Rostock Rostocker Studentenklubs

Angesichts dieser Szenerie müsste man sich eigentlich größte Sorgen um den akademischen Nachwuchs machen. Dabei ist es erst kurz nach 23 Uhr. Nicht unbedingt die Zeit, um sich komplett gehen zu lassen. Schon gar nicht an einem Donnerstag. Hunderten von Rostocker Studenten scheint das allerdings völlig egal zu sein. Die Tanzfläche im LT-Club ist brechend voll, der Alkohol fließt in Strömen. Das Freibier ist längst alle. Inzwischen baggert hier jeder jeden an. Dabei ist die Erstsemesterparty der hiesigen Medizinstudenten gerade einmal etwas über eine Stunde alt.

Aus den Boxen wummert "Remmidemmi" von Deichkind und gibt den Soundtrack für die Nacht vor. Würden die Eltern der angehenden Doktoren Zeuge dieser hemmungslosen Feier werden, sie wären fassungslos. Die US-amerikanischen College-Studenten feiern ihre Frühjahrsferien - den berüchtigten "Spring Break" - auch nicht härter.

Die Medizinerparty ist nur der ganz normale Wahnsinn in Rostock, denn hier wird an fast jedem Abend in der Woche gefeiert. Fachbereichsübergreifend. Das Nachtleben ist fest im Griff der Studenten. Die wichtigsten Klubs der Stadt werden entweder von Studentenvereinen verwaltet oder sind aus ebensolchen entstanden. Deswegen zahlen hier angehende Akademiker Tiefstpreise für Alkohol und Eintritt. Wahrscheinlich ist in keiner anderen deutschen Universitätsstadt das leichte Leben so günstig wie in Rostock. Und das schon seit Anfang der 1970er Jahre.

Der Dank hierfür gebührt der FDJ, der staatlichen Jugendorganisation zu Zeiten der DDR. Deren Hochschulgruppe eröffnete 1969 in einem Gewölbe am Uni-Platz den "Studentenkeller". Auf dem Programm standen Lesungen, Liederabende und natürlich Tanzveranstaltungen. Der Eintritt: 1 Mark Ost. Das Beispiel machte Schule. Weitere Hochschulgruppen zogen nach. So entstanden innerhalb weniger Jahre unter anderem die Klubs der Landwirtschaftstechniker (LT) und der Schiffsbautechniker (ST). Nach der Wende wurden diese als eingetragene Vereine weitergeführt und halten auch heutzutage noch die Rostocker Studenten vom Lernen ab.

"Hier studiert man definitiv länger."

"Hier studiert man definitiv länger", sagt Robert Gürlich und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Der 24-Jährige sitzt im Vorstand des "Studentenkellers". "Im Sommer lockt die Ostsee, und abends ist in Rostock immer was los." Sein Lehramtsstudium lässt er derzeit ein wenig lockerer angehen. "Der 'Studentenkeller' ist ein Vollzeitjob." Schon zu Schulzeiten war Gürlich Stammgast im "Keller". Als er während des Studiums einen Job brauchte, bewarb er sich einfach in seinem Lieblingsklub. Die Mitglieder stimmten darüber ab, ob der gebürtige Rostocker ihrem Verein beitreten durfte. An diesem Prozedere hat sich seit Jahrzehnten nichts verändert. Auch an dem Fakt, dass nur eingeschriebene Studenten mitmachen dürfen. Dieser Umstand kann die Studienzeit einiger Kommilitonen - zumindest auf dem Papier - erheblich verlängern: "Eines unserer Mitglieder ist bereits im 38. Fachsemester Mathematik", berichtet Gürlich.

Die Mitgliedschaft in einem der Rostocker Studentenklubs bringt zahlreiche Vorteile mit sich. Im Schnitt verdient man 5 bis 6 Euro pro Stunde plus Umsatzbeteiligung. Für Rostocker Verhältnisse ein guter Verdienst. Egal ob man an der Garderobe steht, Gläser einsammelt, Bier ausschenkt oder als DJ arbeitet - jeder kriegt das Gleiche. Darüber hinaus genießt man natürlich in allen anderen Studi-Klubs der Stadt freien Eintritt. In den meisten Fällen profitieren die Aktiven außerdem von dem erwirtschafteten Gewinn. Was nicht in die Ausstattung des Klubs gesteckt wird, kommt den Mitgliedern zu gute. "Wir machen zum Beispiel gemeinsame Reisen, Ausflüge oder Privatparties", erklärt Gürlich.

