Niedersachsen Sümpfe zwischen Ems und Weser

"Wo die Kultur aufhört, fängt Deutschland an", sagten die Niederländer um 1600, wenn sie von ihren propperen Fehnsiedlungen über die Landesgrenze auf die weiten und weglosen Moore im Osten blickten. "Fehn" (veen) ist das holländische Wort für Moor, das die Friesen übernahmen. Eine unwirtliche, verdammte Gegend, in der ihrer Meinung nach allenfalls böse Geister wohnten. Die Menschen dort scherte das wenig. "Mit Teufeln, Geistern und Hexen scheint sich der derb-klar sehende Friese kaum abgegeben zu haben", schreibt der Historiker Herbert Röhrig in seiner Chronik.

Umso mehr interessierten sich Dichter für die unheimlichen Moorbewohner: die Pultermanntjes, kleine Kobolde, deren Körper in der Dunkelheit ein fahles Licht ausstrahlen, den Waterkeerl, der untreue Frauen und Männer in die schwarzen Moortümpel zieht oder die rotzottelige Roggmöhm, die unartige Kinder auf Nimmerwiedersehen ins Moor verschleppt.

"O, schaurig ist's, übers Moor zu gehn / Wenn es wimmelt vom Heiderauche / Sich wie Phantome die Dünste drehn / Und die Ranke häkelt am Strauche", dichtete Annette von Droste-Hülshoff. Doch schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts musste die Adelige ihre ganze dichterische Kraft aufbringen, um die heimatlichen Sümpfe in mystische Naturlandschaft zu verwandeln. Denn der Kampf gegen das unfruchtbar unpassierbare Moor zwischen Ems und Weser hatte bereits 150 Jahre zuvor begonnen.

"Das Moor muss weg", lautete der Schlachtruf der ersten Pioniere, der bis in unsere Jahre so konsequent umgesetzt wurde, dass es heute unberührte Moore kaum noch gibt. Und wenn man sie schließlich entdeckt, dann schaudert einen allenfalls der Gedanke, dass auch die raren Reste wenig Chancen zum Überleben haben. Dort, wo sich gut 600 Jahre vor Christus primitive Holzfuhrwerke mit klobigen Scheibenrädern auf eichenen, von heidnischen Götterzeichen flankierten Bohlenwegen über den schwankenden Boden quälten, macht heute ein Moorerlebnispfad die "Esterweger Dose", eine der größten geschlossenen Moorflächen zwischen Papenburg und Friesoythe, zum Freizeitvergnügen.

Den Besuchern wird statt schauriger Geschichten schöne Gegend geboten. In der halten einige Pflanzennamen wie "Täuschendes Torfmoos" oder "Beinbrech" die Erinnerung an das un-heimliche und gefährliche Moor wach.

Die poetischen Spukgestalten der Droste-Hülshoff sind dagegen längst mit Feuer, Spaten und gigantischen Pflügen verscheucht worden. Statt ihrer quakt das Fremdenverkehrsmaskottchen, eine Froschkarikatur: "Ich würde mich über Ihren Besuch freuen und wünsche viel Spaß."

Dass hier im Lauf der letzten rund 400 Jahre mit Bedacht und Berechnung ein riesiges Stück uralter Natur abgeräumt, verbrannt, verkokst wurde oder unter Millionen von Geranien und Rhododendren verkrümelt wird, ist auch heute nur wenigen bewusst. Denn auch das niedersächsische Moorschutzprogramm ist mehr gute Absicht als konkrete Hilfe.Von den über 90.000 Hektar Moor- und Sumpfland stehen zwar 32.000 Hektar unter Naturschutz, doch für viele dieser Gebiete fehlen Pflege wie Entwicklungspläne, die für eine Regeneration Voraussetzung sind. Wenn sie überhaupt gelingt: Um das, was nach dem Abtorfen, Kultivieren, Besiedeln übrig blieb, wieder in ein lebendes Hochmoor zu verwandeln, braucht es nach Meinung der Moorschützer Jahrhunderte.

Nach dem Ende der letzten großen Eiszeit begannen die Hochmoore zu wachsen und türmten Moorstärken bis zu 30 Metern auf. Diesen gigantischen Bodenschub schaffte eine unscheinbare Pflanze: das Torfmoos. Das Kraut schießt pro Jahr bis zu 30 Zentimeter und überwuchert rücksichtslos alle anderen Pflanzen. Und die, die nicht weichen, erschlägt es mit seiner chemischen Keule: Torfmoos hat die Fähigkeit, wertvolle Mineralstoffe zu binden und dafür Wasserstoff abzugeben. Das hat zur Folge, dass die Böden mit dem Schärfegrad von Speiseessig gesäuert werden, was kaum ein Pflanzenkonkurrent längere Zeit überlebt. Mit diesem Wucherprogramm hielt sich das Torfmoos lange Zeit den Menschen vom Leibe - Hochmoore sind sauer, nass und nährstoffarm. "Wi wulln den Schiet nicht hebbn", sagten die friesischen Geestbauern lange Zeit.

