Freiburg Stadt mit Lebensqualität im Breisgau

Wenn der Freiburger rot sieht, dann wird er rücksichtsvoll. Das hofft jedenfalls das Rathaus und hat im heißen Juni 2009 auf dem Augustinerplatz, nahe einer beliebten Freitreppe, eine Art Ampel aufgestellt. Abends um zehn schaltet das meterhohe Leuchtmöbel stufenweise von grün auf rot: Leiser, liebe Leute, eure Mitbürger wollen schlafen - soll das der Partyszene auf der Treppe mitteilen. Manchmal klappt es, und die amüsierwütige Jugend zeigt ein Einsehen, manchmal auch nicht, dann kommen höhnisches Gelächter und eine Bierdusche für das teure Designstück, von noch unfeineren Handlungen ganz zu schweigen.

Das ist typisch Freiburg. Mögen andere Städte solche Dinge per Polizei und Verbotsschild regeln, Freiburg ist anders, hier glaubt man noch an das Gute im Bürger und versucht es - einstweilen - ganz lieb im Konsens, mit einer "Säule der Toleranz".

Denn Freiburg - das ist mehr als eine Ansammlung von Häusern und Menschen. Es ist eine Weltanschauung. Nur Freiburger würden das bestreiten. Freiburgerinnen auch. Sonst müssten sie ja zugeben, dass man die Welt - samt Freiburg - auch mit ganz anderen Augen sehen kann. Das ist natürlich ausgeschlossen. Zwar wissen auch Freiburger von Städten, die berühmter, älter, reicher oder einflussreicher sind, die höhere Häuser, breitere Boulevards und tollere Geschäfte haben - und dazu einen richtigen Fluss statt der meist nur knöcheltief dahinplätschernden Dreisam. Aber nirgendwo in dieser Republik, das steht für Freiburger fest, lebt es sich so angenehm, so stressarm, vorbildlich geordnet und politisch korrekt wie in dieser Stadt am Fuß des Schwarzwalds.

Nicht, dass die Freiburger von allein zu dieser Gewissheit gelangt wären. Ohnehin neigen sie nicht zum Auftrumpfen. "Nit geschumpfen ist genug gelobt" - diesen Leitsatz haben sich die Südbadener bei ihren Landesgeschwistern hinterm Schwarzwald, den Schwaben, geborgt, von denen sie sich ansonsten gern abheben. "Der Freiburger ist lebensfroh, heiter, gemütlich und gastfreundlich", hat Wilderich Weick 1839 beobachtet, "er genießt das Leben mit voller Lust und ganzer Seele, so dass nicht selten die Lebenslust in Genusssucht ausartet." Aber: Er kann auch skeptisch und grüblerisch sein und hat ein feines Gespür dafür, ob man ihn mag. Dann will er keine Blumensträuße, sondern Beweise.

Ein Beweis? Hier ist er: Alle wollen nach Freiburg, keiner will wieder weg. Andere, Stuttgart oder auch Mannheim, schrumpfen, Freiburg dagegen wächst, und das kontinuierlich. 1996 waren es 200 000 Einwohner, jetzt sind es 220000, gegen Ende dieses Jahrzehnts sollen es mehr als 230 000 Bürger sein. Und wer irgendwann doch wieder weg muss, sei er Student, Professorin oder Tourist, der schwärmt dem Rest der Welt von Freiburg vor. Die Bächle. Das Wetter. Die Wirtschaften. Der Wein, das Essen, die Landschaft. Die Lebensart! Savoir vivre, wie der Genießer in dieser Ecke Deutschlands gern sagt. Und alles öko.

Manch alteingesessener Freiburger wundert sich still über so viele Komplimente für einen Zustand, den er gar nicht anders kennt und deshalb für eine Selbstverständlichkeit hält. Doch selbst wenn man Touristeneuphorie und studentische Übertreibungen abzieht - ganz falsch, sagt er sich, kann das Urteil dieser weit gereisten Menschen ja nicht sein. Und zieht daraus nicht gerade wenig Selbstwertgefühl. Woanders leben? Wie kann man nur.

