Sachsen Schlosshotel Gaußig

Vielleicht kommt er heute. Es ist Freitagabend, im Speisesaal funkeln die Gläser, die Hotelgäste trudeln ein, die Herren im Anzug, die Damen in Bluse und Rock. Sobald man ein Schloss betritt, befindet man sich in einer anderen Welt - das ergibt sich ganz von allein. Also rücken einige Herren noch einmal ihre Krawatten zurecht, zwei Damen tuscheln aufgeregt: Heute trifft der Hausherr aus Berlin ein, und wenn er im Haus ist, speist der Graf oft mit den Gästen. Kellnerinnen in schwarzer Dienstkleidung mit weißen Schürzen bringen die Vorspeise, das Abendessen kann beginnen.

Man diniert auf einem Märchenschloss, und allen ist egal, dass es in Deutschland gar keine Grafen mehr gibt. "Mit dem Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung 1919 wurden alle Vorrechte des Adels abgeschafft", betont Christine Gräfin von Brühl, die in ihrem Buch "Noblesse oblige" das Wohl und Wehe des scheinbar adeligen Lebens beschreibt: Es gibt ihn nicht mehr, "es ist also reinste Spielerei, wenn davon noch die Rede ist. Es ist wie ein altes Auto, das man hegt und pflegt und jeden Samstag auf Hochglanz poliert, obwohl es längst nicht mehr fährt."

Die Gäste auf dem Schloss wären mit dem Glanz völlig zufrieden, doch nach dem zweiten Gang betritt die Direktorin Uta Moritz den Saal und lässt den Grafen entschuldigen: Er sei angekommen, aber es sei eine anstrengende Woche gewesen, er habe sich in seine Räume zurückgezogen. Er bitte um Nachsicht, man sehe sich gewiss am nächsten Tag.

Nass wie Dresdens Elbauen bei Hochwasser

Das Örtchen Gaußig liegt etwa fünfzig Kilometer östlich von Dresden, leere Landstraßen schlängeln sich durch winzige Dörfer und gelb leuchtende Rapsfelder, durch die offenen Autofenster rollt eine süße Duftwelle herein. Dann taucht das Ortsschild auf, die Kirche, und endlich Schloss Gaußig, ein beiges Barockschloss, vor 1713 erbaut. Es gehörte von 1747 bis 1750 Heinrich Graf von Brühl, dem gewieften Universalpolitiker unter August dem Starken und Vorfahren mütterlicherseits des heutigen Besitzers. Heinrich hatte zwar kein Händchen für die Wirtschaft und das Militär, aber sein Sinn fürs Schöne war famos. Noch heute trägt Gaußig seine Handschrift: Im 30 Hektar großen Park ließ Brühl damals einen Barockgarten anlegen, von dem ein stiller Kanal und ein malerischer kleiner Pavillon erhalten sind. Um 1800 wurde er von seinen damaligen Besitzern, der gräflichen Familie Schall-Riaucour, in einen Landschaftsgarten mit gewaltigen Rhododendrenbüschen verwandelt.

Am nächsten Morgen empfängt Andreas Graf von Brühl-Pohl seine Besucher zum Kaffee im Porzellankabinett, einem kleinen Raum mit dunkler Holzvertäfelung, darauf Delfter Porzellankacheln und -teller. Wie betrüblich, dass er gestern das Abendessen verpassen musste: "Wir führen mit dem gemeinsamen Essen eine Tradition aus Zeiten weiter, als die Menschen noch nicht in Urlaub fuhren, sondern sich bei befreundeten Familien trafen, um Abwechslung zu finden", erläutert der Hausherr mit leiser Stimme. "Aber mittlerweile habe ich selbst manchmal Probleme, die Regel einzuhalten", sagt er lachend. Der 53-Jährige wirkt von Weitem eher fahl, doch aus der Nähe untermalt seine Blässe die jungenhafte Frisur, das dunkle Haar zurückgekämmt. Er trägt einen blaugrauen Anzug, das helle Hemd darunter ist am Kragen etwas weit, als müsse er noch hineinwachsen, wie er ja auch in sein Schloss hineingewachsen ist, nicht ohne Mühe. Denn das Anwesen hatte einen gemeinen Witz seiner Familiengeschichte für ihn parat: Der Name Brühl bedeutet so viel wie feuchte Wiese oder Sumpf, der Vorfahr Heinrich Graf von Brühl mochte die Nähe zum Wasser, er ließ sein Haus mitsamt Garten, der "Brühlschen Terrasse", in Dresden direkt an die Elbe bauen.

