Abenteuer Rhein Von den Alpen bis zur Nordsee schwimmen

MERIAN.de: Herr Bromeis, im Rahmen des Projekts „Das blaue Wunder – Rhein 2012“ schwimmen Sie einen der bedeutendsten Flüsse Europas hinab, von der Quelle bis zur Mündung...
Ernst Bromeis: Angefangen hat alles 2008. Damals durchschwamm ich 200 Seen im Kanton Graubünden. Zwei Jahre später folgte das sogenannte „Schweiz Projekt“, bei dem ich ins Wasser des jeweils größten Sees eines Kantons stieg. Mit den Aktionen will ich auf die Endlichkeit unserer Süßwasserreserven aufmerksam machen. Mit der dritten Stufe, dem Rhein, möchte ich nun meine Vision einer „Europäischen Wassertrilogie“ verwirklichen.

Warum gerade der Rhein?
Ein Fluss ist das verbindende Element zwischen Quelle und Meer. Der Rhein gehört zu den größten Wasserstraßen Europas, hat also wirtschaftlich gesehen eine enorme Bedeutung. Er ist aber auch Lebensraum für viele Vogel- und Fischarten. Das Obere Mittelrheintal zwischen Rüdesheim und Koblenz ist seit 2002 Unesco-Weltkulturerbe. Und das Wichtigste, der Rhein speist das bedeutendste Trinkwasserreservoir Europas, den Bodensee. 

Wofür steht „Das Blaue Wunder“?
Mit dem „Blauen Wunder“ will ich Menschen den Wert des Wassers näher bringen. Ich will sie dafür sensibilisieren, dass Wasser ein äußerst kostbares Gut ist, mit dem man nachhaltig umgehen muss. Wer mehr über Nutzung und Verbrauch weiß, geht meiner Meinung nach bewusster damit um.

Man könnte Sie also als Wasserbotschafter bezeichnen?
Wasserbotschafter, Extremsportler, Abenteurer - mittlerweile gibt es viele Bezeichnungen für mich. Bei meinen Aktionen geht es mir aber nicht um Rekorde. Mir ist wichtig, die öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen. Wasser ist eine lebenswichtige Ressource, die uns nicht unbegrenzt zur Verfügung steht. Denn Süßwasser ist endlich, auch wenn wir in unseren Breitengraden momentan noch genug haben. Genau dessen sind wir uns aber viel zu wenig bewusst. Durchschnittlich verbrauchen die Deutschen etwa 120 Liter Wasser täglich, andere Länder wie die USA oder Japan haben einen noch weitaus höheren Verbrauch, teilweise doppelt so hoch. Das meiste Wasser benötigen wir fürs Duschen, Wäschewaschen und die Toiletten-Spülung. Wasserknappheit kennen wir nicht, wir drehen einfach den Hahn auf - ohne nachzudenken. Dabei sollte man nicht vergessen, dass mehr als eine Milliarde Menschen auf der Welt keinen direkten Zugang zu sauberem Wasser haben.

Von der Botschaft einmal abgesehen: Den Rhein hinabzuschwimmen ist eine große körperliche Herausforderung. Wie bereiten Sie sich darauf vor?
Ich mache viel Krafttraining für die Schultern, den Nacken und den Rücken. Im Winter steht Langlauf auf dem Trainingsplan - und natürlich bin ich viel im Wasser. Die Vorbereitungen für jede Aktion dauern immer mehrere Monate. Ich komme aus dem Leistungssportbereich und habe über die Jahre viel an Erfahrung gesammelt. Deshalb weiß ich auch, wie wichtig es ist, seine Kräfte richtig einzuteilen, damit man das Ziel, das man vor Augen hat, erreicht.

Wann startet das Projekt „Rhein 2012“?
Das Projekt „Rhein 2012“ startet am 2. Mai an der Quelle in den Schweizer Alpen. Wenn alles nach Plan läuft, erreiche ich am 31. Mai Rotterdam, wo wenige Kilometer weiter der Rhein in die Nordsee mündet. Bei meiner eigenen Geschwindigkeit von etwa vier Kilometern pro Stunde plus der Strömung werde ich jeden Tag 45 bis 50 Kilometer schwimmen - manchmal auch mehr. Dafür bin ich ungefähr sechs bis sieben Stunden im Wasser.

Sechs Stunden im Wasser, eignet man sich da einen besonderen Schwimmstil an?
Eigentlich nicht. Ich werde die ganze Zeit kraulen. Brustschwimmen ist zu langsam und beim Rückenschwimmen sehe ich nicht, was vor mir passiert. Wichtig ist, viel zu trinken und immer wieder Pausen einzulegen.