Das hindert Freiburger nicht, ihr Städtchen stets pünktlich zur Ferienzeit zu verlassen; karawanenartig geht es nach Südfrankreich, Italien oder Griechenland - so kollektiv, dass es einem Blutaustausch gleichkommt. Mailand liegt hier näher als Köln. Die Einwohner fliehen, die Touristenbusse kommen und entladen begeisterungswillige Norddeutsche, Holländer, Sachsen und Angelsachsen. Die Nachbarn aus der Schweiz gehören ohnehin längst zum Inventar. Und sobald ein französischer Feiertag auf einen deutschen Werktag fällt, ist in Freiburg "Franzosentag" und für Werktätige kaum mehr ein Durchkommen in der Rathausgasse, auf dem Münsterplatz und in den Parkhäusern.

Die Besucher schubsen einander übermütig in die Bächle, beißen in die Rote Wurst vom Münstermarkt - eine gehaltvolle Freiburger Deftigkeit, die schon zum Kulturerbe gehört - und schlecken bereits Mitte März fröstelnd und eingemummt im Straßencafé ihr Eis, mit dem Argument, man sei hier ja schließlich in der wärmsten und südlichsten Großstadt Deutschlands. Der gasbetriebene Heizpilz für die Piazza könnte aus dem Breisgau stammen - wäre er ökologisch nicht so verpönt.

"Grüner wird's nicht"

Überhaupt, die Franzosen - der alte Erbfeind, den man zu Vaters und Großvaters Zeiten noch bekriegt hat und der die Stadt danach lang besetzt hielt - ihnen fühlen sich die Freiburger heute am nächsten, nicht bloß geografisch. Mit ihnen identifiziert man sich kulturell wie kulinarisch. Das nahe Elsass und seine gute Küche dienen den Freiburgern gern als Zeuge dafür, warum man hier am Oberrhein richtig zu leben, im Osten hinter den Bergen bei den sieben Schwaben hingegen allenfalls zu "schaffe" versteht.

Berge trennen Völker, sagt man, Flüsse verbinden sie. Badener und Elsässer verstehen einander über ihren gemeinsamen Rhein hinweg problemlos. Der Schwarzwald dagegen trennt Badener von Württembergern mehr, als es seine überschaubare Topographie vermuten lässt. Mit der fernen Landeshauptstadt kann er sich gleich gar nicht identifizieren. Und wenn die schwäbischen Stiefgeschwister sich dennoch mal westwärts nach Freiburg aufmachen, müssen sie erst durch ein Höllental und kommen dann nach Himmelreich. Das sagt alles.

Freiburg ist anders - auch in der politischen Farbenlehre. Wie beim Schwarzwald, der bekanntlich gar nicht schwarz, sondern je nach Beleuchtung hell- oder dunkelgrün steht und schweiget. "Grüner wird's nicht", hat eine Hauptstadtzeitung ihr Freiburger Provinzporträt einmal betitelt. Nirgendwo sonst in Deutschland holt die Ökopartei so hohe Stimmenprozente, und Baden- Württembergs machtverwöhnte Christdemokraten spielen hier nur die zweite Geige.

Seit langem sind die Grünen stärkste Kraft im Gemeinderat, seit 2002 stellen sie das Stadtoberhaupt, Dieter Salomon. Erst im Frühling 2010 ist der 49-Jährige für acht Jahre wiedergewählt worden - mit Unterstützung der CDU, die darauf verzichtete, einen eigenen Kandidaten in ein von vornherein aussichtsloses Rennen zu schicken.

