Dortmund Stadttour durch die ehemalige Zechenstadt

"Hier is noch en Plätzchen, setzen Sie sich ruhig. Kann ich ja eh nicht verhindern, wat!" Der Himmel strahlt über Dortmund und die Tische vor den Cafés und Kneipen am alten Marktplatz der Stadt sind gerammelt voll. Wir nehmen das freundliche Angebot der Altherrenrunde an und setzen uns dazu. Für seinen Charme ist der Dortmunder nicht unbedingt bekannt, eher für seine Offenheit.

"Ruhegebiet - hier krisse die Meinung direkt in Gesicht" prangt auf dem T-Shirt eines jungen Mannes am Nebentisch. Die Kellnerin des Traditionslokals "Zum Alten Markt" kommt vorbei, "noch vier Thier bitte!". Die Runde trinkt heimisches Bier, und es wäre ein großer Fehler, sich nicht anzuschließen.

Dortmund war einmal die Stadt des Bieres, bereits 1293 bekam die damalige Hansestadt das Braurecht verliehen. Da Bier zu dieser Zeit mehr Grundnahrungsmittel als Getränk war, wurde das Pils zu einer der wichtigsten Handelswaren. In Dortmund entstanden Dutzende Brauereien und von 1950 bis 1970 war Dortmund mit einem Ausstoß von bis zu 7,5 Millionen Hektolitern nach Milwaukee der weltweit größte Brauereistandort. Doch viele der Großbrauereien verschwanden bereits seit Beginn der 1970er Jahre. So auch die Dortmunder Thier Brauerei, deren Bier man in Dortmund jedoch noch immer trinkt. Nur das es heute von der Radeberger Gruppe gebraut wird.

Einst Brauerei - heute Shoppingmeile

"Prost!" Während die Herrenrunde ihr Thier Pilsener genießt, bummeln ihre Frauen nur ein paar Meter weiter durch die Thier-Galerie. Auf dem Gelände der ehemaligen Thier Brauerei können Besucher seit dem vergangenen Jahr durch 160 Geschäfte schlendern und wetterfest shoppen. "Resteverwertung, aber dat nennen die feinen Herren im Rathaus ja lieber Strukturwandel. Wie mit dem U, dat is ja jetzt ein Museum."

Der Turm der Dortmunder Union-Brauerei, im Volksmund auch nur das "U", wurde 1926 als erstes Hochhaus der Stadt erbaut. Das goldene U, heutiges Wahrzeichen der Stadt, strahlt seit 1968 von dem Dach des Turmes. Während der "Ruhr.2010" wurde der U-Turm als neues Kreativzentrum der Stadt eröffnet. Zusammen mit dem Dortmunder Museum am Ostwall präsentiert das U nun Ausstellungen moderner Künstler und überzeugt durch einen Mix aus Industriekultur und modernem Design. Von der Aussichtsplattform kann man die gesamte Innenstadt überblicken: den Hellweg, die Haupteinkaufsstraße, das neue Konzerthaus, aber auch die Reinoldikriche, den Mittelpunkt des historischen Stadtkerns. Die ältesten Teile wurden Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut, der Großteil der Kirche aber - genauso wie 98 Prozent der Innenstadt - im Zweiten Weltkrieg zerstört. So entdeckt man heute rund um den Hellweg einen Mix aus Jugendstil- und Gründerzeithäusern neben modernen Hochglanzbauten aus Glas und Metall. Auch das 2002 eröffnete Dortmunder Konzerthaus thront mit seiner eindrucksvollen Fassade neben schmucklosen 60er-Jahre Bauten.

Fußball ist unser Leben

Prüfende Blicke werden uns zugeworfen, wir werden doch keine Schalker sein? Der Fußball spielt noch immer eine große Rolle im Ruhrgebiet und die momentane Leistung des Fußballclubs Borussia Dortmund beeinflusst die Stimmung in der Stadt. Ein Heimspiel des BVBs ist ein tolles Erlebnis, aber auch wenn kein Heimspielwochenende ist, kann sich ein Besuch des Stadions lohnen. Im Borusseum, dem hauseigenen Museum, wird die hundertjährige Geschichte des Erfolgsclubs erzählt. An jedem Samstag und Sonntag (Heimspieltage ausgenommen) finden um 14 Uhr Führungen durch das Allerheiligste des Signal Iduna Parks statt.

