Mecklenburg-Vorpommern Schöner wohnen im Schloss

Wenn Wulf Hartmann den Wappenspruch ernst genommen hätte, der am Giebel von Schloss Bothmer steht, ihm wäre einiges erspart geblieben. Er wäre umgekehrt, hätte weiter so gelebt, wie er es gewohnt war, und Schloss Bothmer wäre eine schöne Erinnerung geblieben. "Respice Finem" steht auf dem Giebeldreieck, Bedenke das Ende.

Nur kam Wulf Hartmann offenbar nicht zum Denken, als er das Schloss vor zwölf Jahren zum ersten Mal sah. Schon gar nicht an das Ende. Er hatte sich verliebt. Nur lässt sich überhaupt erklären, warum er geblieben ist.

"Man steht davor und man glaubt es nicht. Es ist alles perfekt, eine barocke Inszenierung zwischen Himmel und Erde. Ein Traum", sagt Wulf Hartmann. Wenn er so spricht, spiegeln sich in seinen Augen Dramatik und Genuss. Er spaziert zusammen mit seiner Frau Petra durch den Schlosspark, spricht über Sichtachsen, über die vollkommene Harmonie von Architektur und Landschaft. Immer wieder bleibt er stehen, ergriffen von dem Ort und den eigenen Worten.

Die größte barocke Schlossanlage Norddeutschlands 

Wulf und Petra Hartmann, beide 56 Jahre alt, gelernte Politologen aus Schleswig-Holstein, haben die größte barocke Schlossanlage Norddeutschlands gekauft. Im Klützer Winkel, ganz im Nordwesten Mecklenburgs. Es gibt ein Haupthaus, zwölf Nebenhäuser, zehn Hektar Park und eine Gärtnerei. Die denkmalgeschützten Gebäude stehen seit Jahren leer und müssen dringend saniert werden. Bis nach dem Mauerfall war Schloss Bothmer ein Altersheim, was die Sache nicht einfacher macht.

Das Eichenparkett ist mit Linoleum überklebt, braun gestrichene Heizungsrohre laufen über Holzvertäfelungen. In üppig verzierten Stuckdecken stecken Halterungen für Neonröhren, auf kostbare Paneele wurden Steckdosen gesetzt. "Das ist das Spannende an dieser Übergangszeit. Es ist alles noch da, das barocke Schloss und die DDR", sagt Petra Hartmann beschwingt.
Im großen Saal im Erdgeschoss stellt Alicia Pilz weiße Plastikstühle um einen großen Tisch herum. Alicia Pilz ist Putzfrau. Als das Schloss noch ein Altenheim war, hat sie hier gearbeitet. Heute bereitet sie ihre Geburtstagsfeier vor. Sie wird 50 Jahre alt. "Ich wollte einmal im Leben Gräfin sein", sagt sie.

Petra Hartmann lächelt. Natürlich darf die Putzfrau Gräfin sein. In der Übergangszeit. Wulf Hartmann sagt, dass die Sanierung 20 Millionen Euro kosten wird. In die Nebengelasse will er Ferienwohnungen bauen. Das Haupthaus soll für Tagungen und Konzerte genutzt werden. "Es muss sich auch rechnen", sagt er, "sonst wird nichts aus dem Projekt."

Kaufverhandlungen mit Hindernissen

Es ist ein anderer Wulf Hartmann, der jetzt spricht. Es ist der Unternehmer, der erfahrene Bauprojektmanager, der das Nutzungskonzept erläutert, das Finanzierungsmodell erklärt und mit einigem Enthusiasmus über Details der Abwassergebührenverordnung spricht. Es ist gut, dass der verliebte Wulf Hartmann den pragmatischen Wulf Hartmann kennt. Nur sind beide momentan recht bedrückt, weil es nicht losgeht mit dem Projekt Schloss Bothmer, weil immerzu gegen alles Mögliche gekämpft werden muss.

Es begann damit, dass der Landkreis und die Stadt Klütz ihn nicht als Käufer wollten, weil es da einen reichen Amerikaner gab, der von Bothmer hieß und Millionen Dollar versprach. Wulf Hartmann kam die Sache seltsam vor. Er fand heraus, dass der Amerikaner von einer angeheirateten Frau von Bothmer adoptiert worden war und keineswegs über Millionen verfügte. Zähneknirschend wurde schließlich an Hartmann verkauft. Aber dann gab es das nächste Problem. Um Bothmer herum sollten drei Windparks gebaut werden. Windparks, die alles verschandelt hätten. Die Sichtachsen, die perfekte Harmonie. Hartmann mobilisierte die Klützer Bürger und Denkmalschützer aus ganz Deutschland gegen die Windkraftbetreiber. Und gegen die Gemeinde, die für die Windparks war.

