Frankfurt Stadtteil Sachsenhausen

Hinter dem Eisernen Steg beginnt das Jenseits, Dribbdebach- von Frankfurts Mitte aus betrachtet, eine ohnehin fragwürdige Perspektive. Kinder, die südlich des Mains aufwachsen, wissen, dass auf der anderen Seite des Flusses kein besseres Leben wartet. Sachsenhausen ist Frankfurt im Kleinen, mit abgerundeten Ecken und Kanten, Türmen statt Towers, reich ohne stein und arm ohne bettel, eine Metropolenminiatur mit 56.000 Einwohnern.

Nimm den Weg von Süden an einem Freitagmorgen. Lass das Villenviertel am Waldrand links liegen, den Lerchesberg mit seinen Kastenschlössern ohne Seele, die hinter alarmgesicherten Zäunen verschwinden. 1956 feierten die Reichen mit ein paar Schönen Richtfest auf dem exklusivsten Hügel der Stadt. Der Lerchesberg ist wie ein kleiner Mann ohne Stil, der schön wird, wenn er seine Brieftasche öffnet. Vergiss die gewundene Hauptstraße, die ihren Anwohnern verkehrsberuhigte Einbahnstraßenprivilegien gewährt. Gehen Sie bitte weiter, es gibt hier nichts zu sehen.

Hangabwärts wird es wärmer, hinter den Laubenkolonien, wo die Vorgärten schrumpfen und das Entführungsrisiko sinkt. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wachsen im Südosten die Doppelhaushälften aus dem Berg, unter der säuerlichen Hopfen-und-Malz-Glocke der Brauereien, rund um den Henninger Turm, von 1959 bis 1961 mit 120 Metern als höchstes Gebäude der Stadt in den Himmel gebaut. Seit Monaten markiert er ein Fragezeichen mit ungewisser Zukunft, die steinerne Eierschale mit Silo im Innern: ein Wahrzeichen, mit dem niemand Besseres anzufangen weiß, als es leerstehen zu lassen, vorerst.

Ein anderer Turm hat seinen Superlativ gegen die Betonbankenkonkurrenz im Zentrum verteidigt. Mit 43 Metern überragt der Goetheturm, der höchste Holzturm Deutschlands, die Baumkronen des Stadtwalds, 196 Stufen sportliche Herausforderung für Spaziergänger, Sprungbrett für Selbstmörder. Goethe war, Goethe bleibt, Goethe geht immer, sitzt als memorierter Vers in den Köpfen der Besucher, vom Eise befreit sind Strom und Bäche und oben düsen Flugzeuge Richtung Rhein-Main, immer lauter, immer mehr.

Am Anfang der Geschichte steht die Zwangssiedlung, die Karl der Große nach 783 für die besiegten Sachsen errichten ließ. Unschöne Ursprünge, die die Gegenwart jedoch aufs Freizügigste pariert. Nur mit Walkman und Badeschlappen bekleidet hüpft ein Mann über den Sachsenhäuser Berg, der Passanten stets glücklich anlächelt und Gespräche mit den Worten einleitet: "Hallo, ich bin der nackte Jörg aus Sachsenhausen", eine Mitteilung, deren Neuigkeitswert sich auf den Namen beschränkt, der Rest ist offensichtlich. Manchmal schafft es der nackte Jörg bis auf die andere Mainseite, wo ihn dann irgendwann Polizeibeamte mit Decken einfangen und zwangsbekleidet zurück in seine Wohnung am Sonnenring fahren, jenem Zementriegel, der sich kurz vor der Stadtgrenze wie ein Wellenbrecher zwischen Lerchesberg und Eigentumswohnungen mit Geranienbalkonen krümmt.

Die kleinen Bürger leben unten, im Westen der Ebene, in den glatten Fünfzigerjahre-Wohnblocks der Fritz-Kissel-Siedlung, in Straßen Unter den Linden, Eichen und Akazien, über den ganzen Stadtteil verstreut hinter den Gardinen der schmucklosen Fassaden, die die Bombenlücken des Krieges geschlossen haben. Wirklich schön war es nie hier unten, aber es ist ungemütlicher geworden, seit im Osten die letzten Arbeiterkneipen mit Stammtisch und Eicheninterieur den Tex-Mex-Cantinas gewichen sind, Kneipen mit kaltem Chrom und Glas. Noch 'n Caipi, Richie.

Nebenan in den Altbauwohnungen rechts und links von Schweizer und Textorstraße lebt das Bildungsbürgertum in den übrig gebliebenen Altbauwohnungen der Gründerzeit, mit viel Platz zum Denken zwischen sich und dem Stuck an der Zimmerdecke. Aber wenn du zwischen den Wohnungsanzeigen am Wochenende auf Bezahlbares in den Seitenstraßen am Mainufer stößt, weißt du, dass es eine moderne Füllung sein wird oder ein Loch, das seit 30 Jahren seiner Grundsanierung harrt. Es kann nicht mehr lange dauern, bis überall die alten Parkettböden wieder glänzen, geschliffen und gewachst von Studenten mit Schreinerqualitäten, die dann irgendwann ausziehen und sich anschließend die Miete nie wieder leisten können.

