Thüringen Spitzen-Handwerk

Optische Werke, Labor Jenoptik GmbH in Jena

Licht. Nun ja. Tagsüber ist es da, und nachts eben nicht. Die Glühbirne verhindert, dass wir zu später Stunde über unsere Möbel fallen. Oder mit dem Auto gegen den nächsten Baum rasen. Doch Licht ist viel mehr als Helligkeit. Licht schneidet und bohrt, misst und projiziert, schreibt, transportiert auch Informationen. Licht ist ein Alleskönner - wenn man es zu bündeln versteht, wie die Leute bei Jenoptik in Jena. Licht erzeugen, formen, mit Informationen füllen, lenken, nutzen - Jenoptik puzzelt nicht an Glühlampen herum, sondern an leistungsstarken Lasern. An elektromagnetischer Strahlung also, gestopft mit Energie, die irgendwohin muss. Am besten mitten hinein in den Alltag: Die Schrift auf der EC-Karte, die moderne Netzhaut-Operation, die Löcher im Getränkekarton, die Lightshow beim Konzert - alles gelasert.

In Peking betrachten die Chinesen dank der Lasertechnik aus Jena den Sternenhimmel gestochen scharf und unverzerrt im Kugelplanetarium. Und wenn sie wollen, lassen sie auch noch ein dreidimensionales Raumschiff haarscharf durch die Luft über ihren Köpfen pfeifen. Deutsche wie amerikanische Kampfpiloten üben in Simulatoren den Tiefflug. In Werkshallen verborgen, ersetzt das Jenaer Licht diverse Fräsen, Sägen, Bohrmaschinen. Es schweißt Autokarosserien zusammen oder trennt Blech. Votan, so heißt ein anderes Universalwerkzeug aus reiner Energie, fräst, trennt, schweißt und perforiert alles mögliche, was in seinen Bannstrahl gerät: Leder, Stoff, Glas, Plastik, Keramik und Karton. Man sollte Votan besser nicht in die Quere kommen.

Adamy Jagdwaffen in Suhl

Bei Kindern dauert es neun Monate, bis sie zur Welt kommen. Die Drillinge und Vierlinge von Helmut Adamy in Suhl brauchen länger - bei ihnen geht gut und gern mehr als ein Jahr ins Land. Adamy hat viel Arbeit mit ihnen. Drei Läufe muss er bei Drillingen auf den Holzschaft setzen, vier bei den Vierlingen. Adamy ist Büchsenmacher, doch unter seinen Händen entstehen keine simplen Schießprügel. Es sind Jagdgewehre nach Maß, von meisterhafter Präzision.

Seit 1563 bauen die Suhler ihre renommierten und begehrten Bockbüchsen, Bockflinten, Bockbüchsflinten und Bergstutzen. Schlank und "führig" müssen sie sein, also gut in der Hand liegen, damit Kimme und Korn schnell das Ziel erfassen. Und weil jeder Schütze ein Individuum ist, werden bei Adamy ausschließlich Einzelstücke hergestellt, die nur bekommt, wer sich zur Anprobe nach Suhl aufmacht. Selbst aus den USA, der Schweiz und Finnland reisen die Grünröcke an. Die gehören zu einem erlauchten Kundenkreis - denn mehr als 30 Gewehre im Jahr baut Adamy nicht. Mehr ist bei den Qualitätsansprüchen auch kaum zu schaffen.

Gute Suhler Graveure sind ein halbes Jahr ausgebucht, und wenn sie auf dem Systemkasten des Gewehrs Jagdgeschichten erzählen sollen, statt nur einfache Arabesken hineinzukerben, dauert das eben. Natürlich klopft kein Suhler Büchsenmacher heute noch den Stahl um eine runde Form und zieht einen Lauf daraus. Doch individuell perfektionierte Teile in Handarbeit zu einem Gewehr zu montieren, ohne dass der erste Schuss nach hinten losgeht - dafür bürgt bei Adamy (gegründet 1820) bereits die siebte Generation. Für den Expertennachwuchs sorgt die Berufsfachschule in Suhl, die einzige in Deutschland für Büchsenmacher.