Seitdem dieser Streit gewonnen ist, hat Hartmann es schwer. Er wird bekämpft. Von der Verwaltung, die nicht verwinden kann, dass jemand wagt, sich gegen ihre Pläne zu stellen. Von der lokalen Presse, der er als "exemplarischer Westler" gilt , einer, "der sich aus Prinzip gegen unsere Regeln stellt". Er bekommt keinen Parkplatz für die Besucherbusse und deshalb auch keine Baugenehmigung. Er wird diffamiert und bedroht.

Jeder andere wäre wahrscheinlich schon gegangen. Hartmann nicht. Er sagt: "Die wissen nicht, mit wem sie sich angelegt haben". Dann lacht er. Ein bitteres Lachen. Wenn er muss, kämpft Hartmann. Auch die feinsinnige Frau Hartmann wird sehr energisch, wenn man sie fragt, warum sie sich das alles antut. "Es braucht hier jemanden, der das Besondere von Bothmer begreift, jemanden, der Bothmer schützt", sagt sie. Sie spricht von Verantwortung. Für die Schönheit, für das kulturelle Erbe. "Wenn wir jetzt aufgeben würden, dann würde hier alles zurückfallen." Bothmer ist ihre Mission.

Schloss Lütgenhof: Klassizistik und Betriebsergebnis

Katharina Stinnes hat sich nicht verliebt. Wenn sie von ihrem Schloss spricht, dann sagt sie Wörter wie "Betriebsergebnis" und "Personalkosten". Die nüchterne, energische Frau passt zu dem streng klassizistischen Lütgenhof wie die romantischen Hartmanns zum barocken Bothmer.

Ute Mahler
Schloss Lütgenhof
Katharina Stinnes trägt an diesem Morgen ein hochgeschlossenes, blau-weiß gestreiftes Hemd mit weißer Perlenkette. Dazu hat sie hautenge Jeans und rote Nike-Turnschuhe angezogen. "Jeder Mensch hat eine Midlife-Crisis", sagt sie irgendwann. Katharina Stinnes ist 47. Ihre Krise hat sie vor zwei Jahren von München in das Schlosshotel Lütgenhof verschlagen. Die Urenkelin des legendären Unternehmers Hugo Stinnes ist eine erfolgreiche Frau. Sie hat in München eine Public-Relations-Agentur aufgebaut, hat viel gearbeitet, viel Geld verdient. Sie hat einen Mann und ein Kind. Eigentlich war alles so, wie es sein sollte. Und genau das war vielleicht das Problem. "Ich wollte mal wieder etwas machen, wo ich nicht sicher bin, ob es klappt", sagt sie. Außerdem sollte es etwas sein, "das man auch noch mit 70 machen kann, ohne dass es lächerlich wirkt." Eine Lebenslösung.

In das Schlosshotel Lütgenhof investieren? Katharina Stinnes zögerte nicht lange

Ein Vetter riet ihr, nach Mecklenburg zu kommen. Das eben sanierte Schlosshotel Lütgenhof stand zum Verkauf. Katharina Stinnes zögerte nicht lange. Sie verkaufte ihre Agentur, steckte alles in das Hotel, wohl wissend, dass das Haus Verluste machte. Und sie ging in den Osten, den sie kaum kannte. Ihren sechs Jahre alten Sohn Max nahm sie mit. Der Mann blieb in München. Ob dieser Bruch nun den ersehnten Sinn in ihr Leben gebracht hat, kann Katharina Stinnes noch nicht sagen. "Das hat hier so eine Dynamik entwickelt, dass ich gar nicht zum Nachdenken komme", sagt sie.

Jeden Tag arbeitet sie 14 Stunden, auch am Wochenende. Sie will das Hotel profitabel machen. "Alle haben mir abgeraten, alle haben gesagt, dass es nicht funktioniert. Ich werde zeigen, dass es doch funktioniert." Dass die Welt um sie herum jetzt eine ganz andere ist, scheint sie kaum bemerkt zu haben. Sie sagt, dass die Leute im Osten nett und fleißig sind. Sie findet es gut, dass ihr Sohn in der Schule keine Chevignon-Jacke braucht, um dazuzugehören. Wenn sie Zeit hat, fährt sie nach Hamburg.