Nun setzte also sein Nachfahre im Jahr 2002 zum ersten Mal einen Fuß in das Schloss - und das ganze Gemäuer war nass wie Dresdens Elbauen bei Hochwasser. "Nach der Wende war das Haus verfallen", erinnert er sich, "der Regen lief bis in den Keller, durch die eingebrochenen Decken konnte ich vom Erdgeschoss bis unter den Dachstuhl schauen." Für einen Moment senkt er den Blick, und hinter seiner Stirn scheint sich ein Wort zu formen, das sich auf Neiße reimt.

Erholung zu Zeiten der DDR

Gekauft hat er's dann doch, man wollte zurück zu den sächsischen Wurzeln der Familie. 2008 wurde das sanierte Schloss als kleines Vier-Sterne-Hotel mit 13 Zimmern und drei Suiten eröffnet. Über die Kosten schweigt er, obwohl er sonst mit Zahlen kein Problem hat, schließlich führt er in Berlin ein Consulting-Unternehmen, das Schwellenländer beim wirtschaftlichen Aufbau berät. Lieber aber noch führt der Hausherr durch den Speisesaal, ein Wandgemälde aus dem späten 18. Jahrhundert zeigt zwei junge Frauen, auf Höhe des Herzens der rechten klaffen zwei Einschusslöcher: "Da hat im Krieg ein Soldat ein paar Schießübungen gemacht", erklärt von Brühl-Pohl. "Insgesamt können wir aber von Glück reden, dass die Einrichtung so gut erhalten geblieben ist. Andere Schlösser wurden nach 1945 komplett geplündert."

Und dann der prunkvolle Spiegelsaal: Durchs große Fenster fällt der Blick auf den Park, auf dem Rasen windet sich eine knorrige Esche, dahinter bauen sich dunkle Rotbuchen auf, alte Eichen und hohe Kiefern, und rechts, am Weiher, leuchten im Frühsommer gelbe Azaleen und riesige weiße Rhododendren aus dem 19. Jahrhundert. "Bis 1800 fiel der Park hinter dem Schloss ab, doch die damalige Hausherrin wollte die Natur ins Haus holen", erläutert der Hausherr. "Also hat sie den Park auf eine Ebene mit dem Fußboden des Erdgeschosses anheben und gegenüber den Fenstern hohe Spiegel aufhängen lassen, damit man die Bäume auch dort sehen kann." Das ist gewiss die hohe Gartenkunst.

Weiße Säulen und Gesimse im Empire-Stil, terrakottafarbene Reliefs über den Türen, eine goldverzierte Stuckrosette über dem Kronleuchter - war es nicht unglaublich viel Arbeit, das wieder herzustellen? "Zu DDR-Zeiten wurde das Schloss als Erholungsheim der Technischen Universität Dresden gut gepflegt", sagt der Graf. "Ich habe den Spiegelsaal so vorgefunden, wie er jetzt ist, nur das Parkett musste ich erneuern." Und was ist mit einer Ecke wie der hier, wo die Farbe abblättert? "Das macht nichts", sagt er lässig, "der Raum ist alt und wird benutzt, das darf man ruhig sehen."

Schloss Gaußig soll sich nicht anfühlen wie ein Museum, auch wenn die Gäste in ihren Zimmern in Nachbauten viktorianischer Himmelbetten schlafen, ihre Porzellantassen auf antiken Tischen abstellen und echte Gemälde aus dem vorletzten Jahrhundert bestaunen. "Schauen Sie sich diese Fauteuils an", sagt von Brühl-Pohl und deutet auf zwei schlanke Sessel mit weiß lackiertem Holz und hellrosa Bezug. "Die sind von 1750, so etwas stellen andere Hotels in eine Vitrine, bei mir dürfen Sie drauf sitzen!" Sitzen ja, aber nicht toben, und darum hält der Betreiber sein Hotel für Kinder unter zwölf Jahren für ungeeignet - den Gästen konveniert das sehr, sie suchen das Exklusive, und das lateinische Wort excludere heißt nun mal ausschließen.

