Nachgeschenkt Mundraub im Weinberg

Das Jahr war reich an Höhepunkten: Im Mai kam Bundespräsident Christian Wulff mit 180 Diplomaten zur Weinverkostung, im gerade erschienenen Weinführer Gault Millau wurde das Weingut von Winning und sein Geschäftsführer Stephan Attmann aus Deidesheim zum Aufsteiger des Jahres in Deutschland gekürt. Erst drei Jahrgänge hat das Pfälzer Weingut abgefüllt und damit schon über Jahre gewachsene Hierarchien umgestoßen. Ein perfektes Jahr könnte man meinen, wären da nicht die unangenehmen Begleiterscheinungen, die ein solcher Senkrechtstart mit sich bringen kann. Denn nicht allen gefällt, was da in kurzer Zeit gewachsen ist. Mancher Konkurrent ist vom Neid erfüllt, auch weil der Unternehmer Achim Niederberger aus Neustadt an der Weinstraße viel Geld investiert hat und so optimale Bedingungen ermöglicht beim Deidesheimer Emporkömmling.

Aber mit einem so extremen Vorfall, wie er sich im September ereignete, hatte niemand gerechnet bei von Winning: Da wurde das Weingut Opfer des wohl dreistesten Traubendiebstahls im deutschen Weinbau. Über Nacht wurden mit einem Vollernter 2500 Kilogramm beste Pinot-Noir-Trauben aus der Lage Deidesheimer Gottesacker geraubt. Der Schaden beläuft sich auf rund 100.000 Euro. Die Trauben waren vorgesehen für den Pinot Noir I, den roten Spitzenwein. "Dafür betreiben wir den dreifachen Aufwand im Vergleich zu einem normalen Betrieb", sagt Mastermind Attmann, der hinter der Erfolgsgeschichte des Weinguts von Winning steht.

Irritieren lassen durfte man sich freilich vom Traubenklau nur für kurze Zeit, denn die Ernte des Jahrgangs 2011 stand an. Inzwischen gärt bei von Winning der neue Jahrgang im Keller, auch daraus sollen wieder markante Weine mit Wiedererkennungswert entstehen. Stephan Attmann hat einen Weinstil geschaffen, wie man ihn in dieser Konsequenz in Deutschland nicht kannte. An diesem Stil arbeitet ein Team mit über zehn Personen und mit enormem Aufwand, es sind viele Facetten, die dabei beachtet und zum großen Ganzen zusammengeführt werden müssen.

Stephan Attmann kam als Quereinsteiger zum Weinbau. Der 40-Jährige studierte Betriebswirtschaft, nebenbei jobbte er bei einem Weinhändler und entdeckte dabei seine Leidenschaft für Wein. Attmann absolvierte eine Winzerlehre bei Dr. Heger am Kaiserstuhl und arbeitete im Burgund, was man in seinen Weinen schmeckt. Attmann ist von Frankreich geprägt, auch wenn er es versteht, seine Kenntnisse perfekt auf die Pfälzer Verhältnisse zu übertragen.

Alle Moste werden ohne große Vorklärung im Holz mit den eigenen Hefen vergoren, ein Teil der Weine wird danach in Edelstahl, ein Teil in Holzfässern unterschiedlicher Größe ausgebaut. Danach werden die einzelnen Partien lagenrein verschnitten. Der Umgang mit dem Holz ist keines dieser übersteuerten und missglückten Experimente, bei denen die Weine nachher dastehen wie ein gedopter Bodybuilder. "Wir wollen keine Weine, die vom Holz geprägt sind", sagt Andreas Hütwohl, Assistent der Geschäftsführung. Das Holz soll den Weinen Struktur und Tiefe verleihen, ohne dass ihre Frische darunter leidet.

Auch die Rieslinge werden im Holz, zumeist in 500-Liter-Tonneaus, ausgebaut. Experimente mit Riesling und Eiche gab es schon einige, die meisten legen nahe, dass Riesling und Holz sich zueinander verhalten wie Feuer und Wasser. Die wenigsten Winzer schaffen es im Holz die aromatische Typizität des Rieslings zu erhalten. Aber mit dem Ausbau im Holzfass, sagt Attmann, eröffne er dem Riesling eine dritte strukturelle Dimension. Die Weine werden komplexer und langlebiger. Es ist die burgundische Dimension des Rieslings, die von Winning in bemerkenswerter Weise erschließt.

