Wolfsburg Nicht selten fließen Tränen

Es sind nur noch wenige Tage bis zum großen Treffen. Bis zu jenem Moment, in dem der Kunde das erste Mal vor sein neues Auto tritt. Es betrachtet, befühlt, einsteigt und den Zündschlüssel dreht. Frisch aus dem Werk wird der Wagen vor ihm stehen. Ein großer Augenblick.

Doch vorher ist noch viel zu tun. In Halle 12 des Volkswagen Werks herrscht konzentrierte Betriebsamkeit, leises Rauschen hängt in der Luft, hier und da ein Dröhnen. Fertigungstische stehen herum, Schubregale, Schränke mit Teilen und Geräten. Montagetechniker sitzen an Computern, hoch über ihren Köpfen schweben Karosserien an einer Elektrohängebahn durch die riesige Halle.

Inmitten dieser Szenerie kommen die fertigen Neuwagen daher, auf einem schwarzen Montageband laufen sie im Schneckentempo ein. Darunter auch ein vorbestellter silberfarbener Golf BlueMotion, jungfräulich und blitzblank. Zigtausend Arbeitsschritte hat er hinter sich; nun ist er kurz davor, das Werk zu verlassen.

Neben dem Golf steht Sebastian Gippert, Fertigungskoordinator in der Montage. Herr Gippert hat 2 500 Mitarbeiter und ist auch für die letzten Phasen verantwortlich, die jeder Neuwagen vor der Auslieferung durchläuft. "Der Golf ist jetzt zwar komplett fertig", sagt er, "aber erst hier am UPS-Band wird er zum Laufen gebracht. Erweckung, das klingt vielleicht ein bisschen dramatisch, aber im Grunde geschieht hier nichts anderes."

UPS steht für Universelle Prüfstation. Hier erfolgt die Endkontrolle. Am Lenkrad des Golfs klemmt ein Computer, auf dessen Display Zahlen leuchten und Kennnummern zu lesen sind. Neben dem Golf steht ein DBL-1200-Ladecomputer, der die Batterie auflädt. Der Kofferraum ist geöffnet, die Sitze haben Schutzbezüge. Derweil prüft das "Electric Check-out System" (ECOS) mit Hilfe einer komplizierten Software die elektrischen Funktionen und Geräte an Bord. Die Stromwerte sämtlicher Verbrauchseinheiten, ob Airbag, Blinker oder Radio, werden mittels magnetischer Induktion gemessen und über Funk an den Prüfplatzrechner übertragen.

Am Heck hängt ein breiter, schwarzer Schlauch, die automatische Abgasabsaugvorrichtung. Im Golf hat jetzt ein Montagetechniker im weißen Overall Platz genommen, es ist so weit: Er dreht den Zündschlüssel - und jetzt springt das allererste Mal der Motor des Golfs an. Ein sattes Geräusch, ruhig und rund. Eigentlich müsste man jetzt die Korken knallen lassen. Tausende Teile arbeiten im Wagen zusammen, zig Systeme funktionieren reibungslos. Nach zahllosen Arbeitsschritten steht das komplexe Endprodukt auf dem Band.

Doch die Party fällt aus. Die Neuwagen kommen hier fast im 20-Sekunden-Takt an. Bei bis zu 3300 "Erweckungen" am Tag käme man aus dem Feiern gar nicht mehr heraus. Außerdem steht der nächste Schritt an. Denn nicht nur die gesamte Fertigung im Werk ist auf die Minute genau getaktet, auch Endkontrolle und Auslieferung verlaufen nach exaktem Zeitplan.

Der silberfarbene Golf muss prompt weiter, nun auf den ALS-Stand, ebenfalls in Halle 12. ALS. Das bedeutet, dass hier Achse, Lenkung und Scheinwerfer eingestellt werden, der Wagen steht inzwischen auf Rollen. Monitore hängen um den Golf, um ihn herum arbeiten Männer in Weiß, blicken in den Motorraum, tragen dicke Ordner bei sich. Man könnte sie Skeptiker von Beruf nennen. Denn sie vertrauen keinem noch so kritischen Blick und keiner noch so blanken Oberfläche. Die Prüfer geben sich nur mit harten Fakten zufrieden.

Wieder hängt der Wagen an einer Ladeeinheit, Kabelstränge, Schläuche und Hydrauliken sind mit ihm verbunden, als stünde dem armen Golf, kaum dass er zum Leben erweckt wurde, schon eine heikle Operation bevor. Der MDA wird angeschlossen, der "Mobile Diagnose Adapter", und nun kommen die Zahlen auf den Tisch. Zwei Prüfsysteme sind parallel geschaltet und liefern einem Server über Sensoren pro Fahrzeug 600 Daten und Ergebnisse. Beleuchtungswerte, Lenkwinkel, Lichtstärken, Gewicht.

