Europop Münster ist überall

Radfahren und Weltstädte? Lange Zeit wollte das überhaupt nicht zusammen passen. Natürlich gab es immer Ausnahmen. Hoffnungslose Pedalromantiker, die sich nach dem Motto "Münster ist überall" in die brausenden Straßen von New York, London oder Paris stürzten. Armtiefe Schlaglöcher auf den Straßen von Manhattan, rabiate Taxifahrer oder verkeilte Blechtrauben am Oxford Circus ließen die spontane Rad-Begeisterung in dem meisten Fällen allerdings sehr schnell gen null sinken.

Bei einem längeren New-York-Aufenthalt Mitte der Neunziger hatte ich mir ein Rad für einen Tag geliehen. In downtown gab es genügend verkehrsruhige Schleichwege, doch oberhalb der 14ten Straße ließ mich das tobende Chaos auf den Straßen lieber auf den Bürgersteig wechseln: kleine Schiebestrecke am Times Square, die 8te Avenue wurde gerade mit einer holprigen "Bike Lane" ausgestattet und auf der Brooklyn Bridge war es sogar erlaubt, neben den Fußgängern über den East River zu brettern. Alles etwas abenteuerlich, aber: Ich sah Gotham City mit anderen Augen.

Seit damals hat sich einiges geändert. Kaum eine Metropole, die in den letzten zwanzig Jahren nicht an ihrem ökologischen Profil gebastelt hat. Während es in New York inzwischen jede Menger guter (und sicherer) zu entdecken gibt, pendeln in der Londoner U-Bahn Banker mit edlen Falträdern von , die den Herrschaften den Weg von der Tube-Station zum Büro verkürzen helfen und auch ein bisschen den Neid der Mitreisenden erregen sollen. Über die Boulevards von Paris rollen mittlerweile 20.000 graue "velib"-Mieträder. Was anfangs grün aufgesetzt wirkte, scheint trotz allerlei Rückschläge durch Vandalismus und Diebstahl wirklich das Verkehrsbewusstsein zu verändern.

Für Besucher stellt sich die "Radfrage" sicherlich nicht bei jedem Kurztrip, wenn man es ohnehin nur schafft, die zentral gelegenen Highlights abzuklappern. Es sei denn, es geht nach Kopenhagen. Die dänische Hauptstadt schlägt in Sachen Zweiräder selbst Amsterdam und hat ihre Flotte mit nochmals aufgestockt. In Kopenhagen fährt man auf einem gut markierten Routensystem - Nachtlebenstrecken inklusive -, bei vielen Hotels gehört der Verleih zum Standardservice.

In Deutschland ist das unterschiedlich organisiert. Während es etwa in Hamburg an fixe "StadtRAD"-Stationen gebunden ist, kann man in Berlin, Köln, Frankfurt/M oder München beliebige Abstellplätze wählen, die man am Ende der Fahrt per Mobiltelefon durchgibt. International hat sich die Terminal-Lösung bereits durchgesetzt: Bei in Wien etwa meldet man sich via Internet für einen Euro an und kann dann über einen Zahlencode an über 60 örtlichen Stationen das Rad aus dem Terminal lösen. Die erste Stunde ist gratis, die nächste kostet einen Euro, die dritte zwei und die vierte Stunde vier Euro. Vom Charakter also ein Kurztrip-System, das eine schnelle Rückgabe preislich betont. Das richtet sich aufgrund seiner Kautionshöhe (150,- Euro) eher an Einheimische oder Langzeitgäste. Immerhin funktioniert die elektronische Bedienungsanleitung seit 2008 auch auf Deutsch.

In Paris sind übrigens die Busspuren auch offizielle Fahrradwege, was eine gewisse Routine mit den vorbeirauschenden Brummern verlangt. Doch keine Angst, die Sache hat sich bislang bewährt. Barcelona mit seinen Strand-Passagen und Radspuren auf den breiten Avengidas, die einen vor rabiaten Motorrad-Kurieren bewahren, richtet seit 2007 ein rasant wachsendes System von ein, das sich aufgrund seiner Anmeldebedingungen (spanische Adresse erforderlich!) ebenfalls eher an einheimische Nutzer richtet.

Im endlos verzweigten London wiederum ist ein ausgetüftelter Routenplan nach wie vor unerlässlich. Einfach so losfahren, ist kaum zu empfehlen, denn die Durchgangs-Straßen der zentralen Bezirke sind trotz City Maut weiterhin überfüllte Motodrome. Abseits davon finden sich jedoch Strecken, die etwas unkonventionell quer durch die ganze Stadt führen. Vom Stadtteil Hackney hat die Verwaltung die Uferwege der alten Industriekanäle vom Tal des Lea River vorbei am 2012er-Olympiagelände bis zu den Docklands am Themse-Ufer miteinander verbunden. Bei dieser Tour durch die historischen Hinterhöfe der Stadt musste ich auf 12 Kilometern nur einmal eine Schnellstraßen-Kreuzung überqueren. Ein für den normalen London-Besucher ausgesprochen ungewohntes und deswegen umso herrlicheres Gefühl.

Autor:
Ralf Niemczyk