Westliches Oberbayern Unendlich Raum für Schönheit

Gegensätzlicher können Landstriche kaum sein. Im Norden präsentiert sich keck und öffentlichkeitswirksam das "Fünf-Seen-Land", welches sich um Starnberger See, Ammersee, Wörthsee, Pilsensee und Weßlinger See schmiegt. Letzterer ist allerdings so klein, dass man ihn auf gängigen Landkarten gar nicht findet - die Osterseen, den Riegsee und den Staffelsee hingegen schon. Aber die befinden sich bereits in einer Region, die dem rauen und bergigen Werdenfelser Land zu Füßen liegt. Und dieses benötigt für seine Vermarktung keine willkürlich geschaffene Landschaftsklammer.

Dort also das liebliche Seenland, das mit dem Kloster Andechs und seiner Brauerei eine bayerische Institution beherbergt, die - ein Aushängeschild ihrer Region - wirtschaftlich und touristisch gleichermaßen erfolgreich ist. Hier die Voralpen, die sich steil aufschwingen ins Wettersteingebirge, das die Täler mit seinen grauen Mauern abschließt. Diese Berge sind ein Pfund, mit dem die Werdenfelser im globalen Wettstreit um Tagestouristen und Übernachtungszahlen nicht so richtig zu wuchern verstehen.

Vielleicht wollen sie das aber auch nicht. Denn sie gehören zu den Menschen, die sich selbst genug sind. Es wäre tatsächlich eine spannende Frage, ob in den beiden unterschiedlichen Regionen auch zwei verschiedene Menschenschläge leben. Tatsache ist, dass sich an den Seeufern südwestlich von München reihenweise erfolgreiche Maler, Schriftsteller, Musiker, Schauspieler und Fußballspieler niederlassen. Erfolgreich müssen sie sein, sonst könnten sie sich die Grundstückspreise gar nicht leisten. Nirgendwo in Deutschland leben mehr Millionäre als am Starnberger See. Da muss schon ordentlich hinlegen, wer sehen und gesehen werden will.

Das Werdenfelser Land hingegen ist ein Bauernland. Im Kampf gegen die Unbill der Natur sind seine Bewohner gelassen geworden. Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass sie die Blechlawine, die sich jedes Wochenende durch ihre Dörfer staut, als gottgegeben hinnehmen.

In einer Hinsicht aber gleichen sich die mondäne Fünf-Seen- Region und das traditionsreiche Werdenfelser Land: Sie sind Hort von Mythen und Legenden, die das oberbayerische Bewusstsein ähnlich prägen wie seine Wirtshauskultur und ein augenzwinkernder Katholizismus. Auf der "Roseninsel" im Starnberger See etwa traf sich "Sisi", die spätere Kaiserin Elisabeth von Österreich, regelmäßig mit ihrem Cousin König Ludwig II. - vereint in ihrem Hang zur Romantik. Um 1800 schrieb der Dichter Lorenz Westenrieder über die Insel, sie sei "groß genug, zwei Herzen aufzunehmen, die jetzt in der süßesten und glücklichsten Schwärmerei ihrer Seelen nichts bedürfen als sich selbst."

Bis heute werden auf der Insel Trauungen abgehalten. Ebenso wie auf der Zugspitze, dem höchsten Klotz Deutschlands, der festungsartig über dem Talkessel von Garmisch- Partenkirchen thront und dessen technische Erschließung zum Symbol für die angebliche Entzauberung der Berge durch den Eingriff des Menschen in ihre Natur wurde. Wer genauer hinsieht, der wird diese Auffassung als Mythos entlarven. Denn jeder Werdenfelser weiß, dass ein plötzlicher Wintereinbruch genügt, um den Gipfelbetrieb auf der Zugspitze lahmzulegen.

Lüftlmaler in Garmisch-Partenkirchen: Maler, Maurer und Musiker

Jedes Motiv, sagt Georg Rieger, ist einzigartig. Das funktioniert aber nur, wenn er die Familien seiner Auftraggeber kennt. Denn Riegers Lüftlmalerei zeigt genau das: die Geschichte von Menschen, die in dem Haus leben, dessen Fassade er bemalt. So wird nach außen getragen, welches Handwerk die Bewohner ausüben, welcher Passion sie nachgehen, wer ihre Namensheiligen sind.

Viele solcher Motive hat Georg Rieger schon angefertigt. Aber eine wichtige Hauswand ist noch kahl: die eigene. Das aber liegt daran, dass er das Haus erst vor kurzer Zeit kaufte. An seinem Elternhaus gegenüber hat sich der 38-jährige Partenkirchner längst verewigt. Und wer dort, am Fuße des Wank, Urlaub macht, kann die Malereigeschichten in aller Ruhe studieren.

Georg Rieger bezeichnet sich als bodenständig, was sich auch in seiner Form der Lüftlmalerei ausdrücken soll: Er folgt dem Stil des bayerischen Barock, wie ihn der Großmeister dieser Kunst, Heinrich Bickel, in der Gegend etablierte. "Diese Malerei ist typisch für uns - sie gehört hierher", beginnt Rieger zu schwärmen. "Ohne die Lüftlmalerei würde hier in Garmisch- Partenkirchen was Entscheidendes fehlen. Die bunten Hausfassaden sind nämlich genauso prägend wie die Bergkulisse - wenn nicht sogar noch mehr: Eine Bergkulisse gibt es schließlich in vielen anderen Orten auch."

Den Beruf des Lüftlmalers kann man nicht lernen. Zwar gibt es ein Studium in München. Rieger aber hat sich für den handwerklichen und autodidaktischen Ausbildungsweg entschieden. Zunächst lernte er Maler, dann Maurer. "Weil ich wissen wollte, wie der Untergrund beschaffen ist, mit dem ich arbeite." Dass er sich auch intensiv mit Stuck beschäftigt hat, davon zeugt ein Werk in seinem neuen Zuhause: der kunstvoll gestaltete Herrgottswinkel in der Küche.

Viel von seinem Können hat sich Rieger selbst beigebracht, denn Fassadenmaler hüten ihr Wissen wie ein Betriebsgeheimnis. Riegers zweite Leidenschaft gilt der Musik: Er spielt "Ziach" (Akkordeon). Und in etlichen Vereinen setzt er sich für den Erhalt der bayerischen Kultur ein, zum Beispiel im Volkstrachtenverein von Partenkirchen und im Spar- und Stopselclub. Dieser führt im siebenjährigen Turnus den Schäfflertanz auf, den Zunft-Tanz der Fasshersteller.

Selbst wenn Georg Rieger bislang noch nicht Hand an sein Haus gelegt hat, das Motiv für die Lüftlmalerei hat er schon längst im Kopf: den heiligen Georg. Man wird erkennen, dass Rieger selbst als "Goaßlschnalzer", als Peitschenknaller, aktiv ist. "Und jeder wird auch sehen: In diesem Haus wird musiziert."

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Der Text von Katharina Bromberger stammt aus dem Buch "MERIAN Bayerns beste Seiten - 100 meisterliche Entdeckungsreisen". Das Buch ist eine Gebrauchsanweisung für Urlauber und Ausflügler. Es hilft, Bayern authentisch zu erleben, und hält Traditionen und Werte hoch, indem es sie in ihrer ganzen Lebendigkeit zeigt. In 100 unterschiedlich langen Porträts wird die einheimische Bevölkerung zu Reiseleitern. Einzelne Protagonisten stehen und sprechen für "ihre Region".
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Katharina Bromberger