Nordrhein-Westfalen Verliebt in Münster

Ich habe mich in Münster verliebt, am Ende des dritten Semesters. Es geschah in einer jener kühlen Sommernächte, die nach Kastanienblüten riechen, nach nassem Asphalt und nach Sehnsucht. Ich fuhr ein weißes Hollandrad, das im Dunkel leuchtete. Er hatte ein grünes Rennrad. Wir standen mit unseren Fahrrädern etwas unschlüssig an einer Kreuzung unweit des Schlossplatzes.

Das Schloss leuchtete unwirklich, wie ein Bühnenhaus inmitten eines Kastanienwaldes. Jedes Mal, wenn ich daran vorbeifuhr, fühlte ich mich als Auserwählte: Meine Universität war kein Waschbetonbau, sondern eine barocke Residenz, die mich an Kirchenfürsten mit Puderperücken denken ließ, an Frauen mit Schönheitspflästerchen auf dem Dekolleté. Und dann beugte sich der Radfahrer über seinen Rennlenker, zog mich an sich und küsste mich. Gehen wir zu mir oder zu dir?, fragte er, und ich sagte: Spinnst du?

Der Mann neben mir hatte blonde Locken, war Doktor der Philosophie und stammte aus einer jener Bildungsbürgerfamilien, in denen man nicht fragt: Wie geht es dir?, sondern: Woran arbeitest du gerade? Ich war Bergmannstochter und trug ausschließlich die Farbe lila. Meine Mutter sagte immer, dass ich Französisch studiere. Denn unter Soziologie konnte sich in meiner Familie niemand etwas vorstellen.

Bereits als Gymnasiastin war ich oft vom Ruhrgebiet aus nach Münster gefahren, um im Kuhviertel eine Altbierbowle zu trinken und mich studentisch zu fühlen. Münster war für uns die Stadt der erfüllbaren Wünsche. Kopfsteinpflaster und Bogengänge und Giebelhäuser, die nachts wie Theaterschauspielerinnen von unten beleuchtet waren. Ich glitt durch Münster wie auf Filzpantoffeln, bewundernd und ehrfürchtig zugleich. Aus dem Ruhrgebiet war ich an Städte mit kaputten Gesichtern gewöhnt, hier aber war alles ebenmäßig und bürgerlich und beruhigend, und es war mir egal, dass die Stadt rekonstruiert worden war wie ein Unfallopfer dank plastischer Schönheitschirurgie. Münster war für mich die erste Stadt, die diesen Titel verdiente - endlich keine sachliche Ansammlung von Häusern und Fabriken und Kokereien, sondern Pracht. Barocker Glanz, gotisches Gepränge und Renaissance zum Anfassen.

Ein paar Tage später rief mich der Philosoph wieder an, wir verabredeten uns, und ich weiß noch, dass ich mich bemühte, etwas zu spät zu kommen. Ich fuhr sehr langsam durch die Abendsonne über den Prinzipalmarkt, das Kopfsteinpflaster glänzte, und ich bekam weiche Knie, als ich sein Rennrad vor der Kneipe stehen sah. Es war noch früh am Abend, in der Kneipe roch es nach abgestandenem Bier und Rauch vom Vorabend, und ich trank wieder eine Altbierbowle, obwohl ich eigentlich gar kein Bier mochte. Ich fischte die Erdbeeren mit einem Zahnstocher aus dem Glas, der Philosoph bestellte sich Töttchen - Leber, Herz und Zunge - erzählte von Schleiermachers Hermeneutik, und ich schauderte. Er sagte, dass er sich alt fühle, weil er am nächsten Tag 30 Jahre alt werde. Ich war 22 und wollte ihn retten, vor den Töttchen und vor Schleiermachers Hermeneutik und vor dem 30. Geburtstag.

Nur Münster kann so idyllisch sein

Als er mich fragte, ob er mich nach Hause begleiten dürfte, sagte ich nicht nein. Obwohl ich es mir eigentlich vorgenommen hatte. Wir schoben unsere Fahrräder durch den Sonnenuntergang am Erbdrostenhof vorbei, der mich, wenn ich die Augen zusammenkniff, an ein Schloss an der Loire erinnerte. Es war so idyllisch wie nur Münster es sein kann, wo alle jung sind und voller Hoffnung und Zukunft.

Seit jenem Abend sahen der Philosoph und ich uns täglich. Zu mir oder zu dir? Wir schliefen in einem Bett, das neunzig Zentimeter breit war, und trennten uns erst morgens. Mit verlaufener Wimperntusche im Gesicht fuhr ich über die Promenade nach Hause, vorbei an Goldregen und Platanen, und nahm mir vor, morgen meine Schminke einzustecken.

Bald stand meine Kontaktlinsenflüssigkeit in seinem Bad und sein Rasierschaum in meinem. Ich verbrachte meine Tage mit Balzacs Menschlicher Komödie und kämpfte mit dem Chanson de Roland. Ich lebte in Münster wie in dem Wartesaal eines großen, schönen Bahnhofs. Ich wartete auf den Zug. Eines Tages wirst du mich verlassen, sagte der Philosoph.Wir lagen in dem Neunzig-Zentimeter-Bett, und ich sagte: Nie werde ich dich verlassen.