Jagdbeute: mindestens 15 Rehe pro Jahr

Die Familie bewohnt heute den südlichen Anbau mit Schlafräumen und Kaminzimmer, 1870 mit einem hellen Sandsteinkamin und dunkler Eichenvertäfelung ausgekleidet, entlang der Wand eine Reihe von Rehgeweihen. Dahinter liegt die große Bibliothek von 1907, vor einem rötlich glänzenden Marmorkamin stehen schwere cremefarbene Sessel, dunkle hölzerne Bücherregale strecken sich vom Boden bis zur hohen Decke.

Die Wochenenden auf dem Schloss bestehen nicht nur aus Müßiggang, die Familie hat in der Nähe ein rund 360 Hektar großes Areal mit Seen, Wiesen und Wäldern, dort wird morgen gejagt - 15 Rehe müssen sie pro Jahr zur Strecke bringen, wenn sie keinen professionellen Jäger einstellen wollen, so will es die Jagdbehörde.

Es wird Abend, die Gäste finden sich im Speisesaal ein, alle sind pünktlich, zum Schluss nimmt der Graf mit Sohn Platz. Endlich hat die Gesellschaft ihren Aristokraten. Sie dürfen einen Abend lang mitspielen in dem Kammerspiel, das Adel heißt, und jetzt tischt das Personal auf: Als Vorspeise gibt es eine Frischkäse-Lachsterrine, danach gefüllte Perlhuhnbrust mit Gemüse und Jasminreis, zum Dessert Miniküchlein auf Apfel-Vanillekompott. Das alte Tafelsilber schimmert im Kerzenlicht, die Stimmung ist beschwingt, doch gleich nach dem letzten Gang empfehlen sich Vater und Sohn, man müsse am nächsten Morgen früh auf: Wenn es zu dämmern beginnt, wollen die Jäger im Revier sein. Der Hausherr weiß das Klischee von adliger Lebensweise perfekt zu bedienen.

Die Besucher jedoch können ausschlafen, also bleiben sie noch ein wenig, und die Servierdamen in den schwarzen Kostümchen fragen nach: Vielleicht einen Espresso? Einen Digestif? Oder noch ein Glas von dem Riesling? Der Graf ist Bürger. Der Gast ist König.

SERVICE: Mehr Schlösser und Burgen in Sachsen

Schloss Colditz Im 16. Jh. erbaut und im 19. Jh. im Stil der Neorenaissance erweitert. Das Schloss diente im Zweiten Weltkrieg als Gefangenenlager. Das Haus galt als ausbruchssicher, aber davon ließen sich die Insassen nicht beeindrucken. Mit Hilfe einer Funkstation, durch einen Tunnel und mit einem Gleitflieger flohen 120 Insassen, 31 kamen nach Hause. Seit drei Jahren ist hier eine moderne Jugendherberge untergebracht; zu jedem Zimmer gehören Dusche und WC - das ist äußerst komfortabel.

Jugendherberge Schloss Colditz, Schlossgasse 1, 04680 Colditz, Tel.: 034381 45010, Bett ab 18 Euro

Schloss Eckberg 1861 im Turdorstil erbaut. Die Entwürfe stammten von dem Architekten Christian Friedrich Arnold, einem Schüler Gottfried Sempers. Die Zimmer haben zeitgemäßen Standard, es gibt auch eine Turmsuite. Trumpf des Schlosses ist seine Lage: Es thront zwischen Altstadt und dem Stadtteil Weißer Hirsch über der Elbe, alle Speisesäle des Hauses bieten den Blick auf Fluss und Sächsische Schweiz - ob Sie im holzgetäfelten Gartensaal speisen oder im Wintergarten mit gotischen Fensterbögen.

Schloss Eckberg, Bautzner Straße 134, 01099 Dresden, Tel.: 0351 80990, Email: info@schloss-eckberg.de, www.schloss-eckberg.de, DZ ab 195 Euro

Burg Hohnstein Der Deutschlandring in der Sächsischen Schweiz gehört zu den beliebtesten Rennstrecken unter Motorradfahrern. So hat man sich auf der nahen Burg auf diese Klientel eingestellt: In der einstigen Ritterburg aus dem 14. Jh. führt man einen Betrieb zwischen Hotel und Jugendherberge mit Unterkünften vom preiswerten Mehrbettzimmer bis zum kuscheligen Doppelzimmer, und für die Biker gibt's eine Schrauberecke, wo sie ihre Maschinen waschen und ambulante Eingriffe vornehmen können. Wer lieber zu Fuß geht, kann durch den nahen Nationalpark Sächsische Schweiz wandern.