"Pro Wagen sind vier Computer im Einsatz, um alle Funktionen des neuen Fahrzeugs zu testen", sagt Paul Pawlenko, Anlagenfahrer und Technikspezialist. "Und unseren elektronischen Augen und Ohren entgeht nichts." Neben dem Golf vergleichen zudem Kameras mit Speziallinsen Echtbilder mit Sollbildern. Hier wird der Strahlwinkel der Scheinwerfer penibel eingestellt. So penibel, dass allein für die Positionierung des Messinstruments für einen Nebelscheinwerfer der Wert so ausfällt: 732,495. Der Golf muss beweisen, was in ihm steckt, bis zur letzten Stelle nach dem Komma. Schummeln ist nicht erlaubt, Tricksen sinnlos.

Gleiches gilt auf der nächsten Prüfstation, denn noch immer ist der Wagen nicht zur Auslieferung bereit. Auf dem Rollenprüfstand muss der Golf jetzt beschleunigen, zuerst auf 120 Stundenkilometer, dann auf Vollgas. Und wieder hängt er an Computern, diesmal in einem Testtunnel. Die Techniker tragen Checklisten bei sich, Stempel machen die Runde, Prüfzettel, Häkchen. Ordner für Ordner wird durchgegangen, eine Qualitätsdokumentation, die Volkswagen für jedes Fahrzeug 15 Jahre lang aufbewahrt.

Der Ausflug nach Wolfsburg als Erlebnisreise

Auch für den Kunden hat der Countdown begonnen. Bald wird er zur Autostadt in Wolfsburg aufbrechen, um seinen neuen Golf abzuholen, den er zuvor beim Händler bestellt hat. So etwas erlebt man in der Regel nicht allzu oft. Sein neues Auto direkt an dessen Geburtsstätte entgegenzunehmen ist etwas Besonderes. Für viele ein emotionaler Moment. Denn ein Auto, vor allem ein zuvor nie gefahrenes, ist für viele Menschen mehr als ein Auto, es ist ein Stück Lebensgefühl.

Der Golf BlueMotion durchläuft derweil die letzten Etappen seines Testmarathons, bevor er vom Werk an die Autostadt übergeben wird. In einem Lichttunnel wird seine Oberfläche kontrolliert, Optik und Haptik müssen stimmen. Klappen alle Türen auch perfekt zu? Glänzt der Lack wie gewünscht und weist keinerlei Spuren auf? Erst dann wird der Wagen transportfähig "eingepackt". Er bekommt einen Schutzüberzug über Dach und Motorhaube gestülpt, eine mit Fleece bezogene Folie. Je nach Termin der Abholung werden die Neuwagen für kurze Zeit auf riesigen Parkplätzen im Werk abgestellt.

"Wir übernehmen den neuen Wagen wie einen frisch eingepackten Fernseher, wenn Sie so wollen", sagt Ulrich Höfner von der Abteilung Fahrzeugvorbereitung Autostadt. Dort gilt es, das Auto auf die Abholung vorzubereiten, es fahrbereit zu machen. Vorher muss der Golf aber noch in Halle 52. Auf einem Bildschirm leuchten die nächsten Etappen. Übergabeinspektion, Finishband, Schleusen. Denn nein, so ganz fertig ist der Neuwagen eben noch immer nicht. Der Reifendruck wird kontrolliert, das Radio eingestellt. Die ersten zehn Liter Benzin fließen in den Tank, die Radkappen werden montiert und alle Flüssigkeiten aufgefüllt.

Im Finishbereich polieren die Mitarbeiter alle Oberflächen noch einmal, mit Handschuhen und Mikrofasertüchern, gelbe für den Lack, blaue für die Scheiben. Zehntausend dieser Tücher sind ständig im Einsatz, jedes wird nur einmal benutzt. Der Golf ist jetzt bereit. Morgen Nachmittag ist es so weit. Der Kunde wird ihn entgegennehmen, 16 Uhr 30, so steht der Termin im System. In Halle 6/7 erfolgt die Übergabe an die Autostadt, anschließend wird der Wagen auf "Skids", Plattformen, durch einen gläsernen Tunnel zu den beiden AutoTürmen gebracht, den Wahrzeichen der Autostadt.

Und hier darf der Golf eine Nacht auf einer der wohl erhabensten Parkpositionen verbringen, die es gibt. Zwei Hydrauliklifte, Shuttles genannt, befördern die Neuwagen mit 1,90 Meter pro Sekunde auf eine der 20 Etagen und platzieren sie per speicherprogrammierbarer Steuerung auf einem der 800 Plätze. Dort stehen die Wagen bis zur Abholung - hinter Glas, prominent in Szene gesetzt, in großer Höhe und mit fantastischer Aussicht auf die gesamte Autostadt unter ihnen.

