Mit Stil Stellt euch nicht so an!

Gesprächsthementechnisch ist der Dezember ein fabelhafter Monat. Es gibt die saisonalen Standards wie "Wo verbringt Ihr Weihnachten/Silvester?" oder "Was schenkst Du Mutter/Bruder/Teenie-Nichte?" und man kann noch besser übers Wetter reden als sonst, gerade dieses Jahr "Liegt bei Euch auch so viel Schnee?", weshalb noch ein brandheißes Thema hinzukommt: "Und, wie lange hast Du am Flughafen/Bahnhof warten müssen?" Gefühlt jeder Dritte hat die vergangene Woche in irgendwelchen Menschenschlangen verbracht. Ich auch, und ich musste dabei wieder einmal feststellen: Das ist nichts für mich, ich kann das nicht. Aber die anderen können es leider noch viel weniger.

Ich stand am Lufthansa-Schalter des Münchner Flughafen, etwa im fünften Knick einer im wilden Zickzack verlaufenden Schlange von rund 75 Metern. Ich dachte gerade daran, welche meiner Münchner Freunde ich mit einem Spontanbesuch überraschen sollte als ein Gepäckwagen gegen meine Ferse rammte. Der Klassiker. Kennt man von Supermarkt-Kassen, wo man den Haken vorne am Einkaufswagen immer halb in den Hintern geschoben bekommt, billiges Planierraupen-Verhalten. Ich drehte mich freundlich um, eine Mittvierzigerin in Woolrich-Jacke mit Fellkapuze verschluckte ein "Tschuldigung". Im nächsten Knick zog sie kurzzeitig mit mir auf gleiche Höhe, scherte danach jedoch wieder mit kurzem Touchieren hinter mir ein, um nun von hinten, wann immer sich vor mir eine kurze Lücke auftat, ein donnerndes "Aufschließen!" von sich zu geben.

Ich kann diesen Reflex im Kern verstehen. Schlangestehen ist die größte Zeitverschwendung, vor allem, wenn am Ende weder ein Besuch der "Frida Kahlo"-Ausstellung in Berlin noch ein brandneues iPad wartet, sondern lediglich eine schlecht gelaunte Lufthansa-Mitarbeiterin mit einem Hotel- und zwei S-Bahn-Gutscheinen. Und deren Abfertigungsgeschwindigkeit - das habe ich ganz deutlich innerhalb von knapp zwei Stunden beobachten können - erhöht sich überhaupt nicht durch Drängeln innerhalb der Schlange.

Das gilt übrigens auch für das Boarding, wo gerade die Deutschen die Einer- oder Zweierreihe gern zugunsten eines breiten Fächers auflösen, weil sie anscheinend glauben, wenn man gleichzeitig von allen Seiten in ein Nadelöhr drückt, gehe da irgendwie mehr durch und man kann ein bisschen früher und länger im Flieger rumstehen, was ja ungleich glamouröser ist, als noch in der Abflughalle rumzusitzen, weshalb Passagiere der vorderen Reihen gleich mit den hinteren Reihen zusammen einsteigen wollen, um da drin auch ja nichts zu verpassen.

Keine Ahnung, ob die Engländer wirklich noch so unschlagbar in der "Queueing etiquette" sind, in meiner Schlange am Donnerstag (und Freitag früh natürlich) waren nur Deutsche und Italiener, wobei letztere wiederum, wie ich finde, zu den unterhaltsamsten Mitwartenden zählen. Sie drängeln nicht, sondern verleihen ihrem Unmut in gewohnt wildem Gestikulieren Ausdruck. Dadurch kommt man dann sehr schnell ins Gespräch, was das Rumstehen immerhin etwas amüsanter macht.

Vor mir stand ein Haushaltsgeräte-Vertreter aus Mailand, der alle fünf Minuten ein bisschen lauter fragte, was zum Teufel denn da eigentlich so lange dauere und warum die Lufthansa an einem Rondell mit zehn Countern pünktlich zum Winterchaos eigentlich nur vier besetze. Solche ewigen Rätsel verbinden. Bis wir an der Reihe waren, hatten wir uns unsere halben Lebensgeschichten erzählt.

Die Japaner hingegen zählen definitiv zu den freundlichsten und deshalb schlechtesten Schlangestehern. Wie die Schafe ließen sie sich glücklich nickend von ein paar Typen zu einem vermeintlich neugeöffneten Schalter schicken, der sich dann allerdings als Attrappe herausstellte. Die Kollegin machte gerade Feierabend. Ich weiß nicht, was die korrekte englische Übersetzung für "weggegangen, Platz vergangen" ist, aber sinngemäß bekamen sie das wohl bei der Rückkehr zu ihrer "alten" Schlange zu hören. "Queue Jumping" auf Kosten anderer ist wirklich das allerletzte, nicht mal im Hungerfall ist so etwas okay. Hoffentlich mussten die Jungs am nächsten Tag über Frankfurt fliegen und warten noch heute auf ihre Koffer.

Mein Gepäck ist übrigens auch noch nicht wieder aufgetaucht, aber weil ich vor Weihnachten ja nichts anderes zu tun habe, verbrachte ich den halben Montag damit, sämtliche Telefonnummern der Lufthansa abzuklappern. Am Telefon in der Warteschleife zu hängen, ist so etwas wie virtuelles Schlange stehen - nur mit schlechterer Begleitmusik. Wenigstens kann man da nicht schubsen, auch wenn ich mir das zwischenzeitlich fast gewünscht habe.

Autor:
Silke Wichert