Was tragen Sie im Wasser?
Ein Neoprenanzug schützt mich vor der Kälte. Das Wasser ist zum Teil nur vier bis fünf Grad warm. Wo der Rhein noch wilder ist und durch Schluchten fließt, trage ich auch Rückenprotektoren.

Sie werden den Rhein also von der Quelle bis zur Mündung in einem Stück schwimmen?
Es wird leider einige Abschnitte auf der Strecke geben, die einfach nicht schwimmbar sind. Direkt an der Quelle zum Beispiel ist der Rhein nur ein kleines Rinnsal, zudem gibt es einige Schleusen und nicht zu vergessen der Rheinfall bei Neuhausen - mit einer Höhe von 23 Metern und einer Breite von 150 Metern gehört er zu den größten Wasserfällen in Europa. Insgesamt ist der Rhein 1232 Kilometer lang, davon werde ich etwa 1150 Kilometer schwimmen.

Schwimmen Sie alleine?
Ich schwimme alleine, aus Sicherheitsgründen ist aber immer ein Boot mit dabei. Vom Bodensee bis zur Mündung werde ich von den Lebensrettungsgesellschaften aus der Schweiz, aus Deutschland und den Niederlanden begleitet. Während ich schwimme, bin ich sehr konzentriert, um sofort auf Veränderungen des Wassers oder der Gegebenheiten reagieren zu können.

Nehmen Sie dann überhaupt noch etwas von der Landschaft entlang der Uferzone wahr?
Darauf freue ich mich besonders. Als ich die Schweizer Seen durchschwamm, hatte ich stundenlang das gleiche Panorama vor Augen. Jetzt am Rhein wird sich die Landschaft von Tag zu Tag, teilweise sogar von Stunde zu Stunde ändern.

Bereits 2008 und 2010 erregte Ernst Bromeis mit seinen Aktionen öffentliche Aufmerksamkeit.
Andrea Badrutt
Bereits 2008 und 2010 erregte Ernst Bromeis mit seinen Aktionen öffentliche Aufmerksamkeit.
Stichwort Sicherheit: Gibt es Abschnitte, die gefährlich werden könnten?
Zu Beginn wird die Natur die größte Gefahr darstellen: niedrige Wasserstände, Felsen, Schluchten. Ab Basel ist es dann die Zivilisation. Entlang des Rheins wohnen über 50 Millionen Menschen, er fließt durch große Städte wie Mannheim oder Köln, ich komme an Kernkraftwerken vorbei. Die Wasserqualität wird ebenfalls eine Rolle spielen und natürlich das Wetter. Die Einflüsse werden somit Teil der Expedition sein.

Und was ist mit dem Schiffsverkehr?
Von den rund 1200 Kilometern sind knapp 900 Kilometer für die Großschifffahrt nutzbar. Schiffe werden somit mein ständiger Begleiter sein, was auch bedeutet, dass ich beim Schwimmen kontinuierlich Lärm ausgesetzt bin. Die Fahrrinne ist für mich als Schwimmer natürlich tabu, aber die Kielwellen könnten mich eventuell behindern.

Was treibt sie eigentlich an, sich solchen Strapazen auszusetzen?
Es ist der innere Antrieb, gesellschaftlich etwas zu bewegen. Diese Motivation sitzt tief in mir. Ich weiß, dass ich mit meinen Aktionen die Welt nicht von heute auf morgen verändere, aber ich kann in den Köpfen vielleicht etwas auslösen. Ich möchte ein Bewusstsein für die Endlichkeit unserer Ressourcen schaffen und die Menschen zum Nachdenken und zur Diskussion anregen.

Wie entwickelte sich Ihre Leidenschaft fürs Schwimmen?
Ich bin im Engadin aufgewachsen, mitten in den Bergen. Erst mit 20, als ich mit meinem Sportstudium begann, habe ich das Schwimmen für mich entdeckt.

Sie bezeichnen sich selbst als Grenzschwimmer. Was meinen Sie damit?
Ich sehe meine Projekte als einen künstlerischen Akt - für den ich bereit bin, bis an meine Grenzen zu gehen. Je länger ich mich im Wasser aufhalte, desto mehr verändert sich auch etwas in mir: Ich werde zu einem Teil der Umwelt und weiß ihre Schönheit und Einzigartigkeit immer mehr zu schätzen. Dieses Gefühl möchte ich weitertransportieren.

Videos, Bilder, Buch und die Trilogie im Detail – mehr dazu unter www.dasblauewunder.ch

Autor:
Susanna Bloß