Thüringen Viele Fürstentümer

Auf dem Weg nach Weimar alles links und rechts liegen lassen. Was stand auf dem Ortsschild? Egal, nie gehört. Plötzlich taucht ein Schloss über den Dächern auf. Es ist riesig, prunkvoll und verträumt zugleich. Die Überraschung wiederholt sich Orte weiter - in Altenburg, in Rudolstadt, in Sondershausen, in Meiningen. Natürlich auch in Weimar: das Residenzschloss, Schloss Belvedere. Machtzentren, die ihre Macht längst verspielt haben, aus einer Epoche, in der Thüringens Fürsten lieber Kultur förderten statt Kriege zu führen. Ein Zeitalter, später golden angestrichen. Deutsche Klassik, Schiller, Goethe.

30 Residenzen und bis zu 20 Fürstentümer hat es im Laufe der Geschichte Thüringens in diesem Land gegeben. Denn das einheitliche Gebilde von heute ist noch nicht einmal hundert Jahre alt. Lange prägten Grenzen und Winzlingsterritorien die Landkarte, für die seitdem das F-Wort "Flickenteppich" üblich wurde.

Um dieses Gewebe zu erklären, braucht es einen großen Schritt in die Vergangenheit: Nachdem das Geschlecht der Ludowinger 1247 erloschen war, bestimmten zwischen Werra und Elster die Grafen von Wettin und Schwarzburg wie auch die Reußen. Sie kamen aus Altenburg und Weimar (Wettiner), aus Schwarzburg und dem Dreieck Greiz-Schleiz-Burgk (Reußen). Keines der Häuser errang jedoch jemals die Vormacht - sie regierten praktisch parallel.

Nach einiger Kabale im Hause Wettin teilte sich die Verwandtschaft 1485 in zwei Linien, von der nur eine weiter in Thüringen herrschte: die Ernestiner. Ihr Reich wurde das Stammland der Reformation - hier tauchte Martin Luther vor der Reichsacht unter, schlossen sich auch die protestantischen Fürsten 1531 zum "Schmalkaldischen Bund" gegen Kaiser Karl V. zusammen.

In den Jahren 1564 bis 1572 trennten sich alle drei Herrscherhäuser in mehrere Familienzweige. Bei den Ernestinern verlief die Zellteilung besonders schnell: Es existierten zeitgleich bis zu zehn Herzogtümer, darunter Sachsen-Weimar, Sachsen-Coburg-Gotha, Sachsen-Meiningen und Sachsen-Altenburg. Einige starben schon nach kurzer Zeit aus. Teils an ihren Grenzen, teils wie Inseln in ihrem Land lagen die Gebiete der Reußen - aufgepasst! - älterer, mittlerer und jüngerer Linie, sowie die Grafschaften Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen. Minimum! Denn die Erbteilung, die jedem Fürstensohn sein eigenes Reich zugestand, ließ auch sehr kurzzeitige Herrschaften zu - die in Marksuhl, Römhild, Eisenberg, Ebeleben und Keula regierten. Sprichwörtlich sind die "reußischen Verhältnisse", die die Kleinstadt Greiz zur Hauptstadt von gleich vier Familienzweigen machten: Obergreiz, Untergreiz, Rothental und Dölau.

Imponieren und repräsentieren war wichtig

Wo ein Herrscher ist, da braucht er auch ein Schloss! Über Jahrhunderte gaben sich darum die Architekten die Baukelle in die Hand, wie man in Altenburg sieht: Auf dem Burgberg stand Mitte des 15. Jahrhunderts nach einem Brand lediglich noch eine Kirche. Dann kam ein neues Schloss hinzu. Auf das Schloss folgte der Garten. "Mein Wohnhaus. Mein Teehaus. Meine Orangerie", tönte der Fürst vor seinen Gästen. Obelisken in der Einfahrt und ein Triumphbogen rundeten die Bauerei 1744 vorerst ab. In Nebenresidenzen und kleinen Burgen, die als Jagdschlösser oder Witwensitze fungierten, ist aber auch viel charmantes Fachwerk zu sehen. Ideen holten sich die Thüringer aus Italien und Frankreich - Zölle, Grundzinsen, Abgaben auf Salz und im Bergbau sicherten ihnen die üppige Selbstdarstellung in Stein.

Imponieren und repräsentieren war wichtig, wenn auch nicht alles. In Gotha errichtete Ernst I. Schloss Friedenstein (1643 bis 1654) in beinah absolutistischen Dimensionen: Drei und vier Stockwerke hoch, drei Flügel, jeder hundert Meter lang. Der Riesenbau war funktional. Denn in ihm hatte die Verwaltung Platz, in der sich dank Buchdruck immer mehr Papier ansammelte und die mit der Ausbildung des Kanzleiwesens unaufhörlich wuchs - so sehr, dass sogar Bürgerliche in Dienst gestellt wurden.

Zwar wirkt die schnörkellose Fassade von Schloss Friedenstein leicht, aber von oben drücken wuchtige Kuppeln und alles Gewicht liegt auf den dunklen Torbögen, die das Schloss wie eine Fußleiste umfriesen. Ähnlich baute man in der Theaterstadt Meiningen.

