Harz Über Berg und Thale

Der Harz, Deutschlands nördlichstes Mittelgebirge, liegt nur knapp drei Autostunden von Berlin entfernt als schwerer Brocken in der Tiefebene. Ich nähere mich ihm auf der B81. Zu sehen ist noch nichts, dafür aber Hit Radio Brocken zu hören: "Auf geht's!", haucht mir die Moderatorin hinter Halberstadt zu. Außer dem besten Musikmix für Sachsen-Anhalt hat sie noch aktuelle Blitzermeldungen parat. So erreiche ich unbeanstandet Thale, die klassische Basisstation. "Soll es der Harz sein? Dann auf nach Thale!", steht in meinem alten Reiseprospekt.

Finster ist es. Da folge ich den Lockungen des Rotlichts, den Lampions vom Hotelrestaurant "Chen" - vormals Hotel "Wilder Jäger"; es ist der Großen Halle des chinesischen Volkes nachempfunden und bis auf den letzten Platz leer. "Schwer, schwer, alles", klagt Herr Chen, als er den Zimmerschlüssel aushändigt; "ha-ha-ha", lacht er mir über die Theke hinterher.

Beim abendlichen Rundgang merke ich, Thale ist, seit ich das letzte Mal hier war, internationaler geworden: ein griechisches Restaurant, ein türkischer Imbiss, noch ein weiterer Chinese. Bloß - die Stadt ist merkwürdig leer. Vielleicht schlafen ja die Einheimischen schon alle? Dann sehe ich aber doch noch einen. In einer unergründlichen Kutte, die Trainingshosen in Halbstiefel gestopft - so steht er in der Karl-Marx-Straße vor der ehemaligen Speisegaststätte "Zum guten Happen" und liest das frischangepappte, pizzarunde Werbeschild: "Weck den Italiener in dir!" Offenbar ist der Mann am Überlegen, ob er das jetzt wirklich tun soll, dann verschwindet er aber lieber im undurchdringlichen Dunkel der Harznacht.

"Weil es recht im Thale, am Fuß des Harzgebürges liegt, so hat es davon auch den Namen", erklärt in seinem 1785 erschienenen Harzbuch "zum Unterricht und Vergnügen der Jugend" J.A.E.Goeze. Stimmt. Aber das sieht man erst bei Tageslicht. Richtig ernst genommen habe ich den Harz nie. So viel Gebirge oder eben so wenig, wie jemand aus dem Flachland aushalten kann: Wegweiserlabyrinthe, ausgetretene Pfade, Geländergelände. Hinter jeder zweiten Ecke lauern Kaffee, Kuchen und schöne Aussichten. Wohin man spuckt, eine Sage. Und Goethe war auch schon da. Zur Roßtrappe hinauf, erklärt mir die Frau in der Information, gehen Sie am besten den Goetheweg. An den erinnert hier aber nichts. Dafür haben andere Vorgänger Spuren hinterlassen: Die Bäume am Weg sind mit Initialen und Namen versehen. CCCP, JAKOB + NELE waren hier!

Die Roßtrappe, der berühmte, in Stein gehauene Pferdefuß des Harzes, entstand laut Sage, als der wilde Bodo bei einer Verfolgungsjagd zu Pferde eine schöne Prinzessin zu einem todesmutigen Sprung über das Tal zwang. Da gerade niemand in der Nähe ist, versuche ich es - trotz des Schildes, die Natur bitte sauber zu halten - gleich selbst einmal. Aber schon nach wenigen Metern verliert sich mein Apfelgehäuse im hölzernen Gefilde. Unten im Tal rauscht es. Das hört sich verdächtig nach Autobahn an - muss jedoch, wie ich nach Vergleich mit meiner Karte feststelle, die Bode sein. Beruhigt falte ich die Karte zusammen und genieße mit geschlossenen Augen den Naturlärm.

Thales andere Sehenswürdigkeit ist der Hexentanzplatz. Zu sehen sind dort in alphabetischer Reihenfolge: Hexenbüfett (RUHETAG), Hexenhaus, Hexenküche, Hexenlädchen und Hexenstübchen; der Teufelsgrill (Pech und Schwefel sind nichts dagegen!) liefert entsprechend dicke Luft. Zu hören ist hier aber auch was. In der warmen Jahreszeit bietet das Harzer Bergtheater ein buntes Programm für ergraute Junggebliebene von hüben wie drüben: Peter Kraus, der König des Rock'n'Roll, neben Ostrock Live. Dazwischen Original Egerländer und volkstümliche Nachmittage. Jetzt ist es zum Glück noch still. Nicht ganz: Im nahegelegenen Tierpark, wo es einheimische Auerhähne gibt, auch Wildkatzen und Nerze in echtem Pelz, heult schauerlich ein Wolf auf; fluchtartig verlasse ich diesen verhexten Berg, suche durchs Bodetal das Weite. Die Sonne schickt ein paar rostrote Strahlen hinter mir her.