Dass ihr Hotel bis zum Mauerfall eine Kaserne der Grenzarmee war und im militärischen Sperrgebiet lag, findet sie nur deshalb erwähnenswert, "weil es die schlechte Verkehrsanbindung erklärt." Demnächst will Katharina Stinnes im Schlosspark ein Schwimmbad mit Wellness- Bereich bauen lassen."Wir müssen aktiv sein, sonst läuft die Zeit an uns vorbei", sagt sie.

Schloss Kalkhorst: Exotisch ist nicht nur der Garten

Sechs Jahre alt war Manfred Rohde, als er zum ersten Mal in die Tuberkulose-Heilanstalt kam. Er musste lange in der Eingangshalle warten, bis ein Pfleger kam, um ihn zum Behandlungsraum zu bringen. Manfred Rohdes Vater war Jahre zuvor an TBC erkrankt, und es war Vorschrift, dass sich die Verwandten zu regelmäßigen Untersuchungen einzufinden hatten. Manfred Rohde ging gern in die Heilanstalt, weil die in einem Schloss untergebracht war. Ein geheimnisvolles, düsteres Schloss mit großen, schweren Türen, breiten Treppen und leuchtenden Glasmalereien.

Erst viel später erfuhr Manfred Rohde, dass seine Eltern sich in der Heilanstalt kennengelernt hatten. Seine Mutter arbeitete in der Küche, der Vater war Patient. "Mein Leben hing von Anfang an mit diesem Schloss zusammen", sagt Manfred Rohde. Und es zog ihn immer wieder her. Als er 16 war, ging er mit dem Mädchen, das später seine Frau werden sollte, stundenlang im Schlosspark spazieren. Sie spielten Prinz und Prinzessin. Der Park und das Schloss gehörten ihnen ganz allein. Wenn der 51 Jahre alte Manfred Rohde heute durch den Park läuft, muss er nicht mehr phantasieren. Seit dem Sommer 1999 ist er der Eigentümer von Schloss Kalkhorst.

Stolz und mit großen Schritten stapft er durch das Gelände. Er zeigt auf einen Riesen-Mammutbaum, "ein einmaliges Exemplar". Er spricht über die Schwierigkeiten, die bei der Zucht von kanadischen Sumpfzypressen auftreten können. Er schärft den Blick für die letzten Zedern, die es in Mecklenburg noch gibt. Dann bleibt er stehen, hält kurz inne und erklärt feierlich: "Sie befinden sich gerade im zweitschönsten Park Deutschlands." Dieser Titel wurde ihm, Manfred Rohde, auf der Internationalen Gartenmesse in Köln verliehen. "Eine unglaubliche, aber verdiente Auszeichnung", sagt er. Wenn die Jury in Köln gewusst hätte, wie viele Stunden Manfred Rohde jedes Jahr auf seinem roten Rasenmäher durch den 13 Hektar großen Park fährt, um das Gras auf einer würdigen Länge zu halten, sie hätten ihm wahrscheinlich noch einen Sonderpreis dazu verliehen.

Rohde ist Schlossherr, Gärtner, Maurer und Tischler zugleich

Manfred Rohde ist Schlossherr, Gärtner, Maurer und Tischler zugleich. Er legt Fußböden frei, streicht Fassaden, schleift Fensterrahmen ab und beschneidet Bäume. Das alles macht er nach der Arbeit, wenn sein Steuerberatungsbüro, das er im Erdgeschoss eingerichtet hat, geschlossen ist. "Entweder man hat Geld oder man muss arbeiten", sagt Manfred Rohde. Er muss arbeiten, sein Geld hat er für den Kauf des Schlosses ausgegeben. "So ist das als ostdeutscher Schlossherr, der Sprung vom Arbeiter zum Aristokraten ist nicht einfach", sagt Manfred Rohde und lacht.

Er weiß, wie viel leichter es die meisten anderen haben, die in den vergangenen Jahren im Klützer Winkel zu Schlossherren geworden sind. Fast alle kommen aus dem Westen, fast alle haben Geld oder Familien mit Geld. Und sie lassen Manfred Rohde spüren, dass er nicht zu ihnen gehört, nur weil er jetzt ein Schloss hat. Als er in diesem Sommer ein Fest veranstaltet hat, um seine Ankunft im Schloss zu feiern, kam keiner von ihnen. Kein von Plessen, kein Hartmann, keine Stinnes. "Da war ich traurig", sagt Manfred Rohde. Auch Leute aus Kalkhorst, die ihn ja nun gut kennen, finden es seltsam, was Manfred Rohde da macht. "Denen wäre es vielleicht lieber gewesen, ein Westler hätte das Schloss gekauft. Dann hätten die Kategorien gestimmt. So ist es einer von ihnen. Das macht die Sache schwieriger", sagt Rohde.