"Viermal Salzkuchen, bitte schön." Die Herrenrunde hat Hunger bekommen. Der Salzkuchen ist eine Dortmunder Spezialität. Das kreisrunde Kümmelbrötchen mit dem Loch in der Mitte wurde vor 164 Jahren in der Bäckerei "Fischer am Rathaus" erfunden. Die Bäckerei gehört zu Dortmund wie das Bier und der Fußball. Und so reicht die Schlange an einem Samstag oft bis raus auf die Straße. Den Salzkuchen isst der Dortmunder meist mit Mett oder Käse - und auf jedem Fall mit einem Glas kaltem Bier.

Zeche Zollern - heute ein Museum.
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Zeche Zollern - heute ein Museum.
Bier, Kohle, Stahl - der Dortmunder Dreiklang hat auch heute noch einen starken Einfluss auf das Leben in der größten Stadt des Ruhrgebiets. Seit dem Untergang der Kohle- und Stahlindustrie, liegen viele Industrieflächen brach. Doch an immer mehr Stellen entstehen aus ehemaligen Zechen oder Hochöfen wahre Schätze. So auch an der ehemaligen Zeche Zollern, die so gar nicht wie eine Zeche aussieht. Die Fassade des Backsteinbaus erinnert vielmehr an eine Villa als an einen Kohlenschacht. Das schwarze Gold wird hier schon lange nicht mehr abgebaut. Ein kleines Museum lässt die Sozial- und Kulturgeschichte des Ruhrbergbaus aufleben und entführt in eine Welt, die im heutigen Dortmund sehr fern erscheint und doch immer direkt unter der Oberfläche liegt.

Abendunterhaltung nach Dortmunder Art

Eine Institution in Dortmund ist der Kabarettist Bruno Knust. Er begeistert im Theater Olpketal seine Besucher als Günna, ein Dortmunder Original, das kein Blatt vor den Mund nimmt. Und das in wunderbarer Ruhrgebietsmundart. Nette Kneipenabende verbringt man in der 580.000 Einwohner starken Stadt am besten im Kreuzviertel. Das Studentenviertel bringt mit seinen hübschen Altbauten und vielen Clubs und Cafés ein bisschen Großstadtfeeling in die Stadt. Um gute Live-Musik zu hören gibt es neben dem Konzerthaus noch eine viel ältere Dortmunder Institution: das Domizil, seit 1969 einer der besten Jazzclubs der Welt.

Ein anderer Ort, an dem die Dortmunder bald ihre Abende verbringen können, ist der Phoenix-See. Neben der Kohle bestimmte auch der Stahl lange die Dortmunder Wirtschaft. Das 1871 gegründete Eisen- und Stahlwerk Hoesch mit Sitz im Arbeiterviertel Hörde, sicherte bis in die 1990er Jahre vielen Dortmunder Familien ihr Auskommen. Doch Ende des letzten Jahrtausends wurden die Stahlproduktionen stillgelegt. Ein harter Schlag für den Arbeitsmarkt, aber auch eine Chance für die Stadt: Seit 2006 wird auf dem ehemaligen Stahlwerksgelände im Südosten Dortmunds ein ehrgeiziges Projekt umgesetzt. Auf einer Fläche von 24 Hektar ist dort ein künstlicher See entstanden, der schon jetzt zu einem Sonntagsspaziergang einlädt. In den nächsten Jahren sollen an der Uferpromenade des Phoenix-Sees Cafés, Wohnhäuser und Bürogebäude entstehen, die dem früheren Stahl- und Arbeiterstadtteil Hörde ein neues Gesicht geben sollen.

"Resteverwertung im ganz großen Stil is dat", die Herrenrunde lacht. Kohle, Stahl, Bier und Fußball - aber erst recht die Menschen machen Dortmund aus. Und es braucht nur ein nettes Gespräch über das letzte Dortmund-Spiel oder das leckere Pils und sie zeigen einem die Schätze ihrer Stadt.

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Autor:
Viktoria Meinholz