Doch als der Dreißigjährige Krieg Deutschland ins Elend stürzte, die Bauern aber immer weiter und mehr Kinder zeugten, musste neues Land her, und sei's das Moor. Friesische Fürsten, Oldenburger Herzöge und preußische Könige parzellierten das Niemandsland und lockten Kolonisten mit dem Versprechen, dass aus dem Pachtland Eigentum werden würde.

Techniken, mit denen man aus dem Moor mehr machen konnte, hatten die Niederländer bereits im 16. Jahrhundert erprobt. Für die Faulen war es die Moorbrandkultur. Dabei konnten die Flächen sofort bewirtschaftet werden: Mit kleinen, flachen Gräben entwässerten die Bauern das Moor oberflächlich, brannten im folgenden Frühjahr die abgetrocknete Fläche ab und säten in die noch warme Asche den Buchweizen - für andere Getreide fehlte dem Boden die Kraft. Der Nachteil: Nach fünf bis sieben Jahren war die Erde so ausgelaugt, dass gar nichts mehr wuchs, sie mindestens 20 Jahre brach liegen musste. Erst 1929 wurde das Brennen verboten - der Torfrauch gefährdete die Gesundheit der Fehntjer.

Zukunftsträchtiger war die arbeitsintensive Fehnkultivierung: Mit Hilfe von Kanälen wurde das Moor zunächst systematisch entwässert, erst ein Hauptkanal ausgeschachtet, der stets Anschluss an einen Fluss hatte, um den natürlichen Ablauf des Wassers zu sichern, dann von ihm aus ein dichtes Netz von kleinen Nebenkanälen ins Moor gegraben. Der Torf auf den entwässerten Flächen wurde gestochen, getrocknet und als Heizmaterial mit Kähnen zur Küste gebracht. Ladung für die Rückreise war Schlick. Der wurde auf den abgetorften Flächen getrocknet, musste einmal durchfrieren und wurde mit Weißtorf, der obersten Torfschicht, und etwas Erde vermischt als Dünger gestreut.

Aus vielen Torfstechern wurden Fehnschiffer

Was das Land zwischen Ihlowerfehn und Rhauderfehn heute für Touristen so sehens- und erlebenswert macht, ist den Fehntjern zu verdanken. Sie haben zwar das Moor verfeuert, dafür aber eine unverwechselbare wie mit dem Lineal gezogene Wasser- und Wiesenlandschaft geschaffen. Ohne große Geschichte, aber voller kleiner Geschichten. Alles gediegen, mit streng geregelter Rasenlänge in den Vorgärten, mit Eiben-, Buchs- und Ligusterhecken, deren kantiger Schnitt mit Senkblei und Wasserwaage kontrolliert wird. An Stelle von Sumpf und Moor breitet sich nun unter dem grandios weiten friesischen Himmel ein tischebenes Land aus. Es gibt kaum Baufälliges zu sehen; alles ist gut in Schuss, vor allem die Koniferen- und Rhododendren-Dschungel um die in Reih und Glied ausgerichteten Siedlungshäuser - immer mit dem Gesicht zum Kanal -, die alle aussehen, als seien sie erst gestern fertig geworden. Vom Elend der Moorpioniere ist in den propperen Fehnsiedlungen nichts mehr zu entdecken.

Mit der Gründung von Papenburg begann 1631 die planmäßige Moorvernichtung. Dann ging es Schlag auf Schlag: Etwa alle 30 Jahre war genug Moor abgetragen, um eine neue Siedlung zu gründen. Das Abtorfen der metertiefen Moore und Ausschachten der kilometerlangen Kanäle war zwar eine Plackerei, die viele Opfer forderte und Böden hervorbrachte, die nur kleinsten Kleinbauern das Überleben sicherte. Doch dafür boomte das Geschäft mit dem billigen Brennstoff. Als die gemieteten Torfkähne den Transport nicht mehr bewältigen konnten, bauten die Moorpioniere selbst welche. So wurden aus vielen Torfstechern Fehnschiffer.

Ende des 18. Jahrhunderts entstanden die ersten kleinen Werften auf dem Fehn, hundert Jahre später gab es sechs größere Werften im Moor, drängelten sich über 300 Binnenschiffe auf den Kanälen, befuhren mehr als hundert seetüchtige Schiffe die küstennahen Gewässer - alle "made im Moor". Die maritime Geschichte der Moorkultivierung kann im Schifffahrtsmuseum Rhauderfehn besichtigt werden - ihre Gegenwart auf der Meyer-Werft in Papenburg.

