Allgäu Museen und Galerien

"Wir gingen unseren Lielingsweg nach Oberjoch zu, bei himmlischem Wetter, und ich malte den Blick in die sonnige Bergwelt, vorn Tannen, auf den Wiesen überall Herbstzeitlose." Es war die Landschaft rund um Hindelang, die den Maler Otto Modersohn mit über 60 Jahren künstlerisch noch einmal herausforderte. "Dramatischer und packender" als das heimatliche Fischerhude empfand er die spät entdeckte Allgäuer Gebirgswelt und hielt sie während seiner Sommeraufenthalte auf vielen Bildern fest.

Wer heute das steile Sträßchen auf den Gailenberg nimmt, wo Modersohn mit seiner dritten Frau Louise Anfang der dreißiger Jahre ein Feriendomizil besaß, stößt wieder auf einen Maler, und die Allgäuer Landschaft ist auch eines seiner Themen. Diese Parallelen gehören zu Lipps Familiengeschichte. Doch der 55-Jährige ist künstlerisch zu eigenständig und auch zu erfolgreich, als dass er seinen Großonkel, dessen Name eng mit der Künstlerkolonie Worpswede verbunden ist, instrumentalisieren müsste.

Im Oktober 2008 hat Lipp mit seiner Frau Annette das Kunsthaus Kilian Lipp auf dem Gailenberg eröffnet. In dem behutsam restaurierten Bauernhaus malt und präsentiert er seine Bilder: Berglandschaften rund um Bad Hindelang im Wechsel von Stimmungen und Jahreszeiten, verfallende Stadel auf steilen Wiesenhängen, Tiere und nicht zuletzt Menschen - beim Jodeln, im Bierzelt, beim Tanz. Erdig warme, eher dunklere Töne kontrastieren mit changierenden Variationen von Weiß, die Ölfarbe wird in breiter, großzügiger Pinselführung auf zumeist größere Leinwandformate gebracht, Übergänge sind oft fließend, Gesichter bleiben unscharf, haben nie mehr als nur Konturen.

Es sind Bilder "zwischen Naturerlebnis und Abstraktion", wie der Kunsthistoriker Bernd Küster schrieb. Lipp malt heimatliche Themen, ohne in Heimattümelei zu verfallen. Der gebürtige Vorderhindelanger ist mit Themen und Motiven spürbar vertraut, hat aber genügend Distanz, um Veränderung wahrzunehmen und auch zwiespältige Gefühle zuzulassen.

Die kleineren Formate malt Lipp inmitten der Berglandschaft, wo er mit Hocker, Hut und Staffelei selbst ein gutes Motiv abgäbe. Für die großen Bilder macht er draußen Skizzen oder Fotografien und arbeitet dann im Atelier weiter, sei es in einer alten Fabrik in Bad Hindelang oder auf dem Gailenberg. Letzteres freilich nur außerhalb der Öffnungszeiten, wenn keine Besucher da sind, denn Konzentration ist eine der Voraussetzungen für seine künstlerische Produktivität. Innere Balance, sagt Lipp, sei die andere.

Und produktiv muss er sein. Denn die Werke mit der "Kili"-Signatur sind gefragt, seit der Maler 1988 den Kunstpreis der Stadt Kempten und überregionale Aufmerksamkeit gewonnen hat. 800 private Sammler stehen in seiner Kartei. Einige Bilder hängen in Museen und die ersten kauft Kilian Lipp bereits zurück, um die eigene Sammlung im Kunsthaus auf dem Gailenberg zu formen. Aus privaten Mitteln hat er ein fast 400 Jahre altes Kulturdenkmal vor dem sicheren Verfall gerettet und einen Anziehungspunkt für Kulturinteressierte geschaffen.

Lipp ist zwar im Allgäu zu Hause, und das Allgäu liefert ihm die meisten Motive - die anderen steuert die Toskana bei, wo er sich im Sommer gern aufhält -, doch sein wirtschaftliches Überleben könnte die Region niemals gewährleisten. Kaum ein Sammler in Lipps sorgfältig gepflegter Kartei hat eine Allgäuer Adresse; und auch das renommierte Hotel "Sonnenalp" im nahe gelegenen Ofterschwang, das schon seit Jahren Lipp-Bilder sammelt und eine Art Kili-Haus mit käuflichen Originalen eingerichtet hat, beherbergt Gäste aus ganz Deutschland und darüber hinaus.

