Baden-Baden Reiche, schöne und russische Stadt

Diesem satten Duft des Reichtums, seinem feinen Klang kannst du dich nicht entziehen. Mit dem Bus fährst du vom Leopoldsplatz in die noch besseren Viertel oberhalb der Stadt. Hinter dir sitzen zwei Damen in Cashmere-Capes, angeregt plaudernd. Die eine war gestern Abend im Festspielhaus, die andere freut sich auf den Besuch der Enkel. Spötter nennen die Linie 208 den "Witwen-Shuttle".

Der Bus kurvt durch die Villenstraßen am Hang. Ein Ehepaar aus dem Fränkischen sitzt seitlich von dir, schaut und berichtet das Gesehene per Handy in die Heimat. Über gekieste Auffahrten blickst du auf Landhäuser, davor das Beste, was die deutsche Automobilindustrie anzubieten hat. Eine kleine Stadt, eingehüllt in einen Mantel von Wohlstand. Perfekt möbliert für das Leben derer, die es sich leisten können.

Über Baden-Baden zu schreiben, ohne sich in Klischees von Reichtum zu ergehen, ist schwer. Man kann sich dieser Stadt nicht einmal nähern, ohne von solchen Bildern eingefangen zu werden: Du fährst ja nicht einfach in die Stadt - du gleitest durch einen Park, siehst Araukarien und Mammutbäume, im Hintergrund die Ausläufer des Schwarzwalds. In der Tiefgarage unter dem Kurhaus parkst du zwischen einem übergroßen Geländewagen und einem Maserati und gehst durch ein Treppenhaus aus schwarzem Marmor nach oben, schreitest über den schweren Teppich im Foyer der Spielbank - viel Gold, viel Stuck - und betrittst durch den Portikus - zu beiden Seiten die parkartige Lichtentaler Allee, rechts das Theater, links die Kureinrichtungen - Baden-Baden.

Wie durch eine Kulisse kommst du auf die Bühne, auf den Platz mit den historischen Verkaufspavillons: ein Juwelier, ein Herrenausstatter, ein Damenausstatter, ein Laden mit feinen Ölen, ein Laden mit Meissener Porzellan, noch ein Damenausstatter, noch ein Herrenausstatter, ein Juwelier. Du bist gleich mittendrin.

Du kannst diesen ersten Eindruck auch statistisch fassen: Baden-Baden ist die Stadt mit den relativ meisten Millionären in Deutschland und die Stadt mit der ältesten Bevölkerung Baden-Württembergs. Und von den über 50.000 Einwohnern ist gut jeder zehnte russischer Herkunft. Bleib einfach ein paar Minuten auf dem Leopoldplatz stehen: In festem Schritt nähert sich ein Herr im Bankerzwirn, russisch in sein Handy redend. Du siehst goldbehängte Damen mit lächerlich kleinen Hunden, die auf dem Kopf eine Schleife tragen. In allen besseren Läden gibt es russisch sprechendes Personal, Schilder werben in kyrillischer Schrift für Anwälte, Ärzte und Boutiquen.

Dir wird immer wieder leiser Spott über die Neubürger begegnen, das Unbehagen über die russischen nouveaux riches ist verbreitet: "Man weiß ja nicht, woher der sein Geld hat …" Dabei wird gern vergessen, dass die reichen Russen, die sich dauerhaft hier niederließen, viele marode Gebäude gekauft und vor allem saniert haben.

Wo Dostojewski sein Geld verzockte

Wenn du Spaß daran hast, den Alltag der Baden-Badener Gesellschaft zu beobachten, geh einfach rüber ins "Café König" - es ist nur ein Katzensprung. Hier kannst du erleben, wie ein russischer Gast sein Stück Schwarzwälder Kirschtorte und eine Tasse Milchkaffee mit einem 500- Euro-Schein bezahlt und die Kellnerin ungerührt herausgibt. Das "Café König" ist ein herrlich altmodischer Ort und eines der besten Cafés in Deutschland.

Jeden Tag ab halb drei servieren die dezent uniformierten Bedienungen den Afternoon-Tea, ein Erlebnis, wie du es auch in London nicht besser haben könntest. Immer hängt ein Hauch teurer Parfums in der Luft. Geräuschlos gleiten die Servierdamen über den roten Teppich und tragen auf. Dabei siehst du viel goldbehangene Eleganz, natürlich nichts Auffälliges, und hörst ein paar amerikanischen Touristen beim Schwelgen zu. Bill Clinton soll einmal gereimt haben: "Baden-Baden is so nice that you have to name it twice."

