Schleswig-Holstein Surfen auf Fehmarn

Wenn im deutschen Süden die Blätter fallen, stimmen sie auf trübe Zeiten ein. Für Schleswig-Holsteins Küsten sagen die Wetterdienste im Herbst mal wieder rauschende Bedingungen an. Südwestwind, Stärke vier, westdrehend, zunehmend bis auf sieben, acht Beaufort. Zahlen, die wie Verheißung klingen. Besonders im Süden.

Auf dem Augsburger Hauptbahnhof, Gleis 1, Abschnitt C, steht Tanja Rieger und sieht aus wie eine Astronautin im falschen Universum. Sie arbeitet in einer Werbeagentur, aber nun naht das Wochenende, und Menschen mit ihrer Passion haben im tiefen Bayern nichts verloren. Die junge Frau trägt karierte Turnschuhe, knallgelbe Sonnenbrille, auf den Rücken hat sie sich einen großen Nylonsack geschnallt, in dem ein Lenkdrachen steckt. Unter ihrem Arm klemmt ein winziges Kiteboard, mit Totenkopf bemalt.

Tanja Rieger wird gleich den ICE gen Norden besteigen, 850 Kilometer durch Deutschland fahren, dahin, wo es wenigstens ein bisschen nach Hawaii und Abenteuer schmeckt; dahin, wo Meer ist und blauer Himmel, wo Wellen brechen, sich Strände und weite Felder dehnen. Vor allem aber will sie dahin, wo ordentlich Wind weht. Ihre Endstation heißt Fehmarn-Burg. Der Wind ist der Treibstoff, nach dem die Surfer und Kiter gieren. Tanja Rieger ist nicht die Einzige, die regelmäßig ausrückt zur Wind- und Sonneninsel Fehmarn. Die Surfer kommen in Autos oder Wohnmobilen, die vollgestopft sind mit Material. Segel, Masten, Gabelbäume. Taschen voller Neoprenanzüge und Ersatzteile, die Dachgepäckträger mit Stapeln von Surfbrettern beladen.

Wenn Wind in der Luft liegt, schieben sich ganze Kolonnen über die A1 Richtung Fehmarnsundbrücke. "An guten Tagen fluten bis zu 3000 Surfer unsere Insel", sagt Norbert Retzlaff, 58, ein Urgestein der Fehmaraner Surfszene. 1984 gründete er den Surfshop Fehmarn in Landkirchen, nun sitzt er unten im "Café Sorgenfrei" am Strand, isst ein Stück Kuchen und blickt aufs Meer.

"Vor 30 Jahren galten die ersten Surfer auf der Insel noch als Exoten", erinnert sich Retzlaff, seine Augen leuchten dabei mindestens so hellblau wie der Himmel. "Die Strände waren wild und leer, wir Surfer eine kleine eingeschworene Bastlerszene, die ständig neues Material ausprobierte und neue Spots auf der Insel entdeckte." Retzlaff reibt sich das Kinn, ein Schuss Wehmut liegt in der Geste. "Heute ist Fehmarn vor allem eine Surferinsel", sagt Retzlaff. "Wenn der Wind gut ist, siehst du an vielen Stellen das Wasser vor lauter Segeln nicht mehr." Neben den Windsurfern sind in den letzten Jahren die Kiter hinzugekommen; von großen Lenkdrachen gezogen, rasen und fliegen sie auf kuchenblechdünnen Planken übers Wasser.

Retzlaffs Blick schweift rüber zum Wulfener Hals, einer Halbinsel, die einen riesigen flachen Binnensee abtrennt. Die Wohnmobile stehen dort dicht an dicht, unten an der Surfschule führt Kunstrasen bis zum Wasser, Bretter und Segel lagern zu Hunderten in Containern. Drüben von der Kasse wummert Reggae. In schwarzem Neopren laufen die Surfer durchs Getümmel, werkeln an Tampen und Segeln. Hier warten Anfänger und Cracks auf jenes ungreifbare Gut, das über Glück oder Frust entscheidet. Den Wind. Ohne ihn kommt kein Brett ins Gleiten, stehen Novizen und Fortgeschrittene regungslos auf der Planke. Und noch weht bloß ein laues Lüftchen.

