Rheinland-Pfalz Trip durch den Pfälzerwald

Weiter, immer weiter. Den Steilhang hinauf, vorbei an mächtigen Baumstämmen, einen Schritt auf eine merkwürdig verdrehte Wurzel, den nächsten wieder auf weichen Waldboden. Vor uns liegt der Maimont, der Grenzberg zwischen Frankreich und Deutschland, 513 Meter hoch. Es ist ein feucht-heißer Sommertag. Hier unten zwischen Stämmen und Gestrüpp ist es etwas kühler, immerhin. Die Sonnenstrahlen schaffen es nicht durch das dichte Laubwerk der Buchen. Nur vereinzelt werfen sie münzgroße Flecken auf den Waldboden - wie Scheinwerfer auf eine Bühne. Über uns schirmt ein Zeltdach aus Blättern die Hitze ab. Der Hang wird steiler, der Waldboden härter, und statt des friedlichen Plätschern des Baches unten im Tal hören wir jetzt den Wind drohend in den Wipfeln rauschen. Vielleicht war es doch keine gute Idee, den Weg zu verlassen und mal eben eine Abkürzung zu nehmen. Es ist, als wolle der Wald sagen: Ich bin vielleicht nicht hochalpin. Aber man sollte mich nicht unterschätzen!

Es ist mein erster Tag im Pfälzerwald. Aber schon die zweite Lektion, die ich lerne. Gestern bei der Anfahrt präsentierte sich die Region noch von ihrer lieblichen Seite. Wer sich dem Pfälzerwald aus der rheinischen Tiefebene nähert, lässt den Strom und die Stadt hinter sich, fährt durch Wiesen und Felder und steht dann plötzlich vor einer grünen Wand. Als sei seine Grenze mit dem Lineal gezogen, ragt der Pfälzerwald kilometerlang aus dem flachen Flussland empor.

Es war die erste Lektion: Der Pfälzerwald mag ein Wald sein. Vor allem aber ist er eine imposante Gebirgskette.

Ursprünglich bildete der Pfälzerwald sogar eine Einheit mit dem Schwarzwald. Und noch heute ist er der größte zusammenhängende Wald Deutschlands, 100 Kilometer lang, 40 Kilometer breit - und das nur auf der deutschen Seite. Der Pfälzerwald reicht von Bockenheim, dem Nordende der Weinstraße, bis an die Grenze - wo das deutsche Mittelgebirge in die französischen Vogesen übergeht und sich die Wälder ohne Unterbrechung bis weit ins Elsass erstrecken. Wer es darauf anlegt, kann seinen Sonntagsspaziergang im Pfälzerwald zur mehrwöchigen Langstreckenwanderung ausdehnen. Mein Plan ist sehr viel bescheidener: Ich will nur einen Teil des Mittelgebirgsrückens durchqueren. Von der französischen Grenze bis nach Kaiserslautern. Zu Fuß, mit dem Mountainbike, notfalls auch kletternd - Hauptsache, mit eigener Muskelkraft.

An meiner Seite ist einer, der von "seinem Wald" redet, wenn er den Pfälzerwald meint. Schon als Kind hat Stephan Wagner hier gespielt, heute führt er mit seiner Frau eine hübsche kleine Herberge im ehemaligen Forstamt von Merzalben, das . Wie ein typischer Herbergsvater sieht er nicht aus. Eher wie ein Radsportverrückter, Stephan fährt Mountainbike, seit diese Sportart erfunden wurde. "Im Sommer sitze ich jeden Tag im Sattel", sagt er. Man sieht ihm das an. An Armen und Beinen sieht man jeden einzelnen Muskelstrang - und die eine oder andere Narbe.

Wir starten zu Fuß. Ausgangspunkt unserer Tour ist Wengelsbach, einer jener Orte, in denen man zunächst noch an Fischweihern und Blumenwiesen vorbeifährt, dann aber wortwörtlich im Wald steht - und motorisiert nicht mehr weiterkommt. Wengelsbach klingt nach tiefster Pfalz, ist aber schon Frankreich. Wir brechen gleich hinter der grünen Grenze auf - nach Profiterole und Café au Lait.

Unsere erste Station ist die Ruine Wasigenstein, noch auf französischer Seite. Vom Ausguck der alten Burgruine blicken wir auf grünes Hügelland, das immer wieder Zankapfel zwischen Frankreich und Deutschland war. Der Maimont - Hausberg von Wengelsbach - war, wie es im Militärjargon heißt, ein strategisch wichtiger Punkt. Von oben ließ sich kilometerlang ins jeweilige Feindesland blicken. Im Zweiten Weltkrieg gab es hier erbitterte Schlachten. Kampfspuren sieht man keine mehr, der wuchernde Laubwald hat alle Wunden verdeckt.

Der Bergrücken ist steil, wild bewachsen, aber problemlos zu erklimmen, denken wir - und nehmen eine Abkürzung. Als wir irgendwann endlich oben auf dem Grat stehen und sich unser Puls wieder beruhigt hat, empfängt uns ein Vogelgezwitscher wie im Urwald. Im Tal wehen Nebelschwaden über den Wipfeln, der Himmel ist bedeckt. Im Gegenhang zieht gerade ein Wärmegewitter ab. Es riecht saftig nach Wald.

