Lübeck Party mit Hotpants, Tischkickern & norddeutschen Wirten

Die schönsten Kneipen in Lübeck sind One-Man-Shows. Hier läuft keine Bedienung mit elektronischer Gerätschaft am Gürtel herum, um die Bestellung via Touchpad zu speichern. Bedienung und Barkeeper sind eine Person und die Kneipen so klein, dass man sich über den Tresen hinweg direkt verständigt. Eines dieser Wohnzimmer für die späten Abendstunden ist die "Sternschnuppe" in der Fleischhauerstraße.

Dunkelblaue Wände schlucken das letzte Tageslicht, das durch ein großes Bogenfenster fällt. Die meisten Gäste kommen aber ohnehin erst, wenn es draußen schon dunkel ist. Ein Sammelsurium an alten Barhockern, Bänken und Stühlen schart sich um die sieben Tische und den Tresen. Die Decke ist ein Sternenhimmel aus kleinen Lämpchen, ansonsten wird der Raum durch Kerzen beleuchtet. Der in die Höhe ragende grüne Kachelofen bollert vor Gemütlichkeit, auch wenn er nicht mehr angefeuert wird.

Auf der gepolsterten Bank an der Bar sitzt man wie auf einem Kutschbock und kann dabei zusehen, wie das Bier aus dem Hahn ins Glas läuft. Der Mann für alles heißt Sascha und hat einen mustergültigen 5-Tage-Bart. "Magst du auch 'n Bier?" fragt er in sauberem Norddeutsch - das "r" von Bier zu einem leichten "ä" verfremdet. Zu Recht gilt der nordische Dialekt als der schönste in Deutschland. Während der Schaum im Glas wieder zu Bier wird, sucht Sascha das nächste Lied auf seinem Laptop aus - soviel neuzeitliche Technik muss dann doch sein. Neben seinem Job in der Kneipe legt er regelmäßig in Clubs und einer Cocktailbar auf. "Im 'Parkhaus' ist es eher Pop, Rock und Indie, im 'Ohana' spiel' ich dagegen bessere Fahrstuhlmusik, damit die Leute noch quatschen können", sagt er und lacht. Hier macht er das so nebenbei - One-Man-Show eben.

Jeden Sonntag wird in der "Sternschnuppe" die Leinwand über der Bar heruntergerollt und pünktlich zur Primetime erstrahlt das berühmte Fadenkreuz auf dem königsblauen Hintergrund - der "Tatort" ist ein fester Termin für Lübecker Hobbykommissare, die lieber im Kollektiv auf Mörderfang gehen. Anderntags werden Futurama, die Simpsons oder Fußballländerspiele übertragen - oder wie an diesem Abend der Kampf zweier Schwergewichte: Klitschko gegen Haye.

Es ist halb zehn, die Tür geht auf. Wie in einer Flens-Werbung brummeln alle hintereinander "Moin" - "Moin" - "Moin" - "Moin". Zwei von ihnen verschwinden vor dem Boxkampf noch im Hinterzimmer, kickern. "Tischfußball ist ziemlich groß in Lübeck", sagt Sascha. "Wir spielen sogar in der Liga." Er freut sich auf den nächsten Spieltag, der in einer der einschlägigen Kneipen stattfindet. "Der beste Spieler hat beim nächsten Turnier keine Zeit. Vielleicht kommen wir dann mal auf Tabellenplatz eins - für einen Spieltag", sagt er und muss ein bisschen schmunzeln.

Niemand im idealen Himmel

Als die Boxer im Ring ihre Pranken gegeneinander erheben, ist fast jeder Platz besetzt. Ich gebe meinen auf und biege zwei Straßen weiter in eine schiefgieblige Einbahngasse namens Hundestraße. Die Fensterbänke der Häuser sind so hübsch vollgestellt, dass sich der Blick in die Wohnzimmer und Küchen im Parterre quasi aufdrängt. In diesem schnuckeligen Gässchen erwartet man eigentlich gar keine Kneipe - und schon gar nicht so eine. Als ich die Tür öffne, schlagen mir kalter Rauch und Elektro-Rap von Deichkind entgegen: "23 Dohlen fliegen ganz weit hoch, sie spähen auf den Boden und warten auf Dein' Tod. Sie tun nur ganz friedlich auf dem Hochspannungsmast, das Gift in ihren Blicken nimmt dir jegliche Kraft."