Pfiffige Ideen bei Kiermeier-Debre

Ohne überregionale Resonanz kann die Kunst im Allgäu nicht überleben. Das bestätigt auch der Leiter der MEWO Kunsthalle in Memmingen, Joseph Kiermeier-Debre. 5000 bis 6000 Menschen besuchten die letzte Ausstellung in seinem Haus, die Hälfte von ihnen kam nicht aus Memmingen und Umgebung. Nicht zuletzt deshalb haben Kiermeier-Debre und der städtische Kulturamtsleiter Hans-Wolfgang Bayer den Anspruch, sich überregional zu profilieren.

Mit pfiffigen Ideen und einem dichten Netzwerk von Kreativen macht Kiermeier-Debre Vernissagen zu Erlebnissen. Zur Eröffnung der Ausstellung mit Schattenbildern des Memminger Malers und Zeichners Josef Madlener überraschte der 62-Jährige mit einer avantgardistischen Modenschau in Schwarzweiß. Die Figuren selbst ließ er in Lebensgröße reproduzieren und über die Wände der Ausstellungsräume wandern, wo sie eine faszinierende Lebendigkeit entfalteten. Diese Inszenierung brachte die zeichnerische Qualität und die scharfsinnige Beobachtungsgabe Madleners trefflich zur Geltung und holte den kauzigen Künstler aus der "Allgäu-Ecke" heraus, in der er nach Meinung Kiermeier-Debres zu Unrecht "vermodert".

Wie die MEWO Kunsthalle in Memmingen ringen auch das 1996 eröffnete Kunsthaus Kaufbeuren und das seit 2001 bestehende Künstlerhaus Marktoberdorf um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen regionaler Akzeptanz und überregionaler Wahrnehmung - keine leichte Gratwanderung im Allgäu. Annette Scholl hat sie 2008 in Marktoberdorf angetreten. Zeitgenössische Kunst erkläre sich nicht von selbst, findet die Kunsthistorikerin, die bereits in der Münchener Kulturverwaltung Erfahrungen gesammelt hat. Um auch Besucher jenseits des klassischen Stammpublikums zu erreichen, setzt sie auf ein durchdachtes Begleitprogramm zu den Ausstellungen: gute Kommunikationsarbeit und Veranstaltungsangebote. Mit dem spektakulären Gebäude zweier Schweizer Architekten hat Annette Scholl ein Haus übernommen, das durch seine eigene Ausstrahlung bei jeder Ausstellung ein Wörtchen mitredet. Die zwei rotbraunen Klinkerkuben, zu denen man durch einen ummauerten Vorhof gelangt, sind schon für sich ein Objekt. Für die Ausstellung "von hier aus" wurden fünf Künstler gebeten, Installationen und Videoarbeiten für das Haus zu schaffen. Einer setzte ein weit sichtbares Zeichen, indem er das Gebäude in flammendes Rot tauchte.

Mächtige Farbakkorde von Blau, Grün und Weiß, wie sie im Allgäu auch Berge und Himmel, Wälder und Wiesen sowie Wolken und Wasserfälle anschlagen, empfangen den Besucher im Schloss in Isny, wo der Maler und Buchillustrator Friedrich Hechelmann nicht nur ausstellt, sondern auch arbeitet und lebt. Als das einstige Benediktinerkloster Mitte der neunziger Jahre als Klinik ausgedient hatte und zum Spekulationsobjekt zu werden drohte, gründete der heute 60-Jährige mit Freunden und Unterstützern eine gemeinnützige Kunst- und Kulturstiftung. Unter ihrem Dach, aber ganz aus privaten Geldern, wurden die prachtvollen alten Gebäude saniert.

Die Mittel dazu verdankt der hier gebürtige Künstler erst in zweiter Linie seinen Gemälden. Lukrativer sind seine Illustrationsprojekte für Bücher und Filme. Projekte muss man sie nennen, weil sie mehrere Jahre in Anspruch nahmen. Dennoch ist die Liste der Bücher, deren Figuren Hechelmann faszinierend eigenwillige, bizarr-schöne Gestalten verlieh, imponierend lang. Sie beginnt mit "Zwerg Nase", lässt sich mit Münchhausen fortführen und endet vorläufig mit "Momo" von Michael Ende, wofür 2007 und 2008 insgesamt 30 Illustrationen entstanden.

Nicht zu vergessen die bibliophile Ausgabe der Bibel (Pattloch-Verlag), für die Hechelmann 50 Illustrationen schuf. Zur Vernissage in der Schlosskirche in Isny kamen mehr als tausend Gäste; die Ausstellung zählte später 20.000 Besucher - auch im Allgäu die Ausnahme.

Das Allgäu hat mit Friedrich Hechelmann und Kilian Lipp gleich zwei interessante und überregional bekannte Künstler, deren Stil höchst unterschiedlich ist, die aber eines gemein haben: Beide können gut von ihrer Kunst leben, und das Allgäu lebt sehr gut von und mit ihnen.

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Autor:
Gisela Huettinger