Mit Stil Unterwegs mit Tussi-Tours

Ich hatte mich gerade in den großen beigefarbenen Sessel fallen lassen, um gleich ein pflegendes Facial verpasst zu bekommen, als die Kosmetikerin die Kabine betrat und mich prüfend anschaute: "Kegelclub? Oder Junggesellinnenabschied?" Vor Schreck stieß ich mit dem Fuß den Crème-Ständer um. An Entspannung war jetzt nicht mehr zu denken.

Wir waren in einem Schlosshotel in der Nähe von Waren an der Müritz abgestiegen. Fünf Mädchen Anfang dreißig, die ein gemeinsames Wochenende verbringen wollten. Reden, Wellness, alte Filme gucken, viel essen, okay, auch trinken, was man halt so macht, wenn man mit guten Freundinnen unterwegs ist. Kein Grund, uns gleich als Kegelclub abzustempeln. Aber offensichtlich unterschieden wir uns nicht sonderlich von einem.

"Wir haben häufig Frauengruppen hier", fuhr die Frau in der Kabine ungerührt fort, während sie die Tiegel vom Boden sammelte. "Hauptsaison für die Damen ist aber eigentlich Oktober - Ihr seid unsere Early Birds", sagte sie und zwinkerte mir aufmunternd zu.

Ich wollte noch protestieren und ihr erklären, dass wir mitnichten irgendeine "Frauengruppe" waren, die mit Batterien kleiner Feiglinge angereist war, um nachts die Bar des Hotels unsicher zu machen und am nächsten Morgen "schön brunchen" zu gehen, sondern lediglich eine Kiste sündhaft teuren Crémant im Gepäck hatten und unsere Suite die ganze Nacht nicht verlassen würden, weil wir "Charade" mit Audrey Hepburn und Cary Grant auf DVD gucken wollten. Aber da bekam ich schon ein warmes Mulltuch aufs Gesicht gepatscht, und eigentlich war sowieso alles zu spät - oberflächlich betrachtet waren wir da angekommen, wofür ich meine Tante mit 12 noch verspottet hatte: bei den "Tussi-Tours", wenn auch mehr im "Sex and the City"- als im proletarischen Mike-Leigh-Style, aber das Prinzip bleibt wohl dasselbe.

Während mir das klar wurde, hatte ich ein gutes Stück des andauernden stream of consciousness der Kosmetikerin verpasst, die darüber philosophierte, was man denn eigentlich die ganze Zeit über allein unter Frauen so macht, um es dann noch einmal auf den Punkt zu bringen: "Ich frag mich immer - was treibt Ihr Mädels denn da eigentlich die ganze Zeit?"

"Ach, wissen Sie, dies und das..." Ich konnte dieser wildfremden Frau doch jetzt unmöglich erzählen, dass wir auf Zypern drei Tage lang den eng gesteckten Radius zwischen Swimmingpool und Kühlschrank kaum verlassen hatten, nur einmal gezwungenermaßen, weil uns das Häagen Dazs ausgegangen war. An der Ostsee waren wir immerhin noch am Strand reiten und hatten eine kurze Dampferfahrt durch den Bodden gemacht, aber dann hätte sie erst Recht gedacht, dass wir danach auch noch das sonst übliche Räucheraal/Bommerlunder-Prozedere durchgezogen hatten.

Ehrlicherweise hätte ich ihr sagen müssen, dass man eigentlich die ganze Zeit nicht wirklich etwas macht und das das Beste an der ganzen Sache ist. Aber das klang nach Klinsmanns "Gefühle, wo man schwer beschreiben kann". Also sagte ich einfach, was sie sowieso hören wollte: "Beziehungsstress, Figurprobleme, Gala lesen und endlich mal wieder 'Dirty Dancing' gucken." - "Hab ich's mir doch gedacht." Danach wechselten wir das Thema.

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Autor:
Silke Wichert