Baden-Württemberg Neue Streitkultur im Ländle

Für den Baden-Württemberger dürfte jene philosophische Frage gelten, inwieweit ein Objekt, das man gar nicht beobachtet, überhaupt existiert. Der baden-württembergische Mensch erscheint im Moment der Betrachtung als ein in den letzten knapp sechzig Jahren dank diverser politik-alchemistischer Praktiken zusammengelöteter Homunkulus. Stellt sich somit die Frage: Wenn wir diesem künstlich erzeugten Menschen den Rücken zukehren, ist er dann immer noch da? Oder fällt er etwa auseinander?

Nun, er spaltet sich selbst meist in zwei Hälften. Und zwar in den mal als lebende Karikatur verunglimpften, dann wieder mit neidvoll-ängstlichem Interesse betrachteten (württembergischen) Schwaben einerseits. Andererseits in den mir geradezu unbekannt und mysteriös erscheinenden, schwer einschätzbaren badischen Schwaben, der sich selbst lieber nur als Badener bezeichnet und vorwiegend die Region bewohnt, die die einen als einen südwestlichen Wurmfortsatz empfinden, die anderen als eine exotisch-wilde Insel an den Gestaden eines tobenden württembergischen Ozeans.

Bekannter als der Bindestrich, der den Homunkulus verschweißt, ist der Antagonismus, der das Verhältnis der beiden vermeintlich gänzlich unterschiedlichen "Ethnien" bestimmt und der sich in einer mal spielerischen, dann wieder sarkastisch bösartigen Weise äußert. Ja, man hat als Außenstehender oder Zugereister oft den Eindruck, genau dieser Widerspruch, diese Verachtung des Nachbarlichen, des Ähnlichen - das sich ins Fremde, in eine verzerrte Spiegelung verwandelt - bilde das eigentliche Liebesverhältnis zwischen den Badenern und den Schwaben. Eine Art negative Symbiose, bei der die Abstoßung, ja sogar der Ekel, zu einer knotenartigen Verbindung der beiden unterschiedlichen Organismen führt (wobei badische wie württembergische Schwaben gern die Franken vergessen, die quasi den Rücken des Bundeslandes bilden, während die gleichfalls meist ausgeblendeten Kurpfälzer durchaus als der bemützte Scheitel eines vielschichtigen Menschen durchgehen könnten).

Das deutlichste Zeichen dieser Verknotung ist der Witz. Wenn etwa ein Badener meint, nichts gegen Schwaben zu haben, ja ihnen sogar die Füße küssen zu wollen - "sie müssen nur hoch genug hängen". Oder wenn umgekehrt gefragt wird, was eigentlich die Schwaben gegen die Badener hätten, und sodann jemand antwortet: "Leider nichts, was hilft!" Und jemand anders schreibt: "Wir schon: das Schwäbisch. Wenn das die Badener hören, platzen denen die Köpfe. Eine tödliche Waffe." Wobei sowohl Badener wie Schwaben gern darauf verweisen, dass ihre Idiome deutschlandweit ohnehin nicht verstanden werden. Was dazu führt, dass etwa ein famoser Synchronisateur namens Dodokay im Fernsehen und Internet mittels brillant suebisierter Film- und Dokumentationsausschnitte das Schwäbische aufwertet. Oder dass ein "Lern Badisch!"-Clip wiederum beklagt: "Über 75 Millionen Deutsche können kein Badisch!" Und zur Mission aufruft.

Pure Koketterie? Der bekannteste, 1999 von der damaligen Landesregierung ausgerufene und bezeichnenderweise von einer Berliner Agentur entwickelte Werbespruch "Wir können alles. Außer Hochdeutsch" wurde dankbar aufgegriffen und im Zuge der Auseinandersetzungen um ein Bahnhofsprojekt von den aufmüpfigen Einheimischen konterkariert. Etwa durch Formulierungen wie "Wir können alles. Außer Bahnhof" über "Wir können alles. Außer rechnen" bis hin zu "Wir können alles. Außer Demokratie". Wortspiele und Gedanken, die ihrerseits weiter Aufschluss geben über die Baden-Württemberger und ihre Befindlichkeiten.

Stuttgart 21 - das lokale Gerangel

Anfangs bloß als lokales Gerangel wahrgenommen, wurde diese "Rebellion" zum durchaus weltweit beachteten und beobachteten Aufbegehren einer Bürgerschaft, der man genau dies niemals zugetraut hätte. Standen dieses Land und seine Menschen doch lange im Schatten diverser Vorurteile, etwa dem einer Prosperität, die jegliches Aufmucken oder Hinterfragen gesellschaftlicher und vor allem ökonomischer Verhältnisse unmöglich erscheinen ließ.