Lass es langsam dunkel werden und folge den Bässen Richtung Main, in eine Gasse mit Namen Paradies, wo das alte Herz des Stadtteils an den Wochenenden Menschen und dissonante Musikströme durch die Straßen pumpt. Alt-Sachsenhausen, restauriert und ruiniert, totgesagt und trotzdem unkaputtbar.

Seit mehr als 40 Jahren spuckt Frau Rauscher in der Klappergass' von ihrem Brunnenpodest aus Passanten an. Nass werden nur Zugereiste. Unter bunten Lämpchen lärmen Asia-Lokale, Brasil-Bars, Apfelwein-Klassiker, Discotheken und Uffta-Uffta-Cha-Cha-Cha - ein Touristenzentrum mit viel Fachwerk und wenig Selbstwertgefühl, irgendwo zwischen Mittelmeer und Main. Mädchen mit Tätowierungen oberhalb des Steißbeins betreten das glatte Kopfsteinpflaster, von dem Schritte satt widerhallen, neben ihnen Jungs, die sich Jahre später in Begleitung anderer Mädchen fragen werden, was sie damals getrieben haben mag.

Im Sommer feiern die Freunde Sachsenhausens ein Brunnenfest und wählen sich eine Königin, die Apfelweinwirte tun es ihnen gleich - Sachsenhausen Royal, solange es noch Frauen gibt, die eine Krone auf dem Kopf und ein Zepter in die Luft halten wollen. In den Lokalen an der Schweizer Straße, im Gemalten Haus und beim Wagner, kommt nur der Handkäs' mit Musik auf den Tisch und donnernd fährt die Stimme eines qua Tradition übellaunigen Kellners in die Gespräche der Schoppepetzer: "Mir sinn zwar e bissie grob, aber mir meine's auch so."G'spritztes schwappt in die Runde, an der teilnehmen muss, wer nicht rechtzeitig den Tisch verlassen hat. Cola im Äppler gilt nicht.

Sachsenhausen hat kein Sahnehäubchen. Der Zucker steckt in den Winkeln der Ebene, in der Bar Oppenheimer und im Orion, wo du auf Barhockern durch die Nacht schaukelst und wartest, bis das Konzert im Dreikönigskeller anfängt und die Stereobar voll genug ist, um keinen Sitzplatz mehr zu kriegen. Rotes Licht und runde Spiegel, Reminiszenzen unter Tage, in Kellern, die man in jeder Stadt der Republik suchen könnte, aber so nur hier findet, weil Sachsenhausen mehr ist als die Summe aus Apfelwein, Rippchen und Kraut. Such' die Schwelle zum Samstagmorgen. Nimm den Nachtbus, die erste Straßenbahn, den Ebbelwei-Express zur Schweizer Straße, der Hauptgeschäftsstraße Sachsenhausens, die für jeden etwas bietet, das kostet, die Boutiquenzeile mit der höchsten Lacktischdecken-Dichte pro Anwohner und Straßenfest. Du läufst vorbei an den Schaufenstern, betrachtest die Passanten und überlegst, ob allen Sachsenhäuserinnen an ihrem 40. Geburtstag Troddeln an die Lackschuhe getackert werden, eine Art Stammesritual. Du bist verwirrt und fragst dich, was aus gestern Nacht geworden ist, aus dem guten Leben, und findest beides am Ufer des Grenzflusses, wo die Schweizer Straße endet.

Am Samstagmorgen strandet Sachsenhausen am Main, zwischen Spitzennachthemden, Nierentischen und hundert Kugelschreibern, an den Tapeziertischen, auf denen Migranten aus den abgasgrauen Wohnblocks der Offenbacher Landstraße stehen und heiser Stückpreise schreien. Der Flohmarkt ist das Gammeldorado der Stadt, eine Gelassenheitsspritze für das Wochenende. Vor dem Museum für Angewandte Kunst amüsiert ein Japaner mit Heavy-Metal-Weisen sein Publikum und treibt die Vögel aus den Bäumen.

1990 kehrte der Flohmarkt an den Main zurück, nach sechs Jahren im Exil am Schlachthof, der nicht mehr ist.Auf dem Ausweichareal am östlichen Rand Sachsenhausens ist das Florentinische Viertel entstanden. Nachmittags steht das Ensemble da wie eine Computersimulation im Maßstab 1:1, mit wenig Menschen in den Straßen, Cafés ohne Gäste und viel leer stehenden Büros, unbelebte Stunden in einem angewohnten Alltag. Es könnten Preisschilder von den Balkonen baumeln.

In der Mitte schießt ein Feuerwerk aus Wasser aus dem Boden, ein Springbrunnen, der Blütenformationen spritzt. Im Sommer kommen Kinder aus den anderen Häusern der Ebene, springen durch die Fontänen und trocknen in der Sonne am Pflasterstrand. Nachts strahlen die goldenen Zacken auf der wilden Krone des 88 Meter hohen Main-Plaza- Hochhauses, das das Ensemble überragt - ein Turm von Babel, Sachsenhausen schön und unheilvoll.

Du nimmst die Stufen zum Tiefkai und gehst ans Wasser, ganz nah, bis du den Main riechen kannst. Hinten blinzelt die Skyline. Lass sie doch. Versenke den Blick im Fluss, an dem die Geschichte endet und unser Jenseits beginnt.

Autor:
Karin Ceballos Betancur