Und mit dem grünsten ihrer Biotope ist die Stadt sogar vor Kurzem nach Schanghai gegangen, um mit einem eigenen Messestand Millionen chinesischer Besucher der Weltausstellung 2010 zum klimafreundlichen Leben zu bekehren. Es ist der Modellstadtteil Vauban, erbaut auf dem Gelände der gleichnamigen Kaserne der Franzosen nach deren Abzug in den neunziger Jahren. Ein Quartier, über das auch viele Freiburger schmunzeln - wo Mütter ihre Kinder und Sprudelkisten mit gelben Fahrradanhängern herumkutschieren ("Vauban-Rikscha"), wo die Bobbycar-Dichte hoch, die Pkw-Dichte dagegen niedrig ist und wo sich CDU und FDP freuen, wenn sie bei Wahlen gemeinsam die Fünf-Prozent-Hürde überwinden.

"Gebenedeit sei die erneuerbare Energie", lästern die beiden Freiburger Feuilletonisten Wolfgang Abel und Martin Halter in ihrer kleinen Heimatkunde "Freiburger Glück" über das Vauban, "bei Sündenfall hilft ein CO2-Ablass. Hebammerei, konstruktive Konfliktberatung und kollektiver Brotbackofen komplettieren die schöne neue Welt, in der das Vokabular aus dem neudeutschen Moral-Duden zur Umgangssprache gehört."

Vielleicht wird sich das derzeit autoversessene Reich der Mitte dank Freiburger Gedächtnisstütze wieder seiner großartigen Fahrradtradition entsinnen, und das Weltklima kann vorsichtig durchatmen. Denn wer es als Autofahrer noch nicht wusste, der kann es sich im Freiburger Straßenverkehr mit Nachdruck beibringen lassen: Der Fahrradfahrer ist der bessere Mensch und als solcher hat er immer recht - selbst wenn er einem in der Einbahnstraße entgegenkommt.

Dass soziale Härten an der Dreisam womöglich weniger hart empfunden werden als, sagen wir, in Halle-Neustadt oder Rüsselsheim, daran sind allerdings nicht nur Wein und Wetter schuld: Freiburg ist eben keine Industrie-, sondern eine Beamten-, Dienstleistungs-, Wissenschafts- und Bildungsbürgerstadt. Man merkt es an den zahlreichen Theatern, Orchestern, Programmkinos und Museen. Und der mit Abstand größte Arbeitgeber in Stadt und Umland ist vergleichsweise krisenfest, die altehrwürdige Albert-Ludwigs-Universität, gegründet 1457, samt ihrer riesigen Universitätsklinik. Zwar kannte auch diese Hochschule ihre Konflikte - aber das sind so Geschichten vom arrivierten Apo-Opa.

Heute wird im ehemals rebellischen Freiburg genauso strebsam für Bachelor und Master gebüffelt wie andernorts. Und wie man dafür entschädigt werden möchte, das zeigen die vielen Schilder an schmucken Gründerzeitvillen der Stadtteile Wiehre, Herdern oder Littenweiler: Wohl nirgendwo in Deutschland scheint die Dichte von Rechtsanwälten, Zahnärzten und Psychotherapeuten so hoch zu sein wie in Freiburg. Da reicht die Kundschaft oft nur noch für eine Viertagewoche. Aber es müssen ja auch noch Tage übrigbleiben, an denen der Akademiker sein Mountainbike ausführt.

Spötter haben die auffällige Sesshaftigkeit der Freiburger damit zu erklären versucht, man sitze hier schnell in der "Behaglichkeitsfalle". Andererseits gibt es genügend Durchreisende, die einen gewissen Teil der hiesigen Lebensart schon in andere Weltgegenden exportiert haben, ins Schanzenviertel oder auf den Prenzlauer Berg, nach Frankfurt und sogar nach - Stuttgart. Leadsänger Dennis Schälicke von der Kultgruppe "Diese wunderbare Band" ist jedenfalls sicher: "Freiburg kann dir überall passieren."

Autor:
Stefan Hupka