Augenprothetik Lauscha GmbH in Lauscha

Es gehört mit zum Schlimmsten: durch Unfall oder Krankheit ein Auge zu verlieren. Aber auch: die Blicke der anderen zu spüren, wenn sie in ein entstelltes Gesicht schauen. Für ein gesundes Auge gibt es keinen Ersatz. Wohl aber Hilfe, um wieder so auszusehen wie vor dem Verlust: mit Hilfe künstlicher Augen aus Glas - etwa von der Augenprothetik Lauscha GmbH. 10.000 individuelle Kunstaugen aus weißlichem Kryolithglas fertigen die Ocularisten der Firma pro Jahr. In Handarbeit, wie schon zu Zeiten des Lauschaers Ludwig Müller-Uri, der 1835 das erste Glasauge in Deutschland schmolz.

Etwa 120.000 Menschen in Deutschland leben mit künstlichen Augen. Und weil kein Auge dem anderen gleicht, ist es bei den Glasaugen nicht anders. Unmengen verschiedener Rohformen halten die Lauschaer Prothetiker, Ocularisten genannt, vorrätig, und noch mehr verschiedene Augenfarben - das neue muss schließlich zum verbliebenen Auge passen, in Farbe, Größe, Wölbung. Die Ocularisten bilden Iris und Äderchen mit farbigen Glasfäden nach, blasen Luft in den über der Propangasflamme erhitzten Rohling, um beim Herauslassen die exakte Form für die Augenhöhle zu bestimmen.

Zwei Stunden braucht ein Ocularist für die Herstellung eines Kunstauges - aber mindestens sechs Jahre dauert die Ausbildung. Glasaugen aus Lauscha machen Menschen wieder ansehnlich, auch in Ländern der Dritten Welt. Von dort reist zwar niemand zur Anprobe nach Thüringen, dafür exportieren die Prothetiker ganze Kollektionen nach Afrika und Asien. Natürlich in braun.

Sie arbeiten mit "weißem Gold" und Klötzchen-Rezept

Arnold AG in Steinbach-Hallenberg

Künstler haben's ganz schön leicht. Sie sitzen in ihren Ateliers und können sich tolle Objekte ausdenken. Noch größer, noch feiner, noch mehr liebevolle Details. Aber Künstler haben's auch ganz schön schwer. Wenn aus ihrer Idee Wirklichkeit werden soll, benötigen viele Hilfe. Nicht jeder kann zum Beispiel schweißen. Die Metallbauer, Schlosser, Schweißer und Lackierer der Firma Arnold in Steinbach-Hallenberg stehen Künstlerhänden bei. Sie bauen meterhohe Sahnebaisers aus Aluminium, 500 Kilogramm schwere Tulpenblüten und menschengroße Herzen aus Edelstahl, straßenlampenhohe, metallene Spiegelbäume - sie bauen eigentlich alles, was sich ein Künstler ausdenkt.

Der Amerikaner Jeff Koons möchte riesige Edelstahleier haben, die aussehen wie in Alupapier gewickelt. Mit Werkzeugen so klein wie Wattestäbchen schleifen die Mitarbeiter von Arnold dann monatelang an den Eiern herum. Ein ausgeklügeltes Rotationssystem verhindert, dass die Handwerker dabei durchdrehen. Schließlich müssen sie die Eier auch noch bis zu 14 Schichten fein lasieren und danach ein paar Wochen polieren, per Hand. Bei Arnold gibt es keine Kunst von der Stange und deshalb kommen die Aufträge inzwischen ganz von allein rein. Selbst Kunstwerke zu entwerfen - bei Arnold in Steinbach-Hallenberg käme kein Mensch darauf. Dort meinen sie, sie seien ja nur das Handwerkszeug der Kreativen. Nur?

