kraut und Rüben üben

Vor drei Jahrzehnten wurde Hubert Jaksch krank. Allergien plagten den Landwirt. Recht schnell wurde ihm klar, dass sein Leiden etwas mit den Nahrungsmitteln zu tun haben musste. Und so entschied er sich, Biobauer zu werden. Heute ist er wieder gesund. Gewonnen hat er die Erkenntnis, dass sich Menschen selbst aus der Patsche helfen können.

Nun bietet Jaksch auf Hof und Feld Seminare an: "Mein Betrieb ist eine Lernstätte für Leute, die selber die Initiative ergreifen wollen. Bei mir können sie von der Sauerkrautherstellung bis zum Salbenmachen alles Mögliche ausprobieren und lernen." Jaksch unterstützt mit seinen Kursen nicht nur naturferne Städter. Auch Dorfbewohner und sogar andere Landwirte kommen zu ihm, um längst vergessenes altes Wissen zu erwerben und anzuwenden.

Die Themenpalette des Biobauern ist breit. Wie lagert man Lebensmittel richtig? Wie bereitet man sie auf? Wie baue ich Gemüse an? Manche Kursteilnehmer werden quasi selbst zu Hobbybauern. Sage und schreibe 70 Familien mieten sich von April bis Ende Oktober auf dem Jaksch'schen Anwesen ein und ziehen gegen ein monatliches Entgelt und unter Anleitung des Hofherren ihr eigenes Gemüse. "Nicht die Menge macht's, sondern die Qualität und die regionale Vielfalt", erklärt der 58-jährige Jaksch.

Er sammelt Erkenntnisse über das Säen, Pflanzen, Pflegen, Ernten und Kochen auf der ganzen Welt. Und gibt sein Erfahrungswissen recht undogmatisch weiter. Nur eines steht - neben der Freude am Selbermachen - für ihn unverrückbar fest: "Wer ständig gegen Naturgesetze handelt, macht sich das Leben unnötig schwer."

 

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Autor:
Thomas Grasberger