Das Bemerkenswerte - und für die Politik so Bedrohliche - war und ist die Zusammensetzung der Protestbewegten, die Vermischung der Milieus, die hier so unisono wie unzutreffend zu "Wutbürgern" degradiert wurden. Eine Schublade, die die derart fälschlich Etikettierten umgehend korrigierten, indem sie ihrerseits das W durch ein M ersetzten. Wussten sie selber doch am besten, dass dieser Protest eben nicht nur die üblichen Verdächtigen umfasst, sondern auch Wertkonservative, Bewohner besserer Gegenden, Pensionierte, Fachleute, bekennende Christen, Damen und Herren, die so aussehen, als seien sie, wie ich einmal schrieb, gerade auf dem Weg in die Oper. Natürlich, ein Teil der Leute im Land denkt anders. Wobei diese nicht so sehr ein Großprojekt von wenig schmeichelhafter Planlosigkeit verteidigen als vielmehr ihren prinzipiellen Glauben an die Leben spendende Kraft gewaltiger Investitionen, gleich, ob ein tatsächlicher Nutzen besteht oder nicht. Aber das ist nicht der Punkt.

Der Punkt ist die losgebrochene Diskussion, ja die Liebe zum Diskutieren an sich, zur politischen Debatte, wie man sie hier noch nicht erlebt hat. Andere können die Debatte über Bahngleise, über das eine oder andere Milliönchen und Milliardchen nicht mehr hören und mokieren sich über das i-Tüpferl-Reiten der b'häben Schwaben. Übersehen wird allerdings, dass der Kampf um den Kopfbahnhof etwas Wesentliches losgetreten hat: Landesübergreifend, von Mannheim über Karlsruhe und Freiburg bis Lörrach, vom Bodensee über Ulm und Crailsheim bis Wertheim, hat eine ganze Gesellschaft begonnen, über den Kernpunkt menschlichen Daseins zu streiten - die Moral.

Es entspricht meiner Überzeugung, dass der württembergische Pietismus - mal deutlich sichtbar, mal in der Art eines feinen Geruchs, den man nicht merkt, der aber wirkt - das Klima dieser Diskussionen und Umwälzungen bestimmt. Der pietistische Virus verführt selbst die, die ganz anderes glauben, dazu, sich über Fragen der Gerechtigkeit, über Wahrheit, über den Missbrauch der Wörter und das Primat einer von allen guten Geistern verlassenen Wirtschaft Gedanken zu machen. Und die Gedanken ins Gefecht zu werfen.

Die Streitkultur ist der große Gewinn

Die Streitkultur in diesem Bundesland ist der große Gewinn. Das mag man gern kleinreden, aber diskutierende Menschen braucht die Welt. Es geht neben dem Begriff der Moral darum, wie die Wörter "Moderne" und "Zukunft" zu definieren sind. Und ob das eine möglich ist: ein ökonomisch sinnvolles Handeln, bei dem Humanität, Anstand und die eigene Würde nicht flöten gehen.

Sollte es wirklich so sein, dass ausgerechnet in Baden- Württemberg das eigentliche 21. Jahrhundert beginnt? Keine Eroberung des Weltraums, sondern der Vernunft? Aber… Ja, sicher, da sind die "Lügenpack!"-Rufe der Protestierenden, die von den Adressaten wie der Presse so oft als diffamierend-plump abgeurteilt werden. Wobei gern vergessen wird, wie auf Buttons der Begriff des "Lügenpacks" auf ein dadaistisch lautklingendes LGNPCK verkürzt wird. Diese kunstvoll-ironische Schrumpfung steht viel eher für den rebellierenden Bürgergeist, der nun mal in der Tat gegen das Lügen aufbegehrt, gegen eine vom Teufel in die Welt gesetzte strategische Kommunikationsform, an die wir uns derart gewöhnt haben, dass es uns bereits als Ungeschicklichkeit, ja, als Versehen, erscheint, mal darauf zu verzichten.

Wenn nun aber plötzlich die Lüge am Pranger steht - die Bauernschläue, die Gerissenheit, der Charme, die Reklame, das Augenzwinkern -, dann ist es erneut der pietistisch- strenge Geist, der hier in die Hirne der Menschen fährt. Ein Geist, der - historisch gesehen recht wundersam - vorzüglich harmoniert mit dem Geist der badischen Fraktion dieser neuen Aufständischen ("Das wollen wir nicht aus Baden"); einem Geist, dessen katholisch-heitereres Fundament den eher ungeübten württembergischen Rebellen ebenso gut tut wie seine Renitenz aus Tradition - womit ich die großartige Errungenschaft meine, auf die die badischen Brüder und Schwestern zu Recht mit Stolz blicken können: ihre Badische Revolution.