Der nächste Morgen. Im Kunden-Center liegt nun ein Bereitstellungsauftrag vor. Kundenname, Übergabezeit, alles ist darauf notiert. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Golf vom AutoTurm hinabfährt, letzte Handgriffe erfolgen und er schließlich auf die Bühne zu einem der Übergabeplätze beordert wird. Die Kunden sind nun auch eingetroffen, Peter Schierer mit Ehefrau Cora aus Hamburg.

Wie viele Besucher der Autostadt sind sie mit dem Zug angereist und wollen sich am Abend mit dem neuen Wagen zurück auf den Weg nach Hause machen, die erste große Fahrt. Viele Kunden kommen sogar schon einen Tag eher, bleiben eine Nacht im "The Ritz-Carlton, Wolfsburg", buchen ein Abendessen oder eine Veranstaltung in der Autostadt. Die Abholung als Kurztrip, großes Programm und gute Unterhaltung inklusive.

Die Schierers aus Hamburg begeben sich an diesem Morgen an die Welcome Lounge im Bahnhof. Hier wird ihnen das Gepäck abgenommen, die Mitarbeiter erklären alles Weitere. In der AbholerWelt geben die Kunden später die Kennzeichen und die Abholvollmacht ab. An 23 Plätzen sitzt hier das Check-in-Team vor weißen Computern, die Schierers erhalten ihren Tagesplan, Eintrittskarten und Gutscheine für Shop und Restaurants.

Wie die meisten haben sich die Hamburger für eine WerkTour entschlossen. Einmal erleben, wie ihr eigener Volkswagen entstanden ist, wie die einzelnen Produktionsschritte aussehen. Danach wollen sie sich noch die Autostadt ansehen, die Pavillons, die Lagune, das ZeitHaus.

Drüben im KundenCenter hat nun auch Harry Wolf alle Hände voll zu tun. Er ist Leiter der Fahrzeugauslieferung, zuständig für die Organisation der letzten Stunden der Neuwagen in der Autostadt. Unterhalb des KundenCenters ist der Golf jetzt angekommen. Es ist nachmittags. Zu ihrem Übergabetermin melden sich die Schierers am InfoDesk im Kunden- Center. Auf den Anzeigetafeln in der Autostadt taucht der Name der Schierers schon auf. Dazu der Name des Händlers, Uhrzeit und das Abholgate A.

Nicht selten fließen Tränen

Die Nummernschilder sind derweil montiert, ein letzter Check, ein letztes Polieren, der Golf wird nun auf die Bühne gefahren. Bereit für den großen Moment. Es gab hier auf diesen Übergabeplätzen schon herzrührende Szenen. Heiratsanträge, derweil im Kofferraum schon der Champagner kalt stand. Oder Neuwagen, die als Geburtstagsgeschenk präsentiert wurden, garniert mit hundert langstieligen roten Rosen.

"Viele Kunden haben einen ozeanischen Blick, wenn sie ihren Wagen das erste Mal sehen", sagt Wolf. "Es gibt nun mal kaum ein Gebrauchsobjekt, das so viele Emotionen freisetzt wie ein Auto. Da fließen öfter auch schon mal Tränen."

16 Uhr 30. Es ist so weit. Ein Mitarbeiter im Anzug nimmt das Ehepaar Schierer in Empfang. Fünfzig Meter sind es noch, einmal links, einmal rechts, dann stehen die beiden vor ihrem eigenen, mit Spannung erwarteten, silberfarbenen Golf BlueMotion. Dem Neuen. Stille. Staunen. Sie nehmen sich in den Arm. Sagen noch immer nichts. Dann sagt sie: "Sieht der schön aus!" Er: "Komm, wir setzen uns mal rein."

Viele tausend Kilometer wird der Golf seine neuen Besitzer tragen. Zur Arbeit, in die Ferien, weiß der Himmel wohin. Auf Wunsch bekommen die Schierers eine Einweisung, lassen sich alles erklären, Radio, Klimaanlage, Instrumente, die rollwiderstandsoptimierten Reifen und die Start-Stopp-Automatik. Im Namen des Händlers wird ihnen ein Blumenstrauß überreicht, das Gepäck wird zum Stellplatz geliefert. Auf Wunsch wird ein Foto gemacht, das die Schierers mitnehmen können.

Gegen 17 Uhr wird es ernst. Die Schierers haben Platz genommen. Sie starten den Motor, fahren los. Im Rückspiegel winken noch zwei Mitarbeiter, da leuchtet die Autostadt und thronen die Türme. Dann schnurrt der Golf um die Ecke und beginnt leise und behutsam seine erste Fahrt auf Deutschlands Straßen.

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Autor:
Marc Bielefeld