Über die Gassen der Altstadt und steile Treppen erreichst du am oberen Ende der Schlossstaffeln den schönsten Balkon der Stadt. Es ist ein kleiner, kastanienbestandener Platz, der sich, etwas ab vom Wege, direkt an die Mauern des Schlosses schmiegt. Du genießt die sonnige Stille, schaust über eine Reihe von Zypressen auf die Stadt, eine Ahnung von Orangen- und Zitronenaromen weht zu dir herüber. Du fragst dich: Ist das schon der Süden? Hier oben auf dem Florentinerberg sollen es sich schon vor 2000 Jahren Soldaten der XXVI. Freiwilligenkohorte römischer Bürger gemütlich gemacht haben. Sie fassten die heißen Quellen des Florentinerbergs ein, legten prächtige Bäder an und begründeten so die römische Siedlung Aquae. Das mediterrane Gehölz allerdings wächst hier erst seit der Landesgartenschau 1981.

Über den römischen Bad-Ruinen entstanden nach dem Verbot des Glücksspiels im Deutschen Reich von 1872 zum Ausgleich das (dummerweise 1962 abgerissene) Augustabad und das glücklicherweise heute noch bestehende Friedrichsbad. In prächtiger gründerzeitlicher Kulisse baden Männer und Frauen getrennt, werden eingeseift und abgeschrubbt, nur um sich nach mehrstündiger Prozedur gänzlich nackend im Bad unter der großen Kuppel wieder zu begegnen. Drei Stunden im Friedrichsbad ersetzen leicht zwei Wochen Urlaub anderswo, das solltest du dir auf keinen Fall entgehen lassen.

Baden-Baden hat viel von einem französischen Landstädtchen. Die typischen Mansarddach-Häuser könnten wie auch das Theater in Blois an der Loire stehen. Oder in Vichy. Und einige der Gründerzeitbauten würden auch an den Champs-Élysées Staat machen. Zu verdanken ist das auch Edouard Bénazet und seinem Vater Jacques, einst Mitpächter der Spielbank in Paris, der nach Ankündigung des Glücksspielverbots in Frankreich 1837 nach Baden-Baden kam und den darbenden Ort von 3000 Seelen nach einem Masterplan zur Sommerhauptstadt Europas aufbaute. Damals wuchs Baden-Baden über seine engen mittelalterlichen Grenzen hinaus. Aus einem halbwegs maroden Kaff erstand ein mondänes Weltbad wie aus einem Guss.

Die Bénazets bauten unter anderem das Theater und die Rennbahn in Iffezheim, ließen Gasleuchter installieren, Kureinrichtungen und Boutiquen anlegen, sie bezahlten Opern, Orchester, Theater, Feuerwerke und Rennen. Sie engagierten Schriftsteller und PR-Agenten, damit alle Welt davon erführe. Und alle kamen: das ganze "Who's Who" der Romantik, die berühmtesten Maler und Komponisten, Schriftsteller. Deutsche, Engländer, Franzosen und vor allem Russen im Gefolge des Zaren und der Fürsten. Auch Kaiser Wilhelm I. reiste an und logierte jeden Sommer im "Maison Messmer".

Im 19. Jahrhundert war Baden-Baden die capitale d'été - ein Begriff, der auf ein amüsantes Buch zurückgeht, das ebenfalls die Bénazet in Auftrag gegeben hatten, um Reisende und Spieler ins Kasino zu locken. Noch heute kommen viele Touristen, Russen, auch Franzosen und Japaner, die sehen wollen, wo Dostojewski sein Geld verzockte. Sie interessiert, wo der junge Mendelssohn Bartholdy spielte, wo Liszt, Brahms, Gogol, die Schumanns und Turgenjew lebten.

