Nachgeschenkt Nah am Wasser gebaut

Auch Winzer zeigen gerne, was sie haben. Bereitwillig führen sie Besuchern ihre Keller vor, die neuen Edelstahltanks, die Barrique-Fässer und das Flaschenlager. Aber jetzt ist es anders. Nicht alle Winzer wollen runter in den Keller. Weil es eine Begegnung mit der harten Realität ist: dem Jahrgang 2010. Das Wetter machte, was es wollte. Mancher Winzer hat 50 Prozent der üblichen Erntemenge eingebüßt, ein Trauma, an das man nicht ständig erinnert werden möchte.

Manfred Aufricht hat zwar auch Einbußen zu verkraften, aber langes Hadern ist nicht seine Sache. Die Natur gibt es, die Natur nimmt es manchmal, gerade am Bodensee. Das nimmt Aufricht mit beinahe buddhistischer Gelassenheit hin. Schon 2009 war kein gutes Jahr für die Seewinzer. Am 26. Mai peitschte ein Hagelsturm mit 160 Stundenkilometer durch die Rebanlagen, der viele Winzer unglücklich machte. "Da zeigt sich, wie wenig Einfluss der Mensch hat", sagt Aufricht. "Da wird man demütig." Also ist der Winzer froh an dem, was er hat. Und das ist viel: Er hat das beste Sortiment am Bodensee anzubieten, dem südlichsten Anbaugebiet Deutschlands.

Der Winzer, Jahrgang 1965, leitet das Weingut Aufricht in Stetten bei Meersburg mit seinem Bruder Robert. Im Keller geht er von Fass zu Fass und probiert die neuen Weine, er lächelt zufrieden. Draußen hat der See seine Nebelmaschine angeworfen, Wintermelancholie hat sich breit gemacht, die Touristen kommen erst wieder, wenn die Temperaturen steigen. Das Weingut ist ein Aussiedlerhof, er liegt im Naturschutzgebiet. Josef Aufricht, der Senior, der im Mai 87 Jahre alt wird und immer noch im Betrieb mitarbeitet, hat nach dem Krieg Rebflächen in Stadtnähe gegen die am See getauscht. Die damalige Eigentümerin war es leid, sich mit den schweren Tonhumusböden abzuplagen. "Die hat der Teufel geschissen", jammerte sie und gab sie bereitwillig ab.

Seitdem erfreuen sich die Aufrichts an rund 30 Hektar Rebfläche in schönster Lage. "Wir glauben, dass diese intakte Natur sich im Wein widerspiegelt", sagt Aufricht. Die höchsten Weinstöcke stehen auf beinahe 500 Meter, die Rebzeilen fallen steil zum See hin ab, die untersten wurzeln beinahe im Wasser und hören den Wellenschlag. "Ich habe den besten Arbeitsplatz der Welt", strahlt Manfred Aufricht. "Wir arbeiten da, wo andere Urlaub machen." Im Sommer, wenn es im Weinberg heiß wird, springt er gerne mal in den See, um sich abzukühlen. Die Badehose hat er immer dabei. Auf der anderen Seite des Sees schaut der Säntis ihm dabei zu, der Hausberg der Seewinzer.

Wie eine Wärmflasche für die Trauben

Der Bodensee kann launisch sein. Urplötzlich kann ein Sturm aufziehen. Wenn er zornig ist, spuckt er grünen Schleim über die Uferbalustraden und schaukelt die Fischerboote, als ob es Spielzeuge wären. Aber der Bodensee ermöglicht erst Weinbau im tiefsten Süden der Republik. Die Reben klettern hoch bis auf 500 Meter, wo Weinbau fast unmöglich wird. Aber wie eine riesige Klimaanlage reguliert der See die Temperaturen, im Spätherbst schützt er wie eine Wärmflasche die Trauben, die sonst erfrieren würden.

Manfred Aufricht vergleicht die Bedingungen für den Weinbau mit denen für Hochland-Kaffee oder Tee: "Auch die Weine bekommen eine besondere Aromaausprägung durch die Höhenlage", sagt er. Jeder Schluck von Aufrichts Sauvignon Blanc und den Burgundern sind ein Plädoyer für Seeweine, virtuos erzeugt, in vielen Spielarten. Sie erzählen von einem tiefen Verständnis der natürlichen Zusammenhänge an einem einzigartigen Ort: Vom eiszeitlichen Moränegestein mit einem hohen Mineralstoffgehalt. Von spektakulären Lagen und der intensiven Lichtreflexion durch den See, die den Trauben bei der Reife hilft.

Schon Aufrichts Müller-Thurgau gefällt mit seiner frischen und würzigen Art. Er wird von 45 Jahren alten Rebstöcken gewonnen. Ausgerechnet mit dem Müller-Thurgau, der vielen als banale Rebe gilt, hatte er ein Schlüsselerlebnis. Vor 20 Jahren fing Aufricht an, die Erträge zu reduzieren, "nach dem Motto weniger Saft, mehr Aroma. Da habe ich gesehen, dass man aus dieser Rebe richtig gute Weine erzeugen kann." Damals begannen die Aufrichts, bedingungslos auf Qualität zu setzen. Es war auch eine Art Notwehr gegen den ausgefransten Massengeschmack, gegen konturlose Billigweine. Inzwischen werden im knapp 600 Hektar kleinen Anbaugebiet Weine erzeugt, mit einer betörend leichtfüßigen Art, dem Kennzeichen vieler Seeweine. Aufrichts Spitzenweine tragen die burgundische Lilie, sie werden im großen Holzfass ausgebaut und verbinden Statur, Schmelz und Eleganz. Sie sind eine gelungene Interpretation der unkomplizierten Seeweine.

Selten findet man ein Weingut, wo alle Facetten so zueinander passen, so stimmig sind. Der lichtdurchflutete Verkostungsraum erinnert an die Pfahlbauten, die mal am Bodenseeufer standen. Er ist mit Naturmaterialien aus der Gegend wie Sandstein und Eiche erbaut und hebt sich ab von der oft etwas biederen Probierstubenaura. Auf dem Etikett der Weine steht: Lass dich aufrichten. Das leisten die Weine, ohne Mühe.

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Autor:
Rainer Schäfer