Düsseldorf Niedergang einer Residenzstadt

Wie an jedem Sommerabend sitzt der Kurfürst auf seinem Pferd, umringt von angetrunkenen Menschen, und schaut über die wogende Menge in der Altstadt. Auf dem Sockel seines Denkmals steht geschrieben, die Bürger hätten es dem Landesherrn zum Geschenk gemacht. Das lesen die Düsseldorfer gern, aber auch wenn es auf Latein dort steht: Es stimmt nicht. Die Inschrift ist rund hundert Jahre jünger als die Figur, und die Bürger stifteten nur den Sockel. Das Standbild ließ Johann Wilhelm II., Kurfürst von der Pfalz, Herzog von Jülich-Berg, Pfalzgraf von Neuburg, genannt Jan Wellem, sich selbst zu Ehren vom italienischen Bildhauer Gabriel de Grupello anfertigen.

Gleich um die Ecke in der Zollstraße steht das Gasthaus "En de Canon", in dem der Fürst gern mit seinen Untertanen gezecht haben soll. Auch das hören die Düsseldorfer gern, auch das stimmt nicht. Wenn Jan Wellem das Lokal betrat, um mit seinen Hofkünstlern zu trinken, so hatten es Gewöhnliche zu verlassen, und zwar schleunigst und rückwärts laufend.

Denn dieser Kurfürst war ein barocker Herrscher, wie er barocker kaum sein kann, und das heißt: überhaupt nicht volksnah, absolut und in all seiner Herrschaftsfülle so gottgewollt wie sein Zeitgenosse und Kriegsgegner Ludwig XIV. Das heißt aber auch: lebensnah, kunstsinnig, ausschweifend, sinnlich.

Fürst zu sein, das bedeutete in seiner Zeit, Ruhm und Macht anzustreben, die Königswürde zu erringen und möglichst den Beinamen "der Große" noch dazu. Dafür gab es durchaus unterschiedliche Wege. Der gewöhnliche war die Machtpolitik, die Parteinahme für eine der übrigen Mächte Europas, der Krieg. Der andere war der gesellschaftliche Ruhm, sprich Prachtentfaltung, höfische Lebensart, Förderung der Kunst und Schönheit. Jan Wellem wählte, nicht ganz freiwillig, den letzteren.

Dabei hatte er durchaus politische Ambitionen, gewiss wollte er König werden und wurde wahrscheinlich gelb vor Neid, als der Kaiser 1701 dem Brandenburger Kurfürsten zugestand, sich König in Preußen zu nennen. Gewiss ist auch, dass seine Pläne mehr Träume als Strategien waren. Schon sein Vater Philipp Wilhelm hatte den 15-Jährigen als Kandidaten für die polnische Krone ins Spiel gebracht, er selbst versuchte mitzumischen, wenn irgendwo in Europa ein Thron frei wurde. Jahrelang zeigte er allen sein Interesse an den Spanischen Niederlanden, ein Friedensplan für die Zeit nach dem Spanischen Erbfolgekrieg sah sogar ernsthaft vor, für Jan Wellem ein Königreich aus Sizilien, Sardinien und den Balearen zusammenzuwürfeln. 1695 ereilte ihn der skurrilste Vorschlag: Wenn er, so ein Abgesandter, dem armenischen Volk gegen das persische Joch hülfe, könne er König im Kaukasus werden.

All dies konnte er verfolgen, ohne sich lächerlich zu machen, denn die Pfälzer Kurfürstenfamilie hatte den Kontinent gut im Griff: Jan Wellem hatte nicht weniger als 16 Brüder und Schwestern, von denen 13 das Erwachsenenalter erreichten, eine Geschwisterschwadron, die ganz Europa mit einem Netz aus verwandtschaftlichen Verpflichtungen und Zuneigungen überzog. Seine Schwestern heirateten den Kaiser Leopold in Wien, den König von Spanien und den von Portugal, den Prinzen von Polen und den Herzog von Parma; die Brüder ehelichten diverse Fürstentöchter, bis auf vier, die als Bischöfe und Fürstbischöfe Macht erlangten. Johann Wilhelm selbst heiratete nach ganz oben: 1678 nahm er Maria Anna Josepha zur Frau, die Halbschwester seines Schwagers, des deutsch-römischen Kaisers Leopold I. Eine Liebesheirat, wie man sagt, und eine unglückliche dazu. Zwei Kinder starben bei der Geburt, die Herzogin wurde nur 34 und starb 1689.

Ein Jahr später starb auch Jan Wellems Vater und vererbte die pfälzische Kurfürstenwürde. Damit hätte der Sohn eigentlich aufs Heidelberger Schloss gehört, aber das hatten die Franzosen ebenso zerstört wie den Rest der Kurpfalz. Und weil der Katholik Jan Wellem nicht viel zum Schutze der Evangelischen unternommen hatte, war er in der von den Franzosen zwangskatholisierten Pfalz auch ausgesprochen unbeliebt. Jan Wellem lebte in seiner Geburtsstadt Düsseldorf viel komfortabler, er war seit seiner Hochzeit Herzog von Jülich-Berg, ein Titel, den sein Großvater sich 1614 erstritten hatte. Der hatte Düsseldorf ausgebaut und ziemlich unbeschadet durch den Dreißigjährigen Krieg laviert, was Jan Wellem nun zugute kam. Er war ein bergischer Rheinländer, obwohl er stets mehr Wein als Bier im Blut hatte.