Burg Hohnstein, Markt 1, 01848 Hohnstein, Tel.: 035975 81202, Email: info@burg-hohnstein.info, www.burghohnstein.de, DZ ab 35 Euro pro Person

Schloss Moritzburg Ab Saisonbeginn 2011 werden sechs der insgesamt neun Teichhäuser des Barock- und Jagdschlosses zu Ferienhäusern umgebaut sein. Das ist Natur de luxe: Einige Außenwände grenzen ans Wasser, schon zum Frühstück schwimmen Karpfen und Schwäne vorbei.

Schloss Moritzburg, Stauffenbergallee 2a | 01099 Dresden, Tel.: 03 52 07 8 73-0, Email: moritzburg@schloesserland-sachsen.de,

Schloss Pillnitz 1998 wurde die ehemalige Schloss-Schänke auf dem Gelände der früheren Sommerresidenz der sächsischen Könige abgerissen. An derselben Stelle entstand eine 4-Sterne-Herberge mit 42 Komfortzimmern: eine wunderbare Adresse für Ausflüge auf der Elbe. Zum Schlosshotel gehörten ein Restaurant mit französischer Küche, Café und Biergarten. Es gibt noch zwei hübsche Ferienhäuser auf dem Schlossgelände - das Trompeterhaus mit 40 und das Kleine Wächterhaus mit 70 Quadratmetern. Beide bieten Komfort und den Luxus der Abgeschiedenheit.

Schloss Pillnitz, August-Böckstiegel-Straße 2, 01326 Dresden, Tel.: 0351-26140, Email: reservierung@schlosshotel-pillnitz.de, www.schlosspillnitz.de, DZ ab 115 Euro

Schloss Proschwitz "Nutzen Sie nach einem oder zwei Gläschen des Proschwitzer Weins die Möglichkeit, im Weingut zu übernachten!" Die Idee ist nicht schlecht: Welches Schloss hat schon Weinberge mit Blick auf Meißen, ein edles Restaurant und eine eigene Brennerei für den Digestif!

Weingut Schloss Proschwitz, Dorfanger 19, 01665 Zadel über Meißen Tel.: 03521 76760, Email: weingut@schloss-proschwitz.de, www.schloss-proschwitz.de, DZ ab 80 Euro

Schloss Purschenstein liegt abgelegen im Flöhatal im Erzgebirge. Dorf und Schloss entstanden entlang alter Handelswege durch den finsteren Forst. Doch dunkel ist hier heute nur noch der schwarze Marmor, der in den Bädern blitzt. Mit baulichen Einflüssen von Renaissance und Barock entstand Purschenstein als weißes Märchenschloss, die Zimmer sind mit Buchenparkett ausgelegt und antiken Möbeln bestückt. Vom 14. Jh. bis 1945 gehörte es der sächsischen Familie von Schönberg.

Schlosshotel Purschenstein, Purschenstein 1, 09544 Neuhausen/Erzgebirge, Tel.: 037361-1408-0, Email: info@purschenstein.de, www.purschenstein.de, DZ ab 80 Euro

Schloss Wolfsbrunn Die Familie Leonhardt, die in dem Jugendstilschlösschen bei Zwickau ein Hotel betreibt, hat ihre Haltung in ein Manifest gegossen: Einen "exzellenten Standard" will man einhalten, ein "einzigartiges Erlebnis" bieten. Die meisten Gäste wissen das gar nicht: Sie bewundern die edle Holzvertäfelung und schlemmen im Restaurant erzgebirgische Spezialitäten, von deren Existenz sie nie geahnt hatten. Dabei genießen sie den Ausblick aus dem Pavillon, in dem das Essen serviert wird, und wenn sie später sagen, dass es schön war, meinen sie das gleiche wie die Leonhardts.

Gästehaus Wolfsbrunn, Stein, 8 08118 Hartenstein, Tel.: 037605 760, Email: info@gaestehaus-wolfsbrunn.de, www.schlosshotel-wolfsbrunnen.de, DZ ab 100 Euro

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Burkhard Maria Zimmermann