Der Philosoph interpretierte und dekonstruierte und ernährte sich von Ölsardinen, die er aus der Büchse aß, weil Teller zu bürgerlich gewesen wären. Am frühen Abend trafen wir uns, um durch den Botanischen Garten zu laufen,denn der Philosoph hatte an seinem 30. Geburtstag beschlossen, den körperlichen Verfall nicht widerstandslos hinzunehmen. Manchmal liefen wir auch um den Aasee, eine Runde dauerte eine Stunde, und ich war stolz, als ich es das erste Mal schaffte, ohne stehen zu bleiben.

Ich liebte die Münsteraner Rituale. Wir ließen keinen Flohmarkt aus und keinen Send, die größte Kirmes des Münsterlands. Samstags kaufte ich auf dem Domplatz ein, Kirschen kiloweise und Johannisbeeren für den Philosophen, Blumensträuße, die zu groß waren für meine Einzimmerwohnung, und Stränge von handgefärbter lila Schafwolle, aus denen ich mir Pullover strickte, die ich nie anzog, weil sie nach Schaf rochen. Der Philosoph spottete über das Münsteraner Bürgertum, das seine Einkäufe auf dem Domplatz im Faltenrock und mit hochgestelltem Blusenkragen erledigte, und auch ich begegnete den hochgestellten Blusenkragen mit jenem Misstrauen, das ich ansonsten BWL-Studenten und Juristen entgegenbrachte. Einzig das Café Schucan war in der Lage, unsere ideologischen Vorbehalte gegenüber dem Bürgertum für die Dauer eines Stücks Buttercremetorte auszuschalten.

In Cordpantoffeln zum Auto

Weil der Philosoph Besitz verachtete, betrachtete er sowohl ein Auto als auch einen Schrank als Relikte bürgerlichen Lebens. Er hängte seine Hemden stets am Fensterkreuz auf, was die schöne Aussicht von seinem Apartment auf den Schlossplatz begrenzte.Verächtlich setzte er sich auf den Beifahrersitz meines lila Renault. Denn er wollte alles vom Münsterland sehen - Haus Hülshoff, Nordkirchen, das Rüschhaus und überhaupt das flache Land mit dem weiten Horizont, ein Land, dessen Himmel immer so tief hing, dass man glaubte, ihn mit den Fingerspitzen berühren zu können.

Dort, in Telgte und Billerbeck, trainierten Freunde von uns das Leben in Eintracht - in umgebauten Bauernhäusern, zusammen mit Träumen vom besseren Leben und verklebten Nutellagläsern auf blank gescheuerten Holztischen. Im Frühsommer sammelten wir in den kleinen Wäldchen Waldmeister, um Bowle daraus zu machen, wobei der Philosoph sich allerdings nie überzeugend an der Suche beteiligte, weil er es nie lernte,Waldmeister von Hirtentäschelkraut zu unterscheiden.Auf Einladung der Landjugend tanzten wir in den Mai, in einer alten Scheune, die nach Hühnerfutter roch, und der Philosoph machte mir eine Eifersuchtsszene, weil einer der Jungbauern sich zu eng an mich geschmiegt habe.

Manchmal unternahmen wir auch Radtouren entlang der Schlösserroute, ich fuhr sehr langsam auf meinem schweren Hollandrad ohne Gangschaltung, der Philosoph sehr sportlich auf seinem leichten Rennrad. Wir besuchten das Barockwasserschloss Westerwinkel und das Schloss Cappenberg, denn Natur ohne Kultur interessierte den Philosophen nicht. Ich mochte es, wenn er die Feinheiten der romanischen Schlosskirche erklärte, die Eigenheiten des westfälischen Barocks, und verschwieg, dass ich überall schon mal gewesen war, mit einer anderen Liebe.

Vielleicht hätten der Philosoph und ich weiter zusammen in dem 90 Zentimeter breiten Bett schlafen müssen. Stattdessen zogen wir zusammen, in eine Altbauwohnung im Kreuzviertel, dort, wo alle Studenten zu wohnen träumen. Unser Bett maß nun hundertachtzig Zentimeter, die Zimmerdecken waren mit Eiche vertäfelt, die Türen bleiverglast, und der Vermieter verbot uns, etwas daran zu ändern.

Der Philosoph hängte seine Hemden wieder ans Fensterkreuz, widmete sich Schopenhauers System des empirischen und metaphysischen Pessimismus und kaufte sich cognacfarbene Cordpantoffeln. Ich wurde nachts von der Eichenvertäfelung verfolgt. Dann machte er mir einen Heiratsantrag. Er hatte mich in seinen Cordpantoffeln zu meinem Auto begleitet und sagte, dass er mich heiraten wollte. Da habe ich ihn und Münster verlassen.

Manchmal, wenn ich nach Münster komme, versuche ich, ihn am Telefon zu erreichen. Aber er ruft nie zurück.

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Autor:
Petra Reski