Hätten seine Königsträume Erfolg gehabt, er hätte fortgemusst. Hätte Frankreich nicht so gewütet, er hätte in den Süden ziehen müssen. So aber blieb er in Düsseldorf. Damit begannen 26 Jahre, in denen die Stadt derart erblühte, dass sich alle Höfe Europas den Kopf nach ihr verdrehten. Das prägt die Stadt bis heute.

Die Stadt verdrehte ganz Europa den Kopf

Jan Wellem wollte seine Heimat zu einer glänzenden Residenz aufplustern. Düsseldorf sollte um das Dreifache anwachsen, er unterstützte katholische Kirchen und Klöster bei Bauvorhaben, trieb die Bebauung der Zitadelle voran und umstellte den Hof mit Oper, Marstall, Pagenhaus, Kasernen und Wirtschafts- und Verwaltungsgebäuden. Ein Machtzentrum sollte entstehen, wie es einem König gebührte, eine Metropole, deren Glanz den von Paris überstrahlen sollte. Das nahm Jan Wellem ganz wörtlich und ließ 383 Laternen aufstellen, die das ganze Jahr über brannten und nicht nur im Winter, wie in der Stadt Ludwigs XVI. Auch sollten Neubauviertel für 20.000 Menschen entstehen. Von all dem sieht man heute nichts, weil etliche dieser Pläne am Ende in der Schublade landeten.

Der frischgebackene Kurfürst nahm Anna Maria Luisa zur zweiten Frau, eine Prinzessin aus der toskanischen Familie der Medici. "Die Prinzessin gewinnt immer mehr an Liebreiz. Sie ist von großem Wuchs, ihre Haare sind tiefschwarz. Ihre Augen sprühen voller Leben und Esprit, sie schreitet sehr graziös", schrieb ein französischer Gesandter in Florenz über sie. Die Heirat war dennoch mehr ein politischer als erotischer Vorgang, aber eine der folgenreichsten Ehen der Epoche. Mit der kunstsinnigen Südländerin kam die Schönheit aus Florenz nach Düsseldorf.

Gemeinsam ergänzten die beiden den politischen Ausbau der Stadt um den künstlerischen. Auch hierbei kamen ihnen ihre europaweiten Beziehungen zugute: Mit den eng verwandten Höfen in Wien und Florenz wurden Opernlibretti und -partituren ausgetauscht. 1696 wurde das Düsseldorfer Opernhaus eröffnet, schon im folgenden Jahr gab es allein vier Inszenierungen, 1710 und 1711 weilte dann gar der damalige Superstar der europäischen Musikszene, Georg Friedrich Händel, in der Residenzstadt.

Aber was das Fürstenpaar vor allem auszeichnete, war seine Leidenschaft für die Malerei. Ein ganzes Netzwerk von Agenten leitete Kunstankäufe in Italien, Spanien und den Niederlanden ein. So wuchs in Düsseldorf eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Zeit heran, Bilder von Michelangelo, Raffael, Caravaggio und vor allem Rubens waren darunter.

Jan Wellem holte Künstler der führenden Schulen nach Düsseldorf, machte sie im "En de Canon" betrunken und ließ sie bindende Verträge unterschreiben. Jan Frans Douven, Adriaen van der Werff und Gabriel de Grupello arbeiteten Jahrzehnte für den Hof. Die Zahl der Bilder wuchs und wuchs, mehr ein Sammelsurium als eine Sammlung, bis der Fürst ab 1709 eine Galerie bauen ließ.

Das Geld für all diese Aktivitäten musste er sich sich von Fall zu Fall zusammenraffen. Der Magistrat der Stadt wurde zur Kasse gebeten, und als er sich wehrte, von Jan Wellem als "Hauffen Esell und Idioten" beschimpft. Auch die Landstände wurden nicht verschont, weigerten sich aber schon erfolgreicher. Woher das Geld kam, ist nur ungenau überliefert, aber einen erheblichen Teil zahlten wohl England, die Niederlande sowie der deutsche Kaiser, denen er dafür Truppen zur Verfügung stellte. Blut für Ölgemälde, dieser Deal machte ihm kein schlechtes Gewissen, allein die Kunst war ihm wichtig. Was Jan Wellem zusammentrug, repräsentierte nicht nur die Malerei Europas seit der Renaissance, sondern gab auch die neuesten Tendenzen seiner Zeit wieder.

Düsseldorf leuchtete und musizierte, es lockte Menschen aus ganz Europa zum Besuch, es überstrahlte manchen Königssitz. Fraglich ist, ob das Fürstenpaar noch lange so hätte auftreten können, ohne pleitezugehen. Dann aber erkrankte der Herrscher und starb 1716. Er wurde 58 Jahre alt und hinterließ keine Kinder, Anna-Maria Luisa war allein und 50 Jahre alt.

Jan Wellems Tod war das Ende Düsseldorfs als Residenzstadt. Anna-Maria Luisa verließ die Stadt ein Jahr später; mit 80 Bediensteten und dem Teil des Kunstschatzes, der ihr gehörte, zog sie zurück in ihre Heimatstadt Florenz, der sie sämtliche Gemälde vermachte.

Die späteren Pfälzer Kurfürsten residierten in Heidelberg, Mannheim oder München. Und sie nahmen den Hauptteil der Gemäldesammlung mit, der Grundstock der Alten Pinakothek in München wurde. Wer am Hofe verdient hatte, verließ nun Düsseldorf, die Stadt schrumpfte und verarmte, die Musik verklang, die Lichter gingen aus: Der Magistrat weigerte sich, das Öl für die üppige Befeuerung der Wellemschen Laternen zu bezahlen. Zwei Dinge haben dennoch bis heute in Düsseldorf überdauert: die Liebe zur Kunst und zum Feiern.

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Autor:
Roland Benn