Schleswig-Holstein Urlaub an der Schlei

Ein Strich, ein Baum. Von Weitem sieht die Lotseninsel aus, wie ein Kind den Horizont malt. Beim Näherkommen erkennt man den Leuchtturm, dann tauchen ein paar Häuser auf, Segelboote, ein Hafenkai. Hier mündet die Schlei in die Ostsee, wobei sie kein Fluss ist, sondern ein langer Fjord. Und die Lotseninsel keine Insel, sondern eine Halbinsel, die zum Teil unter Naturschutz steht.Wer diesen abgelegenen Flecken erreichen will, geht an Bord der "MS Stadt Kappeln", die von Kappeln nach Schleimünde fährt, so heißt das Örtchen mit dem Leuchtturm.
Hafenmeister Harald Schacht wartet am Pier der Lotseninsel, von Mai bis Oktober fährt er mittags vom nahen Maasholm mit seinem Boot "Inge II" zur Insel. Früher ist er mit "Inge" gekommen, der ersten. "Und Inge null ist meine Frau", sagt er und lacht. Harald Schacht mag Beständigkeit. "Mir gefällt die Ruhe. Wer hierher fährt, weiß, dass er sie bewahren muss", sagt er. 19 Liegeplätze gibt es. Kein Hotel, nur einen Zeltplatz und das ehemalige Lotsenhaus. "Hier passiert nichts", sagt der Hafenmeister, "das ist das Schöne."

Eine halbe Stunde Zeit gibt der Fahrplan der "MS Stadt Kappeln" dem Gast auf der Insel. Dreißig Minuten, in denen der Besucher bei einer Führung des Vereins Jordsand etwas über das Schutzgebiet lernen kann, über Seeadler und Kormorane, die im Wind ihre Flügel trocknen. Und über die Kartoffelrose. Sie wurde hier angepflanzt, weil ihre Blüten hübsch sind und ihre Wurzeln den Sandboden festhalten, aber dann begann sie die heimischen Pflanzen zu überwuchern. Oder man geht von Bord und nimmt einen Imbiss im Restaurant "Giftbude" direkt am Hafen. Das klingt gefährlich, ist aber plattdeutsch. "Gift" heißt (wie im Englischen) nichts anderes als "Gabe". Einkehren oder Natur erkunden – für beides reicht die Zeit nicht. Es sei denn, man kommt an einem der Tage, an denen die "Kappeln" zweimal fährt.

Auf der Rückfahrt legt das Schiff im Fischerdorf Maasholm an, das mit seinen reetgedeckten Katen wirkt, als hätte sich in den letzten hundert Jahren kaum etwas verändert. Aber die Neuzeit ist auch hier angekommen: Zwei Webcams übertragen Bilder vom Hafen und von der Hauptstraße, meistens sind darauf wenige Menschen zu sehen, nur im Sommer wird es manchmal voll. Maasholm ist ein friedlicher Ort: "Wir haben tolles Licht. Und diese Ruhe", sagt die Besitzerin des Cafés "Sand am Meer". "Ich wünsche den Touristen oft einen schönen Urlaub, und die sagen dann: Den wünschen wir dir auch."

Wer nicht in Maasholm ausgestiegen ist, legt mit dem Schiff wieder in Kappeln an. Über Kopfsteinpflaster geht es hoch in die Stadt. Vorbei am Hotel-Restaurant "Aurora", besser bekannt als "Asmussens Kneipe" aus der TV-Serie "Der Landarzt", in der Kappeln Deekelsen hieß und im Lauf der Zeit drei verschiedene Ärzte ihre Patienten kurierten. Echte Fans finden im "Aurora" sogar einen "Landarzt"-Stammtisch.

Maasholm
Natalie Kriwy
Schön zu Fuß: Maasholm mit Blick auf die Schlei
Fast nebenan liegt die "Palette". Hans-Peter Scholz führt diese gemütliche Kneipe. Er trägt einen Schnauzbart und einen cremefarbenen Panamahut, dazu Hemd, Weste und eine aus bunten Flicken zusammengesetzte Hose. Scholz war evangelischer Missionshelfer in Jordanien und im Libanon, bevor er aus Berlin an die Schlei zog. "Ich hatte mich in Kappeln um die Stelle des Jugendpflegers beworben. Die haben mich wegen meiner Unstetigkeit nicht genommen." Aber ihm gefiel die Stadt, deshalb eröffnete er vor dreißig Jahren die "Palette" in einem alten Fotostudio. Und wenn in Kappeln "Der Landarzt" gedreht wurde, dann kehrten bei ihm die Schauspieler ein. Unstetigkeit kann Scholz heute niemand vorwerfen. Er hat seine Rituale, fast jeden Morgen fährt er fünf Kilometer entlang der Schlei Richtung Süden zum Schwimmen nach Arnis.

Mit 290 Einwohnern ist Arnis die kleinste Stadt Deutschlands. Im 19. Jahrhundert waren es über tausend, und alle waren sie stolz auf ihre Geschichte. Als nämlich 1666 der Gutsherr Detlef von Rumohr die Einwohner von Kappeln zu Leibeigenen machen wollte, weigerten sich 64 Familien, verließen die Stadt und gründeten auf einer kleinen Halbinsel eine neue. Arnis unterstand künftig dem Landesherrn, und mit dem legte sich kein Gutsherr an.

