Augsburg Selbst Marie Antoinette musste hier Halt machen

Wer als Fremder in eine Stadt kommt, wird sich an ihren Gewässern freuen. Und mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit wird, wer sich eine ideale Stadt erträumt, diese ans Meer, an einen See oder in die Biegung eines großen Flusses legen. Auch meine Heimatstadt Augsburg war, als sie mir Gegenstand der Anschauung und der Fantasie zu werden begann, in ähnlicher Weise fremd, ideal und wasserreich zugleich. Denn 1956 zog ich als dreijähriger Knirps mit meinen Eltern hinaus in ein Neubauviertel an ihren westlichen Rand. Obwohl man dort, in den Wohnblöcken des Bärenkeller, selbstverständlich noch zu Augsburg gehörte, hieß es, man führe "in die Stadt", wenn man sich auf den Weg in die älteren Bezirke machte. Und immer ging es über mindestens eine, meist aber über mehrere Brücken dorthin.

Noch heute mutet es mich seltsam an, dass die bildmächtigen Gewässer meiner Kindheit, dass Fluss und Kanal, stadteinwärts zu finden sind. Denn auch jenseits des Stadtrands war das Wasser verführerisch nah. Dort gab es ein unbegradigt mäanderndes Flüsschen, die Schmutter, die im Frühjahr wild anschwoll und spektakulär die Felder überschwemmte, und an den Bächen, die in den nahen westlichen Wäldern entsprangen, konnte ich alles beobachten, fangen und in einem großen Gurkenglas nach Hause schaffen, was ein Bubenherz als Beute begehrte. Dennoch: Das wirklichere, das an Erzählung und Geheimnis reichere Wasser floss durch die Stadt. Fast war es so, als hätten die Flüsse den Ort gesucht, wo die Menschen in größter Verdichtung beieinander wohnten, um sich dann ihre eigenen Wege durch diese Ansiedlungen zu bahnen, unter Brücken hindurch, die ihr Kommen schon längst sehnsüchtig erwartet hatten.

Natürlich lernte ich in der Volksschule, dass es sich genau andersherum verhalten hatte, dass die Menschen, den großen Wasserläufen folgend, hierher gewandert waren. In meinem Heimatkundebuch findet sich die erste einfache Karte, die aus Vogel- oder aus Fesselballon-Perspektive offenbart, wie sich die römische Urbesiedlung und dann das ummauerte mittelalterliche Städtchen in den Spitz zweier zusammenströmender Flüsse, der Wertach und des größeren Lech, schmiegen, wie sich die eingemeindeten Dörfer und die Neubauviertel an das offene Dreieck anschließen und über seine Schenkel hinausreichen. Parallel zu diesem allein auf die Fläche bezogenen, fast geometrisch abstrakten Begreifen durften sich meine Beine auf den Pedalen meines ersten kleinen Fahrrads die dritte Dimension erstrampeln: Wie tief sich Lech und Wertach in die Landschaft gegraben haben, wie hoch es zwischen ihnen auf den Herzbuckel des Besiedlungskörpers, in die Altstadt, hinaufgeht.

Selbst zum Baden fuhren wir im Sommer nicht in Feld und Wald hinaus, sondern in Richtung Stadt. Die erste Badestelle, an die meine Erinnerung heranreicht, ist eine Kiesbank der Wertach, unweit des Rosenaustadions, dessen Flutlichtmasten über die dichte Böschung des Ufers hinweg in den blauen Himmel ragen wie die langen Hälse vorsintflutlicher Saurier. Dass ich gleich meinem kleinen Bruder noch nicht schwimmen kann, erscheint mir damals noch kein Mangel. Der sommerliche Fluss reicht mir auch an den tiefsten Stellen allenfalls bis zum Bauchnabel. Vielleicht weiß ich bereits, dass der Kanal, den wir auf dem Hinweg zur Badestelle zuletzt noch überqueren, der Wertach einen großen Teil ihres Wassers vorenthält und die Kiesel ihres Betts nur deshalb ungeschützt in der Sonnenhitze glühen. Aber wozu die Regulierung des Wassers dienen könnte, ist mir keinen Gedanken und keine Frage wert. Und dass der Kanal einen dritten Augsburger Fluss, die Singold, nur ein kleines Stück weiter südlich, vollständig in sein betoniertes Bett aufnimmt, hat mir damals kein Stadtkundiger verraten. So wie es ist, erscheint es mir gut und wie für alle kommenden Zeiten gemacht. Dabei könnte ich durchaus wissen, wie schnell und gründlich sich das Gute ändern kann.