Lektion drei: Es lebe die Provinz! Die Orte heißen hier Bärenbach und Busenberg, heute passieren wir Fischbach, morgen Hinterweidenthal. Wir wandern durch eine Region, die nie dicht besiedelt war, laufen stundenlang, ohne dass uns jemand entgegenkommt.

Wir marschieren weiter. 180.000 Hektar Wald zu durchqueren braucht Zeit. Rheinland-Pfalz ist das waldreichste Bundesland Deutschlands - 42 Prozent der Landesfläche sind von Wald bedeckt. Und der ist sehr wandlungsfähig. Hinter jeder Kuppe verändert die Landschaft ihr Gesicht: Üppige Laubwälder ziehen sich die Nordhänge entlang, die Südhänge wirken mediterran mit knöchernen Kiefern auf trockenen Böden - eine Pfälzer Provence. In Hinterweidenthal überqueren wir die Bundesstraße 10 - wir nehmen die einzige Ampel weit und breit und steigen um aufs Rad.

"Unser großes Glück sind die Pädche", sagt Stephan. "Der Wald ist von uralten Wegen durchzogen, die mal Abkürzungen für die Einwohner waren, um morgens möglichst schnell bei der Arbeit zu sein. Früher, als hier noch vielerorts Schuhfabriken standen." Schon vor 200 Jahren wurde am Westrand des Pfälzerwalds geschustert. Den Anfang machte eine arbeitslos gewordene Soldatengarnison - sie hatte die Idee, mit alten Uniformen Schuhe zu reparieren - die "Schlabbe flicke", wie man sagte. Die Pirmasenser hatten ihren Ruf als "Schlabbeflicker" weg, die Region wurde zum Schuh-Zentrum. In Pirmasens und Hauenstein standen vor hundert Jahren knapp die Hälfte aller deutschen Schuhfabriken. Geblieben sind die Pädche. Trampelpfade, Schleichwege.

Stephan ist vielleicht der Mensch im Pfälzerwald, der sie am meisten nutzt. Er hat viele von ihnen ausfindig gemacht, kartiert und zu einem Wegenetz verknüpft, als vor einigen Jahren der gegründet wurde. Gemeinsam mit seinem alten Kumpel aus Kindertagen Udo Bölts, dem ehemaligen Radrennprofi, war er damals federführend dabei. Als sein Sohn einmal in der Schule gefragt wurde, was denn der Papa beruflich mache, sagte der nur: "Der nagelt den ganzen Tag Schilder in den Wald." Die Lehrerin kam darauf zum Hausbesuch, um mal nach dem Rechten zu schauen.

"Wir können den Wald heute fast ausschließlich auf Single-Trails durchqueren", sagt Stephan und meint damit eben jene schmalen unbefestigten Pfade, die Mountainbiker so schätzen. Sie finden heute hier Bedingungen, von denen man vielerorts in den Alpen nur träumen kann.

Auf unseren Rädern fahren wir durch brachliegendes Bauland, das sich die Natur allmählich zurückerobert. Nach dem Niedergang der Schuhindustrie seit den sechziger Jahren und dem Abzug der amerikanischen Soldaten, floriert hier nur noch der Ginster. Wir radeln hinauf zum Luitpoldturm auf dem Weißenberg, dem höchsten Punkt unserer Tour. 607 Meter hoch, mehr als 500 Meter über dem Rhein.

Der einzigartige Charakter des Pfälzerwalds wird erst von hier oben deutlich. Es ist sein Fundament, das ihn so besonders macht, ein Sockel aus Buntsandstein - einem besonders weichen Gestein. Selbst die kleinsten Bäche haben es geschafft, tiefe v-förmige Täler in die Landschaft zu graben. Der Harz ist aufgebaut wie eine Torte: flach am Rand und zur Mitte hin immer höher. Der höchste Gipfel des Pfälzerwalds hingegen thront gleich am Rand, die Kalmit, 673 Meter hoch. Die Hänge waren hier immer zu steil für eine flächendeckende Rodung, das half dem Pfälzerwald, seine Größe zu bewahren.

Und dann passiert es doch noch: Am letzten Tag zeigt sich das Mittelgebirge von seiner wilden Seite. Der Abend war noch mild und warm. Über Nacht entlud sich über uns ein Gewitter, verwandelte Waldwege in Bäche und Rinnsale in Flüsse. An Weiterfahrt ist erst einmal nicht zu denken. Wären wir in den Alpen, wir müssten mindestens zwei Tage pausieren und hätten keine Chance weiterzukommen. Im Pfälzerwald dagegen hat der Buntsandstein in zwei Stunden seine Arbeit getan.

Es ist die letzte Lektion auf unserer Tour: Diese Landschaft aus Wellen, Tälern, Gipfeln und bizarr geformten Felsen funktioniert wie ein gewaltiger Schwamm. Der weiche Sandstein saugt selbst enorme Wassermassen problemlos auf, die Wege sind nach kürzester Zeit wieder trocken. Es geht weiter. Am Abend wollen wir in Kaiserslautern sein.

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Autor:
Jan Kirsten Biener