Unangemeldeter Besuch in der Villa

"Leider muß ich Ihnen eine Enttäuschung bereiten", schreibt uns der pensionierte Dr. S., den wir um eine Fotogenehmigung für seine Villa gebeten hatten. "Wir werden bis an die Grenze des Erträglichen belastet. Aus Russland fahren laufend Busse mit Reisenden vor das Haus. Als wir eines Sonntags auf der Terrasse waren, marschierte der Botschafter Zarapkin aus Moskau mit 70 Besuchern durch das Anwesen, ohne Anmeldung, ohne Zustimmung von uns." Herr Dr. S. hat das Pech, dass in seinem prächtigen weißen Anwesen oberhalb der Stadt bis 1871 der russische Nationaldichter Turgenjew lebte. Dass die Villa überhaupt noch steht, ist ein Glück, denn der legendäre Bürgermeister Ernst Schlapper wollte sie in den Sechzigern wie manch anderes Gebäude abreißen lassen. Die Moderne benötigte Raum.

Auch ein biedermeierhaftes, weiß geschindeltes Haus auf einem Felssporn über der Maximilianstraße zählt zu den historischen Schätzen, die vor dem Abrisswahn gerettet werden konnten. Johannes Brahms verbrachte hier sehnsuchtsvolle Sommer in der Nähe seiner Lebensfreundin Clara Schumann. Als der Abbruch drohte, gründete eine Gruppe Baden-Badener die Brahmsgesellschaft und kaufte 1967 das Haus. Heute ist es ein Besuchermagnet für Musikfreunde und eines der letzten authentischen Zeugnisse aus der Zeit, als Baden-Baden zum Weltkulturhauptstädtchen wurde.

Über ausgetretene Stufen erreichst du die beiden Mansardenzimmer des Komponisten und fragst dich, wie es möglich war, hier jemals ein Klavier hinaufzuhieven. Wenn du Glück hast stellt dich Ilka Hecker, die Geschäftsführerin der Gesellschaft, einem der Stipendiaten vor, die für jeweils drei Wochen die Wohnung im Erdgeschoss bewohnen. Und dann sprecht ihr über Musik, über Robert und Clara Schumann und die Brahmstage, die alle zwei Jahre hier stattfinden.

So viel historischen Geist, so viel Schönes atmet die Stadt, dass sie mitunter unwirklich erscheint. Irgendwie nicht echt. Einmal kam ein kanadisches Ehepaar in das wunderschöne Vestibül des Festspielhauses, Baden-Badens früheren Bahnhof, und wollte Eintrittskarten kaufen. Aber nicht für Deutschlands größtes Opernhaus, sondern für den Freizeitpark davor. "Die wollten partout nicht glauben, dass Baden-Baden kein Disneyland ist, sondern eine richtige Stadt", erzählt Rüdiger Beermann von der Geschäftsleitung des Festspielhauses.

Womit wir am Höhepunkt des Tages angelangt wären: einem Opernabend im Festspielhaus. 2500 Plätze hat die "Schwarzwald- Scala", häufig ist sie ausverkauft. Von überall her kommen die Besucher, aus der Schweiz, aus Frankreich und sogar aus Stuttgart. Regelmäßig berichtet die New York Times, häufiger als die deutschen Feuilletons. Denn das Festspielhaus ist berühmt für seine unvergleichliche Akustik, die prächtigen Inszenierungen mit den allerbesten Künstlern aus aller Welt und das außergewöhnlich kluge Konzept, ein solches Haus ganz ohne öffentliche Zuschüsse zu betreiben. So etwas gibt es nicht noch einmal in Deutschland, nicht in dieser Dimension.

Bis zu 300 Euro kann eine Eintrittskarte kosten, aber auch das würde nicht ausreichen, wenn nicht viele Bürger der Stadt Jahr für Jahr den Spielbetrieb finanzierten. In jedem Programmheft findest du ein paar goldene Seiten, auf denen die Namen der Förderer zu lesen sind. Frieder Burda steht da, der seine Sammlung in der Lichtentaler Allee zeigt, Wolfgang Grenke, der Stifter des Museums für das 19. Jahrhundert oder Karlheinz Kögel, l'Tur-Gründer und Medienunternehmer. Wer nicht auf dieser Liste steht, ist irgendwie kein richtiger Baden-Badener. Denn Baden-Baden ist keine Stadt, sondern ein Mikrokosmos: Du denkst zuerst, er ist leicht zu fassen. Doch wenn du in ihn eintauchst, erliegst du seiner Faszination.

Autor:
Andreas Hallaschka