Aus der landesweit geistreichen Diskussion erwuchs der Glaube (gleich wie illusorisch oder nicht), die Dinge ändern zu können - und sich nicht etwa erst im Nachhinein, wenn alles zu spät ist, im Jammern über das Nicht-mehr-Zurücknehmbare zu üben. Ganz typisch dabei, dass diese "neuen Bürger" weniger utopische Verhältnisse im Auge haben, sondern ihre Kritik mit der Herangehensweise von Buchhaltern und Ingenieuren artikulieren. Und auch gleich mit Gegenvorschlägen in den Kampf ziehen. Ebenso typisch, dass sie einen Mann wie Winfried Kretschmann, den exkommunistischen, katholischen Grünen aus Spaichingen, zu ihrem Ministerpräsidenten erkoren haben. Einen Mann, dem der Reiz der Langsamkeit und Zurückhaltung anhängt und dessen Katholizismus, wenn ich das sagen darf, eben pietistische Züge aufweist - weniger einen Hang zu barocker Üppigkeit und einem kumpelhaften Verhältnis zu Gott denn einen Zug zur Frömmigkeit (aber nicht zum Frömmelnden; wobei Kretschmanns Katholizismus in dem Moment durchschimmert, wenn er das Wort "Wunder" in den Mund nimmt, aber eher, scheint mir, an das Bild vom Wunder denkt, als allen Ernstes an Wunder zu glauben).

Die Enttäuschungen gehören natürlich dazu, sie sind unauflöslicher Teil eines Brettspiels, das wir Realität nennen, weshalb bereits kurz nach Kretschmanns Wahl die ersten Ent-Täuschungen auftraten. Freilich: Auch Brettspiele können sich ändern. Schach war nicht immer das Schach, das wir kennen. Aber dazu braucht es Ernsthaftigkeit. Ja, die Badener wie die Württemberger wirken auf mich, der ich im theatralischen Wien groß geworden bin, ungemein ernsthaft, näher dem Boden, auf dem sie stehen, als dem Himmel, der in der Ferne lockt und von dem man sich Vergebung erhofft. Diese Ernsthaftigkeit schließt aber nicht die Lebensfreude aus, man kann sich nämlich auch ernsthaft freuen (was einem Badener schneller einleuchten dürfte). Das Problem für manchen in diesem Lande ist jedoch ein Vergnügen, das von außen hereingetragen wird. Eine importierte Freude, die nicht dem Boden entwachsen ist, auf dem man steht, sondern die von Agenturen auf dem Mars, der Venus oder in Berlin entwickelt wurde. Die ist eine klinische, normierte, kosmologische Freude, die teuer bezahlt wird. Sich solcher Freude zu verweigern, mag einigen als Ausdruck des Konservativen erscheinen.

Aber man kann es ja auch als fortschrittlich auffassen, sich fremde Blödheiten ersparen zu wollen, wenn man doch durchaus zu eigenen in der Lage ist. Als ich vor Kurzem im altehrwürdigen, für sein heilsames Wasser wie seine Benutzer berühmten Stuttgarter Mineralbad Berg mein Badetuch ausbreitete, da vernahm ich eine Durchsage, die mir wie ein Symbol, gleichsam als eine akustische Flagge erschien: "Wir bitten den Fahrer des grünen Lotus, zum Ausgang zu kommen." Grüner Lotus! Sicher, die Baden-Württemberger sind für Daimler und Porsche bekannt. Aber die legendäre Exklusivität eines so formschönen wie eigenwilligen Sportwagens, der vor einem ebenso legendären Gesundheitsbad parkt, gepaart mit der für Autos doch eher untypischen, für die politische Entwicklung hingegen bezeichnenden Farbe - dies wirkte auf mich viel passender als eine dicke Mercedes-Limousine vor was auch immer. Denn der baden-württembergische Homunkulus ist ja gar nicht dick. Und schon gar nicht unelegant.

Nein, die kantige Grazie - und ich stelle mir natürlich einen alten Lotus vor - entspricht eher einem Menschenschlag, der, tief in seinen Traditionen verankert, neuerdings eine erstaunliche Beweglichkeit beweist. Sie schimpfen sich gegenseitig "Badenser" und "Sauschwaben", mitunter ohne Rücksicht auf kurpfälzische, fränkische oder oberschwäbische Differenziertheiten. Gemeinsam aber bilden sie dennoch eine formschöne Eigenwilligkeit. Zumindest, solange man hinschaut.

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Heinrich Steinfest