Anker Steinbaukasten GmbH in Rudolstadt

Wer auf Sand baut, hat meistens nichts zu lachen. Wer aus Sand baut, dem treibt es mitunter die Freudentränen in die Augen. Das erleben die Mitarbeiter der Anker Steinbaukasten GmbH immer wieder, wenn ihre Fans in die Fabrik nach Rudolstadt pilgern und hier ganz besondere Bausteinchen in die Hand nehmen. Sie fassen sich richtig samtig an, diese Klötzchen, gerührt und gepresst aus nichts anderem als Quarzsand, Kreide - und Leinöl. Das riecht so typisch, dass echte Kenner sogar das Herstellungsjahr erschnuppern können. Selbst die ersten Steinchen von 1882 duften noch. Weil er so schwer ist, ist ein Ankerbaustein ein wahrer Ankerbaustein. Mit ihm lassen sich derart hohe Häuser bauen, dass Architekten noch heute damit ihre Statikprobleme durchspielen.

1963 würgten die DDR-Oberen die Produktion ab, weil sie meinten, die Welt müsse künftig aus Plaste bestehen. Formen und Pressen wurden geschreddert, die restlichen Steinchen landeten auf der Müllkippe. Nur das Klötzchen-Rezept überlebte die DDR. Und die Liebe zum Ankerstein, wenn auch der Berliner Anker-Fan Georg Plenge nach der Wende länger als zwei Jahre experimentieren musste, bis er das Rezept von 1880 umsetzen konnte. Plenge sei dank gibt es seit 1995 wieder Ankersteine aus Rudolstadt. Rund 700 verschiedene Klötzchen in unterschiedlichen Formen, Farben, Größen, aufgeteilt in 13 Baukästen, exakt wie schon bei Firmengründer Friedrich Richter. Gut eine Million Ankersteine verkaufen die Thüringer jedes Jahr, sogar in die USA und nach Südkorea. Und sorgen damit für ein bisschen mehr Spaß auf der Welt.

Porzellanmanufaktur Rudolf Kämmer in Rudolstadt

Nippes, Staubfänger, überladenes Zeug, das nicht mal einen Spülmaschinengang aushält - für viele Menschen passt traditionelles Porzellan nicht mehr in die Zeit. Wer so urteilt, hatte wahrscheinlich noch kein Stück richtig gutes Thüringer Porzellan von Erhard Kämmer in den Händen. Nichts da mit grob gehauenem Zierrat oder schlampig draufgepinselten Farben wie bei der Industrieware aus Irgendwo. Wozu ist Kämmer denn ausgebildeter Porzellanmaler wie sein Vater, wie sein Großvater. In der Porzellanmanufaktur Kämmer in Rudolstadt entstehen kleine, weiße Kostbarkeiten.

Bis zu 30 Einzelteile bosselt der Bossierer zu vielarmigen Leuchtern zusammen, bis zu vier Farbschichten tragen die Porzellanmaler auf mit feinem Strich - auf die Figur vom Alten Fritz, auf den Mops mit seinem Welpen, auf muschelförmige Gebäckschalen, auf rosenverzierte Messerbänkchen. Das verkauft sich gut, in Deutschland, Österreich, England und sonstwo, auch der schottische Ex-Colonel kriegt seinen maßgefertigten Highlander mit Dudelsack. Kämmer könnte sich ausruhen auf einem Modellschatz von 3000 Formen aus 150 Jahren Firmengeschichte. Wäre aber langweilig. Dafür verzichtet er mal auf zu viele knospende Rosen, formt und zeichnet lieber Apfelblüten und Nelken, dicht und füllig. Färbt das Material ganz vornehm Ton in Ton, grün oder blau. Oder er lässt alle Farbkunst weg und brennt schlichte, weiße Teedosen. Kaolin-Ton, Quarz und Feldspat, mehr wird nicht benötigt, denkt der Laie. Aber schönes Porzellan heißt nicht umsonst "weißes Gold". Und dafür braucht es große Chemie und eine jahrelange Ausbildung.

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Autor:
Christian Sywottek