"Hallo", sage ich. Um selbst begrüßt zu werden, hätte ich vielleicht besser "Moin" sagen sollen. Der Barkeeper schaut mich erwartungsvoll an. "Gibt's auch Bier aus dem Hahn?" - "Nee, nur Astra, Jever und Becks aus der Flasche", sagt er. Es ist halb elf, kein Klitschko, kein Haye und auch sonst ist bisher niemand im idealen Himmel angekommen. Vielleicht ist es auch einfach nur zu früh für das Stammpublikum.

Der Barkeeper stellt ein Jever auf den Tresen. Er trägt einen blauen Kapuzenpullover, auf seinem Rücken steht: "Derbe Hinterhof Liga". "Zwei zehn", sagt er. Wahrscheinlich ist es auch für ihn noch zu früh. Ich nehme das Jever und setze mich an einen Tisch. Die Bank ist mit rotem Cord überzogen, durch lange Schlitze klafft der Schaumstoff heraus. Die Decke ziert ein verschnörkeltes Mosaik aus Hunderten von roten, grünen und gelben Kronkorken. Im idealen Himmel sind die Wände einen Meter hoch mit roten Zaunlatten getäfelt, Fußmatten und Kleckerunterlagen mit Blumen dekorieren die schwarz gestrichene Wand darüber. Über der Schnapsbar thront ein mexikanisches Stierhorn, ausgetrunkene Gin-Flaschen dienen als Kerzenständer. Gut ausgeleuchtet ist nur der Kickertisch beim Eingang. Die Lautsprecher raunen: "Geht ab wie Schmitz' Katze".

Als ich mich eine Stunde später verabschiede, sagt er freundlich und ein bisschen vorwurfsvoll: "Und jetzt gehst du auch noch!" Ich bin fast etwas gerührt. Mit fällt ein Buch von Annette Pehnt ein: "Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen, das muss gar nicht lange dauern"

Die Straßen sind wie ausgestorben. Alle Kneipen, die den Kampf im 60 Kilometer entfernten Hamburg übertragen, sind rappelvoll - die anderen gähnend leer. Sowie der Kampf vorbei ist, strömen die Leute auf die Straße. Plötzlich bilden sich Schlangen vor den Clubs "Parkhaus" und "Hüx" am Hüxterdamm. Ein paar Meter weiter in der Kanalstraße an der Wakenitz liegt der Diskofrachter "Cargo". Das 80 Jahre alte Binnenschiff tuckerte mit seiner Ladung durch die Wasserstraßen Europas, bis 2010 ein Tanzclub hineindesignt wurde.

Rechtshaltegebot beachten

Seit letztem Herbst hüpfen junge Lübecker nun im Frachtraum auf den alten Holzbohlen herum, wo früher Getreide und andere Güter verstaut wurden. Bei gutem Wetter kann man auf den Schiffsterrassen ein kühles Bierchen zischen und sich schon mal aufs Tanzen einstimmen. Je nach Thema variiert die Musik von Reggae und Dancehall über House und Elektro bis HipHop oder Musik aus den 1980ern. Aber auch innerhalb eines Abends kann man das Tanzbein auf unterschiedlichen Dancefloors schwingen. Um mehr Menschen "laden" zu können, wurde in den Frachtraum eine zweite Ebene eingezogen.