Dem Tod so knapp entkommen

Mit wehmütigem, aber auch stolzem Gedenken beladen ist die kleine Eisenbahnbrücke, mit der die Lokalbahn der Augsburger Industrie, nahe unserer Badestelle, den Wertachkanal überwindet. Vor ihr steigen wir ab und schieben unsere Fahrräder auf die schwarzbraunen Bohlen. In der Mitte der Brücke gilt es zu verharren und zur höchsten Querstrebe der stählernen Fachwerkkonstruktion hinaufzuschauen. Dann wird mit einem erneuten Erzählen einer besonderen meiner zahlreichen Tanten gedacht. Als einziges Mädchen war sie, so bezeugt es meine Mutter, dort hinaufgeklettert und wie die mutigsten der Buben kopfüber in den Kanal hinabgesprungen. Kein Wunder also, denke ich mir, dass sie später als junge Frau rasant Motorrad fuhr und in einer nebligen Herbstnacht, unweit einer anderen Wertachbrücke, kopfüber tödlich verunglückte, weil irgendjemand - vielleicht einer ihrer einstigen Spielkameraden! - einen gusseisernen Kanaldeckel halb aus seinem runden Loch hinauf auf den Teer der Fahrbahn gezerrt hatte.

In überscharfem Kontrast, in einer Art Pepita-Muster, setzt mein Erinnern grellhelle und rabenschwarz finstere Bilder aneinander, wenn ich den Szenen nachgehe, die Wertach oder Lech oder einen der Kanäle, die von ihnen abzweigen, als notwendiges Element des Geschehens enthalten. Es ist, als ob ihr Wasser keine mittlere Gestimmtheit dulden würde und mir stets nur die Wahl zwischen einem sehr langsamen, sonnenhell gleißenden Dahingleiten und einem reißend schnellen, dunklen Strömen ließe.

Am tiefsten ist dieses Dunkel dort, wo die Kanäle des Lech, östlich der Altstadt, das sogenannte Textilviertel zergliedern. In einer merkwürdig lauen und unerhört nebligen Weihnachtsnacht bin ich, der Volksschüler, mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder, im winzigen Goggomobil eines Onkels unterwegs. Vorhin erst sind wir bei meiner Großmutter aufgebrochen, und nun sollen wir quer durch die Stadt nach Hause chauffiert werden.

Heute könnte ich auf einem Stadtplan abzählen, über wie viele Brücken und Brückchen es hierzu ging. Damals jedoch hätte ich beinahe überhaupt nicht bemerkt, dass es eisig kaltes Wasser zu überfahren galt. Keine einzige Brücke, kein einziges Brückengeländer hätte ich, die Schläfe an der beschlagenen Scheibe, wahrgenommen, wäre das winzige, mit fünf Leibern vollgestopfte Gehäuse nicht irgendwann auf dem tückisch glatten Kopfsteinpflaster ins Schleudern geraten. Erst als das Autochen nach einem harten Hopser stillsteht, begreife ich schreckwach, wie nahe vor uns das Licht seiner schwächlichen Scheinwerfer in der grauen Tunke des Nebels ertrinkt.