Ungeheuer staatstragend

Schon die einfachen Riesling-Qualitäten, der Drache und der Riesling Win Win, tragen die Handschrift Attmanns. Die großen Rieslinge wie der aus dem Forster Ungeheuer schweben zwischen Himmel und Erde, mit ihrer verspielten Eleganz, ihrer Tiefe und einer vom Muschelkalk geprägten druckvollen Mineralik, die typisch ist für die Lage Ungeheuer. Schon Otto von Bismarck war angetan von Deidesheimern Rieslingen, als er Ende des 19 Jahrhunderts zu Besuch war: "Dieses Ungeheuer schmeckt mir ungeheuer", gab der Reichskanzler staatstragend zum Besten.

Der Fokus liegt bei von Winning auf der Rebsorte Riesling, er steht auf über 80 Prozent der 42 Hektar Rebfläche. Aber auch Weiß-, Grau- und Spätburgunder werden angebaut wie Chardonnay, Gewürztraminer, Muskateller und Sauvignon Blanc. Die Weine aus dem Jahrgang 2010, der weiße Burgunder, der Sauvignon Blanc und der Blanc, eine Cuvée aus Sauvignon Blanc, Weißburgunder und etwas Riesling, sind von kristalliner Reintönigkeit, verwoben mit einer raffinierten Komplexität. In ihrer Jugend zeigen die Weine oft einen feinen Bitterstoff im Nachklang. Attmann und sein Kellermeister Kurt Rathgeber entrappen die Trauben nicht, die Bitterstoffe werden bei der Maischegärung aus den Beerenschalen und Stielen gelöst und verstärken die Lust auf den nächsten Schluck. Es sind Weine, die das Potenzial besitzen, lange zu reifen.

Es ist erstaunlich, wie schnell von Winning seine Linie und sein Format gefunden hat, erst 2007 hat Achim Niederberger das Weingut Dr. Deinhard übernommen, die Spitzenweine laufen seitdem unter dem Namen von Winning. Diese Weinlinie wurde benannt nach Leopold von Winning, einem Schwiegersohn von Dr. Andreas Deinhard, der zwischen 1907 und 1918 hochwertige Naturweine erzeugt hatte. Jetzt haben Stephan Attmann und sein Team von Winnings Erbe angetreten. Ihre Voraussetzungen sind außergewöhnlich gut, um über einen längeren Zeitpunkt Akzente und weitere Glanzpunkte zu setzen. Der neue Keller ist über mehrere Ebenen angelegt, hier kann der Wein nach dem Prinzip der Schwerkraft möglichst schonend und ohne Umpumpen verarbeitet werden. Denn jede Bewegung, jede Behandlung schadet dem Wein.

Das Lagenportfolio ist luxuriös, das Weingut verfügt über hervorragende Weinberge, über zehn Hektar in Forst, Deidesheim und Ruppertsberg sind als Große-Gewächse-Lagen klassifiziert. Stephan Attmann hat auch die Pflanzdichte im Weinberg verändert, statt 5000 Rebstöcken pro Hektar steht dort fast das Doppelte. Die Reben wurzeln tiefer und saugen Minerale und Charakter aus der Tiefe. In den Weinbergen kommen keine Traktoren zum Einsatz, sondern eine Schmalspurraupe, die den Boden schont. "Die pure Effizienz, wie sie lange im Weinbau üblich war, steht bei uns nicht im Vordergund", sagt Hütwohl. Sondern das Maximum an Traubenqualität.

Die Traube steht im Mittelpunkt bei von Winning, das kleinste und wichtigste Element im Prozess der Weinerzeugung, kleinbeerig und aromatisch soll sie sein. "Für große Weine bedarf es perfekter Trauben, die ein kontrolliertes Nichtstun im Keller ermöglichen." Dieser Leitsatz von Hans-Günther Schwarz wird auf der Homepage des Weinguts zitiert. Schwarz, der lange Jahre den Pfälzer Spitzenbetrieb Müller-Catoir geführt hat, ist der Lehrmeister einer ganzen Generation von deutschen Spitzenwinzern.

Schwarz war der wichtigste Vordenker für den heutigen Qualitätsweinbau, dessen Einfluss auch in Deidesheim zu schmecken ist. Bei von Winning entstehen kleine Meisterwerke eines naturnahen Weinverständnisses mit burgundischem Einfluss. Stephan Attmann scheint nur darauf gewartet zu haben, seine önologischen Visionen am richtigen Platz umsetzen zu können. Attmann hat den Grundplan für eine außergewöhnliche Stilistik entworfen, die auch den Jahrgang 2011 wieder prägen wird. Nur beim Pinot Noir dürften die Folgen des Traubenraubs zu spüren sein.

Weingut von Winning: Weinstraße 10, 67146 Deidesheim, 063 26/966870. www.von-winning.de

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Autor:
Rainer Schäfer