Hessen Sisis letzte Glücksmomente

Keine Frage, ein Besuch der Kaiser-Friedrich-Therme mit ihrem bis zu 42 Grad warmen Wasser ist eine Wohltat für Haut und Gelenke. Doch viel mehr noch ist er ein Fest für die Augen: An den Arkaden der großen Schwimmhalle schimmern Kacheln in einem rätselhaften, dschungelartigen Grün. Knapp unter der Decke ein meterlanges Wandbild, auf dem heitere Menschen ihre schlanken Körper recken. Und der Fußboden: verziert mit einem Mosaik aus weißen Blüten - viel zu schade, um mit Badeschlappen drüberzulaufen.

Wer in diesem Becken schwimmt, versteht die Befürchtungen von Jörg Kauffmann, dem Badleiter der Wiesbadener Therme. Jede Nacht, wenn die Putzkolonne kommt, bangt er um sein Bad. "Verschrammelt mir bloß nicht die Kacheln", mahnt er, "woher soll ich Ersatz kriegen, wenn ihr was kaputt macht?" Die Keramiken stammen aus der Großherzoglichen Manufaktur in Darmstadt und sind rund hundert Jahre alt - im Sanitärgroßhandel sind solche Meisterstücke des Jugendstils nicht gelistet.

Als das Bad 1913 eröffnete, rühmte die Frankfurter Zeitung: "Mit diesem Musterbadehaus hat die Weltkurstadt Wiesbaden der ganzen heilsuchenden Menschheit ein wertvolles Geschenk gemacht." Und die Leipziger Neuesten Nachrichten zählten den Badepalast "zu den idealsten Denkmälern des gesamten modernen Heilbadewesens". In den Jahren 1998 und 1999 wurde er für vier Millionen Euro behutsam restauriert, seither kann man hier wohlig in die lange Geschichte der hessischen Bäder eintauchen.

Von Arolsen bis Zwesten gibt es in diesem Bundesland dreißig Heilbäder und Kurorte - die meisten sind seit Jahrhunderten für die gesundheitsfördernde Kraft ihres Wassers bekannt. In Wiesbaden etwa nutzen schon die Römer die 26 heißen Quellen, die mit bis zu 66° C aus einer Erdspalte hervorsprudeln. Plinius der Ältere erwähnt sie im ersten Jahrhundert n. Chr. in seiner "Naturalis historia". Er nennt sie die Quellen bei den Mattiakern, nach einem germanischen Stamm. Und sein Zeitgenosse, der Dichter Martial, lobt in seinen Epigrammen die Heilquellen für eine kosmetische Nebenwirkung: "Willst du deine altersgrauen Haare ändern, nimm mattiakische Kugeln""- die Römer färben sich mit den rotbraunen Ablagerungen von Eisen und Mangan im Thermalwasser.

Die heilende Wirkung des Wassers

Mehrere Epochen später wird auch das Wasser von Hofgeismar berühmt. Bereits im 16. Jahrhundert soll hier ein Soldat vom Skorbut geheilt worden sein. Noch bevor der moderne Kurbadbetrieb in Europa begann, erlebt der Ort um 1700 unter Landgraf Carl eine erste Blüte; schon bald ist er ein beliebter Sommersitz der Landesherren von Hessen-Kassel. 1727 wird die Stadt ans Postkutschennetz angeschlossen - damit können auch weniger privilegierte Gäste bequem anreisen. Rund achtzig Jahre später beginnt auch in Wiesbaden ein neuer Boom der Thermalkuren - ausgelöst durch Friedrich August Lehr, den späteren Leibarzt des Herzogs von Nassau, der die heilende Wirkung des Wassers beschreibt. Rasant steigt die Stadt zum Bad des Adels und der besseren Gesellschaft auf. Viele Hotels bauen eigene Thermalbäder, im "Schwarzen Bock", im "Bären" und im "Nassauer Hof" findet man sie noch heute.

Das gesunde Wasser liefert im 19. Jahrhundert den Vorwand zu einem gesellschaftlichen Vergnügen, das sich Kur nennt. Man wandelt zur Trinkkur in den Kolonnaden, schlendert durch den Kurpark und trifft sich abends im Casino. Auch der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski spielt hier und verliert; um wieder an Geld zu kommen, schreibt er über seine Erlebnisse beim Roulette in Wiesbaden den Roman "Der Spieler". Bis 1900 vervierzigfacht sich die Zahl der Einwohner, mehr als 200000 Gäste kommen jedes Jahr, darunter auch Wilhelm II. - Wiesbaden wird zum Lieblingskurort des deutschen Kaisers. Den Stein gewordenen Überschwang aus der Gründerzeit kann man kaum irgendwo in Deutschland besser studieren als hier.

Mit dem Ersten Weltkrieg geht diese Herrlichkeit zu Ende, der Kaiser ist im Exil, die mondäne Welt des Hochadels untergegangen. Erst ab Mitte der fünfziger Jahre schicken Deutschlands Krankenkassen ihre Versicherten großzügig in die Kur. Davon profitieren auch die hessischen Bäder - bis das Gesundheitswesen in die Krise gerät.