Der Hunte-Ems-Kanal, 1893 fertig gestellt, gab den Anstoß zu einer zweiten großen Siedlungswelle: mehr Moor, mehr Torf, mehr Arbeit, mehr Geld, mehr Siedlungen. Dank der Erfindung des Mineraldüngers konnte auf dem abgetorften Land endlich richtig geerntet werden. Die Industrie entdeckte das Moor und machte aus Schwarztorf Koks und Elektrizität, während der oben liegende Weißtorf als Stallstreu in die Gruben des Ruhrgebiets verkauft wurde. Dort arbeiteten noch bis 1914 Pferde unter Tage.

Dann kam die Zeit, in der statt Kolonisten KZ-Häftlinge ins Moor zogen. 15 Lager, in denen zunächst Regimegegner, später vor allem russische Kriegsgefangene inhaftiert waren, hatten die Nationalsozialisten in den abgelegenen Gebieten des Emslandes errichtet: Häftlinge sollten das Moor für deutsche Jungbauern in fruchtbares Land verwandeln. In Esterwegen wurde der Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky geschunden: im nahen KZ Börgermoor entstand das berühmte "Lied der Moorsoldaten". Mehr als 30.000 Menschen wurden in den Lagern ermordet, verhungerten, erfroren oder kamen im Moor um.

Die 163 Kilometer lange Fehnroute macht um den Ehrenhain Esterwegen einen Bogen. Sie führt stattdessen durch das, was die Fehntjer aus dem Moor gemacht haben - eine Bilderbuchlandschaft. Grüner Englischer Rasen, weiß gestrichene, hölzerne Klappbrücken, pittoreske Windmühlen und schmucke Backsteinhäuser zu beiden Seite der dunkelbraunen Moorkanäle.

Und immer wieder riesige Gärtnereien und Baumschulen - endlose Reihen von Blumen, Stauden, Hecken und Formgehölzen. "Wir pflanzen für die Zukunft", so der Slogan der Gärtner.

Dazu reicht ein kleines Loch in der tiefschwarzen Moorerde, die hier offen zutage liegt. Und was auch immer da reingesteckt wird - es wächst. In den langen, zweizeiligen Fehnsiedlungen gibt es erstaunlich viele, große und moderne Einkaufszentren, aber nicht eine urige Kneipe: Die ersten Siedler hatten kein Geld, die nächste Generation keine Zeit und die jetzige baut Restaurants im schnörkellosen Einheitsstil.

Radfahrer sind auf den schnurgeraden Kanaltangenten unterwegs und Boßelspieler. Auf den angrenzenden Wiesen werfen die Klootschützen mit einer bis zu 475 Gramm schweren Holzkugel, dem Kloot, um die Wette, während Hausfrauen zum Wochenende angeblich nicht nur ihre Fenster, sondern auch die Hauswände putzen. Um die schmucken Kanalkolonien touristisch zu erschließen, wurde 1992 die "Fehnrundtour" begründet. Die Interessengemeinschaft Deutsche Fehnroute e.V. hat sie entsprechend ausgeschildert: gut ausgebaute Straßen meistens an den Kanälen entlang, an sieben naturgeschützten Originalmooren vorbei und durch die liebevolle Erinnerungsarbeit der Fehnsiedlungen.

Die kurze, von Armut geprägte Siedlungsgeschichte der Fehntjer hat kaum historisch markante Baudenkmale hinterlassen. Um so bedeutsamer sind Raritäten wie das aus dem 15. Jahrhundert stammende Gut Stikelkamp. Von 1633 bis 1970 gehörte der Hof der urfriesischen Familie Beninga: Deren Wohnkultur verrät, dass es im Moor auch feine Leute gab, die erfolgreich zu wirtschaften und herrschaftlich zu leben verstanden. Für die Moorkolonisten, die nur in drei Generationen dachten - "Dem Ersten der Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot" - ein unvorstellbarer Luxus.

Auch die mittelalterliche romanische Johanniter-Kapelle in Strücklingen hat Apartes zu bieten. Ein Pestkreuz und eine reich verzierte Strahlenmadonna. Hier wird noch auf "Seeltersk", Saterländisch, gepredigt. Die Saterländer' ein kleines Völkchen zwischen Barßel und Ostrhauderfehn' sprechen nicht nur ihr eigenes Friesisch, sie scheinen auch die Einzigen zu sein, die das Moor liebten: "Man dien Faan häd uus uk helden, fräi fon Fäinde, Kriech un Nood".Auf Deutsch: Doch dein Moor hat uns auch gehalten, frei von Feinden, Krieg und Not.

Leider hat dieses Moor-Manifest der Saterländer die restlichen Friesen nicht beeindruckt. Das Moor ist weg, klagen die Naturschützer. Doch was sagen sie dazu, dass heute ausgerechnet der abgebaute Torf dem Umweltschutz dient?

Tonnenweise wird er in die Niederlande gekarrt, wo die tote Erde zu Aktivkohle verarbeitet wird, mit deren Hilfe Filter Industrieemissionen in saubere Atemluft verwandeln. So gesehen tut das Moor immer noch seine Schuldigkeit.

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Autor:
Nicolaus Neumann