Schlei
Natalie Kriwy
Weitblick pur: Sicht vom Getreidefeld bis zur Schlei
Um das Städtchen zu überschauen, genügt es, mit der Schleifähre nach Sundsacker überzusetzen, dort ein Kanu zu leihen und auf und ab zu paddeln. Das Ufer sieht aus wie im Bilderbuch: Windmühlen und Herrenhäuser. Zurück im Hafen kehrt man an einem umgebauten, alten Kleintransporter ein und bestellt Kaffee und Waffeln.

Weiter nach Westen geht es nach Sieseby, wo Familie Möller den "Schlie-Krog" betreibt. 1983 haben die Möllers angefangen, Bratkartoffeln, Steckrüben und Hering anzubieten, bis sie merkten, dass es auch anders geht. Sie stellten ihre Karte um, setzten auf Frisches aus der Region, raffiniert zubereitet. Mit ihrer Gourmetküche standen sie zunächst allein, mittlerweile hat es ihr Haus in den Feinschmecker und den "Gault Millau"-Führer gebracht. Renate und Peter Möller könnten vom Alter her in Rente gehen, aber sie denken nicht daran. Und allein sind sie mit ihrem Konzept auch nicht mehr. Gleich im Nachbardorf empfiehlt der "Michelin"den 2007 wiedereröffneten "Riesby-Krog".

Rieseby, Fleckeby, Gammelby, Skandinavien liegt nah – das dänische by heißt schlicht "Ort". Eine Reise an der Schlei führt durch das alte Grenzland, um das sich Dänemark mit Franken und Preußen stritt. Und sie endet in Schleswig. Leuchtend weiß erhebt sich dort Schloss Gottorf, ab 1544 war es Hauptresidenz der Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf. Heute ist es Sitz zweier Landesmuseen: des für Kunst und Kulturgeschichte und des für Archäologie. 2000 Jahre alte Moorleichen sind hier zu sehen. Oder das Nydam-Boot, ein 1700 Jahre altes, hochseetaugliches Ruderschiff aus der Zeit, als die Wikinger noch gar nicht daran dachten, Europa zu erobern.

Hafen in Kappeln
Natalie Kriwy
Der Hafen in Kappeln leuchtet mit dem Mond um die Wette
Im Garten steht das Globushaus, eine Nachbildung des nach Russland verschleppten Originals aus dem Jahr 1665. Die Erdkugel mit einem Durchmesser von mehr als drei Metern ist außen Landkarte, innen Himmelsatlas. Zwölf Menschen können in ihr Platz nehmen. Drücken sie die Nummer 40 im Audioguide, dreht sich der Sternenhimmel um sie herum, fährt zu Klängen von Johann Sebastian Bach einmal um die Erdachse. Acht Minuten später kommt die Welt wieder zur Ruhe, im Schloss, in Schleswig, an der Schlei.

MERIAN Schlei-Stationen:
Lotseninsel: Hier übernahmen früher Lotsen das Ruder, um Schiffe durch die Schlei zu führen. Das alte Lotsenhaus ist heute für Tagungen zu mieten, kann aber auch Feriengäste aufnehmen. Auskünfte beim Hafenmeister: Tel. 04642921133; www.lotseninsel.de
Führungen im Naturschutzgebiet: April-Okt. Mi, Do, Sa, So 12 Uhr (Dauer 20 Min.), Juni-Aug. auch Di 12.45 Uhr (Dauer 45 Min.)

Maasholm: Das Dorf mit den reetgedeckten Fischerhäusern lebt heute weitgehend vom Tourismus. Trotzdem ist es hier meistens ruhig, und man kann noch immer einigen Fischern bei der Arbeit zuschauen. Das Café "Sand am Meer" finden Sie in der Hauptstraße 13.
Das herrschaftliche Gut Oehe gehört auch zu Maasholm, drei Gästehäuser bieten Ferienwohnungen an. Tel. 04642 6029

Kappeln: Hübsches, lebendiges Städtchen, in dem man gut ausgehen kann. Eine Attraktion ist der "Heringszaun", in dem die Fische gefangen werden, was um Himmelfahrt groß gefeiert wird. Auch in der Kneipe "Palette". Kehrwieder 1; Tel. 04646 3233;

Sieseby und Rieseby: Die beiden Dörfer haben sich unter Gourmets einen Namen gemacht: Zwei Spitzenrestaurants wetteifern um die Gunst der Gäste.
Schlie-Krog: Sieseby, Dorfstr. 19 Tel. 04352 2531
Riesby-Krog: Rieseby, Dorfstr. 37 Tel. 04355 181787

Arnis: "Perle an der Schlei" nennt sich Deutschlands kleinste Stadt, wunderschön auf einer Halbinsel gelegen. www.arnis-schlei.de

Landesmuseen Schloss Gottorf: Museum für Kunst und Kulturgeschichte: eine Zeitreise vom Mittelalter (Sakralkunst in der "Gotischen Halle") bis zum 20. Jh. Highlights des Archäologischen Landesmuseums: 120 000 Jahre alte Werkzeuge, Moorleichen und das 1863 bei Sonderborg gefundene Nydam-Schiff. 500 Meter nördlich des Schlosses liegt der vor wenigen Jahren rekonstruierte Barockgarten mit dem Globushaus. www.schloss-gottorf.de
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Autor:
Alexandra Schulz