In Schlangenbad, zehn Kilometer westlich von Wiesbaden, lassen sich die Folgen besichtigen. Der kleine Ort liegt in einem engen Tal, das sich in den grünen Taunus einschneidet. Der Kurpark wäre idyllisch, klotzten nicht ringsum Siebziger-Jahre-Bauten ins Bild: die Rheumaklinik und Apartmentanlagen mit Balkonen in Waschbeton. Das Parkhotel lockt in seinem Schaukasten mit Plastikblumen, in den Kolonnaden versucht sich "Uschi's Lädchen "mit geblümten Decken. Ein paar Meter weiter sind hinter den klassizistischen Säulen die großen Fensterscheiben zugeklebt - das Parkcafé, so teilt ein Schild mit, "bleibt bis auf Weiteres geschlossen". Wenn dann noch Wolken aufziehen und Regen auf graue Schieferdächer prasselt, muss man schon sehr mit sich im Reinen sein, um in diesem Kurort nicht die Depression zu kriegen.

Kaiserin Sisis letzte glückliche Momente

Auch Bad Nauheim hatte mit dem Strukturwandel zu kämpfen. Die Stadt in der Wetterau, rund dreißig Kilometer nördlich von Frankfurt, beherbergte schon viele berühmte Gäste: Mark Twain, Kaiserin Sisi, Karl May und Richard Strauß. Die Badekur rettete Otto von Bismarck 1859 sein krankes Bein, das die Ärzte schon amputieren wollten - womöglich wäre ohne das Wasser von Bad Nauheim die deutsche Geschichte anders verlaufen. Auch hier lebt man ab Mitte der fünfziger Jahre von der Kur auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen. Die Übernachtungszahlen steigen auf 1,5 Millionen im Jahr 1974, doch nach den Gesundheitsreformen der neunziger Jahre stürzen sie unter 500 000. Jahrelang ist der Ort in der Krise - bis 2005 die Stadt die Verantwortung für die Kuranlagen vom Land Hessen übernimmt.

Seitdem versucht Bad Nauheim, einen Platz in der neuen Welt der Wellness zu finden - und hat dafür bereits viele Millionen Euro investiert. Der Ort verkauft sich nun als "Gesundheitsstadt" und bemüht sich nicht mehr nur um Klinikpatienten - sondern auch um Gäste, die vor allem Entspannung und Erholung suchen.

"Gesundheit hat heute viel mit Genuss und Wohlbefinden zu tun", sagt Katja Heiderich, die sich um das Marketing der Stadt kümmert. Sie steht im üppigen Rosengarten, der 2010 zur Landesgartenschau angelegt wurde: ein Meer aus zart duftenden Blüten, durch das Besucher bis zu den renovierten Trinkkuranlagen flanieren können. In einem ehrwürdigen Pavillon steigt man zwanzig Stufen hinab in den kühlen Schatten einer künstlichen Grotte und trinkt dort von dem scharf salzigen Mineralwasser - Erich Kästner erinnerte der Geschmack an "Hering mit Lakritzen".

Ein paar Hundert Meter weiter liegt der schönste und imposanteste Bau des Ortes: der Sprudelhof mit seinen Springbrunnen, Bassins und den sechs Badehäusern. Er gilt als eines der größten Jugendstilensembles in Europa - erbaut von 1905 bis 1912 im Auftrag des hessischen Großherzogs Ernst Ludwig, einem begeisterten Förderer der Künste.

Wer durch die Anlage spaziert, der staunt, wie vielfältig der Jugendstil ist: Eines der Badehäuser erinnert an eine römische Villa, bei einem anderen spannt sich um den Innenhof ein Arkadengang, der wie der Kreuzgang eines Klosters wirkt. Und an den Mauern, auf Bänken oder Brunnen, immer wieder entdeckt man Ornamente mit Nymphen, Nixen und Meerestieren - eine große, zauberhafte Wasserwelt. Direkt hinter dem Sprudelhof beginnt der Kurpark, der im Stil eines englischen Landschaftsgartens angelegt ist. Auf sechzig Hektar gibt es hier viel Raum und Ruhe. Der eine geht joggen, die andere sonnt sich, eine Gruppe macht Tai-Chi.

Vom Park aus ist auch bereits der nur 268 Meter hohe Johannisberg zu sehen. Ein Besuch in Bad Nauheim ist erst komplett, wenn man ihn bestiegen hat - und dabei ganz nebenbei etwas für Herz und Kreislauf tut. Der Weg führt durch einen kleinen Weinberg. Oben sitzt man dann im Schatten der Platanen und genießt den grandiosen Blick über die ganze Bäderherrlichkeit. An diesem Platz hat sich schon Kaiserin Sisi während ihrer Kur im August 1898 wohlgefühlt. Es waren vielleicht ihre letzten glücklichen Momente - wenige Tage vor ihrem Tod bei einem Attentat in Genf.

Mehr als hundert Jahre sind seitdem vergangen. Neu erfunden wurde die Kur in der Zwischenzeit nicht. Im Gegenteil: In Bad Nauheim ist sie heute wieder das, was sie im 19. Jahrhundert schon war: eine Auszeit für Körper, Geist und Gemüt. So wie Goethe es ausgedrückt hat, als er zur Kur in Wiesbaden weilte. Sein Rhythmusgefühl war da wohl auch im Urlaub: "Beim Baden sei die erste Pflicht / Dass man sich nicht den Kopf zerbricht / Und dass man höchstens nur studiere / Wie man das lustigste Leben führe".

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Autor:
Johannes Schweikle