Berlin Tausche Massage gegen Schnitzel

MERIAN Mit Stil Pop Up Restaurants

Es gibt ein paar einfache Regeln für Verabredungen zum Abendessen und ich weiß auch nicht, warum man sie selbst ständig ignoriert. Eine in jedem Fall lautet: Nie kurzfristig den Tisch wechseln, weil man glaubt, noch etwas Besseres gefunden zu haben.

Eigentlich waren wir zu zehnt (was schon gefährlich nah an der Regel "keine zu großen Gruppen" kratzt) zum Essen im "Alpenstück" verabredet. Ein Österreicher in der schönen Schröderstraße in Berlin Mitte. Gemütlich, unaufgeregt, gute Küche, ich bevorzuge trotzdem das dazugehörende Deli, die "Bäckerei" auf der anderen Straßenseite.

Deshalb war ich auch sofort bereit, den Plan spontan über den Haufen zu werfen, als ein Freund aus London vorschlug, zum Abschluss der Berliner Fashion Week doch lieber ins "Pret a Diner" zu gehen. Ein "Pop-up Restaurant" des Caterers Klaus Peter Kofler, das vor einem halben Jahr schon einmal extrem erfolgreich in Berlin gastierte und nun für einige Tage zurückkehrte. "Mal was anderes" - ich glaube, ich selbst habe mich nach vier Tagen Mode-Wahnsinn zu diesem bescheuerten Satz hinreißen lassen. Dabei gilt eigentlich immer, und erst recht wenn alle müde und hungrig sind: keine Experimente, bloß nicht "mal was anderes", sondern unbedingt etwas, das schon für gut befunden wurde. Aber in solchen Momenten hat man offensichtlich ein Gedächtnis wie ein Goldfisch.

Das "Pret a Diner" ist "by invitation only". Angeblich kann also nicht jeder hier essen, sondern muss zum Essen eingeladen werden und erfährt erst dann den geheimen Ort, der aber für Berliner dann doch nicht so geheim, sondern einfach das "Ressort" ist: Die Sommer-Restaurant-Residenz auf Holzpanelen direkt an der Spree hinter dem Hamburger Bahnhof. Sonst ein sehr netter, entspannter Ort, nun temporär in "the dining experience" umfunktioniert. Nächste nicht befolgte Regel: beim Essen keine Erlebnisse, keine Ereignisse. Alles, was auch nur ansatzweise mit Erlebnisgastronomie zu tun hat, habe ich deshalb bislang erfolgreich gemieden. Ich war damals nicht bei Pomp Duck and Circumstance, noch nie bei einem Dunkel-Dinner und nur einmal für eine Reportage auf einem dieser Running-Dinner, wo man zu jedem Gang die Wohnung, Gesellschaft und am besten gleich auch die Identität wechselt. Diese Essens-Erfahrung hätte für die nächsten 20 Jahre gereicht.

Unser Tisch im "Pret a Diner" war noch nicht fertig, also nahmen wir in der "Lounge Area" Platz. Weiße Quader auf Sand am Wasser. Das Übliche. Nur dass auf dem Tisch kleine Kristalle lagen und im Hintergrund ein großes weißes Schild "Made with Swarovski Elements" angebracht war. Ein paar Meter weiter hing ein Rettungsring mit "Moet & Chandon" und dann standen plötzlich diese drei Typen in weißen Poloshirts hinter uns. Wenn im Biergarten die Schirme von irgendeiner Zigarettenmarke gesponsert sind oder beim Italiener ein Ramazzotti-Logo auf der Speisenkarte klebt, dann verstehe ich das. Ein Restaurant, das auf Guerilla-Marketing und exklusive Sterneküche macht, und dann wie ein Messebetreiber jede Parzelle weiterverkauft - verstehe ich nicht.

Die drei Polohemden waren von einer Firma, deren Namen ich vor Schreck wieder vergessen habe, aber sie waren gekommen, um zu massieren. Keine Ahnung, was ich schlimmer finde: Selbst im Loungebereich eines Restaurants massiert zu werden oder anderen dabei zuzusehen, wie sie im Loungebereich eines Restaurants massiert werden. Letzteres war jedenfalls schon absurd genug. Die zwei Pärchen mittleren Alters am Nebenloungetisch hatten das Erlebnis begeistert angenommen. Wenn ich es nicht besser wüsste (by invitation only) hätte ich gewettet, dass die irgendein Berlin-Reiseführer hier her geführt hatte. Wir jedenfalls fühlten uns genau so: Reingefallen auf einen "Insider-Tipp" des Reiseführers.

Um es kurz zu machen: Wir warteten eine Stunde auf unseren Tisch, stellten dann fest, dass es lediglich zwei Menüs zur Auswahl gab: Sushi oder Vegetarisch, was für eine Schwangere, einen Zwiebelallergiker und acht weitere Gäste, die sich den ganzen Tag auf ein Schnitzel gefreut hatten, vom Erlebnisfaktor nur mittelattraktiv erschien. Gegen halb elf fielen wir - inkognito - in unserem ursprünglichen Restaurant ein, wo das Schnitzel bereits ausverkauft war. Hatten wir auch nicht anders verdient.

Autor:
Silke Wichert