81 Einwohner, drei Surfshops

Doch auf Fehmarn ist in der Regel Verlass. Oft bläst ein steifer Wind, zudem finden sich bei fast jeder Windrichtung gute Strände und Wiesen mit Zugang zum Wasser. Oben in Altenteil und an der Westküste laufen bis zu zweieinhalb Meter hohe Wellen an die Küste. Cracks machen hier meterhohe Sprünge. Vor allem die natürlichen Gegebenheiten sorgen fürs allgemeine Surferglück. "Ein so vielseitiges Revier musst du woanders erst einmal finden", sagt Retzlaff. Den Rest besorgte Menschenhand, und so ist Fehmarn heute eine kunterbunte Spielwiese für alle, die mit Kind und Kegel Wind, Wellen und surfbares Meer suchen.

Vor McDonald's stehen Strandkörbe, in Burg heißt ein Modeladen "Windsport Fehmarn", und fürs abendliche Amüsement sorgen Musikbands wie "Die Melker, Dorfrock frisch von der Weide". Auf Fehmarn finden Surfmeisterschaften statt, steigen Full-Moon-Partys; in Burg wurde Deutschlands einziges Surfmuseum eröffnet, und mit sieben Shops und über zehn Schulen dürfte es europaweit kaum mehr Surfläden und Surfbasen auf so kleinem Raum geben. Allein im kleinen Ort namens Orth im Westen, mit nur 81 ständigen Einwohnern, existieren gleich drei Surfshops; da hängt erstklassige Hardware neben dem letzten Schick der Surfermode und wasserdichten iPod-Gehäusen, die es erlauben, mit Hardrock in den Ohren übers Wasser zu zischen.

Drüben an der Orther Reede, in der weiten, offenen Bucht, warten sie noch immer auf die erhoffte Brise. Ein wenig tänzeln schon die Flaggen, derweil gut 200 Segel und Boards parat liegen. Aber noch übt man sich an den Stränden und flachen Ufern rings um die Insel in der Kunst des Wartens. Dann ist es so weit. Der Wind kommt um fünf am Nachmittag. So wie es die einschlägigen Internetseiten - "Windguru", "Windfinder" oder "Daily Dose" - prophezeit haben. Und was nun folgt, ist eine wilde Wandlung, eine Metamorphose des Meeres im Abendlicht der Ostseeinsel Fehmarn.

Kaum wehen vier Windstärken, dekorieren Schaumkronen die Ostsee. Mit dem Wind flitzen die Ersten über die Buchten, dann werden es mehr und mehr, und bald schmücken bunte Segel das Wasser wie eine Invasion rasender Schmetterlinge. Kiter und Surfer gleiten Seite an Seite, hin und her, weiße Spuren durchziehen das graue Ostseewasser. Noch um sieben am Abend tanzen die Segel zu Hunderten vor dem Abendrot, einige heben ab, fliegen meterhoch durch die Luft. Fehmarn in Bestform, so lieben sie ihre Insel. Kaum ein Strand, vor dem die Surfer jetzt nicht unterwegs sind. Ihre Segel und Drachen sind schon von Weitem zu erkennen, wenn man über die Landstraßen Richtung Meer fährt.

Auf der Halbinsel Wulfener Hals steht auch Tanja Rieger im Sand, pausiert nach zweistündigem Ritt. Steht da im schwarzen Neopren mit grünen weiten Surfshorts drüber, weil das mächtig cool aussieht. Die Anreise aus Augsburg hat sich mal wieder gelohnt. "Ich werde wohl selbst im Winter hierherkommen", sagt sie. Sie wird dann zu den Hartgesottenen zählen, die auch bei Minustemperaturen nicht die Finger vom Wind lassen können. Dank Trockenanzügen und titaniumbeschichteter Unterwäsche gerät hier oben selbst der Winter zur Surfsaison.