Als sich vor Tausenden von Jahren das Harzgebirge auftürmte, entstanden unten Risse, Klüfte und Höhlen. Der Bergmann Friedrich Baumann fand 1536 solch eine Höhle, irrte einige Tage darin herum und verlor dabei seinen Verstand. Kein Wunder, angesichts dieser wunderlichen Tropfsteingebilde, die auch Goethe schon (schon wieder!) besucht und gezeichnet hat. Regnet es oben, tröpfelt es unten erst 14 Tage später durch. In 20 Jahren wächst ein Tropfstein sieben Millimeter. Man darf die Steine nicht berühren, weil das Fett der Fingerkuppen wasserabweisend ist, das würde das Wachstum verlangsamen. Das letzte Mal war ich vor ungefähr einem Zentimeter hier.

"Berg der Angst", titelt die "Bild"-Zeitung.Noch nie, lese ich da, verunglückten so viele Menschen am Brocken wie in diesem Jahr. Schöne Aussichten für morgen. Von Schierke soll es aufwärts gehen. "Auf strenges Ordnen / raschen Fleiß / erfolgt der / allerschönste Preis." So empfängt mich, als ich nach halbstündiger fauchender Schmalspurbahnfahrt oben bin, in Stein gemeißelt: Goethe! Das ist doch der Gipfel: Was um alles in der Welt soll denn "rascher Fleiß" sein? Der Allgegenwärtige gibt mir Rätsel auf, die ich aber heute nicht löse: Fernsicht, so weit das Auge reicht. Ich habe den falschen Zeitpunkt erwischt, normalerweise ist die Spitze des Berges an mehr als 300 Tagen des Jahres in Nebel gehüllt. Deshalb wahrscheinlich sind auch die Brockenhexen, die oft mit Windstärke 10 und mehr um die kahlen Granitstöcke fegen, von unten so selten zu sehen. Eine faustgroße Brockenhexe mit Blechbrille und rotem Drahthaar schwebte in den sechziger Jahren auf einem Besen durch mein Kinderzimmer.

Dass es ein Exil war, wusste ich damals nicht. Ihre Heimat, der Brocken, war nach dem Krieg zwischen die Blöcke und mitten ins undurchsichtige Nebelgebiet der Spione geraten. "Urian", so lautete, passend zum Ort, der Deckname für die hier installierte MfS-Funkspionage- Einrichtung. "Dort sammelt sich der große Hauf / Herr Urian sitzt obenauf", heißt es im Faust. Der Klarname von Herrn Urian (Fremdwörter-Duden: "unwillkommener, unliebsamer Mensch") ist klar: Teufel.

Viele Steine, müde Beine, saure Weine, Aussicht keine

Von unten aus gesehen, im Volksmund, hieß diese teuflische Anlage "Moschee": Zum Schutz vor Regen und Kälte waren Abhörgeräte und Richtantennen unter einer silbergrauen Kuppel aus Glasfasersegmenten versteckt. Und der Funkturm daneben erinnerte an ein Minarett. Nach 1989 sollen mehrmals Gruppen islamischer Pilger angereist sein, um kopfschüttelnd nach dieser sagenhaften Moschee zu suchen. Außerdem kamen natürlich auch immer wieder ostdeutsche Bürgerrechtler: ebenfalls bärtig, ebenfalls kopfschüttelnd.

Inzwischen hat sich der Besucherverkehr normalisiert. Vertreter aller deutschen Stämme sitzen friedlich vereint bei Kartoffelsalat, Würstchen und Bier in der Brockenbaude. Man ist sich wieder näher gekommen. Kein Vergleich zu den Zeiten deutsch-deutscher Trennung, als der Harz, in der Mitte Deutschlands gelegen, konsequenterweise mittendurch geteilt worden war und so in eine merkwürdige historisch- geografische Randlage geriet.

Was übrig blieb, war auf der einen Seite Zonenrandgebiet mit Ausflugsgaststätten und Aussichtstürmen; auf der anderen Grenzsperrzone, dort standen die DDR-Soldaten auf ihren Wachttürmen. Und so betrachtete man sich also in Deutschland jahrzehntelang gegenseitig durchs Fernglas. Voller Interesse. Nun, da man sich, wie in der Brockenbaude, wieder mehr auf die Pelle gerückt ist ("Ist hier noch frei?" - "Nee!"), sollte es nicht verwundern, dass mitunter auch die auseinanderstrebenden Kräfte wachsen.

