Europop Mit Kryptonithelm in die Alpen

Die Berliner Filiale eines großen Wander- und Trekking-Ausrüsters, der sich mit dem gefühligem Slogan "Träume leben" präsentiert, ist nicht umsonst im bürgerlichen Südwesten angesiedelt. Hochleistungs-Spirituskocher und Arktis taugliche Mumien-Schlafsäcke laufen hier offenbar besonders gut. Sie sind zu Statussymbolen eines neuen Mittelstandes geworden, für den Individualität abseits der eingefahrenen Routen zum Lebensgefühl gehört. Schließlich müssen Träume gelebt werden; aber bitte in den richtigen Klamotten und mit echt Schweizer Qualitätsware. Eine Art Action-Manufactum, der auf 4600 Quadratmetern im Schatten des Skandal umwitterten Hochhaus-Komplexes "Steglitzer Kreisel" keine Wünsche offen lässt.

Durch die breite Schaufensterfront erspähte ich jüngst im Vorbeigehen einen Erdkundelehrer-Typ, der sich in einem Meer aus Aluminium und gebürstetem Stahl irgendeinen Hi-Tech-Topf erklären ließ. Der Verkäufer machte dabei eine Mine, als würde er ein sensationelles Geheimprodukt der Weltraumforschung in Händen halten. Das Wetter war an diesem Tag recht ansprechend - und mir wurde schlagartig klar: Die Outdoor-Saison steht vor der Tür!

Wandern mit der neuen atmungsaktiven und federleichten Rucksack-Generation. Rafting in wilden Gebirgsbächen in Leuchtwesten und unkaputtbaren Helmen aus Kryptonit. GPS-Tracking mit Satelliten gesteuerten Supersendern. Das spätkapitalistische Freizeitleben ist kompliziert geworden. Früher machte man am Ende eines langen, grauen Winters Ausflüge in stadtnahe Mittelgebirge wie Sauerland, Bergisches Land oder Pfälzer Wald. Familien gingen spazieren auf breiten Waldwegen. Im "Forthaus Eulenschrei" gab es Filterkaffee in Kännchen und für die plärrende Kinderschar jeweils eine Limo (aber nicht mehr!). Ambitionierte Vater in Kniebundhosen zwangen ihren Nachwuchs immerhin auf zünftige Wanderschaften über Stock und Stein. Doch einen ganzen Spind voller Utensilien, die auch einem National Park Ranger alle Ehren machen würden, war bis hinein in die neunziger Jahre nicht von Nöten. Dann begann der unaufhaltsame Siegeszug der Jack Wolfskins dieser Welt.

Dieser Megatrend - man kann es nicht anders sagen als mit diesem verbrauchten Kunstwort - ist natürlich auch eine riesengroße Chance für vormals hoffnungslos abgehängte Urlaubsregionen. Bis etwa 2005 sind auf dem Rennsteig in Thüringen oder durch den dunklen Tann des Schwarzwaldes nur Manuel Andrack und singende Herrenclubs mit Plaketten auf den Wanderstöcken marschiert. Heute verabreden sich die üblichen Verdächtigen aus der Kreativ- und IT-Branche zu gut ausgerüsteten Powermärschen entlang der Lahn. "Wanderland Deutschland" und ähnliche Kampagnen gehören mittlerweile zu den Dauerbrennern der Heimatvermarkter. Mit der schönen Aliteration "Wein, Wandern und Wildschweinragout" lockt etwa Rheinland-Pfalz in die Schluchten des Hunsrück oder die kargen Weiten der Eifel. Gerade die angeranzt, unmoderne Atmosphäre in den Ortskernen vieler Ausflugsorte in unseren Mittelgebirgen wird seit einiger Zeit mit anderen Augen betrachtet. Die Generation Golf liebt diesen leicht ironischen Retro-Blick in die eigene Kindheit. Ob Schlemmerwandern oder Kampftrekking; mit der Outdoor-Welle kann sich der Bayrischen Wald als größtes zusammenhängendes Waldgebiet Mitteleuropas zum aufregenden Urwald mit sinistren Hochmooren und gruseligen Hohlwegen aufschwingen.

Ganz exotisch wird es, wenn man Naherholung und Wald-und-Wiesen-Power aus Deutschland heraus im benachbarten Ausland betreiben kann. Die Rheinländer etwa schätzen dafür die etwas verwegen und rau wirkenden belgischen Ardennen. Hier sprechen die Menschen eine andere Sprache (eine Art französisch) und in der Jausenstation gibt es andere Zigaretten von "Ducal" und Bier mit Kirschgeschmack.

Das Örtchen mit dem schönen Namen Bouillon etwa liegt zwar schon etwas weiter ab von den Grenzübergängen bei Aachen oder Malmedy, doch dafür sollen entlang des Flusses Semois die regionalen Schinken ganz vorzüglich sein. Ob man diesen im eigenen Solarzellen-Kochgeschirr im Feldlager leicht anschmort und sich dekadent im rustikalen Ardennen-Gasthaus servieren lässt, ist eine Frage des jeweiligen Outdoor-Stils: Waldläufer oder Kulinariker.

Autor:
Ralf Niemczyk