Wellenreiten mit den Zwillingen

Abends. Der Tag war gut, der Sport war hart. Die Muskeln sind müde, die Haare salzig. In Burgtiefe chillen die Surfer jetzt in der "Karibikbar", einer windschiefen, mit Palmen bemalten Pinte an der Lagune, wo die Steeldrums scheppern und Longdrinks namens "Killeralge" zu ordern sind. Und dann kommt er rein, Manfred Charchulla, der eine der beiden legendären Surfzwillinge der Insel, Botschafter des Windes und des freien Lebens, ein Lederstrumpf mit Pfeife im Mund und herben Sprüchen auf den Lippen. Charchulla ist 72 Jahre alt und kein bisschen müde, noch heute steigt er mit seinem Bruder Jürgen auf die Bretter, wann immer es weht.

Er trägt ein lederbenähtes Jeanshemd und zwei silberne Adler auf der Brust, eine kleine Captain-Morgan- Flasche baumelt am Gürtel, die Haut braun, die Augen seeblau, der gewaltige Bart blond wie Butter. Der letzte Surfhippie in deutschen Landen betreibt die "Karibikbar" und die Surfschule nebenan. Die Zwillinge waren die ersten Surfer auf Fehmarn, ihre Geschichte kennt fast jeder hier. 1975 fuhren sie nachts in einem umgebauten Krankenwagen voller Surfbretter über die Fehmarnsundbrücke, kurvten über die Insel und parkten den Wagen um zwei Uhr nachts vor den Dünen in Burgtiefe. Am Morgen stiegen sie aus, sahen die Insel und das Meer und befanden: "Hier bleiben wir!"

Seitdem gelten die Twins als die Surfmissionare im Norden Deutschlands. Sie surften über den Erdball, in Australien, Afrika, Amerika, kachelten zu zweit über den Ärmelkanal. Mit ihren Aktionen landeten die Surfindianer schon in deutschen Talkshows, japanischen Internetseiten und tasmanischen Zeitungen. Ihre Basis aber ist bis heute das gute, alte Fehmarn. "Surfen ist ein herrlicher Sport, einfach und ehrlich", sagt Manfred Charchulla, genau eine Viertelstunde älter als sein Bruder. "Wir haben viel von der Welt gesehen, aber das beschauliche Fehmarn ist eines der besten Reviere, die wir kennen."

Charchulla, barfuß in Clogs, verabschiedet sich. Er muss die Bühne aufbauen. Heute abend wird eine Rock-'n'-Roll-Band in seiner Bar spielen und er die chinesische Geige dazu. Party, Peace und lockeres Leben auf einer wackligen Veranda am Wasser. Auf Fehmarn an der Ostsee trotzt die kleine Charchulla-Basis dem durchstrukturierten Ferienhimmel des dritten Jahrtausends wie eine papayabunte Oase aus den alten Tagen.

Der nächste Morgen. Acht Windstärken fegen über die Insel, rütteln an Häusern und Bäumen. Die Surfer lassen sich nicht bitten, der Wind ist ihr Gott. Um neun rasen die ersten über die sturmzerrissene Ostsee, preschen über die Wellen. Hinter der Landzunge hebt ein Kiter ab, schwebt bald fünf, sechs Meter in der Luft, dreht sich über Kopf, landet gekonnt. Andere stürzen, Schaumknäuel in den Fluten, bis sie wieder starten und davonziehen. An der Surfstation am Wulfener Hals tragen sie die Bretter scharenweise ins Wasser, wie viele mögen es heute sein, die vor Fehmarn die Ostsee durchschneiden? "Heute Mittag sind gut und gern 2000 Surfer auf dem Wasser", sagt Ralle, der Mann an der Verleihstation. Er trägt Wollmütze und ein Tattoo im Nacken. "An solchen Tagen kocht die Insel."

Vorn am Deich steht ein krummbeiniger Bauer mit den Händen in den Taschen und blickt auf das Meer und Hunderte von Segeln. Man kann es nicht sehen, aber er hat gut lachen. Acht Euro kassiert er für jedes Surferauto, das auf seinem Land mit direktem Zugang zum Wasser parkt. Daran, dass sich auf Fehmarn mit dem Wind mehr Geld verdienen lässt als mit Kühen und Kartoffeln, hat er sich längst gewöhnt.

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Marc Bielefeld