Mit ihren ummauerten Fenstern wirkt Schloss Elisabethenburg (1682 bis 1692) wesentlich freundlicher und aufgeschlossener. Als Vorbild mag entfernt das Schloss Wilhelmsburg im damals hessischen Schmalkalden gedient haben, wo von 1586 bis 1590 eine der ersten protestantischen Predigtkirchen Deutschlands errichtet wurde. Nur noch einmal, in Weimar, gönnte man sich Ende des 18. Jahrhundert ein derart Raum greifendes Residenzschloss (1789). In der Kommission, die den Wiederaufbau des abgebrannten Stadtschlosses auf den Weg brachte, saß damals der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe. 1775 war er nach Weimar übersiedelt, wo die Herzogin Anna Amalia eine Art Künstlerkolonie gegründet hatte.

Die Hingabe zu Bildung und Kultur unter den Fürsten war nicht neu und kein thüringisches Phänomen - Bibliotheken, Kuriositätenkabinette und naturwissenschaftliche Sammlungen entstanden allerorts. Aber um Weimar war das Netz der Geistesgrößen dichter als anderswo: Wieland, Herder, Goethe, Schiller lebten hier. Keine Tagesreise von ihnen entfernt, in Gotha der Astronom Franz Xaver von Zach, der Philologe Konrad Duden in Schleiz, die Verleger J.G. Justus Perthes in Gotha und Friedrich Brockhaus in Altenburg. Alexander von Humboldt, Jean Paul, Johannes Brahms und Ernst Haeckel gingen in Thüringen ein und aus.

Wenn Dichterfürsten wie Goethe oder Wieland 1808 einen Kaiser Napoleon treffen konnten, hätten diese Herren sich schon aus dem Weg gehen müssen, wollten sie die Begegnung vermeiden.

Die geistige Blüte hatte lange vorher begonnen. Bereits 1558 war in Jena die erste Universität gegründet worden. In Arnstadt setzte Johann Sebastian Bach erstmals den Federkiel zum Komponieren an. Deutschlands erster Kindergarten entstand in Bad Blankenburg. In Gotha etablierte sich eine Verlagslandschaft, die sich auf Kartografien spezialisierte und die 1763 ein Werk hervorbrachte, wie es nur im Lande der Duodezfürsten entstehen konnte: den "Gothaischen Genealogischen Hofkalender" - kurz "Der Gotha" genannt. Ein Handbuch des Adels, das die Europäischen Fürsten- und Grafenhäuser bis in die feinsten Verzweigungen auflistet.

Diese keimfreudigen Stammbäume hatten nämlich unter anderem dazu geführt, dass Thüringen politisch keine Rolle mehr spielte. Im Schmalkaldischen Krieg von 1547 büßten die Ernestiner mit der Kurwürde ihren Einfluss im Kaiserreich ein. Für Militär fehlte diesen Ländern das Geld - einige waren so klein, dass man sie in einem Morgenspaziergang durchqueren konnte. Also musste etwas anderes, Tolles, Beeindruckendes her: Der Weg für das Schöngeistige war frei. Literatur und Theater, Musik und Oper, Philosophie und die aufkommenden Naturwissenschaften. Mit Leidenschaft setzten die Herzöge in Weimar, Gotha und Meiningen ihre Akzente.Warben sich gegenseitig Maler, Bildhauer, Baumeister ab. Liehen sich Musiker, Sänger und Tänzer für einen Abend. Neid?

Vielleicht. Aber die Künstler liebten den kleinen Grenzverkehr. Franz Liszt etwa komponierte in Weimar und ließ wichtige Werke wie die "Hamlet-Overtuere" in Sondershausen uraufführen. Dort förderten die Schwarzburger die zeitgenössische Musik.

Als "ein Nest, ein sehr kleines Nest" beschrieb der Komponist Max Bruch dieses Sondershausen. Nur ein "Durchgangsposten" sollte das Amt des Hofkapellmeisters hier sein. Doch in den drei Jahren prägte Bruch das Harmonie-Korps, aus dem später das berühmte Loh-Orchester hervorging, legte den Grundstein für Sondershausens Ruf als Musikstadt. Das Schloss selbst ist ein Juwel: Von der Renaissance bis zum Rokoko ist alles dran. Markant steht der dreieckige Bau auf dem steilen Berghang.

Glaubensflüchtlinge, Handwerker und Händler siedelten sich überall in Thüringen an. Die Städte wuchsen. Gut ein Viertel der Stadtbewohner diente in der Residenzverwaltung. In den Reußischen Provinzen ließen sich Leinenweber, Tuchmacher, Färber nieder, das Geraer Tuch war berühmt. In Greiz waren die Landesherren gezwungen, in Sichtweite zu bauen: Oberes und Unteres Schoß, dazu noch das Sommerpalais im Grünen. An der Saale begegnet man dem Lustund Jagdschloss Burgk - von Norden ähnelt es einer Trutzburg, aus den umliegenden Waldhängen einem schlichten Märchenschloss; seine Kapelle rühmt sich einer Silbermann-Orgel.

Am 11. August 1919 unterzeichnete Friedrich Ebert in Schwarzburg die "Weimarer Verfassung". Sie besiegelte unter anderem das Ende der Duodezfürsten Thüringens. Was von deren Wirken bleibt, ist jedoch mehr als nur Stein: ein lebendiges Kulturgut. Welcher Fürst hätte sich mehr wünschen können? Fast alle Schlösser überstanden das, was anschließend kam: Republik, Krieg, Sozialismus. Heute sind sie frischrenoviert und warten auf ihre Wiederentdeckung. Abseits der Wege, die nach Weimar führen.

Schlagworte:
Autor:
Christian T. Schön