Mein Onkel steigt aus und ruft auch uns nach draußen. Zu fünft schauen wir, die Hände auf dem Stahlrohr eines bedenklich schwachen Geländers, hinunter auf das weiß überdampfte Strömen eines Kanals. Die Vorderrädchen schon auf dem Gehsteig, ist unser Gefährt gerade noch rechtzeitig zum Stehen gekommen. Die Gewissheit, dem nassen Tod so knapp entkommen zu sein, war hinreißend süß. Und als wäre eine derartige Erfahrung auch vom Fluss der Zeit nicht zu verdünnen, kann ich diese Süße noch heute genießen.

Nebelhaft unklar bleibt mir allerdings, welcher Kanal es war, dessen Geländer wir beinahe durchbrochen hätten. Sicher ist nur: Stadtbach, Herrenbach und Proviantbach durchströmen mein ehemaliges Augsburg deutlich kraftvoller und finsterer, als sie dies heute tun. Wahrscheinlich weil meine Bubenzeit um 1960 mit jenen Jahren zusammenfällt, in denen sie begannen, auf eine klandestine Weise übellaunig, ja vielleicht sogar böse zu werden. Die lange Zeit ihrer Beanspruchung durch Handwerk und Industrie und damit die Ära ihrer segensreichen Nützlichkeit war abgelaufen. Die großen Textilfabriken begannen zu sterben. Die palastartige Schönheit der Spinnereien und Webereien war noch nicht erkannt, und auch die Anmut der von den überkommenen Zwecken befreiten Fabrikkanäle harrte noch der Entdeckung.

Wenn es ein mittleres, ein ausnahmsmildes Licht in meiner Erinnerung an Augsburgs Gewässer gibt, dann vielleicht in der frühsten Szene, die an sie rührt. Sie ist nur vier, allenfalls eine Handvoll Jahre jünger als ich selbst. Und obwohl sie schon über ein halbes Jahrhundert lang in meinem Gedächtnis lagert, fühlt sie sich jung, weich und feucht an, vielleicht weil ich sie nie jemandem erzählt habe. Das Erinnerte taugt nicht zur Anekdote, hierfür hat es zu wenig Handlung, eigentlich besteht es nur aus einem stehenden Bild, erhellt von einer nachmittäglichen Sommersonne, erfasst von einem kindlich wachen, kindlich forschenden Blick: Zum ersten Mal sehen meine Augen, wo die Babys herkommen! Zu dritt sind wir auf einem einzigen Fahrrad hierhergelangt. Mein jüngerer Bruder sitzt in dem Weidenkörbchen, das vor dem Lenker hängt. Ich habe ihm diesen Vorzugsplatz auf dem Rad meiner Mutter vor Kurzem abtreten müssen und fahre nun, die Sandalen brav auf Klappstützen aus Blech gestemmt, auf dem Gepäckträger mit. Meine Mutter schiebt uns ganz dicht ans Ufer.

Das also ist der Ort, an dem der Storch ausnahmslos alle kleinen Augsburger abholt und folglich auch meinen Bruder und mich aus dem Wasser gezogen hat. Der Stempflesee liegt im Siebentischwald, der nahe der Altstadt parkähnlich beginnt und sich nach Süden zu in immer dichteren Forst verwandelt. Das Wasser des Stempflesees kräuselt sich, wahrscheinlich weil die Babys in seiner Tiefe herumpaddeln, vielleicht auch weil der eine oder andere der schnell strömenden Bäche, die wir auf vielen Brücken gekreuzt haben, in den kleinen See mündet oder ihm entströmt. Der Storch ist gerade nicht da. Aber das macht nichts. Gewiss fliegt er irgendwo hoch am klaren Augsburger Sommerhimmel, unterwegs zu einer Mutter, die schon sehnsüchtig - mit vor lauter Ungeduld ganz dick gewordenem Bauch! - auf ihr seefeuchtes Neugeborenes wartet.

Schlagworte:
Autor:
Georg Klein