Am Ende des Rundganges zeigt Rohde die Wohnung, die er für sich und seine Frau im zweiten Stock des Schlosses eingerichtet hat. Im Wohnzimmer steht eine Fertigteil-Schrankwand und eine Polstergarnitur aus Nappaleder. Es gibt einen Couchtisch mit Spitzendeckchen. Auf dem Boden liegt ein Wildschweinfell.

Gutshaus Stellshagen: Feng Shui und Kräutergarten

Wenn die Mutter von Stellshagen sprach, dann wurde es melancholisch. Es waren immer die gleichen Geschichten. Das letzte Erntedankfest, der Tag, an dem die russischen Soldaten kamen und sie das Haus mit ihrem ältesten Sohn auf dem Arm durch den Kücheneingang verließ."Wir sind mit dem Mythos Stellshagen groß geworden.

Ute Mahler
Gertrud Cordes und Partner Bill Nikiel vor dem Gutshaus Stellshagen
Diese Vertreibung war ein Familientrauma. Das hing wie eine große Tragik in der Luft", sagt Getrud Cordes. Nie hätte Gertrud Cordes gedacht, dass gerade sie, die jüngste Tochter, der die Melancholie der Mutter immer seltsam erschien, die Familie eines Tages von dem Trauma befreien würde. Denn eigentlich hatte sie nur ein Haus für ihre Heilpraxis gesucht. Ein Haus auf dem Land, mit Ruhe und Platz.

Und dann gab es diese Möglichkeit. Die Treuhand bot Stellshagen 1994 zum Verkauf an. Das Gutshaus, das Familienhaus. "Geh doch nach Stellshagen", sagte die Mutter. Immer wieder. Aber Gertrud Cordes wollte nicht. Sie wollte nicht in den Osten, und sie wollte auch nicht in einem Mythos leben. Immerhin ist sie dann mal hingefahren, hat sich das Haus angeschaut. An einem sonnigen Pfingsttag. Dann konnte sie wohl nicht mehr zurück. "Es war wie eine magnetische Anziehung, als wenn man eine Schatztruhe öffnet. Ich musste das machen, das ging gar nicht anders." Gertrud Cordes ist 47 Jahre alt. Sie sitzt mit verschränkten Beinen auf einem marokkanischen Teppich und trinkt grünen Tee. Sie spricht mit sanfter Stimme über die Kraft der Natur, den ganzheitlichen Ansatz und die Vorteile eines Lebens ohne Fleisch. Seit sechs Jahren führt sie das "Bio- und Gesundheitshotel Gutshaus Stellshagen", hat 20 Angestellte und arbeitet sehr viel. Die Mutter wohnt im Haus. In dem Raum, der einmal ihr Mädchenzimmer war.

Mit dem Osten kommt Gertrud Cordes mittlerweile klar, mit dem Familienmythos auch. Sie hat Stellshagen besetzt, mit ihrem Leben. Das urgroßelterliche Gutshaus ist nach allen Regeln des Feng Shui eingerichtet. Auf dem Dach wurden Sonnenkollektoren installiert. Im Keller steht eine Anlage zur Regenwasseraufbereitung.

In der alten Bibliothek findet man Bücher mit Titeln wie:"Wer sich ändert, ändert die Welt". Im Erdgeschoss gibt es Räume mit Böden aus biologisch behandelter Seekiefer für Yoga und Meditation. Das Restaurant bereitet biodynamische Kost.

Neben dem Haus gibt es einen Kräuterberg, "einen Ruhepunkt für die Erde, die ja bei den Bauarbeiten so viel Unruhe erfahren hat". Gertrud Cordes sagt, dass Stellshagen ein Ort geworden ist, an dem sie sich mit Menschen treffen kann, "die das Leben so sehen wie ich". Sie hat in Brokdorf demonstriert, im Ashram gelebt und Gruppentherapien in der Wohngemeinschaft veranstaltet. Sie war bei Greenpeace und Amnesty International aktiv und hat Spendenaktionen für Nicaragua organisiert. In Stellshagen, dem Haus der einst vertriebenen Gutsbesitzerfamilie, hat sie sich eingelebt.

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Maxim Leo