Das ist loungig eingerichtet mit schillernden Wasserlichtspielen an der Wand und gemütlichen Couchlandschaften. Leider will es manchmal stylischer sein als ihm steht: Die Getränkepreise erscheinen auf einem Bildschirm und an manchen Stellen sieht sich der alte Frachter selbst kaum noch ähnlich. Der Rettungsring, das Bullauge und der Kranhaken an der Wand verkommen zu Kitsch. Dabei hätte es schon gereicht, wenn die Betreiber die genieteten Stahlwände unverputzt gelassen und keine viereckigen Fenster eingebaut hätten.

Auf dem Weg ins - das tatsächlich zwei Ebenen eines Parkhauses füllt - stöckeln ein paar Mädels in Hot Pants und gewagten High Heels vor mir her. Sie müssen den Türstehern ihren Personalausweis zeigen und werden an der Kasse durchgewunken. Die Veranstalter haben mit ihrer Politik "Freier Eintritt für alle Ladies im sexy Sommeroutfit" sichtbaren Erfolg: Das "Parkhaus" ist voll von Achtzehn-, Neunzehn-, Zwanzigjährigen in wenig Klamotten.

In der Kellerebene brummen Bässe, Diskokugeln und Tanzende drehen sich, letztere bis ihnen schlecht ist. Die Mädchen scheinen Angst gehabt zu haben, nicht sexy genug zu sein und unterbieten sich gegenseitig mit ihren Ultraminiröcken. Auf schwindelerregenden Pfennigabsätzen treten sie von einem Fuß auf den anderen und schlängeln ihre Körper zu Shakiras "Loca - I'm crazy but you like it". Hier wird getanzt, um gesehen zu werden - und sie werden gesehen.

Mehrere gut gebaute Aufpasser in schwarzen Anzügen und verkabelten Ohren stellen Recht und Ordnung und gutes Benehmen sicher. Wenn ein solcher Mann einem auf der Treppe entgegenkommt, sollte man unbedingt das Rechtshaltegebot beachten. Sonst kann es passieren, dass er den Gedankenlosen mit fester Stimme fragt, ob er links und rechts nicht unterscheiden könne. Meist reicht aber ihre bloße Anwesenheit, damit sich alle regelkonform verhalten.

Schräg gegenüber vom "Parkhaus" ist das . Das Musikrepertoire von Rock, Pop, Dancehall, Indie und HipHop deckt sich zwar in etwa mit dem vom "Parkhaus", doch echte Konkurrenten sind die beiden Diskotheken nicht. Im "Hüx" sind keine Alterskontrollen nötig. Hier feiern nur die "Großen".

Um zur Tanzfläche zu gelangen, muss man sich an den vielen Menschen vorbei schieben, die an der Bar anstehen und versuchen, die Musik zu übertönen. Jeden Freitag gibt's "Klingt super" und jeden Samstag "Favourites - die lieben wir". An den anderen Tagen bleiben die Türen zu und an diesem Konzept wird auch nur ausnahmsweise mal gerüttelt. Über der Tanzfläche ist ein ganzes Feld wild blinkender Lichterketten und Diskokugeln. Scheinwerfer tanzen genauso ausgelassen hin und her, wie die Ü20er bis Ü40er. Hier geht es ums Feiern und nicht so sehr darum, was für eine Figur man dabei macht.

Das Clubdreieck Hüxterdamm-Hüxterdamm-Kanalstraße hat sich perfekt auf sein nächtliches Publikum eingestellt. Wen zwischendurch der kleine Hunger packt, kann ihn in dem kleinen Pizzaladen stillen oder am Nachtkiosk neben dem "Rauchfang". Der Name der Absturzkneipe ist nicht weit hergeholt: Vor jedem Barhocker steht ein Aschenbecher, der mehrmals am Abend geleert werden muss. Die Spelunke ist zwar nicht wirklich ein Ort zum Wohlfühlen, umso erstaunlicher ist, dass man es trotzdem tut. Herbe bis herzlich sind Gäste und Wirtin - treue Freunde bis in die Morgenstunden, wenn in den Clubs schon längst die Lichter aus sind.

Autor:
Katharina Müller-Güldemeister