Im Sommer, wenn der Innenhof mitbenutzt werden kann, kommen bis zu 1400 zahlende Gäste pro Party in den "Studentenkeller". Im Winter sind es schon mal an die 600, die in dem engen Gewölbe unter der Theologischen Fakultät abfeiern. Inzwischen erwirtschaftet der Klub laut Gürlich einen Umsatz in siebenstelliger Höhe. "Das sind Summen, bei denen man als kleiner Student auch schon mal ins Schleudern gerät." 2008 hatte der damalige Vorstand versucht, den Klub in ein richtiges Unternehmen umzuwandeln. "Die wollten die Kuh melken", sagt Gürlich. Doch die Mitglieder spielten nicht mit. Der Vorstand wurde kurzerhand abgewählt.

Einmalig in Deutschland

Der LT-Club hat den Schritt vom Verein zur GmbH bereits vor ein paar Jahren vollzogen. Schon Mitte der 1990er Jahre zeichneten sich die Mitglieder durch einen guten Geschäftssinn aus. Neben einer Disco verfügte der Studentenklub damals auch über ein kleines Bistro namens "Fuchsbau" und ein Sportstudio. Irgendwann wurde die alte Baracke zu klein und die Ansprüche größer. 2005 zog man nur ein paar Meter weiter in ein ehemaliges Gebäude des NDR-Fernsehens. Eine Millioneninvestition. Jetzt hat der LT-Club mehrere Stockwerke, ein richtiges Restaurant, einen großen Außenbereich und ein noch größeres Sportstudio."Wir haben am Wochenende zwischen 3000 und 4000 Gäste", sagt André Kolodzig. Der gebürtige Berliner studiert Sport auf Lehramt in Rostock und arbeitet seit vier Jahren nebenbei im LT. Seine Kollegen sind ebenfalls allesamt Studenten. Wer nicht an der Uni eingeschrieben ist, der bekommt auch hier keinen Job.

Der Hauptstädter Kolodzig war von dem prallen Nachtleben in Rostock angenehm überrascht. "Eigentlich kann man hier an jedem Tag in der Woche weggehen", sagt er. "Und an die niedrigen Getränkepreise gewöhnt man sich auch ziemlich schnell."

Der totale Gegenentwurf zum LT liegt lediglich ein paar Straßen weiter: Im kleinen ST-Club hat sich seit den 1980er Jahren nur wenig verändert. Benjamin ist der Vorsitzende des Vereins, der derzeit 19 aktive Mitglieder hat. Sein Lehramtstudium hat er bereits abgeschlossen, jetzt ist er noch pro forma bei einer Fernuni eingeschrieben. "Ich bin eine Karteileiche", sagt er.

Der ST ist vor allem dienstags brechend voll. An die 200 Leute passen in den holzvertäfelten Raum, der früher einmal eine Professoren-Mensa war. Bier gibt es schon für einen, Longdrinks in 0,4-Gläsern für drei Euro.

Benjamin kommt gebürtig aus dem beschaulichen Heide in Schleswig-Holstein. Auch für ihn war das Nachtleben in Rostock eine Art Kulturschock. "Als ich das erste Mal hier war, hielt ich den Bierpreis für einen Schreibfehler", sagt der 28-Jährige. "Ich konnte nicht glauben, dass die Leute den Alkohol verschenken." Benjamin ist sich sicher, dass die hiesige Studentenszene ziemlich einmalig in Deutschland ist. In einer anderen Stadt würde das System wohl nicht funktionieren. "Die Rostocker Klubs leben einfach auch von ihrer Tradition. Das kann man einfach nicht kopieren."

Die Zukunft der ST-Clubs ist jedoch ungewiss. Gut möglich, dass das alte Gebäude einem Neubau der Universität weichen muss. Derweil hat das Land Mecklenburg-Vorpommern, dem die Immobilie gehört, den Mietpreis vervierfacht. Die Kollegen vom "Studentenkeller" müssen seit diesem Jahr sogar das Sechsfache zahlen. Nichtsdestotrotz: Die gute Stimmung hat man sich bislang nicht vermiesen lassen. Die Party geht weiter. Rostock feiert.

Die Adressen der Klubs

LT-Club: Tiergartenallee 1-2, 18059 Rostock,

ST-Club: Albert-Einstein-Straße-2, 18059 Rostock,

Studentenkeller: Universitätsplatz 5, 18055 Rostock,

Meli Club: Thierfelder Straße 1, 18055 Rostock,

Autor:
Denis Krah