Die Brockenbahn pfeift heran - und pünktlich mit mir ab. Nun, da es abwärts geht, sieht man mehr. Gebannt starre ich aus dem Zugfenster. Schwer zu entscheiden, ob die Welt unten größer oder kleiner ist. Umstieg ins Auto.

An Sorge und Elend vorbei - Richtung Braunlage. Elend liegt im Sonnenschein. Für die Mönche aus Ilsenburg im Nordharz begann bereits hier, wenn sie nach Rom pilgerten, ellende, mittelhochdeutsch - das Ausland. Überhaupt, die Harzbewohner sind gut gemischt, die alten Karten haben thüringische, fränkisch-hessische, ober- und niedersächsische Farben. Man kann das illustre Völkchen der Harzbewohner also kaum auf einen Nenner, geschweige denn unter einen Hut bringen.

Zum Beispiel in Braunlage: die gut betuchte Lodendame mit Filzhut plus Gamsbart. Das Hütchen, finde ich, wirkt doch etwas aufgesetzt - so alpin ist das hier auch wieder nicht. An der B4, kurz hinter Braunlage, wirbt das Gutshaus Oderbrück weithin sichtbar mit "dem kürzesten Wanderweg zum Brocken". Eine Art später Lastenausgleich: Nach 1989, als der Ostharz wieder frei zugänglich wurde, verlor die westliche Seite ihren Pars-pro-toto-Status als Ersatzharz. Leerstehende Hotels und Pensionen sind die stummen Zeugen dieser Vergangenheit.

Abends, in Bad Harzburg, dreht ein tiefergelegter VW seine einsamen Runden. An Schlaf ist nicht zu denken, so denke ich an die junge rothaarige Frau aus dem Harzburger Casino. Sie ist nahe Hildesheim geboren, hat gerade als Hotelfachfrau ausgelernt - und nun hat sie einen Traum: nach Quedlinburg oder nach Wernigerode zu gehen, in eines der dort neu entstandenen Hotels. Das hätte man sich vor Jahren nicht träumen lassen: Junge Westfrau träumt sehnsüchtig, schimmernden Auges vom Osten. Die herkömmliche Ost-West-Geografie nebst dazugehörigen Biografien ist im Harz nach 1989 entschieden durcheinandergebracht worden.

Anderntags komme ich vom Weg ab - wie so oft in dieser rätselhaften Landschaft, die, weil zeitgemäß beschildert, wie eine Einladung wirkt - um diesen einen Abstecher auch noch zu machen: Osterwieck am Rand des Nordharzes sieht aus wie die zufällig stehen gebliebene Kulisse eines Historienfilms. Das hat die Stadt gemeinsam mit Goslar, Wildemann oder Stolberg. Nur vereinzelt knattern Mopeds durchs Bild. Ein paar vergessene Statisten stehen herum. Hier verlaufe ich mich unentwegt; so eng sind die Fachwerkgassen dort, dass ich die Stephani-Kirchtürme, meine Orientierung, stets aus dem Blick verliere.

Der Bürgermeister sitzt im Museum. Rechts vom Eingang hat er sein Büro. Er trägt Vollbart und Schmidt-Mütze und muss gleich los.

Ich auch: Blankenburg, Nordhausen. Am Fuße des Kyffhäusers ein verwittertes Barbarossa-Denkmal. Es ist vor "Moni's Bistro" aufgebaut und lässt melancholisch seinen 3x-Dreitagebart durch die weiße Stehtischplatte wachsen. Schwarze Vögel umkreisen die Stätte; schon will ich abbiegen, da entdecke ich Wiehe. Im Stall einer früheren LPG ist die weltweit größte Modelleisenbahnanlage zu besichtigen - und da endlich finde ich den Überblick, den ich suchte. Im LGB-Format (= Lehmanns Groß-Bahn) ist der Harz auf dieser Platte so echt, wie man ihn in Wirklichkeit nur selten erleben kann.

Ein Zug rattert heran - vorbei an Kunstrasenflächen, Felsen aus Pappmaché, fingergroßen Bahnhofsvorstehern und anderen Kleindarstellern des Lebens, schnauft die Brockenbahn im Maßstab 1:22,5 tapfer den Blocksberg hinauf. Da schlägt mein wildes Modelleisenbahnerherz gleich hoch und höher - höher als jeder Harz aus Stein! - und ich ahne dunkel, was Heinrich Heine meinte, als er schrieb: "Der Brocken ist ein Deutscher."

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Autor:
Jens Sparschuh